Hallo opti!
Toffifee schrieb:
Über Jahrhunderte diktierte die Kirche und die Medizin eine prüde Moral, die aus heutiger Sicht nur als unchristlich bezeichnet werden kann.
Es wäre schön, wenn du genau gesagt hättest, was du damit meinst, denn wenn man so etwas verallgemeinert, verliert es an Aussagekraft.
Nun, das habe ich versucht, indem ich dir die Haltung der Mediziner bis zur Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts darlegte. Erst durch naturwissenschaftliche Fortschritte auf dem Gebiet der Cytologie wurde mit dem Aberglauben aufgeräumt, dass Masturbation für bestimmte Krankheitsbilder verantwortlich sei.
Immanuel Kant, ein Philosph der "Aufklärung", bezeichnete
Masturbation als ein Schlimmeres vergehen als Selbstmord.
http://www.onmeda.de/lexika/sexualitaet/selbstbefriedigung.html?p=2
onmeda schrieb:
Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert sowie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts galt die Selbstbefriedigung als krankhaft. Oft kämpfte man auch aus religiösen Gründen geradezu fanatisch gegen die Selbstbefriedigung an. Beispielsweise fixierte man die Hände der Jugendlichen nachts oberhalb der Bettdecke. Zudem befanden sich viele Menschen in dem Irrglauben, dass Onanie zu Erkrankungen wie Rückgratverkrümmungen, Blindheit oder geistiger Zurückbildung führen könne.
Aus heutiger medizinischer und psychologischer Sicht ist das nicht richtig und Kant irrte sich.
opti schrieb:
Wenn du außerdem so etwas behauptest, dann gehst du, so vermute ich, davon aus, dass unsere heute Einstellung zur Sexualität das Maß aller Dinge ist, an dem wir uns orientieren sollten. In diesem Punkt stimme ich überhaupt nicht mit dir überein. Ich betrachte die heutige Einstellung der Gesellschaft zur Sexualität eher als krankhaft.
Da gebe ich dir sogar recht.

Der Mensch ist so gefangen in seinem "modernen" Alltag, dass er vergessen hat bewusst zu leben. Nur, der Blickwinkel auf die Sexualität alleine ist hier viel zu eng gefasst. Das schließt die Ernährung, die Einstellung zum Körper, zwischenmenschliche Beziehungen, etc. mit ein.
Der Mensch konsumiert und degradiert sich selbst zu einer Ware die konsumiert wird. Psychologen in der Werbebranche wissen um die Schwächen und Sehnsüchte der Menschen und schlachten diese schamlos für ihre marktwirtschaftlichen Feldzüge aus.
Die einzige Waffe dagegen ist ein (selbst-)bewusstes Denken und kritisches Konsumverhalten und ein natürliches Leben.
opti schrieb:
Mit anderen Worten, die meisten Mediziner und Wissenschaftler waren eigentlich genau so unglücklich und unzufrieden wie die meisten Menschen und kannten den Weg aus diesem Dilemma nicht. Sie gingen davon aus, dass die Menschen glücklicher und zufriedener sein würden, wenn sie ihre Sexualität frei ausleben konnten. Ist das geschehen? Nein, es ist nicht geschehen. Ich glaube, noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatten die Menschen so viel Freiheit, ihre Sexualität auszuleben, aber noch niemals in der Geschichte waren die Menschen so unglücklich wie heute. Und zwar liegt das ganz einfach daran, dass es eine Irrtum ist, davon auszugehen, dass das Ausleben der Sexualität zu mehr innerer Zufriedenheit führt.
Ein Preis für die Freiheit des Individuums ist es nunmal Fehler zu machen und aus Erfahrungen lernen zu dürfen.
opti schrieb:
Genau das Gegenteil ist der Fall, denn jeder Orgasmus beraubt den Mann um sehr wichtige Mineralien, Vitamine, Spurenelemente, Eiweißstoffe, Hormone, Antidepressiva und andere Stoffe, die er unbedingt braucht, um glücklich zu sein. Wird die Vergeudung der sexuellen Energie bzw. die Vergeudung dieser Stoffe, die das Ejakulat enthält, zu einem Dauerzustand, und genau dies entspricht ja genau dem Verhalten der modernen Männer, dann bezahlt er dafür einen sehr hohen gesundheitlichen Preis. Er bezahlt ihn mit seinem Unglücklichsein und mit einer Vielfalt an psychosomatischen Erkrankungen.
1.) Jeder normale Mensch verbraucht durch seinen Metabolismus, unabhägig von seiner Aktivität Energie, Vitamine, Spurenelemente, Proteine, Mineralien, Wasser, etc. Dem Menschen Sex zu verbieten wäre so gesehen gleichzusetzen ihm Sport zu verbieten. Sport und Sex können aber Stress und Aggressionen abbauen, was die psychische Gesundheit fördert. (Ausschüttung von Endorphinen erfolgt auch durch das Joggen.)
2.) Deine Sicht suggeriert, dass Frauen einen geschlechtsspezifischen Vorteil in puncto Sexualität haben?!
3.) Du betrachtest das Thema Sucht viel zu eng und nur auf den Kontext der Sexualität bezogen. Computerspielende Jugendliche vernachlässigen oft ihre sozialen Kontakte und verspüren an Sexualität kein Interesse. Trotzdem kann sich hier ein (Internet-)Suchtverhalten ausbilden.
4.) Ein Psychologe definiert Hypersexualität anders als du.
opti schrieb:
Und deshalb kann ich der Kirche eigentlich keinen Vorwurf machen, wenn sie den Menschen rät, auf ihre Sexualität zu verzichten, um höhere spirituelle Ziele zu verwirklichen und damit gleichzeitig eine größere Seligkeit zu erlangen. Du sprachst doch von der Spiritualität. Dann nimm sie doch ernst. Was hat Jesus uns denn verkündet? Er hat genau das gesagt, was die Kirchen auch empfohlen haben. Wir sind geboren, um unsere Göttlichkeit zu verwirklichen (auch wenn ich dies anders beschreiben würde) und aus keinem anderen Grund. Wir sind geboren, um uns von den weltlichen Dingen zu lösen. Alles dies hat Jesus gesagt. Aber was machen die Menschen? Sie sind auf die weltliche Dinge, allen voran die Sexualität, fixiert. Was hat das mit Spiritualität zu tun? Es sind im Grunde genommen sehr bedauernswerte Menschen, die sich in ihrer Verhaftung an weltliche Dinge verloren haben.
Die heutige katholische Kirche rät ihren Gläubigen nicht dazu auf Sex zu verzichten, sondern ruft zu einem vernünftigen Umgang mit Sexualität auf!
Wenn der Zölibat, ganz im Sinne von sexueller Enthaltsamkeit, seelig machen würde, dann könnten verheiratete Menschen, die eine liebevolle Sexualität als Ausdruck ihrer Partnerschaft praktizieren, niemals ins Paradies kommen. Das ist ganz bestimmt nicht im Sinne der Kirche.
An diesem Punkt übrigens trennt sich der katholische Glauben von Lehren des Buddhismus. Der Buddhismus propagiert die Selbsterlösung in einem karmischen Kreislauf, der viele Male durchlaufen werden muss. Das Christentum die Erlösung, die schon alleine durch den Glauben an und in Jesus Christus begründet ist.
Übrigens, Zölibat kommt von "caelebs": lat.: "unverheiratet". Zölibat muss also nicht zwingend mit sexueller Enthaltsamkeit gleichgesetzt werden. Ein Priester im Zölibat verzichtet also "nur" auf eine eheliche Verbindung aus Liebe zu Jesus Christus.
opti schrieb:
Die Behauptung, dass die Selbstbefleckung besonders das Wachstum der Jugendlichen behindert, ist keineswegs falsch. Das kann man nicht nur durch wissenschaftliche Arbeiten belegen, das kann man auch sehr deutlich am eigenen Körper spüren. Ich habe jetzt aber nicht die Zeit, dies detailiert zu belegen. Wenn auch die eine oder andere Krankheit nicht unbedingt durch sexuelle Zügellosigkeit entsteht, so hat doch die sexuelle Zügellosigkeit gravierende gesundheitliche Folgen. Ich stelle sogar die Behauptung auf, dass die ganz große Mehrheit der psychosomatischen Erkrankungen, der Volkskrankheit Nummer 1, ihre Ursache in der sexuellen Zügellosigkeit der Menschen hat. Die permanente Vergeudung all der Stoffe, die das Ejakulat enthält, bleibt bestimmt nicht ohne Folgen, sondern zerrüttet das Nervensystem, führt zu Angst, Depression, Aggression und alle möglichen anderen Formen von Leid.
Tut mir Leid, aber dem kann ich überhaupt nicht zustimmen. Was sind das für "gravierende" gesundheitliche Folgen?
Masturbation beugt beim Mann sogar Prostatakrebs vor und verringert die Wahrscheinlichkeit impotent zu werden.
opti schrieb:
Ich muss sagen, ich würde vor dem Apostel Paulus den Hut ziehen, wenn da nicht seine Vergangenheit wäre. Denn zunächst gehörte er wohl zu den Christenverfolgern, soll auch an Steinigungen beteiligt gewesen sein, und ich möchte nicht wissen, wessen er sich sonst noch schuldig gemacht hat. Dann aber ist er zum Christentum übergewechselt und hat sehr gescheite Sachen geschrieben. Und er hat nicht nur über die Enthaltsamkeit geschrieben, sondern er hat sie selber praktiziert. Und das bestimmt aus sehr guten Grund, denn er hatte sich wahrscheinlich sehr intensiv mit den Lehren Jesus auseinander gesetzt.
Paulus war ein geistiges Kind seiner Zeit:
1Tim 4 schrieb:
«In späteren Zeiten werden manche vom Glauben abfallen; sie werden sich betrügerischen Geistern und den Lehrern von Dämonen zuwenden, getäuscht von heuchlerischen Lügnern, deren Gewissen gebrandmarkt ist. Sie verbieten die Heirat und fordern den Verzicht auf bestimmte Speisen, die Gott doch dazu geschaffen hat, dass die, die zum Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird.»
Aber so leibfeindlich war auch er nicht.
opti schrieb:
Es deutet sehr vieles darauf hin, dass Jesus ebenfalls enthaltsam lebte, denn es gibt in der Bibel dafür eine Menge Hinweise. Meine Vermutung geht in die Richtung, dass Jesus durch den Hinduismus bzw. Buddhismus beeinflusst wurde, denn es gab sehr wohl einen Kulturaustausch einerseits direkt zwischen Indien und Palästina und andererseits zwischen den Griechen, die ihrerseits wieder einen regen Austausch mit Indien hatten, und Palästina. Bei den Griechen spielte das Zölibat auch eine gewisse Rolle.
Das wäre möglich. Einige der Lehrreden Jesu erinnern stark an Gedanken aus dem Buddhismus respektive Zen. Aber hier kann man nur Vermutungen anstellen, denn über die Kindheit Jesu ist (kaum) etwas bekannt.
Wie gesagt: Wir kennen Jesus nur als erwachsenen Mann, am Ende seines Weges.
opti schrieb:
Gut, wenn die römisch-katholische Kirche jedes geschlechtliche Tun als Sünde betrachtet, dann ist das die eine Seite. Man vergesse nicht, dass große Teile des Urchristentums, allen voran die Frauen, aber auch sehr viele Männer, das Zölibat praktizierten. Das Zölibat war natürlich in ihre religiösen Vorstellungen eingebunden und somit musste ein Verstoß gegen das Zölibat bzw. jegliches geschlechtliche Tun, das nicht der Fortpflanzung diente, als schwere Sünde oder Unzucht betrachtet werden. Einerseits müsste man natürlich die religiösen Vorstellungen hinterfragen und andererseits könnte man sich auch die Frage stellen, was es mit der Verurteilung der sexuellen Handlungen denn eigentlich auf sich hat. Große Teile des Urchristentums praktizierten nicht nur das Zölibat, sondern sie praktizierten ebenfalls Armut und Gehorsam und sie hatten ihr ganzes Leben Gott geweiht. Und was führt die Menschen weiter von Gott fort als die Konzentration auf weltliche Begierden, als die Konzentration auf die Sexualität? Und somit ist es durchaus verständlich, wenn sie jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, als Sünde betrachteten.
Viele Urchristen waren verheiratet, als sie sich bekehrten. Der Klerus wurde aus diesen rekrutiert, mit der Auflage sich nicht mehr neu zu verheiraten. Jesus selbst berief seine Jünger aus dem Kreis verheirateter Männer.
Ja mehr noch:
Es gibt paradoxerweise aus christlicher Sicht keine zwingende theologische Begründung für den Zölibat. (Siehe bitte auch Reformation durch Martin Luther.)
Lieber opti, wie man es dreht und wendet. Sexualität gehört zur Natur des Menschen dazu, die uns von Gott geschenkt wurde. Auch das gehört zur Erkenntnis. Kirchenlehrer wie der hl. Thomas v. Aquin, auch Dr. Angelicus genannt, verurteilten scharf die "Verteufelung alles Sinnlichen"! Engel als feinstoffliche Wesen können keine Schokolade schmecken oder spüren wie der Wind über den Körper weht. Darum sollten wir das Mensch-Sein auch genießen!!!
Im 4. Jhdt wurden sogar alle Kleriker ihres Amtes enthoben, die sich der "Leibesfeindlichkeit" schuldig gemacht haben.
http://www.karl-leisner-jugend.de/Zoelibat.htm
«Wenn sich jemand der Speisen oder der Ehe enthält und zwar nicht aus Askese, sondern aus Abscheu, oder weil er vergessen hat, dass Gott die Schöpfung gut gemacht hat, und blasphemisch die Schöpfung schlecht nennt, so lasse er sich eines Besseren belehren oder ist abzusetzen.»
Liebe Grüße

Toffifee