Ich gehe davon aus, dass Du keine konkrete Vorstellung davon hast, unter welchen Bedingungen Menschen leben, die aus existentiellen Gründen ihr Land verlassen und sich mit ihren Kindern (oder bei Jugendlichen manchmal auch nur diese) auf Schlepperbanden und einen extrem gefahrvollen Weg einlassen, sonst würdest Du hoffentlich nicht so einen blasierten Ton anschlagen.
90 - 95% der minderjährigen Flüchtlinge kommen in Begleitung der Eltern bzw. eines Elternteils (
http://www.b-umf.de/images/Eckpunkte_Gesetz_Umverteilung_10042015.pdf)
http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlag...A7A1994A9C37D.1_cid294?__blob=publicationFile
Unbegleitete Minderjährige in Deutschland
„
Während politische Verfolgung, Verfolgung aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit, Bürgerkriege sowie eine mangelnde Perspektive sowohl für Erwachsene als auch für Minderjährige Motive zur Flucht sein können, existieren eine Vielzahl von Bedrohungssituationen, von denen Kinder und Jugendliche in besonderem Maße betroffen sind. Dazu zählen z. B. die Rekrutierung als Kindersoldaten, Genitalverstümmelung bei Mädchen, Zwangsprostitution und -verheiratung, familiäre Gewalt oder auch die Suche nach Familienangehörigen (Deutscher Caritasverband 2014a: 23). Eine detaillierte Aufschlüsselung nach Fluchtursachen und Umständen für die in Deutschland lebenden unbegleiteten Minderjährigen lässt die Datenlage nicht zu.
Aber nicht nur spezifische Bedrohungssituationen tragen dazu bei, dass Minderjährige ohne Begleitung ihrer Eltern in Deutschland eine Perspektive suchen. Oftmals verlieren sie ihre Eltern in Konflikten oder sie fliehen zwar zusammen mit ihren Eltern aus ihrer Herkunftsregion, werden jedoch durch die Umstände der Flucht von diesen getrennt und schlagen sich dann ohne sie bis nach Deutschland durch. Ebenso kommt es vor, dass Kinder gezielt von ihren Eltern auf die Flucht geschickt werden (Deutscher Caritasverband 2014a: 23f.; Parusel 2009: 19f.).“
Von welchen Migranten aus afrikanischen oder asiatischen Ländern meinst Du konkret, dass sie
auf der Welle mitreiten und die Gunst der Stunde nutzen? Und welche Gunst könnte das sein (im Mittelmeer zu ertrinken oder von Militärbooten abgedrängt od. überhaupt von den Schleppern getötet zu werden halte ich z.B. für keine besondere Gunst)?
Ich persönlich nehme übrigens lieber den Begriff Armutsmigranten, da das Wort Wirtschaftsflüchtling a) falsch ist und b) einen mittlerweile stark pejorativen Konnex hat (aber er wurde in diesem Thread eben schon häufiger benutzt, und ich denke die meisten wissen auch was gemeint ist).
"Echte Flüchtlinge" sind streng genommen nur Personen die unter Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention fallen:
http://www.bmz.de/de/was_wir_machen...hintergrund/definition_fluechtling/index.html
"
Laut Artikel 1A der Genfer Flüchtlingskonvention ist ein Flüchtling eine Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will.
Der Wortlaut der Konvention bezieht sich jedoch nicht eindeutig auf Menschen, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen fliehen oder Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure wie Rebellen oder Milizen fürchten."
Das Völkerrecht trennt also nach "
zur Flucht gezwungen" aus obig genannten Gründen =
Flüchtling (darf nicht abgeschoben werden), oder "
aus eigenem Antrieb", das betrifft ALLE ANDEREN Gründe =
Migrant (darf abgeschoben werden).
D.h. konkret - jede andere Art der Bedrohung (von drohender Genitalverstümmelung über drohende Rekrutierung als Kindersoldat, Gewalt, Folter bis Hunger...) die zum Verlassen eines Landes führt wird als Migration eingestuft.
Nigerianische Muslime die vor dem Terror der Boko Haram fliehen (die allermeisten Terror-Opfer sind Muslime) gelten z.B. nicht als Flüchtlinge und dürfen wieder abgeschoben werden. Allgemeine schwerwiegende Notsituationen oder Bürgerkrieg berechtigen auch nicht zu Asyl. Die Menschen aus Syrien haben keinen Flüchtlingsstatus (sie verließen das Land freiwillig auf Grund der "Notsituation Bürgerkrieg") und kein Asyl, auf Grund des noch andauernden bewaffneten Konflikts stehen sie vorübergehend unter subsidiärem Schutz.
Die "westliche Hilfe" ist zur Zeit nach wie vor eher Makulatur. Es gibt zwar zahlreiche, z.T. private, Hilfsprojekte, aber die Nachhaltigkeit ist zweifelhaft.
Große Konzerne haben wenig Interesse an einer echten Entwicklung dieser Länder, Arbeitskräfte sind extrem billig und dürfen mit staatlicher Billigung ausgebeutet werden (wovon wir wiederum ziemlich profitieren - z.B. die meisten essentiellen Rohstoffe für Elektronikartikel kommen aus Regionen mit der ärmsten Bevölkerung).
Und was die europäischen Regierungen an Interventionen und Handelsverträgen in den letzten Jahrzehnten abgeliefert haben, darüber könnte man einen eigenen Thread machen....
Damit Menschen in ihren Heimatländern bleiben können braucht es für sie echte Perspektiven (was auf unseren Wohlstand allerdings Auswirkungen hätte). Aussperren nützt nix - sie kommen trotzdem.