Gott unterwirft dem spirituellen Aspiranten einige Versuchungen, um seine spirituelle Stärke zu prüfen. Er gibt ihm aber auch die Stärke, diese Versuchungen zu besiegen. Die stärkste Versuchung in der Welt ist die Sinneslust. Alle Heiligen haben diesen Versuchungen widerstanden. Sogar Buddha wurde auf seine geistige Reinheit geprüft. Er musste Versuchungen jeder Art widerstehen. Und zwar nicht nur als er Erleuchtung unter dem Bodhibaum in Gaya fand. Der Satan versuchte Jesus auf verschiedene Weise. Die Leidenschaft ist sehr stark. Viele können ihr nicht widerstehen. Man muss sehr acht geben.
Der Yogaschüler muss einen sehr hohen Standard an geistiger Reinheit entwickeln. Dann alleine wird er in der Lage sein, solche Prüfungen zu bestehen. Gott versetzt den Yogi in sehr ungünstige Umfelder, um ihn zu prüfen. Sie werden z. B. von jungen Mädchen versucht. Ist der Yogi zu Ruhm gekommen, dann hat er oft Kontakt mit normalen Menschen. Frauen fangen an, sie anzubeten. Sie werden zu ihren Schülerinnen. Dann müssen die Yogis sehr achtsam sein, um keine Fehler zu begehen. Solche Abstürze gab es leider schon viele. Yogis sollten unauffällig leben und sich den normalen Leuten anpassen.
Obwohl sich der Weise Visvamitra in den Veden strengen Entbehrungen unterzog, wurde er durch seine unruhigen Sinne davongetragen, als er zufällig auf eine himmlische Nymphe stieß, die ihm vom Kriegsgott Indra gesandt wurde, um seine Askese zu stören. Wenn selbst Visvamitra der von Blättern, Luft und Wasser lebte, Opfer der Sinneslust wurde, wie erst mag dann das Leben weltlich gesinnter Menschen sein, die über ein reiches Nahrungsangebot verfügen? Bevor sie ihre Leidenschaften kontrollieren, schwimmt das Vindhyagebirge (Gebirgszug in Nordindien) auf den Ozean und Feuer brennt abwärts.
Der sexuelle Instinkt ist sehr stark. Der sexuelle Drang ist beeindruckend. Er kann sich selbst in den hintersten Regionen des Verstandes verstecken und dich überfallen. Bist du einmal nicht aufmerksam, dann greift er dich mit doppelter Kraft an. Visvamitra wurde ein Opfer der Nymphe Menaka, einer himmlische Tänzerinnen aus dem Palast des Kriegsgottes Indra. Ein anderer großer Rishi (Weiser) wurde ein Opfer der Nymphe Rambha. Die Asparas sind Nymphen aus der hinduistischen Mythologie. Unter allen Nymphen nehmen Rambha, Urvashi, Menaka und Tilottama eine besondere Stellung ein. Diese vier Nymphen werden von Indra wiederholt zu den Menschen auf der Erde gesandt, um Weise, die mit ihrer Enthaltsamkeit und ihrem Streben nach spiritueller Perfektion eine Gefahr für Indras oder anderer Götter Vormachtstellung zu werden drohen, zu verführen und von ihrem Weg abzubringen.
Der Gelehrte Jaimini (2./3. Jh. n.Chr.), der Verfasser der Mimansa-Sutren, die sich mit vedischen Opferritualen beschäftigt, wurde durch die unaufrichtige Masa versucht. Ein anderer mächtiger Weiser wurde durch den Anblick des Paarungsverhaltens von Fischen ermuntert. Ein Yogaschüler wurde gar von der Frau seines Gurus mitgerissen. Viele Yogis sind sich dieser geheimen Bedrängnis, dieses heimtückischen Feindes, nicht bewusst. Sie denken, dass sie sicher und rein sind. Werden sie aber versucht, dann werden sie zu hoffnungslosen Opfern. Darum bleibe lieber alleine, meditiere und beseitige dieses Verlangen.
Geld und Frauen glänzen heller als Gott für einen unwissenden, leidenschaftlichen Mann. Maya, die Illusion ist sehr stark. Adam verfiel wegen eines unachtsamen Augenblicks der Versuchung. Die verbotene Frucht sah in den Augen der Menschen immer schon sehr verführerisch aus. Eine Säule sieht wie eine himmlische Göttin aus und veranlasst dich, in Ehrfurcht vor ihr zu verneigen. Die Ketten aus Gold können zerschnitten werden, aber nicht die seidenen Maschen der Illusion. Ein einzelner unachtsamer Moment reicht aus, das ganze Schmuckkästchen der Perlen der guten Vorsätze, in den dunklen Abgrund der Leidenschaften und der Sinneslust zu stoßen.
Verschiebt man Moos in einem Blumenkübel ein wenig, so hat es schon nach einem winzig kleinen Moment seine Ausgangsposition wieder eingenommen. So ähnlich wickelt die Illusion selbst den Klügsten ein, wenn er auch nur eine Minute unachtsam ist. Darum ist stete Wachsamkeit auf dem spirituellen Pfad erforderlich. Ein Sprichwort sagt: "Zwischen Glas und Lippe gibts manche Klippe. Bevor du anfängst, die Frucht der Weisheit zu essen, hat der Affe der Täuschung (Maya) sie dir schon aus der Hand geschnappt. Selbst wenn du sie schluckst, kann sie dir im Halse stecken bleiben. Darum solltest du wachsam und vorsichtig sein, bis du die höchste Erkenntnis erlangt hast. Du solltest deine spirituelle Praxis, nicht unter der falschen Annahme beenden, dass du das Ziel bereits erreicht hast.
Der, der in Abgeschiedenheit lebt, ist Versuchungen und Gefahren stärker ausgesetzt. Er muss sehr vorsichtig und aufmerksam sein. Der Verstand wird versuchen, ihn zu verführen, da es niemanden gibt, der ihn zur Besinnung ermahnt. Alle unterdrückten und verdrängten Gedanken warten nur auf eine Gelegenheit, um mit doppelter Kraft anzugreifen. Er ist wie ein Mann, der sich mit einem Tiger, einer Schlange und einem Bären in einem Käfig befindet. Die Feinde Wut, Sinneslust und Geldgier werden listig versuchen, dich zu besiegen. Wenn du den spirituellen Weg allein beschreitest, dann werden sie versuchen, dich zu überfallen, so wie der Dieb den einsamen Reisenden im dichten Wald überfällt. Darum lebe lieber in der Gesellschaft von Weisen. So kannst du dich nicht verirren.
Practice of Brahmacharya