Brahmacharya
"Keine Kraft kann erschaffen werden; sie kann nur gesteuert werden. Folglich sollten wir lernen, die großartigen Energien zu steuern, die bereits in unseren Händen sind. Wir sollten lernen, diese Energien, mittels unseres Willens, spirituell, anstatt sinnlich, zu nutzen. Damit wird offenbar, daß Keuschheit der Grundstein aller Sittlichkeit und aller Religion ist", sagt Swami Vivekananda (ein Schüler Ramakrishna's).
Der folgende Artikel über Brahmacharya oder Enthaltsamkeit liefert ein komplettes und umfassendes Bild zu dem Thema und kann als authentische Anleitung für jeden dienen, der sich über die Enthaltsamkeit informieren möchte. Dieser Artikel erhält dadurch einen besonderen Wert, daß er von Swami Trigunatitananda, einem direkter Schüler von Sri Ramakrishna, geschrieben wurde. Er erschien zuerst 1935 im Udbodhan-Verlag, in einer bengalischen Monatszeitschrift des Ramakrishna Ordens. Jetzt ist dieser Artikel Teil des Buches Religion and Its Practice, das vom Advaita-Ashrama-Verlag in Kalkutta (der Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen in Indien) veröffentlicht wird. Es ist nicht bekannt, wer den Artikel ins Englische übersetzte. Die Untertitel im Text sind, zum besseren Verständniss, im Vedanta-Kesari-Büro hinzugefügt worden.
Swami Trigunatitananda war ein im hohem Grade geachteter Mönch und bekannt für seine tiefe Gelehrsamkeit, sein Pflichtgefühl und seine enorme Energie und Ausdauer. Er war weit in Indien umhergereist und der erste Herausgeber im Udbodhan-Verlag. 1902 ging er, auf Veranlassung von Swami Vivekananda, in die USA. Er war der Kopf der Vedanta Gesellschaft in San Francisco, Nordkalifornien, und unterrichtete, bis zu seinem vorzeitigem Tod 1915, zahlreiche aufrichtige Yogaschüler.
Die menschliche Geburt, eine seltene Gelegenheit
In der Tat sagte Shankara (hinduistischer Philosoph des Advaita Vedante, etwa 788-820 n.Chr.), daß eine menschliche Geburt in der Tat sehr selten ist. Die menschliche Form ist das höchste und das Menschsein das größte Sein, weil in dieser Form allein die größte und beste Wahrscheinlichkeit liegt, Wissen und Befreiung zu erlangen. Alle anderen Geschöpfe, seien es Götter, oder Engel, müssen zu dieser Welt zurück kommen, um Befreiung durch einen menschlichen Körper zu erreichen. Dieses ist ein seltenes Privileg unseres menschlichen Lebens, welches wir allerdings törichterweise missbrauchen.
Ohne den Wert solch eines Privilegs zu schätzen, fügen wir, durch unser unüberlegtes Handeln, uns selber unermessliches Leid zu. Kann es eine grössere Ironie des Schicksals geben? Kann es einen Unwissenderen geben, als den, der diese seltene Gelegenheit zur Befreiung, mit der Beschäftigung von weltlichen Dingen vergeudet, anstatt nach Wissen zu streben? Weit entfernt von der Bemühung um Wissen, sind wir vom Gegenteil, von Unwissenheit durchdrungen. Was ist der Grund dieser Unwissenheit?
Der Mensch, der einst frei von Krankheiten war, der tat, was immer er tun wollte. Er pflegt zu singen: Ich habe keine Furcht vor dem Tod, etc.. Davon war er vollkommen überzeugt. Warum aber wird der heutige Mensch, von tausenden Ängsten geplagt? Er wird von störenden Gedanken beunruhigt und versinkt in den abgründigen Ozean der Unzufriedenheit. Warum ist das so? Es liegt am Mangel an Enthaltsamkeit. Sollten wir uns nicht um Antworten bemühen, wie es einst die Weisen Nachiketas und Shukadeva taten? Warum findet in unserer Gesellschaft kein Nachdenken über die tieferen Gründe der weit verbreiteten Unzufriedenheit mehr statt? Es liegt daran, weil wir, durch den Mangel an Enthaltsamkeit, dieses historische Feuer, diese ursprüngliche Kraft in uns, verloren haben. Ohne Enthaltsamkeit kann nichts Großes erreicht werden.
Anmerkung opti: Leider kann sich auch die Ramakrishna-Organisation nicht von den Vorstellungen des Advaita Vedanta trennen, die im Grunde genommen auf der vedischen Philosophie beruht. Der vedischen Philosophie zufolge, wird der Mensch nach seinem Tod, entsprechend seinem Karma, im Bereich der Götter, der eifersüchtigen Götter, der Menschen, der Tiere, der hungrigen Geister oder im Bereich der Hölle wiedergeboren. Ebenso, wie der Mensch sich als die Krone der Schöpfung betrachtet und sich entsprechend gegenüber seiner Umwelt, gegenüber den Tieren und Pflanzen verhält, sieht er sich natürlich als den Mittelpunkt des Universums, dem eine ganz besondere Stellung zukommt. Leider stimmt nur sein Verhalten nicht mit diesem Anspruch überein. Sonst käme der Mensch wohl nicht auf die Idee, dass man nur als Mensch von dieser Erde aus, Befreiung erlangen könne. Vielleicht gibt es ja auf anderen Planeten weit entwickeltere Lebewesen, die vielleicht nur mitleidig auf die Menschheit herabblicken würden.
Sollten wir nicht lieber die ganze Reinkarnations-Philosophie als eine mystische Marotte aus vedischer Vorzeit betrachten? Die Veden haben sicherlich manches Sinnvolle hervorgebracht. Aber nicht alles, was in vedischen Zeiten hervorgebracht wurde, erweist sich heute als sinnvoll. Oder was würdet ihr sagen, wenn man versuchen würde, das Kastenwesen und die brutale Unterdrückung der Frauen, die ja ebenfalls von den Veden hervorgebracht wurden, heute noch aufrecht zu erhalten?
Frage an unsere Englischexperten. Wie würdet ihr folgenden Satz übersetzen?: "Time was when a child could by his reply, pregnant with wisdom, strike dumb his enquirer, though an intellectual giant; when children like Nachiketas and sages like Shukadeva were born."
Brahmacharya
Teil 2 folgt.