Brahmacharya aus der Sicht des Ayurveda II
Entsprechend Ayurveda würde folglich ein übermäßiger Verlust des Samens, durch sexuelle Befriedigung, zur Schwächung der vorhergehenden sechs Dhatus (Nährstoffe, Blut, Muskeln, Fett, Knochen, Knochenmark) führen, da die Energie hauptsächlich für die Erzeugung neuer Samenzellen (Spermien) benötigt wird. Ausserdem würde es die Produktion von Ojas (spiritueller Energie) vermindern. Es wird daher ausdrücklich empfohlen, den Samen nur zur Zeugung zu nutzen und ihn nicht andersweitig zu vergeuden. Gibt es irgendwelche Entsprechungen dieser Theorie in der modernen Physiologie? Wahrscheinlich nicht. Es ist schwierig, für diese Theorie des Ayurveda in der schulmedizinischen Physiologie entspechende Bestätigungen zu finden. Beide Systeme, sowohl die moderne Schulmedizin, als auch Ayurveda, haben ihre eigenen Theorien und Konzepte, die völlig unterschiedlich zu einander sind und es gibt keinen vernünftigen Grund, ein Konzept mit Hilfe des anderen zu bestätigen.
Entsprechend der modernen Physiologie wird das periphere Nervensystem des Menschen durch zwei Nervensysteme, nämlich durch das somatische Nervensystem und das vegetative Nervensystem (autonomes Nervensystem), geregelt. Das periphere Nervensystem umfasst den Teil des Nervensystems, der außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegt. Das somatische Nervensystem steht unter der Kontrolle des Menschen. Es regelt die Motorik (Bewegung), die Oberflächensensibilität (Tastsinn) und die Tiefensensibilität (Eigenwahrnehmung des Körpers). Das autonome Nervensystem besteht aus zwei Komponenten, dem sympathischen (Sympathikus) und dem parasympathischen Nervensystem (Parasympathikus). Die Autonomie des vegetativen Nervensystems (VNS), bezieht sich auf den Umstand, dass über das VNS biologisch festliegende, automatisch ablaufende innerkörperliche Anpassungs- und Regulationsvorgänge ablaufen, die deswegen vom Menschen willentlich nicht direkt, also allenfalls indirekt beeinflusst werden können. Die meisten Organe werden von beiden Systemen, also vom Sympathikus, als auch vom Parasympathikus, gesteuert, die antagonistisch (mit entgegengesetzter Wirkung) wirken und dadurch eine äußerst feine Regulation der Organtätigkeit ermöglichen.
Sowohl der Sympathikus als auch der Parasympathikus werden im hohen Grade während des Geschlechtsverkehrs angeregt. Wann immer wir emotional beunruhigt sind, sei es durch Zorn, Angst oder in sexueller Erregung, wird das autonome Nervensystem aktiviert. Das Herz fängt an, schneller zu schlagen, die Atmung wird schnell und unregelmäßig, es bildet sich Schweiß und die Speichelabsonderung nimmt zu oder ab. Solche wiederholten unnatürlichen Aufregungen des autonomen Nervensystems, sowie des Herz-Kreislaufs-Systems und der Atmung, können dauerhafte Schäden dieser Organe nach sich ziehen.
Fortsetzung folgt.