Hallo Joey,
Wenn jemand behauptet, astronomische Konstellationen würden mit Personeneigenschaften korrelieren, müsste dies meiner Meinung nach auch wissenschaftlich nachprüfbar sein. Wenn hingegen jemand sagt, dass ihm das Nachdenken über astronomische Konstellationen eine kreative Eingebung übersinnlichen Ursprungs gibt, die den Charakter einer Person beschreibt, ist dies keine Aussage über Naturgesetze, sondern über eine übersinnliche Fähigkeit. In diesem Fall würde ich wiederholen, dass es neben deinen Vermutungen in manchen Fällen auch noch möglich sein könnte, dass diese übersinnliche Fähigkeit existiert, aber nicht mehr funktioniert, wenn sie richtig genau beobachtet wird (also eine Statistik gemacht wird). Die Quanten verhalten sich, wenn sie in einem Experiment beobachtet werden, ja auch anders als ohne Beobachtung.
Die kreative Eingebung könnte theoretisch auch auf der Beobachtung der analysierten Person beruhen, ohne wirklich übersinnlich zu sein.
Die Frage ist aber, wieso man viele andere Weltmodelle mit betrachten soll. Welchen Sinn hat es?
Die verschiedenen Ansätze von Weltmodellen erfordern eigentlich alle noch Zusatzannahmen und man kann nicht mal durch Ockhams Rasiermesser eines favorisieren. Was würdest du von einer Beurteilung eines Sachverhalts halten, wenn dabei ausschliesslich nur ein idealistisches Weltbild als Grundlage genommen wird? Ich fände es genauso wenig angebracht wie wenn man ausschliesslich ein materialistisches Weltbild zur Hand nähme.
Der Grund, auch andere Weltbilder miteinzubeziehen, liegt im Ziel, die Allgemeingültigkeit einer Schlussfolgerung zu erhöhen.
Beantwortet dies deine Frage?
Für die Beurteilung deiner Gedankenexperimente macht dies folgenden Unterschied:
1. Unter dem materialistischen Weltbild hat ein Hellseher keine paranormale Fähigkeit, wenn er im Experiment versagte und Störvariablen ausgeschlossen werden konnten.
2. Unter einem anderen Weltbild kann es sein, dass ein Experiment überhaupt keine Aussage über die Fähigkeit des Hellsehers macht.
3. Die Weltsicht, dass die Logik schlussendlich falsch ist, stellt zumindest in Frage, ob das Versagen im Experiment eine logische Schlussfolgerung über die Fähigkeit des Hellsehers erlauben könnte. Logik kann zwar im Bereich der üblichen Wissenschaft funktionieren, muss dies aber nicht im Bereich der Paranormalität.
Wenn man hingegen verschiedenste Weltbilder berücksichtigt, führt das Versagen des Hellsehers im Experiment zur Schlussfolgerung, dass die A-Posteriori-Wahrscheinlichkeit, dass der Hellseher paranormale Kräfte hat, geringer ist als die A-Priori-Wahrscheinlichkeit vor dem Experiment. Denn mindestens unter dem materialistischen Weltbild ist die Fähigkeit des Hellsehers falsizifiziert. Diese Schlussfolgerung finde ich allgemeingültiger als eine der ersten drei Schlussfolgerungen.
Noch ein paar Gedanken zur Frage, ob eine Theorie mit dem Term "null mal die Stimmung des Formelanwenders" oder die Theorie mit dem Term "drei mal die Stimmung des Formelanwenders" wahrscheinlicher ist:
Naja, durch den Faktor 0 verschwindet halt der Einfluss dieser Variable aus der Theorie. Mit dem Faktor 3 wäre der Einfluss der Stimmung des Formelbetrachters drin... allerdings wäre dieser Einfluss dann auch wieder wissenschaftlich überprüfbar. D.h. diese beiden Theorien beschreiben einen Umstand nicht gleich gut.
Klar ist das Resultat der beiden Formeln verschieden, falls die Stimmung nicht immer auf dem Nullpunkt ist. Aber wenn beide Formeln keine ganz korrekte Vorhersage liefern, könnte es sein, dass beide einen Sachverhalt gleich gut beschreiben. Bei einem bestimmten Sachverhalt könnte das Resultat einer Formel etwas zu hoch und das Resultat der anderen Formel etwas zu tief sein.
In der Naturwissenschaft wird doch davon ausgegangen, dass das heutige Universum eher aus dem "Nichts" entstand anstatt aus dem "Alles", also der Summe von allen erdenklichen Dingen? Nehmen wir mal an, es wäre logisch, zu sagen: Wenn ein Universum aus dem "Nichts" entsteht, dann ist ein Universum mit wenig Materie oder wenig Information wahrscheinlicher als ein Universum mit viel Materie oder viel Information. Und ein "Nichts" ist a priori (bevor man über die Existenz unseres Universums Bescheid weiss) eine wahrscheinlichere Realisierung eines Universums als die Realisierung eines Universums, das mehr ist als ein "Nichts". Denn ein "Nichts", das aus dem "Nichts" entsteht, verletzt den Energieerhaltungssatz weniger als ein Universum mit Materie, das aus dem "Nichts" entsteht.
Man könnte noch einwerfen, dass es ein Denkfehler ist, anzunehmen, eine starke oder mehrmalige Verletzung des Energieerhaltungssatzes wäre unwahrscheinlicher als eine geringe oder einmalige Verletzung... schliesslich wird der Energieerhaltungssatz schon durch eine winzige Verletzung negiert. Dann kommt es auch nicht mehr darauf an, wie oft oder stark er noch verletzt wird. Aber lassen wir das beiseite. Ohne Berücksichtigung dieses Einwurfs ist die Nicht-Existenz der Rolle einer weiteren Variable grundsätzlich wahrscheinlicher als die Existenz der Rolle dieser Variable. Unter dieser Vorstellung ist eine Theorie mit "plus null mal die Stimmung" wahrscheinlicher als die Theorie mit "plus drei mal die Stimmung".
Das heutige Universum könnte sich aber auch aus einem "Alles" herauskristallisiert haben, also aus einer Art Brei, in welchem alle möglichen Dinge gleichzeitig vorhanden waren. Dieses "Alles" enthält nicht nur alle möglichen materiellen Dinge, sondern auch alles denkbare Übersinnliche sowie unendlich grosse Zusammenhänge von allen möglichen Variablen. Auch hier halten wir es nicht für einen Denkfehler, zu sagen, ein kleiner Verlust von Energie bzw. Information des Universums wäre wahrscheinlicher als ein grosser. So kann man hier sagen, dass für ein realisiertes Universum die A-priori-Wahrscheinlichkeit (bevor man unser Universum kennt), grösser ist, dass eine Variable eine unendlich grosse Rolle spielt, als dass sie gar keine Rolle spielt.
Stellen wir uns aber vor, dass ein "Nichts" und ein "Alles" als Ursprungsversionen des Universums gleich wahrscheinlich sind und es nur diese beiden Möglichkeiten gibt, nichts dazwischen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Stimmung des Formelanwenders eine unendlich grosse Rolle spielt, ist unter dieser Annahme, bevor man von unserem realisierten Universum weiss, gleich gross wie die Wahrscheinlichkeit, dass die Stimmung keine Rolle spielt.
Ist das nachvollziehbar?
Noch anders wird die Einschätzung, wenn man die Vorannahme trifft, dass die Spannweite der theoretisch möglichen Rolle der Stimmung von "nicht vorhanden" bis "unendlich gross" reichen könnte, und dass die Wahrscheinlichkeit für jede Möglichkeit auf dieser Skala gleich gross ist, tatsächlich in unserer Welt realisiert worden zu sein. Unter diesen Vorannahmen ist die Wahrscheinlichkeit einer Theorie mit "plus null mal die Stimmung" gleich wahrscheinlich wie die Theorie mit "plus drei mal die Stimmung". Eine analoge Annahme könnte man über die Anzahl Engel in unserem Universum treffen. Eine Theorie, welche die Variable über die Anzahl Engel auf "null" setzt, ist dann a priori nicht wahrscheinlicher als eine Theorie, welche die Existenz von genau fünf Engeln beschreibt. Wenn jemand nun viele Jahre lebt und nie einen Engel trifft, ist für ihn die A-Posteriori-Wahrscheinlichkeit grösser, dass es keine Engel gibt, als dass es fünf Engel gibt. Wenn einer hingegen eine Vision mit fünf Engeln hat, die ihm extrem bedeutend vorkommt, hat die Theorie mit fünf Engeln für ihn schnell mal eine deutlich höhere A-Posteriori-Wahrscheinlichkeit als die Theorie mit genau null Engeln.
Das mit den Grundannahmen ist ein reines Ratespiel. Warum sollte man a priori, bevor man das Wissen über die Existenz und Gestalt unseres Universum berücksichtigt, ausgerechnet annehmen, eine Variable spiele keine Rolle, anstatt anzunehmen, dass jede erdenkliche Ausprägung der Rolle dieser Variable, von null bis unendlich, gleich wahrscheinlich ist? Oder zumindest, dass die Existenz der Rolle dieser Variable gleich wahrscheinlich ist wie die Nicht-Existenz?
LG Sheila