Die Sinneslust aus der Sicht unterschiedlicher Philosophien
Entsprechend den dualistischen Schulen der Vedanta und des Jainismus, ist die Seele reines geschlechtsloses Bewusstsein. (Ich bin ein wenig überrascht, dass hier im Zusammenhang mit dem Vedanta von Dualismus gesprochen wird, wird doch zumindest das Advaita-Vedanta, der bekanntesten Form des Vedanta, als eine monistische Philosophie betrachtet.) Es kann zwischen den Seelen keinen Geschlechtsunterschied geben. Um die eigene spirituelle Natur zu verwirklichen, sollte man sich von der Idee lösen, dass man dieser Körper, dass man Mann oder Frau, ist. Der allererste Schritt dazu, besteht darin, die Sinneslust in jeder Form zu meiden.
Anmerkung Dualität:
Wie wir bereits gesagt haben, tritt Dualität im Vedante nur dort auf, wo Unwissenheit herrscht. Im Advaita-Vedanta bezieht sich der Monismus also nur auf die Identität Brahmans und Atmans. Im Dvaita-Vedanta, dem Vedanta der Zweiheit dagegen ist der Atman ewig vom Brahman getrennt. Der Monismus im Advaita-Vedanta besteht also darin, dass Brahman und Atman eins werden können. Beinhaltet das Advaita-Vedanta dadurch nicht auch gleichzeitig eine duale Philosophie, da Brahman und Atman scheinbar auch getrennt sein können?
Der
Jainismus dagegen wird als duale Philosophie betrachtet. Er geht davon aus, dass sich in der Welt zwei Prinzipien gegenüber stehen: Geistiges und Ungeistiges. Das Geistige beruht auf einer unendlichen Anzahl individueller Seelen (Jiva). Das Ungeistige umfasst die 5 Kategorien: Bewegung, Ruhe, Raum, Stoff und Zeit. Alles Stoffliche ist beseelt, nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen und Wasser.
Bei
vegetarismus.ch wiederum wird gesagt: Der Jainismus kennt keinen externalen (äusseren) Gott. Das Göttliche ist in jedem Lebewesen: Mensch, Tier und Pflanze (und mikroskopisch lebende Organismen), aber nicht in der unbelebten Materie. Es ist eine dualistische Auffassung, d. h. er unterscheidet zwischen Jiva (Seele) und Ajiva (Nicht-Seele). Jiva ist die Seele, die empfindende Energie, deren Hauptcharakteristika Bewusstheit ist, was sowohl Wissen, als auch Intuition umfasst. Ajiva ist die Materie, die nicht-empfindende Energie und besteht aus den fünf grundlegenden Faktoren, Bewegung, Ruhe, Raum, grobe Materie und Zeit. (Frage: Der Jainismus leugnet zwar die Existenz eines äußeren Gottes, wenn ich aber sage, es gibt eine Seele, gibt es dann nicht auch einen übergeordneten Gott?)
In jedem Lebewesen ist Jiva und Ajiva miteinander verbunden, denn ohne Seele wären wir tot, und ohne Materie der Körper nicht sichtbar. Die Verbindung zwischen Jiva und Ajiva wird durch Karma, dem Prinzip der Verursachung, verstärkt oder reduziert. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat erzeugt Karma, das im Jainismus als subtile Materie betrachtet wird. Schlechtes Karma, wie z.B. Gewalt, Gier, Hass verursacht stärkere Bindung als gutes Karma, z.B. das Streben nach Wissen und gute Handlungen. Je weniger wir durch Karma gebunden sind, desto mehr ist es uns möglich, unser eigenes Potential zu entfalten und nicht in Aktions-, Reaktionsmechanismen verhaftet zu sein. In der Philosophie der Jains gilt es als höchstes Ziel, alle karmischen Bindungen aufzulösen, d.h. die Lösung der Seele von der Materie zu erreichen, so dass die Seele mit dem Tod ins Moksha, in den Zustand der Befreiung eingehen kann und nicht noch einmal den Zyklus des Lebens durchlaufen muss.
Die ursprüngliche Reinheit und Allwissenheit der Seele wird durch feinstoffliche Substanzen, die als Folge von Karma eindringen, getrübt. Dies zwingt zum Verbleib im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), bis alles Karma getilgt ist. Eine solche Reinigung der Seele wird im Jainismus durch sittliche Lebensweise und strenge Askese erreicht. Ist eine Seele von allen Verunreinigungen befreit, so steigt sie in den höchsten Himmel auf, um dort in ruhiger Seligkeit zu verharren. Dieses Stadium erreichen jedoch nicht alle Seelen. Die sogenannten unfähigen Seelen können aufgrund ihrer natürlichen Veranlagung nie aus Samsara befreit werden.
Ich stelle mir gerade die Frage, ob man den Monismus und Dualismus wirklich so streng voneinander trennen kann? Andererseits sollte man sich vielleicht auch einmal die Frage stellen, ob diese Philosophien nichts als reine Theorien sind, die versuchen, das Unerklärbare zu erklären? Wer sagt denn, dass es Gott, Seelen und die Wiedergeburt gibt? Sollte man diese ganzen Philosophien nicht einfach zum Teufel jagen, falls es den gibt?
Bei
Peter Möller lesen wir: Ein persönlicher Gott, der etwa den Einzelseelen übergeordnet wäre, existiert im Jainismus nicht. Die Seele besitzt die Anlage zu Allwissenheit, moralischer Vollkommenheit und ewiger Glückseligkeit. Sie kann diese Anlage jedoch nicht entfalten, da sie mit Materie durchsetzt, infiziert ist. Dadurch wird die Seele zu einem sterblichen
?, mit einem materiellen Leib behafteten Lebewesen. Erlösung ist nur dadurch möglich, daß die Materie aus der Seele entfernt wird. Dies wird erreicht durch einen asketischen, tugendhaften Lebenswandel. Weiter ist bei Peter Möller zu lesen, dass man offensichtlich auch noch zwischen dem idealistischen (die das Bewußtsein, den Geist oder die Idee als das Primäre der Welt bzw. des Seins betrachtet) und dem materialistischen (die die Materie bzw. die körperlichen Dinge als das Primäre der Welt bzw. des Seins betrachtet) Monismus unterscheidet.
Sehr interessant ist auch was Peter Möller über die
Brahman-Atman-Lehre schreibt:
1. In der brahmanischen Religion (die vor der Gründung des Hinduismus durch die indo-arischen Eroberer Indiens bestand) ist Gott keine Person, das heißt kein Über-Mensch, sondern eine unpersönliche geistige Kraft. (Der Hinduismus hat dann später aus Brahman einen persönlichen Gott gemacht.)
2. In der brahmanischen Religion gab es keine ewige Fortexistenz der individu-ellen Einzelseelen. (Einige Spielarten des Hinduismus glauben allerdings daran.)
3. Die Welt nur als Trugbild, Illusion etc. abzutun (wie dieses z.B. bei Shankara geschieht), halte ich für falsch. Denn in meinem praktischen täglichen Leben ist die Welt mit ihrer Vielheit trotz allem Philosophierens nun einmal sehr real.
4. Ein kritischer Punkt der Karmalehre ist, daß sie Sozialpolitik erschwert bzw. unmöglich macht, wenn die missliche Lebenslage von Menschen und anderer Lebewesen als ein Produkt ihrer bösen Taten in früheren Inkarnationen angesehen wird.
Weiter lesen wir bei Peter Möller:
Brahman: Ursprünglich Gebet, Zauberspruch beim Opfer. Im Brahmanismus wandelt sich seine Bedeutung vom Gebet zum Objekt des Gebets, zum allgemeinen schöpferischen Weltprinzip, zum Urgrund allen Seins, zur Weltseele. Brahman steht hinter oder jenseits aller Erscheinungen, jenseits von Raum und Zeit, jenseits von gut und böse. Brahman umschließt alles. Aus Brahman ist alles hervorgegangen und in Brahman kehrt alles zurück. Erst im späteren Hinduismus wird aus dieser unpersönlichen geistigen Kraft, einem Neutrum, der persönliche, männliche Gott Brahman.
Atman: Ursprünglich (Lebens)Hauch, Atem (sprachlich mit diesem Wort verwandt). Die Einzelseele. Atman ist das einzig wahre Sein, das wahre Selbst des Menschen, das hinter allen konkreten Formen und Bewußtseinsinhalten des Menschen steht (so wie Brahman hinter allen konkreten Formen der Welt), das bei allen Veränderungen der Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle unveränderlich bleibt. Wenn man den Körper wegdenkt und von dem verbleibenden Bewußtsein alles Wollen, Denken, Fühlen, Begehren und Erinnern abrechnet, dann kommt man ungefähr zu dem, was Atman ist. (Vielleicht soetwas, wie Bewußtsein ohne jeden Inhalt. Aber Bewußtsein ohne Inhalt ist mir nicht vorstellbar.) Atman ist der im Menschen verborgen ruhende göttliche Urgrund. (Das unerschaffene Seelenfünktlein, wie Meister Eckhart es nannte.)
Brahman und Atman sind eines: Das kosmische Prinzip Brahman und das psychische Prinzip Atman sind völlig wesensgleich (aham brahma asmi = ich bin Brahman). Es gibt überhaupt nur eine wahre Wesensheit in der Welt, die im Weltganzen betrachtet, Brahman, im Einzelwesen erkannt, Atman heißt. Das Weltall ist Brahman, Brahman aber ist der Atman in uns.
Erkenntnis: Die Erkenntnis, daß Brahman und Atman eines ist, ist die höchste Wahrheit. Sie ist allerdings nicht mit dem Verstand begreifbar, sondern nur in mystischer Ekstase erlebbar. Wahrheit kann nicht mit dem Verstand erkannt werden. Sie ist überhaupt nur wenigen Menschen zugänglich und auch diesen nur nach einem langen Prozeß der Selbstdisziplin, Entäußerung, Askese, Auferlegung von Anstrengungen und Qualen, völliger Abziehung der Aufmerksamkeit und des Wollens von der äußeren Welt etc.
Mokscha: Erlösung. Da das Leben als Leiden angesehen wird, gilt die immerfortige Wiedergeburt nicht als erwünscht. Erstrebenswert ist, durch richtigen Lebenswandel und damit durch die Erkenntnis der Wahrheit, die Kette der Wiedergeburten zu durchbrechen, die individuelle Existenz zu überwinden und in Brahman aufzugehen, wie ein Fluß im Meer aufgeht. Dafür ist notwendig, daß alle Taten vergolten sind, kein Karman mehr übrig ist, das zur Wiedergeburt drängt.
Ende Anmerkung