Hier noch eine andere Ansicht zur Vulgata:
„Das bestätigt kein Geringerer als der Hl. Hieronymus. Er übersetzte um 370 nach Christi Geburt die ganze Bibel in die lateinische Sprache. Der damalige Papst Damasus hatte ihn zu dieser Übersetzung aufgefordert. In einem Brief an Damasus berichtet nun Hieronymus über sein neues Bibelwerk. Darin sagt er, dass es eine gefährliche Anmassung sei, eine Bibel schreiben zu wollen, welche den richtigen Text wiedergäbe. Denn die vorhandenen Abschriften des Urtextes, die über die ganze Welt zerstreut seien, wichen alle voneinander ab. Nun solle er den Schiedsrichter spielen. Wenn er nun eine neue Bibel herausgäbe, so würde sie von den bisherigen abweichen. Die Folge werde sein, dass man ihn einen gotteslästerlichen Fälscher nenne, weil er Worte und Sätze geändert, hier etwas ausgelassen, dort etwas hinzugesetzt oder sonstige Verbesserungen vorgenommen habe. Und dann schreibt er den Satz, der den schwersten Schlag gegen jeden führt, der die Bibel, wie sie uns jetzt vorliegt, als das unverfälschte Wort Gottes ansieht. Er sagt:
‘Selbst diejenigen, die mich als gotteslästerlichen Fälscher schmähen, müssen zugeben, dass dort nicht mehr von ‘Wahrheit’ die Rede sein kann, wo das, was die Wahrheit sein soll, voneinander abweicht (Verum non esse quod variat etiam maledicorum testimonio conprobatur).’
Er will damit sagen: Wenn die Schriften, welche die Wahrheit enthalten sollen, sich bezüglich der Wahrheit widersprechen, dann kann mich niemand einen ‘Fälscher der Wahrheit’ nennen; denn in meinem Falle kann von ‘Wahrheit’ überhaupt nicht mehr die Rede sein, und darum auch nicht von einer ‘Fälschung der Wahrheit’.“
„Weiter schildert Hieronymus in seinem Briefe, wie die vielen Verschiedenheiten der Abschriften des ursprünglichen Textes zu erklären seien. Manche Abschreiber - sagte er - haben in verbrecherischer Weise absichtlich gefälscht. Andere wollten in ihrer Anmassung den Text verbessern, haben ihn jedoch in ihrer Unerfahrenheit noch mehr verdorben. Wieder andere haben beim Abschreiben geschlafen und dadurch manches ausgelassen, verkehrt gelesen oder an die verkehrte Stelle gesetzt.“
„Aber was Hieronymus von den Abschriften überhaupt und was er über die Abschreiber sagt, gilt in demselben Umfang von seiner eigenen Bibelausgabe. Denn auch er hat dasselbe getan, was alle früheren Übersetzer und Abschreiber taten. Auch er hat nach seinem persönlichen Gutdünken in seiner neuen Bibel Zusätze angebracht, Stellen und Worte umgeändert, und Teile ausgelassen, wie er selbst zugibt. Und sicherlich sind seine Änderungen nicht zu Ungunsten der damaligen Lehre des Papsttums ausgefallen. Später hat man an dieser Übersetzung des Hieronymus, die den Namen ‘Vulgata’führt, noch weitere Änderungen vorgenommen und dann auf dem Konzilvon Trient den Glaubenssatz aufgestellt, dass die Vulgata das ‘inspirierte Wort Gottes’ enthalte. Es wird dabei nicht gesagt, wem denn die Vulgata mit all ihren Zusätzen, Weglassungen und nachträglichen Änderungen inspiriert worden sei, ob dem Hieronymus oder wem sonst. So hatte Hieronymus z.B. die für die katholische Trinitätslehre so wichtige Stelle im ersten Johannesbrief: ‘Drei sind im Himmel, die Zeugnis geben’... nicht in seiner Vulgata; denn keine einzige der vielen Handschriften, die ihm vorlagen, enthielt diese Stelle. Jedoch in die Vulgata, die das Konzil von Trient vor sich hatte, war diese Stelle eingefügt; infolgedessen hat auch diese Fälschung als ‘inspiriert’ zu gelten, obschon sie vor dem 15. Jahrhundert in keiner einzigen Handschrift enthalten ist. Da auch katholische Theologen diese Stelle als Fälschung ansahen, hat die Inderkongregation am 15. Januar 1897 im Auftrage des Papstes ausdrücklich erklärt, dass sie einen ‘integrierenden’ Bestandteil des Neuen Testamentes bilde und darum als vom heiligen Geist inspiriert zu betrachten sei. - Diesen gefälschten ‘Beweis’ für die Lehre von dem ‘einen Gott in drei Personen’ wollte man sich nicht mehr aus der Hand nehmen lassen, da kein anderer Beweis dafür in der Bibel enthalten ist.“
Nun, lieber Schreib - vermutlich hast Du von diesem Text von Hieronymus keine Kenntnis gehabt.
lg
Syrius