Du
Als ich mich heute um dich gekümmert habe, habe ich mich wieder leise erschrocken, ertappte mich dabei, wie ich dich ganz bewusst an den schultern berührte, um festzustellen, wie dünn du langsam geworden bist. Dein gang war stockend und etwas unsicher.
Der langsame körperliche und auch geistige zerfall ist offensichtlich und fortschreitend. Die letzten wochen haben spuren hinterlassen, da lässt sich nichts ungeschehen machen. Zu schaffen macht mir deine niedergeschlagenheit, hinter der sich die angst vor dem sterben verbirgt. Ich würde eigentlich sehr gerne mit dir darüber reden. Das thema begleitet mich schliesslich, seit ich ein kleines mädchen war.
Sehr früh war ich mit der tatsache des sterbens, bzw. nicht-weiterlebens, konfrontiert und das immer wieder. Als säugling mit einer missbildung geboren, die erfolgreich operiert werden konnte, verlief die angst noch unbewusst, später, im meinen kinderjahren war es eine schwere erkrankung, die mir sehr schnell und nachdrücklich klar machte, dass es knapp war, später ein ernster zwischenfall nach einer geburt, die mich auch eher zufälligerweise am leben liess. Dazwischen über jahre angstzustände, die mir suggerierten, dass es zu ende ging. Mehr übung als genug also.
Ich hatte möglichkeiten und war auch fast gezwungen, mich mit dem sterben und tod auseinanderzusetzen. Es ist mir nicht fremd. Der tod ist einer meiner begleiter, der immer wieder meine aufmerksamkeit bekommt, ich anerkenne ihn, schliesse ihn nicht aus, weiss auch, dass er es einem auch nicht immer leicht macht, im gegenteil. Ich wünschte, ich könnte dir irgendetwas davon vermitteln, etwas tröstliches, erträgliches, etwas, was die angst kleiner werden lässt. Ich wünschte auch, dein glaube würde dir nützlicher sein, als er es ist. Manchmal versuche ich, mit dir darüber zu sprechen. Ich würde dir so gerne zeigen, dass man über das sterben sprechen kann, wie über alles im leben sonst auch. Dass das geheimnis darin liegt, den tod in die normalität zu überführen, kehrseite der gleichen medaille. Manchmal bedauere ich es, dass du in dir selber gefangen bist, ich dich nicht richtig erreiche, dein blick ins leere geht oder du abwesend bist.
Ich bin dann ruhig. Vielleicht ist das alles auch gar nicht nötig. Meine sorge unbegründet. Vielleicht reicht es ganz einfach, für dich da zu sein, zeit miteinander zu verbringen und den weg zusammen zu gehen, soweit und solange das möglich ist.