Brahmacharya aus biologischer und soziologischer Sicht
Weil die Weltreligionen sich immer stärker den Fragen der Sinneslust und der Bedeutung des Brahmacharya zuwenden, ist es lohnend, einmal die biologische und soziologische Entwicklung der Sexualität zu betrachten. Der Überlebenstrieb und der sexuelle Trieb sind die zwei stärksten Triebe im Menschen. Darwin zufolge haben wir diese Instinkte von unseren Vorfahren übernommen. Der Sexualtrieb hat seine Wurzeln in unserer vielschichtigen und ursprünglichen Erbsubstanz, die für die Fortpflanzung der Menschheit verantwortlich ist, die sich aus der asexuellen Fortpflanzung der Amöbe heraus entwickelte.
Anmerkung zur
Amöbe:
Amöben sind weit verbreitete Wechseltierchen. Man findet Amöben in Gewässern, z. B. im Schlamm von Tümpeln, manche leben auch im Boden. Am leichtesten sind sie durch einen Heuaufguss zu erhalten, für den man am besten Gras von überschwemmten Wiesen nimmt, weil dort etliche Cysten (Hohlraum mit flüssigem Inhalt) mit den Dauerstadien der Amöben vorhanden sein dürften. Manche Arten leben in feuchten Böden. Amöben nehmen so lange Nahrung auf, bis eine für die Art typische Grenzgröße erreicht ist. Dann teilt sich der Zellkern in zwei identische Tochterkerne auf. Nun schnürt sich der Zellleib ein und es entsteht eine vollständige Kopie der ursprünglichen Amöbe. Es teilt sich also eine Eltern-Zelle in zwei Tochter-Zellen. Dieser Prozess der Fortpflanzung findet etwa alle 24 Stunden bei Amöben statt. Man bezeichnet diese Art der Fortpflanzung als ungeschlechtlich, da der Genbestand sich nicht verändert und nur die Individuenanzahl sich verdoppelt. Aus diesem Grund bezeichnet man die Amöbe auch als potentiell unsterblich. Geschlechtsorgänge wurden bei Amöben bisher nicht nachgewiesen.
Ende Anmerkung
Der Mensch ist aber auch ein soziales Wesen, ein Herdentier. Existentielle Probleme entstehen dort, wo der sexuelle Instinkt in Konflikt mit dem Herden-Instinkt gerät. In den Gesellschaften der menschlichen Urzeit, war die Konkurrenz um die Partnerin, die Hauptursache für soziale Konflikte. Dieses Problem wurde durch die Einführung der Institution der Ehe, sowie durch ihre spätere Verfeinerung und Heiligsprechung gelöst. Die Zügelung der sexuellen Triebe mit Hilfe von Richtlinien, wurde zur Norm in allen menschlichen Gesellschaften. Diese Regeln wurden durch Gesetze und durch die Religion festgeschrieben. Gleichzeitig fanden die Menschen heraus, dass die sexuelle Energie in spirituelle Energie umgewandelt werden kann. Dadurch lassen sich höhere spirituelle Zustände erreichen, die zu einer höheren Erfüllung und Lebensfreude führen. Daher ist der Mensch bemüht, sich von seiner animalischen Natur, die sich auf Essen, Schlafen, auf die Überwindung der Angst und die Erfüllung seiner sexuellen Begierden beschränkt, zu lösen, sich von seiner Sinneslust zu befreien.
Aber es gab nicht viele, die dieses erhabene Ziel anstrebten, noch war es für alle möglich, dieses Ziel zu erreichen. Als ausserdem die Sexualität zum Tabu erklärt wurde, entstanden weitere Probleme. Sexuelle Perversionen, Sexualität mit kriminellem Hintergrund, sexuelle Unterdrückung, Heuchelei, usw., waren das Resultat. Dann kam Siegmund Freud mit seiner epochemachenden Entdeckung vom Unterbewusstsein und seiner Vorstellung von der Libido, vom Es, von der Erotik, usw.. Heutzutage wird Sexualität in erster Linie als Entspannung betrachtet. Seine biologischen, moralischen, ethischen und spirituellen Aspekte dagegen, werden vernachlässigt. Heutzutage ist es möglich, Eltern zu werden, ohne jemals Sex miteinander gehabt zu haben, oder Sex miteinander zu haben, ohne jemals Eltern zu werden. Die Institution der Ehe, ihre Heiligkeit und Unantastbarkeit ist nicht mehr vorhanden. Sie ist durch neue Normen, Gesetze und Konzepte ersetzt worden, die die sexuellen Beziehungen regeln.
Die autoritären Beschränkungen des sexuellen Verhaltens, des orthodox-religiösen und puritanisch-viktorianischen Zeitalters wurde durch eine ungehinderte Sexualisation der modernen Gesellschaft ersetzt. Literatur, Malerei, Bildhauerei und die Musik wurden sexualisiert. Theater, Film und Fernsehen unterlagen ebenso diesem Einfluss. Die neuen Kommunikationsmedien, Radio und Fernsehen, brachten sowohl die erotisch-alkoholische Athmosphäre der Nachtklubs, als auch hässliche und gewaltverherrlichende Filme, sowie frivole Sexspiele in Millionen Haushalte. Die Zeitschriften und die Werbung konnten sich diesem Trend ebenfalls nicht entziehen. Selbst die Wissenschaften, besonders die Historie, Psychologie, Biologie und die Sozialwissenschaften wurden nachteilig beeinflusst. Es gibt in der heutigen Psychologie, in der Soziologie und in der Anthropologie eine viel größere Toleranz gegenüber der Sexualität. Dadurch wurde die natürliche Sexualität, durch die moderne Kultur, in eine hässliche, teilweise sogar perverse, Form, umgewandelt. Aber spirituelle Sucher betrachten das Brahmacharya immer noch als das wichtigste Mittel, um spirituelle Ziele zu erreichen.
Anmerkung
Viktorianisches Zeitalter:
Das viktorianische Zeitalter wird in der britischen Geschichte als der Zeitabschnitt der Regierung Königin Viktorias von 1837 bis 1901 bezeichnet, dass von einer florierenden Wirtschaft gekennzeichnet war. Das lag vor allem daran, dass die industrielle Revolution im Bergbau und Maschinenwesen ihre Folgen zeigte und Großbritannien lange Zeit einen technologischen Vorsprung sicherte. Vor allem der Ausbau des Eisenbahnnetzes hatte weitreichende Auswirkungen. Vom zunehmendenden Wohlstand profitierte eine religiöse und moralisch gewissenhafte Mittelschicht.
Als Beispiel für viktorianische Doppelmoral wird allerdings auch oft die ausufernde Prostitution genannt, die scheinbar der oftmals gepriesenen Selbstbeherrschung und ehelichen Treue widerspricht. Tatsächlich tendierten viele Männer des Mittelstands dazu, die Heirat bis zum Aufbau einer gewissen finanziellen Sicherheit aufzuschieben und Zuflucht bei Prostituierten, deren tatsächliche Gesamtzahl schwer zu ermitteln war, zu suchen. Umgekehrt erschien die Prostitution vielen Frauen, hauptsächlich aus der Unterschicht, als Möglichkeit zur Aufbesserung des Einkommens. Nach zahlreichen Fällen von Geschlechtskrankheiten wurden in den 1860er Jahren die ärztliche Zwangsuntersuchungen bei mutmaßlichen Prostituierten angeordnet. Dies schien legitim, da gefallene Mädchen als bereits verdorben galten.
Ende Anmerkung
Quelle:
Brahmacharya
Fortsetzung folgt.