Über Jahrhunderte diktierte die Kirche und die Medizin eine prüde Moral, die aus heutiger Sicht nur als unchristlich bezeichnet werden kann.
Es wäre schön, wenn du genau gesagt hättest, was du damit meinst, denn wenn man so etwas verallgemeinert, verliert es an Aussagekraft. Wenn du außerdem so etwas behauptest, dann gehst du, so vermute ich, davon aus, dass unsere heute Einstellung zur Sexualität das Maß aller Dinge ist, an dem wir uns orientieren sollten. In diesem Punkt stimme ich überhaupt nicht mit dir überein. Ich betrachte die heutige Einstellung der Gesellschaft zur Sexualität eher als krankhaft. Die heutigen Menschen und leider wohl auch die meisten Menschen in den vergangenen Jahrhunderten sind bzw. waren besessen von der Sexualität. Sie sind innerlich zerrissen, sie sind meist sehr unglücklich, wenn man etwas genauer hinschaut und sie sind auf die Sexualität fixiert. Man hat den Menschen in den vergangenen Jahrhunderten erzählt, dass es gesund und normal ist, jederzeit seiner sexuellen Lust nachzukommen, wenn den Menschen danach ist. Dies geschah sicherlich von Seiten der Mediziner und Sexualforscher aus bester Absicht, denn einerseits wussten sie es nicht besser und andererseits waren ihren die spirituellen Wege unbekannt.
Mit anderen Worten, die meisten Mediziner und Wissenschaftler waren eigentlich genau so unglücklich und unzufrieden wie die meisten Menschen und kannten den Weg aus diesem Dilemma nicht. Sie gingen davon aus, dass die Menschen glücklicher und zufriedener sein würden, wenn sie ihre Sexualität frei ausleben konnten. Ist das geschehen? Nein, es ist nicht geschehen. Ich glaube, noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatten die Menschen so viel Freiheit, ihre Sexualität auszuleben, aber noch niemals in der Geschichte waren die Menschen so unglücklich wie heute. Und zwar liegt das ganz einfach daran, dass es eine Irrtum ist, davon auszugehen, dass das Ausleben der Sexualität zu mehr innerer Zufriedenheit führt.
Genau das Gegenteil ist der Fall, denn jeder Orgasmus beraubt den Mann um sehr wichtige Mineralien, Vitamine, Spurenelemente, Eiweißstoffe, Hormone, Antidepressiva und andere Stoffe, die er unbedingt braucht, um glücklich zu sein. Wird die Vergeudung der sexuellen Energie bzw. die Vergeudung dieser Stoffe, die das Ejakulat enthält, zu einem Dauerzustand, und genau dies entspricht ja genau dem Verhalten der modernen Männer, dann bezahlt er dafür einen sehr hohen gesundheitlichen Preis. Er bezahlt ihn mit seinem Unglücklichsein und mit einer Vielfalt an psychosomatischen Erkrankungen. Würde er nicht permanent seine sexuellen Energien vergeuden, dann könnten diese Energien bzw. die Stoffe die durch den Orgasmus verloren gehen, über die Blutbahn den Nerven und dem Gehirn zur Verfügung gestellt werden, denn genau diese Stoffe sind es, die dem Menschen erst das Wohlbefinden ermöglichen. Vergeudet der Mann aber permanent seine sexuellen Energien, dann betreibt er Raubbau am eigenen Körper. Und dafür bezahlt er einen sehr hohen Preis.
Und deshalb kann ich der Kirche eigentlich keinen Vorwurf machen, wenn sie den Menschen rät, auf ihre Sexualität zu verzichten, um höhere spirituelle Ziele zu verwirklichen und damit gleichzeitig eine größere Seligkeit zu erlangen. Du sprachst doch von der Spiritualität. Dann nimm sie doch ernst. Was hat Jesus uns denn verkündet? Er hat genau das gesagt, was die Kirchen auch empfohlen haben. Wir sind geboren, um unsere Göttlichkeit zu verwirklichen (auch wenn ich dies anders beschreiben würde) und aus keinem anderen Grund. Wir sind geboren, um uns von den weltlichen Dingen zu lösen. Alles dies hat Jesus gesagt. Aber was machen die Menschen? Sie sind auf die weltliche Dinge, allen voran die Sexualität, fixiert. Was hat das mit Spiritualität zu tun? Es sind im Grunde genommen sehr bedauernswerte Menschen, die sich in ihrer Verhaftung an weltliche Dinge verloren haben.
Falsche Vorstellungen kursierten über Jahrhunderte, dass Selbstbefleckung die gesunde geschlechtliche Entwicklung eines Knaben behindere und zur Gehirnerweichung und zum Rückenmarksschwund führe. Auch Krebs, Wahnsinn oder Lepra sollten angeblich die Folge der Masturbation sein. Erst nachdem Robert Koch 1882 den Tuberkelbazillus entdeckte, behaupten die Mediziner nicht mehr, dass Masturbieren Tuberkulose hervorrufe.
Die Behauptung, dass die Selbstbefleckung besonders das Wachstum der Jugendlichen behindert, ist keineswegs falsch. Das kann man nicht nur durch wissenschaftliche Arbeiten belegen, das kann man auch sehr deutlich am eigenen Körper spüren. Ich habe jetzt aber nicht die Zeit, dies detailiert zu belegen. Wenn auch die eine oder andere Krankheit nicht unbedingt durch sexuelle Zügellosigkeit entsteht, so hat doch die sexuelle Zügellosigkeit gravierende gesundheitliche Folgen. Ich stelle sogar die Behauptung auf, dass die ganz große Mehrheit der psychosomatischen Erkrankungen, der Volkskrankheit Nummer 1, ihre Ursache in der sexuellen Zügellosigkeit der Menschen hat. Die permanente Vergeudung all der Stoffe, die das Ejakulat enthält, bleibt bestimmt nicht ohne Folgen, sondern zerrüttet das Nervensystem, führt zu Angst, Depression, Aggression und alle möglichen anderen Formen von Leid.
In einer bestimmten Interpretation der paulinischen Tradition, die sich unter anderem auf Philo von Alexandria zurückführen lässt, die jedoch ausdrücklich nicht von römisch-katholischer Seite gelehrt wird, gilt ferner allgemein jedes geschlechtliche Tun, das nicht der Fortpflanzung dient, als schwere Sünde der Unzucht.
Ich muss sagen, ich würde vor dem Apostel Paulus den Hut ziehen, wenn da nicht seine Vergangenheit wäre. Denn zunächst gehörte er wohl zu den Christenverfolgern, soll auch an Steinigungen beteiligt gewesen sein, und ich möchte nicht wissen, wessen er sich sonst noch schuldig gemacht hat. Dann aber ist er zum Christentum übergewechselt und hat sehr gescheite Sachen geschrieben. Und er hat nicht nur über die Enthaltsamkeit geschrieben, sondern er hat sie selber praktiziert. Und das bestimmt aus sehr guten Grund, denn er hatte sich wahrscheinlich sehr intensiv mit den Lehren Jesus auseinander gesetzt. Es deutet sehr vieles darauf hin, dass Jesus ebenfalls enthaltsam lebte, denn es gibt in der Bibel dafür eine Menge Hinweise. Meine Vermutung geht in die Richtung, dass Jesus durch den Hinduismus bzw. Buddhismus beeinflusst wurde, denn es gab sehr wohl einen Kulturaustausch einerseits direkt zwischen Indien und Palästina und andererseits zwischen den Griechen, die ihrerseits wieder einen regen Austausch mit Indien hatten, und Palästina. Bei den Griechen spielte das Zölibat auch eine gewisse Rolle.
Gut, wenn die römisch-katholische Kirche jedes geschlechtliche Tun als Sünde betrachtet, dann ist das die eine Seite. Man vergesse nicht, dass große Teile des Urchristentums, allen voran die Frauen, aber auch sehr viele Männer, das Zölibat praktizierten. Das Zölibat war natürlich in ihre religiösen Vorstellungen eingebunden und somit musste ein Verstoß gegen das Zölibat bzw. jegliches geschlechtliche Tun, das nicht der Fortpflanzung diente, als schwere Sünde oder Unzucht betrachtet werden. Einerseits müsste man natürlich die religiösen Vorstellungen hinterfragen und andererseits könnte man sich auch die Frage stellen, was es mit der Verurteilung der sexuellen Handlungen denn eigentlich auf sich hat. Große Teile des Urchristentums praktizierten nicht nur das Zölibat, sondern sie praktizierten ebenfalls Armut und Gehorsam und sie hatten ihr ganzes Leben Gott geweiht. Und was führt die Menschen weiter von Gott fort als die Konzentration auf weltliche Begierden, als die Konzentration auf die Sexualität? Und somit ist es durchaus verständlich, wenn sie jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, als Sünde betrachteten.