Ramakrishna und seine Frau Sarada Devi
Eine alte Geschichte erinnert an die Beziehung zwischen Sri Ramakrishna und seiner Frau, der heiligen Mutter Sri Sarada Devi, die über viele Monate zusammen mit Ramakrishna in einem Bett schlief, ohne das sich jemals eine Spur von Körperbewusstsein in ihrem Gemüt regte. Ramakrishna beachtete das Brahmacharya ebenso streng wie alle religiösen Lehrer, Heiligen, Weisen und spirituellen Anwärter. Er achtete auch sehr streng über das Leben seiner Schüler, den zukünftigen Mönchen, zu denen auch Narendranath, der später weltbekannte Swami Vivekananda, gehörte. Er riet seinen Schülern, nicht allzu freundlich zu Girish Chandra Ghosh, einem bekanntem bengalischen Dichter und verheiratetem Schüler zu sein, weil dieser zuvor ein unbesonnenes Leben geführt hatte und die Anzeichen seines ausschweifenden Lebens noch in ihm vorhanden waren. Ramakrishna wünschte sich, dass nicht einer seiner monastischen (mönchischen) Schüler einen Fehler beging, nicht einmal unbeabsichtigt.
Es wird erzählt, dass einst bei Swami Vivekananda, während der Meditation, das Bedürfnis nach Sinneslust in ihm erwachte. Sofort setzte er sich in die Nähe glühender Kohlen. Die Wunden brauchten einige Zeit um zu heilen. Wir wissen, wie vollkommen Swami Vivekananda das Brahmacharya beherrschte. In Patanjali's Raja Yoga Sutras II,38 wird gesagt: Wenn Brahmacharya, durch die unversehrte sexuelle Enthaltsamkeit in Gedanken, Worten und in der Tat fest begründet ist, erlangt man eine kraftvolle Vitalität und eine starke Willenskraft. Man erlangt eine einzigartige Überzeugungsenergie, was immer man auch sagt. Dies war das Geheimnis der Eröffnungsworte Brüder und Schwestern Amerikas, die Swami Vivekananda auf dem Weltparlament der Religionen im Jahre 1893 in Chicago, Ilinois, sprach. Durch Brahmacharya erlangt man einen enormen Einfluss auf die Menschen. Nach Ansicht
Swami Brahmanandas ist Brahmacharya die beste Askese.
Anmerkung über Ramakrishnas Frau Sarada Devi:
Ein Bericht über Ramakrishnas schlechte Gesundheit, seine Gleichgültigkeit der Welt gegenüber und seine ungewöhnlichen Handlungen, gelangten bald auch nach Kamarpukur, einem Dorf in Bengalen, in dem seine Mutter lebte und in dem Ramakrishna am 18. Februar 1836 geboren wurde und den Namen Gadadhar, einen Beinamen Vishnus, erhielt. Im Alter von sechs oder sieben Jahren hatte Gadadhar seine erste spirituelle Ekstase. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Dies berührte ihn tief, da er zum ersten Mal erkannte, wie flüchtig das Leben auf dieser Erde ist. Mit neun Jahren erhielt er die heilige Schnur, die ihn in die Brahmanankaste, die Priesterkaste, aufnahm. Im Jahre 1855, kam der 19-jährige Galadhar, der sich fortan Ramakrishna nannte, nach Dakshineswar, vier Meilen nördlich von Kalkutta, der Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen, um in einem Kali-Tempel als Priester seinen Dienst zu versehen. Die Berichte über Ramakrishna, erfüllten das Herz seiner Mutter mit Sorge. Auf ihre Bitte hin, kehrte er zu einer Luftveränderung, in sein Dorf zurück. Seine Jugendfreunde interessierten ihn aber nicht mehr. Ein göttliches Fieber verzehrte ihn. Den gössten Teil des Tages und der Nacht verbrachte er auf dem Verbrennungsplatz in Meditation. Dieser Ort brachte ihm die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers, mit all seinen Hoffnungen und Bestrebungen, zum Bewusstsein. Ausserdem erinnerte es ihn an Kali, die Göttin des Todes und der Zerstörung (die er so sehr verehrte).
In wenigen Monaten verbesserte sich seine Gesundheit, und seine natürliche Heiterkeit stellte sich teilweise wieder ein. Seine glückliche Mutter dachte, jetzt sei die günstigste Zeit für eine Verheiratung gekommen. Ramakrishna war mittlerweile 23 Jahre alt. Eine Frau würde ihn auf die Erde zurückbringen, sagte sich seine Mutter. Sie war hoch erfreut, als ihr Sohn ihrem Vorschlag zustimmte. Ramakrishna selbst gab den Hinweis, wo die Braut zu finden sei. Saradamani (Sarada Devi), ein fünfjähriges Mädchen, lebte im Nachbardorf Jayrambati. Schon in diesem frühen Alter hatte sie zu Gott gebetet, dass er ihren Charakter so fleckenlos und rein wie eine weisse Blüte machen möge. Sie wurde als Braut für Ramakrishna ausgewählt. Die Hochzeit fand 1859 statt. Solch eine frühe Heirat ist in Indien mehr eine Verlobung. Die Heirat selbst wird erst vollzogen, wenn das Mädchen ihre Pubertät erlangt. In diesem Falle aber wurde sie nie vollzogen. Ramakrishna blieb etwa 18 Monate in Kamarpukur und kehrte dann ohne seine Braut in den Kali-Tempel nach Dakshineswar zurück, um dort seine Arbeit als Priester weiter auszuüben.
Kaum hatte er das Gelände des Kalitempels betreten, wurde er wieder vom spirituellen Wirbelwind erfasst. Seine Verrücktheit vervielfältigte sich. Dieselben Meditationen und Gebete, dieselben ekstatischen Stimmungen, dasselbe Weinen, dieselbe Schlaflosigkeit, dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber dem Körper und der Welt, das gleiche göttliche Delirium. Er unterwarf sich neuen Übungen, um Gier und Lust auszumerzen, die beiden grossen Hindernisse beim spirituellen Fortschritt. Frauen betrachtete er als eine Manifestation der göttlichen Mutter Kali. Nicht einmal im Traum hatte er ein Lustempfinden. Wenn er in Meditation versunken war, hüpften Vögel auf seinem Kopf herum und suchten in seinem Haar nach Nahrung. Schlangen krochen über seinen Körper, ohne dass Ramakrishna davon etwas mitbekam. Schlaf kannte er nicht mehr. Tag und Nacht verfolgeten ihn spirituelle Visionen. Ramakrishna sagte später, dass bei einem fortgeschrittenen Gottesverehrer, das Denken selbst zum Guru wird.
1872 besuchte Sarada Devi ihren Mann zum ersten Mal in Dakshineswar. Vier Jahre zuvor hatte sie ihn zuletzt in Kamarpukur gesehen und die Seligkeit seiner göttlichen Gesellschaft genossen. Seitdem war sie noch sanfter, ernster und selbstloser geworden. Sie hatte viele Gerüchte gehört über die Geisteskrankheiten ihres Mannes. Je mehr sie darüber nachdachte, um so stärker spürte sie, dass es ihre Pflicht war, bei ihm zu sein und ihm zu dienen, so gut sie konnte. Sie war jetzt 18 Jahre alt, ihr Mann 36 Jahre. Ramakrishna sah es als seine Pflicht an, seine junge Frau in allen Dingen zu unterweisen. Das erstreckte sich vom Haushalt bis zur Erkenntnis Brahmans (Gottes). Er weihte sie in die Geheimnisse des spirituellen Lebens ein: Gebet, Meditation, Kontemplation und Samadhi (Erleuchtung).
Totapuri, ein Mönch und Schüler Ramakrishnas, der von der Heirat seines Meisters erfahren hatte, sagte einmal: Was macht das? Nur derjenige steht fest in der Brahman-Erkenntnis, der Unterscheidungsvermögen und Entsagung beibehält, auch wenn er mit einer Frau zusammen lebt. Nur derjenige erlangt die Erleuchtung, der in Mann und Frau nur Brahman sieht. Ein Mensch, der die Geschlechter unterscheidet, mag ein ehrlich Strebender sein, aber vom Ziel ist er noch weit entfernt. Ramakrishna lebte mit seiner Frau in Dakshineswar zusammen, aber ihr Bewusstsein war der Welt ständig entrückt.
Einige Monate nach Sarada Devis Ankunft arrangierte Ramakrishna an einem auserwählten Tag eine besondere Andacht für die göttliche Mutter Kali. Statt des Bildnisses der Göttin Kali setzte er Sarada Devi an ihre Stelle. Der Anbeter und die Angebetete gingen in tiefes Samadhi ein. Auf der transzendentalen Ebene wurden ihre Seelen vereint. Nach einigen Stunden kam Ramakrishna auf die normale Ebene zurück, sang eine Hymne für die grosse Göttin und brachte zu Füssen Sarada Devi's, sich selbst, seinen Rosenkranz und die Früchte seiner langen Übungen dar. Durch seine Heirat bestätigte Ramakrishna den Wert der Ehe für die spirituelle Entwicklung des Menschen, und mit der Einhaltung seiner Mönchsgelübde demonstrierte er die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung, Lauterkeit und Enthaltsamkeit bei der Verwirklichung Gottes. Durch seine einzigartige spirituelle Beziehung zu seiner Frau bewies er, dass Mann und Frau als spirituelle Gefährten zusammenleben können. Sein Leben war somit eine Synthese des Eheleben mit dem Leben eines Mönches.
aus: The Gospel of Shri Ramakrishna (Das Vermächtnis)
Ende der Anmerkung
Anmerkung zu Girish Chandra Ghosh:
Girish Chandra Ghosh war einer der größten Dramatiker Bengalens, der ein eigenes Theather in Kalkutta leitete. Er war ein angesehener Dichter, Dramatiker und Schauspieler. Viele Jahre lang führte Girish ein unbekümmertes, hedonistisches und weltlich orientiertes Leben, ein kompletter Kontrast zu dem Leben eines Heiligen. Er war ein selbsternannter Freigeist, der nicht an Gott glaubte. Selbst als er Sri Ramakrishna zum ersten Mal traf, sah er nichts Besonderes in ihm. Langsam jedoch fing Ramakrishna an, sein Herz zu schmelzen und die schlafende Spiritualität in ihm zu wecken. Schließlich wurde Girish Chandra Ghosh einer von Ramakrishnas hingebungsvollsten Schülern. Eines Tages sagte Ramakrishna zu Girish: Ich kann sehen, daß eine enorme Umwandlung in dir stattfindet. Du siehst nur dein äußeres Leben, was du nach aussen tust, aber in dir findest du soviel Göttlichkeit und Liebe zu Gott. Durch seinen unerschütterlichen Glauben und seine Hingabe zu Gott war Girish Chandra Ghosh in der Lage eine bemerkenswerte Umwandlung zu erfahren, zu einem aufrichtigem und hingebungsvollem Schüler Ramakrishnas zu werden. Die letzten Worte von Girish waren: Meister, du bist gekommen. Bitte zerstöre meine weltliche Berauschtheit. Sieg für Sri Ramakrishna! Lass uns gehen.
Ende Anmerkung