Zeitraffer
Heute wurde ich zeugin einer sehr kurzen unterhaltung. Sie war aber so eindrücklich, dass ich mich nicht mehr von der stelle bewegen konnte. Es war ein gespräch zwischen zwei lehrpersonen. Bei einer von ihnen hatte ich heute unterricht. Eine tolle frau etwas über 50, hochkompetent, streng, aber spritzig, humorvoll und sehr herzlich. Die andere frau war eine arbeitskollegin, einige jahre älter. Ich stand in der nähe und zog mich an meinem spind um.
Erst hörte ich nicht recht hin, es schien um eine aufzählung der dinge zu gehen, die die beiden in ihrem leben bereits getan und erlebt hatten.
Dann fielen sätze, die mich aufhorchen und innehalten liessen. Die arbeitskollegin sprach davon, noch so viel energie und lust zu haben, neues anzufangen, dass da noch so viel potenzial und interesse in ihr seien und dass sie doch in ihrem leben noch so viel tun wolle.
Ihr gegenüber riet ihr dazu, es doch auch tatsächlich zu tun, worauf die erwähnte frau in ganz kurzen und trockenen sätzen darlegte, dass es dafür nun zu spät sei. Sie erwähnte ihr alter und dass damit der zug abgefahren sei und dass sie einiges, woran ihr herz hängen würde, nicht mehr verwirklichen könne.
Betroffen machte mich die art, wie sie sprach. Kein jammern, keine laute oder lange diskussion, kein sich beklagen oder hin-und her gerissen sein, sondern ein klares statement, dem doch so viel tiefe fassungslosigkeit und eine art stille trauer innewohnte, eine nüchterne tapferkeit, jenseits von jedem selbstmitleid, die mein herz zusammenzog.
Diese kurze sequenz hat mich bewegt, erinnert sie mich doch an ein erleben, dass vermutlich viele von uns beschäftigt. Das alter ist im grunde noch kein thema, man wähnt sich mittendrin, ist gesund, voller energie, tatendrang und plänen.
Dann, plötzlich und unerwartet oder irgendwie heimlich befürchtet, sei es durch absagen oder anderen stolpersteinen, ist das bewusstsein über das eigene alter da. Manchmal reicht auch nur ein längerer blick in den spiegel oder auf die eigene tochter und es wird klar, einiges geht nicht mehr, unsichtbare, aber handfeste schranken weisen einen zurück, machen zunichte, wofür man noch so viel enthusiasmus und liebe zur verfügung hätte.
Als ich an den beiden vorbeilief, lächelten wir uns an.
Manchmal läuft die zeit schneller ab, als einem lieb ist.
