Die Formel: Sex = Unglücklich sein, wird von vielen Menschen als falsch empfunden, da die Libido des Menschen natürlich ist und durch den Hormonhaushalt beeinflußt wird. Wenn alle Menschen Spiritualität und Glück nur durch den Zölibat erfahren könnten, dann müssten sie zwangsläufig ihre Libido unterdrücken. Das kann also nicht stimmen, zumal Glück ein subjektiv empfundenes Gefühl ist.
Du hast wirklich einen langen Artikel geschrieben. Ich werde versuchen, darauf zu antworten, wie die Zeit es mir erlaubt. Zunächst einmal zu deiner Behauptung, die Libido des Menschen sei natürlich. Das stimmt keineswegs. Jedenfalls ist die Libido in der Form, wie ihn die meisten Männer empfinden, nämlich als permanente sexuelle Begierde, keineswegs natürlich, sondern sie ist das Produkt seines sexuellen Verhaltens. Erst die permanente sexuelle Befriedigung heizt die sexuellen Hormone so an, dass sie in uns ständig die Gier nach sexueller Befriedigung erwecken. Wäre die Libido des Menschen (ich möchte jetzt nur von den Männern sprechen) in der Form natürlich, dass sie permanent dieses sexuellen Begehren empfinden, dann müsste jeder Mann diese Begierde empfinden. Das ist aber keineswegs der Fall. Kein Selbstverwirklichter empfindet sexuelles Begehren. Er hat es abgelegt. Und es gibt nur einen Weg, sich dieser permanenten Bedrägung zu entziehen, nämlich die sexuelle Enthaltsamkeit. Dies gibt dem Körper (der Physiologie) die Möglichkeit sich langsam und allmählich von der sexuellen Sucht, jawohl ich nenne es Sucht, (ich gehe gleich näher darauf ein, warum ich es als Sucht betrachte) zu befreien. Durch die Enthaltsamkeit können die Sexualhormone endlich wieder zur Ruhe kommen, was zur Folge hat, dass die sexuelle Begierde allmählich abnimmt.
Die sexuelle Begierde, die über Jahre oder Jahrzehnte von den Menschen durch ihre permanente sexuelle Befriedigung künstlich hochgepuscht wurde, lässt sich aber nicht von heute auf morgen ablegen. Die Produktion der Sexualhormone kommt selbst dann nicht sofort zum Abklingen, wenn man einige Zeit enthaltsam lebt, sondern es dauert oft Monate oder Jahre, bis die sexuelle Begierde allmählich abklingt. Und in all den Jahren muss man enthaltsam leben, weil die sexuelle Begierde weiterhin in einem brodelt. Jeder sinnliche Gedanke, jede sexuelle Befriedigung heizt diesen Mechanismus der Wollust erneut an und verhindert die Ablösung von der sexuellen Verhaftung.
Wenn man diesen Mechanismus einmal verstanden hat, dann erkennt man, dass es nur einen Weg gibt, sich dieser sexuellen Verhaftung zu entziehen, nämlich durch die Enthaltsamkeit. Genau dasselbe geschieht übrigens bei anderen Abhängigkeiten, wie z.B. beim Drogenkonsum und bei der Alkohol- und Nikotinabhängigkeit. Auch dort verändert sich die Physiologie des Menschen aufgrund seines Handelns und erzeugt ein Suchtverhalten, dem man sich nur entziehen kann, wenn man das suchtfördernde Verhalten vermeidet. Ich würde das Vermeiden des suchtfördernden Verhaltens keineswegs als Unterdrückung, sondern als einzige sinnvolle Handlung bezeichnen, um sich von der Sucht zu lösen. Es ist also Einsicht aus der die Enthaltsamkeit geschieht und nicht Unterdrückung. Die Vorstellung der Unterdrückung kommt nur dadurch zustande, weil die meisten Menschen glauben, die permanente sexuelle Begierde sei naturgegeben, wir seien also gewissermassen von Natur aus schwa...gesteuert. Nein, das ist nicht richtig, denn wir selber machen uns durch unser sexuelles Verhalten zu schwa..gesteuerten Robotern, zu Sklaven unserer Sexualität.
Und wie beginnt die sexuelle Hörigkeit? Sie beginnt meist schon in der Kindheit. Es ist natürlich, wenn Kinder ihre Sexualität entdecken. Aber das dumme ist, man kann sehr schnell von ihr abhängig werden. Dafür sorgen dann schon die Hormone. 87 Prozent aller Jungen sind bereits schon vor der Pubertät der Sexualität verfallen. Und dazu trägt sicherlich auch die Einstellung der Gesellschaft bei, die uns mit Sexualität überschüttet. Ich würde dieses Überschütten von sexuellen Inhalten in allen Formen (Werbung, Fernsehen, Zeitschriften usw.) nicht als Ausdruck einer "gesunden Sexualität" (wenn es so etwas gibt) deuten, sondern als einen unterdrückten Hilfeschrei nach sexueller Befriedigung, kurz als einen Ausdruck einer gravierenden (gesellschaftsübergreifenden) neurotische Erkrankung. Wir produzieren in unserer Gesellschaft also Kinder, die bereits schon lange vor der Pubertät der sexuellen Sucht verfallen sind. Und dafür zahlen wir einen sehr hohen Preis. Wir sollten also einmal darüber nachdenken, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben.