Was ist eigentlich Realität?

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Ja und genau dagegen halte ich. Es kann nur etwas zerfallen, das vorher bestand hatte.

Die moralisch-normativen Werte, die der Religion zugesprochen werden sind bestenfalls selektiv und temporär gültig gewesen. Also einzelne Bereiche könnte man so deuten, dass sie durch solcher Art "Kompass" geprägt wurden.

Das reicht mir aber nicht um auch nur im übertragenen Sinne von einem Leben derer auszugehen.

Jede Religion hat in ihrem Kern eine Ethik. Die Grundfrage der Ethik im Allgemeinen ist die, nach dem moralisch richtigen Handeln. Jede Religion gibt aus ihrer Perspektive also eine Antwort darauf, wie man in Gottes Sinne moralisch richtig handelt. Wie lange gibt es Religionen? ...

Kannst du bitte ein konkretes Beispiel von selektiven und temporär gültigen (religiösen) moralischen Werten geben? "Zugesprochen" kann ich diesem Kontext auch nicht ganz nachvollziehen, weil zumindest die großen prägenden Weltreligionen alle eine schriftliche Grundlage haben, in denen Gebote für ihre Anhänger stehen (z. B. Dekalog im Christentum).

Eine Illusion (Gott) erschafft moralische Werte. Wenn man an diese Illusion glaubt und ein gutes Leben im Diesseits und vielleicht auch im Jenseits führen möchte, dann befolgt man diese Gebote. Eigentlich haben sich Religionen mit solchen Versprechungen den Eigennutz der Menschen dienlich gemacht. Schon clever irgendwie. Am Ende ist Gott sogar ein mächtiger Egregor.
Wenn jetzt aber viele in einer Gesellschaft nicht mehr nach den moralischen Werten handeln, es also ein Verfall der Werte gibt, dann lässt die Kraft der Illusion nach. Und dann stell dir mal eine Gesellschaft im Zeitalter der Aufklärung vor, die nun eher "sapere aude!" ruft, anstatt "sei doch einfach gesegnet". Das Sinnbild stirbt und mit diesem auch die Werte, die sich daraus ergeben haben.

Allerdings haben auch Atheisten zu weilen Werte verinnerlicht, die religiös anmuten. Als würden wir den Dekalog mit der Muttermilch aufsaugen ohne uns dessen bewusst zu sein. Aber so universale Normen wie "Du sollst nicht töten" ergeben sich vielleicht auch einfach aus dem gesunden Menschenverstand.

Ich hab Nietzsche nicht gelesen außer "Also sprach Zarathustra" und wahrscheinlich habe ich das Buch auch gar nicht verstanden aber sicherlich ist diese Aussage "Gott ist tot." nur als Aufreißer von ihm gedacht und nicht so gemeint. Ich verstehe ihn als Skandal um ein möglichst weites Echo zu erzeugen.


Es ist, wie erwähnt, eher im übertragenden Sinne zu verstehen. "Zur Genealogie der Moral" ist eigentlich nicht schlecht. Hier versucht Nietzsche aus der historischen Perspektive draufzuschauen, wie unsere moralischen Werte entstanden sind. Und nein, er hat in diesem Werk nicht behauptet, dass sie göttlichen Ursprungs sind.
 
Jede Religion hat in ihrem Kern eine Ethik. Die Grundfrage der Ethik im Allgemeinen ist die, nach dem moralisch richtigen Handeln. Jede Religion gibt aus ihrer Perspektive also eine Antwort darauf, wie man in Gottes Sinne moralisch richtig handelt. Wie lange gibt es Religionen? ...

Kannst du bitte ein konkretes Beispiel von selektiven und temporär gültigen (religiösen) moralischen Werten geben? "Zugesprochen" kann ich diesem Kontext auch nicht ganz nachvollziehen, weil zumindest die großen prägenden Weltreligionen alle eine schriftliche Grundlage haben, in denen Gebote für ihre Anhänger stehen (z. B. Dekalog im Christentum).

Eine Illusion (Gott) erschafft moralische Werte. Wenn man an diese Illusion glaubt und ein gutes Leben im Diesseits und vielleicht auch im Jenseits führen möchte, dann befolgt man diese Gebote. Eigentlich haben sich Religionen mit solchen Versprechungen den Eigennutz der Menschen dienlich gemacht. Schon clever irgendwie. Am Ende ist Gott sogar ein mächtiger Egregor.
Wenn jetzt aber viele in einer Gesellschaft nicht mehr nach den moralischen Werten handeln, es also ein Verfall der Werte gibt, dann lässt die Kraft der Illusion nach. Und dann stell dir mal eine Gesellschaft im Zeitalter der Aufklärung vor, die nun eher "sapere aude!" ruft, anstatt "sei doch einfach gesegnet". Das Sinnbild stirbt und mit diesem auch die Werte, die sich daraus ergeben haben.

Allerdings haben auch Atheisten zu weilen Werte verinnerlicht, die religiös anmuten. Als würden wir den Dekalog mit der Muttermilch aufsaugen ohne uns dessen bewusst zu sein. Aber so universale Normen wie "Du sollst nicht töten" ergeben sich vielleicht auch einfach aus dem gesunden Menschenverstand.




Es ist, wie erwähnt, eher im übertragenden Sinne zu verstehen. "Zur Genealogie der Moral" ist eigentlich nicht schlecht. Hier versucht Nietzsche aus der historischen Perspektive draufzuschauen, wie unsere moralischen Werte entstanden sind. Und nein, er hat in diesem Werk nicht behauptet, dass sie göttlichen Ursprungs sind.
Ist eben die Frage, was zuerst dar war. Die moralisch/ethischen Prinzipien oder die Religionen die sie vermittelt haben wollen. Ich bin der Auffassung, dass der Mensch evolutionär einen moralischen Wertekanon geerbt hat. Diesen haben die Kirchen für sich beansprucht und transformiert, in ihre Agenda umgedichtet. Im Kern haben die Menschen aber nach den ganz normalen Regeln des Zusammenlebens gelebt, wie es der Mensch seit Menschen gedenken eben so tut.

Wie weit dann nach den von den Religionen vorgegebenen Regeln gelebt wurde, kann man sehen, nämlich gar nicht. Diese wurden und werden überall gebrochen, wo keine Konsequenzen erwartet werden, beziehungsweise wo ein persönlicher Gewinn erwartet wird, wenn diese nicht befolgt werden. Das war damals so, wie heute auch. Dann hat man eben doch während des Fastens Fleisch gegessen oder ausgiebig getrunken. Hat nach dem seines Nachbarn begehrt. Hat gewütet, Völlerei betrieben und Wollust ausgelebt. Dabei ist nicht relevant was schriftlich festgehalten wurde, sondern was der ganz normale Mensch tut.

Einen moralischen Verfall kann es somit nicht gegeben haben. Wirken dieselben Regeln heute wie damals, da sie in uns angelegt sind. Was aber abgebröselt ist, ist das Label, das die Religionen draufgeklebt haben.

Das Beispiel, du sollst nicht töten. Im Gegensatz dazu die Kreuzzüge. Wo ist hier die Moral und Ethik? Sie existiert nicht, die Kirche ist nur ein beliebiger machtpolitischer Apparat, der keine religiös/moralische Instanz verkörpert. Sie vermittelt nur einen Wertekanon, den sie selbst, also ihre Priester und auch das Volk nicht wirklich ernst nehmen. Aufgrund der Machtstrukturen aber so tun als ob, sofern jemand hinschaut. In seltenen auch tatsächlich aus religiöser Überzeugung, aber auch nur dann, wenn sie nicht allzu viel Entbehrungen mit sich bringen.

Jeder Mensch weiß demgegenüber ganz intuitiv und aus sich heraus, dass er nicht töten soll. Warum machen einige es trotzdem? Weil es, wie bei allen Eigenschaften, die vererbt werden, Variationen gibt und weil, unabhängig der propagierten Moral, Menschen gebrochen und konditioniert werden es dennoch zu tun.

Danke für den Lesetipp. Werd ich mir beizeiten anschauen.
 
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Es ist, wie erwähnt, eher im übertragenden Sinne zu verstehen. "Zur Genealogie der Moral" ist eigentlich nicht schlecht. Hier versucht Nietzsche aus der historischen Perspektive draufzuschauen, wie unsere moralischen Werte entstanden sind. Und nein, er hat in diesem Werk nicht behauptet, dass sie göttlichen Ursprungs sind.
In weiten Teilen ein tolles kleines Buch. 👍
(so zumindest in meiner Einnerung, is 30 Jahre her, das ich das gelesen habe)
 
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