Soll Griechenland raus aus Euro...

Griechenland raus aus Eurozone?

  • Ja

    Stimmen: 72 66,1%
  • Nein

    Stimmen: 23 21,1%
  • Weiß nicht

    Stimmen: 14 12,8%

  • Umfrageteilnehmer
    109
Die Troika - Methoden wie ein Trickbetrüger?
Laut Investoren-Legende Bill Gross spielen die EU, EZB und der IWF ein "zirkuläres Schneeballsystem". Sie verschleiern mit immer neuen Krediten nur, dass ein Teil der Rettungsgelder schlicht weg ist.


Wenn sich Bill Gross zu Wort meldet, horcht nicht nur die Finanzwelt auf. Auch Notenbanker und Regierungen hören genau hin, was die amerikanische Investorenlegende zu sagen hat. Denn sein Wort hat an den Märkten Gewicht und kann für die Politik schnell sehr unangenehm werden.

Entsprechend alarmiert sind die Akteure, dass sich Gross nun im Griechenland-Drama gemeldet hat. "EU, EZB, IWF spielen ein zirkuläres Schneeballsystem", schrieb der wegen seiner zahlreichen Erfolge am Anleihemarkt auch Bondkönig genannte Investor in einer Mitteilung auf Twitter.

Die Troika, bestehend aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, würde neue Kredite an Griechenland nur vergeben, um alte Kredite an sich selbst zurückzuzahlen, so Gross. "Welch Krise", schloss er seinen Tweet. Und spielte damit auf potenzielle Milliardenverluste für europäische Steuerzahler an.

Gross hat Schäuble schon einmal in Bedrängnis gebracht
Es ist nicht das erste Mal, dass Gross auf derartige Weise für Wirbel sorgt. Die erste Erfahrung musste der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble machen. Am 21. April ließ Gross ebenfalls über den Kurznachrichtendienst Twitter verlauten, eine Wette gegen Bundesanleihen sei eine einmalige Gelegenheit, um Geld zu machen.

Die Rendite für zehnjährige deutsche Papiere schoss nach Gross' Tweet auf knapp ein Prozent in die Höhe
Seine Botschaft: Die Verzinsung der deutschen Schuldtitel sei viel zu niedrig und werde bald steigen. Wer auf einen Zinsanstieg setzt, könne reich werden.

Gross' 140-Zeichen-Nachricht zeigte Wirkung. Die Rendite für zehnjährige deutsche Papiere schoss von 0,1 Prozent auf knapp ein Prozent in die Höhe. Mit Folgen für den Bundeshaushalt. Berlin muss den Investoren für deutsche Staatsanleihen nun wieder deutlich höhere Zinsen bieten. Bei einer Auktion zehnjähriger Titel Mitte Juni wurden 0,81 Prozent fällig, kurz vor der Wortmeldung von Gross hatte der Bund Papiere noch für 0,13 Prozent Zins verkauft.

Nicht weniger teuer wurde ein ähnlicher Tweet für China. Anfang Juni ließ Gross durchblicken, dass er den Aktienmarkt im Reich der Mitte für völlig überbewertet hält. Die nächste große Wette nach Bundesanleihen, schrieb er via Twitter. Fünf Tage später folgte eine rasante Abwärtsbewegung.

Nach Gross' Tweet wurde ein Wert von umgerechnet 2,3 Billionen Dollar vernichtet
Obwohl Chinas Notenbanker mit Zinssenkungen und die Regierung mit einer Lockerung der Börsenkaufregeln versuchten gegenzusteuern, wurde am inzwischen zweitgrößten Aktienmarkt der Welt ein Wert von umgerechnet 2,3 Billionen Dollar vernichtet.

Dass Gross in seiner neuesten Kurzmeldung faktisch die Troika mit Trickbetrügern vergleicht, sollte die im Schuldenstreit mit Griechenland Beteiligten hellhörig werden lassen. In der Finanzwelt haben immer wieder windige Geschäftsleute Schneeballsysteme benutzt, um die Investoren zu prellen.

Einer der größten Betrüger war Bernie Madoff, der Anleger über Jahrzehnte mit Traumrenditen lockte, die er aber mit dem frischen Geld anderer Investoren zahlte. Seine Kunden verloren am Ende rund 50 Milliarden Dollar.

Athens Haushalt wäre ohne Schuldendienst im Plus
Auch beim Schneeballsystem der europäischen Kreditgeber stehen Milliarden im Feuer. Was sich in Gross' Tweet wie eine Verballhornung der Troika-Politik anhört, hat durchaus einen realwirtschaftlichen Hintergrund. Gross insinuiert, dass die europäischen Retter mit dem Schnellballsystem verschleiern wollen, dass ein Teil der Rettungsgelder einfach verloren ist.

Griechenland hat nach Ansicht der meisten Ökonomen eine Schuldenlast, die es aus eigener Kraft nicht schultern kann. Dies umso weniger, als ein Fünftel der Bevölkerung älter als 65 Jahre ist.

Zinsen und Tilgung konnte Athen bisher nur leisten, weil es immer wieder frische Hilfsgelder gab. Seit August vergangenen Jahres sind nun keine Rettungsmittel mehr geflossen. Und so konnte der griechische Finanzminister auch am Dienstag die fällige Kreditrate an den IWF nicht mehr überweisen.

Seit zwei Jahren erwirtschaftet Athen einen Primärüberschuss: Zieht man den Schuldendienst ab, ist der griechische Haushalt im Plus. Trotzdem ist die Wirtschaft nicht wirklich vom Fleck gekommen. Als einzige Chance sehen viele Experten angesichts der Misere einen Schuldenschnitt. "Die einzige Chance, wie das derzeitige Spiel beendet werden kann, ist ein substanzieller Haircut oder eine Umschuldung der Verbindlichkeiten", meint auch Jeffrey Ransom, Ökonom bei der US-Bank Citi.

Wasser auf Varoufakis' Mühlen
Der griechische Finanzminister Janis Varoufakis dürfte sich von Gross' Vergleich der Troika mit Trickbetrügern bestätigt fühlen. Er drängt seit Beginn der Verhandlungen auf einen Schuldenschnitt. Am Donnerstag sagte er in einem Interview mit Bloomberg TV, lieber würde er seinen Arm abhacken, als einen Kompromiss mit den Kreditgebern schließen, in dem kein Schuldenerlass enthalten ist.

Bondkönig Gross ist an den Märkten eine Institution. Das liegt auch an seinen zahlreichen Wetten, die er in den vergangenen Jahren eingegangen ist. Inmitten der Finanzkrise 2008, als viele auf den Untergang der US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac gesetzt haben, hat er Milliarden in deren Schuldtitel gesteckt. Am Ende rettete Onkel Sam die beiden Firmen und Gross hatte ein Vermögen für sein damaliges Anlagehaus Pimco gemacht.

Im vergangenen Jahr machte er Schlagzeilen mit seinem überraschenden Wechsel vom Vermögensverwalter Pimco, wo er lange den weltgrößten Anleihefonds verwaltet hatte, zum Wettbewerber Janus Capital. Dort managt er nun ein deutlich kleineres Anleihenportfolio, doch mit seinen Wortmeldungen dreht er weiter das große Rad.

http://www.welt.de/finanzen/article143477275/Die-Troika-Methoden-wie-ein-Trickbetrueger.html
 
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Tja... wenn man die beiden Stellungnahmen liest, kann man nur sagen: Raus aus dieser ""Rettungs""politik, auch wenns erstmal heftig wird. Bin sicher, es werden sich andere Türen (Hilfen) öffnen, nämlich echte. Dann ist endlich mal Ruhe in der Hütte, perfide Geschäftemacherei auf billigster Schiene als Rettung zu verkaufen - und damit nicht nur die Menschen in Griechenland, sondern in ganz Europa nach Strich und Faden anzulügen.
 
welt.de schrieb:
Entsprechend alarmiert sind die Akteure, dass sich Gross nun im Griechenland-Drama gemeldet hat. "EU, EZB, IWF spielen ein zirkuläres Schneeballsystem", schrieb der wegen seiner zahlreichen Erfolge am Anleihemarkt auch Bondkönig genannte Investor in einer Mitteilung auf Twitter.

Passt doch bestens; der IWF tönt, dass Griechenland bis 2018 weitere ca. 50 Mrd. benötigt - wobei die derzeitigen Umstände in dieser Berechnung gar nicht enthalten sind, ergo kann man getrost von 70, 100 oder noch mehr? Mrd. ausgehen.

Welch ein Zufall... :ironie:
 
2. Juli 2015 um 17:25 Uhr

Chaoten am Werk
Verantwortlich: Wolfgang Lieb
Die Regierung in Griechenland muss weg. Diese zutiefst undemokratische Haltung verbreiten nicht nur Journalisten in ihren als Berichte verkleideten Hetz-Kommentaren, es ist auch das Ziel der Bundesregierung und der übrigen Gläubiger. Die weisen das zwar weit und zum Teil auch empört von sich, doch ist die Sachlage längst klar. Die Bundesregierung hat jeglichen Verhandlungen bis zum Sonntag eine Absage erteilt (Die Ruhe haben wir ja) und der Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz (SPD) stellte heute im Morgenmagazin noch einmal klar: Von André Tautenhahn

„Wir werden danach dem griechischen Volk helfen, ganz sicher nicht der Regierung.“

Viele Kollegen wie auch Politiker stören sich unter anderem daran, dass die Regierung Tsipras von einem Tag auf den nächsten ihre Meinung ändere. Mal lehne sie die Forderungen der Gläubiger ab und rufe ein Referendum aus, dann wieder signalisiere sie Zustimmung zu den Bedingungen. Es muss also ein chaotischer Haufen sein, der in Athen das Sagen hat und die Menschen ins Unglück stürze. So einfach ist das natürlich nicht.

Kompromissbereitschaft fehlt bei den Gläubigern

Das Verhalten von Tsipras hat nämlich einen Beweis erbracht. Die Gläubiger sind unter keinen Umständen bereit, auch nur irgend einen Kompromiss mit der derzeitigen griechischen Regierung zu vereinbaren. Das Manöver von Tsipras am Mittwoch, die Kürzungsbedingungen der Gläubiger im wesentlichen zu akzeptieren, hat das gezeigt.

Es hat auch gezeigt, dass die Behauptung der Geldgeber, sie hätten eine Umstrukturierung der Schulden sowie ein dickes Investitionsprogramm angeboten, nicht ernst gemeint war. Denn sonst hätten sie am Mittwoch den Handschlag gesucht. Die Gläubiger haben sogar öffentlich gelogen, als sie behaupteten, ein solches Angebot hätte es gegeben. Der SPD Chef Sigmar Gabriel wiederholte die dreiste Unwahrheit in der Sondersitzung des Bundestages am Mittwoch.

Ein anderes SPD-Mitglied, der Chef des Instituts für Makroökonomie (IMK), Gustav A. Horn, stellt nun klar, der Chef der Sozialdemokraten hat sich mindestens an einer Legendenbildung beteiligt. Auf Facebook schreibt Horn:

Unsere Überprüfung der uns vorliegenden Dokumente zu den Verhandlungen zwischen und den Institutionen sowie der Eurogruppe haben folgendes Bild ergeben.

  1. Es gab den offiziellen Vorschlag das zweite Hilfsprogramm bis November zu verlängern.
  2. Der Wert wird mit rund 15 Mrd. beziffert, was falsch ist, da es sich um teilweise problematische Umschichtungen handelt, bei dem Geld, das eigentlich für die Bankenrekapitalisierung vorgesehen war, zum Abtrag der Schulden beim IMF benutzt werden sollte.
  3. Es hat nie ein offizielles Angebot über ein 35 Mrd. Investitionsprogramm gegeben. Man hat Griechenland informell nur eine erleichterte Nutzung bestehender Programme zugesagt. Die Erleichterung besteht in einem geringeren Kofinanzierungsbeitrag, den Griechenland aber auch nicht leisten kann.
  4. Es gab nie ein offizielles Angebot einer Umstrukturierung der Schulden. Es gab informelle Bemühungszusagen, sich um solche Gespräche in Zukunft zu bemühen.
Fazit: Hier werden Legenden gestrickt. Aber wenn diese Angebote tatsächlich ernst gemeint waren, kann man sie am Montag ja wiederholen.

Kein Interesse an Informationen

Es gibt noch andere Stimmen, die zum gleichen Ergebnis kommen. Nur die Medien interessiert das nicht oder nur am Rande. Sie bezeichnen die griechische Regierung als Chaoten, dabei ist sie es, die um ein Höchstmaß an Transparenz bemüht ist und die Weitergabe von Informationen betreibt, wo andere sich hinter den Institutionen nur verstecken. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis bloggt und twittert sich einen Wolf, um die Haltung seiner Regierung zu erklären.

Doch eine Auseinandersetzung damit findet überhaupt nicht statt. Dafür gibt es Hetze am Fließband, wie das Satiremagazin Extra3 am Mittwoch auf eine erschreckend humorvolle Weise vorgeführt hat. So gilt wohl die Formel: Die griechische Regierung erklärt alles und keiner glaubt ihr, die ‪Bundesregierung erklärt nichts und alle glauben ihr. Denn was tut unsere Regierung eigentlich? Im Bundestag erklärte die Kanzlerin, Europa sei stark und eine Notwendigkeit zum Handeln gebe es im Augenblick nicht. Plötzlich ist Ruhe angesagt, nachdem die letzten Wochen alarmistisch anmutende Phantomuhren um die Wette tickten.

Sigmar Gabriel, den man nur noch als aufgeblasene Sprechpuppe der Kanzlerin betrachten kann, gibt sich einfach hin für die Zerstörung Europas. Er trat am Mittwoch im Parlament ja nicht als Wirtschaftsminister, sondern ausdrücklich als SPD-Parteichef und Sprecher der SPD-Fraktion ans Rednerpult. Dabei forderte er sogar noch mehr Disziplin und noch strengere Regeln für Europa.

„Ich glaube, dass wir diese Krise auch nutzen müssen, um über unsere Fehler in der Vergangenheit zu sprechen, aber auch über das, was in Zukunft kommen wird. Der Weg, den wir nur verantwortungsbewusst und mutig in vielen Fragen, nicht nur bei Griechenland, gehen müssen, wird am Ende nicht weniger Disziplin und nicht weniger gemeinsame Regeln erfordern, sondern mehr, auch was die Finanz- und Wirtschaftspolitik angeht. Wenn wir wollen, dass unser Kontinent seine politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung sowie sein einzigartiges Wohlstandsmodell im 21. Jahrhundert behauptet, dann brauchen wir mehr Verbindlichkeit in Europa und in der Euro-Zone und nicht weniger.“

Quelle: Bundestag Protokollauszug [PDF]

Die SPD fällt aus

Sigmar Gabriel verortet sich und seine Partei also dort wo ein Hardliner wie Schäuble schon ist. Gabriel hätte die Rede also auch auf einem Parteitag der CDU halten können. Was ist an ihm dann eigentlich noch SPD, sollte sich die Basis jetzt fragen. Sie sollte sich auch fragen, ob es den führenden Persönlichkeiten ihrer Partei nicht vielleicht genügt, wenn bei Wahlen kaum mehr als 25 Prozent herausspringen. Das Ergebnis reicht ja für Posten, auf denen politische Positionen des Wahlkampfes nach und nach abgeräumt und ins Gegenteil verkehrt werden können.

Würde man das nicht als chaotisch und irre bezeichnen? Nein, denn offensichtlich wird die griechische Regierung als durchgeknallt empfunden, weil sie es wagt, an dem festzuhalten, für das sie ein Mandat des Souveräns erhalten hat. Doch angesichts der seit zehn Jahren andauernden Regentschaft Merkels mag es für viele hierzulande befremdlich erscheinen, dass es noch Regierungen gibt, die so etwas wie ein politisches Programm verfolgen.

Wahrscheinlich hat die Bundesregierung deshalb eine Social Media Offensive mit Facebook Profil und Instagram-Account gestartet, wo vor allem viele schöne Bilder und Filmchen zu finden sind. Bunt und schön ist das, aber wenig informativ. Denn die Informationen der Bundesregierung sehen in Wirklichkeit sehr tragisch aus, wie der bewundernswerte Tilo Jung mit seinem Team von Jung & Naiv Woche für Woche in der Bundespressekonferenz akribisch herausarbeitet.

Der Autor ist Diplom Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist.
http://www.nachdenkseiten.de/?p=26647

Ein Kommentar zum Ausdrucken und Einrahmen:



* Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie und Professor an der Columbia University. Er ist der Verfasser zahlreicher Bücher, darunter zuletzt Creating a Learning Society: A New Approach to Growth, Development, and Social Progress mit Bruce Greenwald.


Stiglitz: So würde ich beim Referendum votieren
Das zunehmende Crescendo erbitterten Gezänks innerhalb Europas könnte Aussenstehenden als das unvermeidliche Resultat der bitteren Endphase der Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern erscheinen. In Wahrheit lassen die europäischen Führungen endlich die wahre Beschaffenheit des laufenden Schuldenstreits erkennen, und die Antwort ist nicht angenehm: Viel mehr als um Geld und Wirtschaft geht es um Macht und Demokratie.

Natürlich war die Wirtschaftsstrategie, die dem Griechenland von der «Troika» (Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds) auferlegten Programm zugrunde lag, eine Katastrophe; sie führte zu einem 25-prozentigen Rückgang der Wirtschaftsleistung des Landes. Mir fällt kein Fall ein, in dem eine Depression jemals derart vorsätzlich herbeigeführt wurde und derart katastrophale Folgen hatte: Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland etwa liegt inzwischen bei über 60 Prozent.

Alarmierend, dass die Troika keine Verantwortung übernimmt
Es ist alarmierend, dass die Troika sich weigert, irgendeine Verantwortung hierfür zu übernehmen oder zuzugeben, wie falsch ihre Prognosen oder Modelle lagen. Noch überraschender freilich ist, dass Europas Regierungen aus all dem noch nicht einmal etwas gelernt haben. Die Troika verlangt selbst heute noch, dass Griechenland bis 2018 einen primären Haushaltsüberschuss (Überschuss vor Zinszahlungen) von 3,5 Prozent vom BIP erreichen müsse.

Ökonomen weltweit haben dieses Ziel als übertrieben drakonisch kritisiert, da jeder Versuch, es zu erfüllen, zwangsläufig zu einem weiteren Abschwung führen würde. Selbst wenn die griechischen Schulden auf eine Weise umstrukturiert werden sollten, wie sie heute nicht vorstellbar ist, wird das Land in der Depression verharren, falls die Wähler sich in dem kurzfristig für dieses Wochenende angesetzten Referendum dem Ziel der Troika verpflichten sollten.

Griechen haben in fünf Jahren viel erreicht
Was die Umwandlung eines grossen Primärdefizits in einen Überschuss angeht, so haben wenige Länder auch nur annähernd bewerkstelligt, was die Griechen im Verlaufe der letzten fünf Jahre erreicht haben. Und obwohl die Kosten, berechnet nach menschlichem Leid, enorm hoch waren, ist die griechische Regierung den Forderungen der Gläubiger in ihrem jüngsten Vorschlag ein grosses Stück entgegengekommen.

Wir sollten uns über Eines klar sein: Von den enormen Summen, die Griechenland als Kredite erhalten hat, ist fast nichts tatsächlich auch nach Griechenland gegangen. Dieses Geld wurde verwendet, um die Gläubiger aus dem privaten Sektor auszuzahlen, darunter deutsche und französische Banken. Griechenland hat lediglich Almosen erhalten, aber einen hohen Preis gezahlt, um die Bankensysteme dieser Länder zu retten. Der IWF und die anderen «offiziellen» Kreditgeber brauchen das Geld, das Griechenland derzeit abverlangt wird, nicht. Ginge alles weiter seinen normalen Gang, würde das erhaltene Geld aller Voraussicht nach doch wieder als Kredit nach Griechenland zurückfliessen.

Geht es beim europäischen Projekt nicht um Demokratie?
Doch um es noch einmal zu sagen: Es geht hier nicht um das Geld. Es geht darum, «Fristen» zu nutzen, um Griechenland zur Kapitulation und zur Akzeptanz des Unannehmbaren zu zwingen – nicht nur Sparmassnahmen, sondern auch anderen regressiven und straforientierten politischen Vorgaben.

Warum aber tut Europa das? Warum widersetzen sich die Führer der Europäischen Union dem Referendum und weigern sich sogar, die Frist für die Zahlung der nächsten Rate Griechenlands an den IWF um ein paar Tage zu verlängern? Geht es denn beim europäischen Projekt nicht um Demokratie?

Im Januar stimmten die griechischen Bürger für eine Regierung, die sich dazu bekannte, die Austerität zu beenden. Wollte die Regierung einfach nur ihr Wahlkampfversprechen einlösen, hätte sie den Vorschlag bereits abgelehnt. Doch sie wollte den Griechen eine Chance geben, sich bei diesem für das künftige Wohl ihres Landes so kritischen Thema einzubringen.

Die Schweden sagten nein
Diese Sorge um öffentliche Legitimität ist unvereinbar mit der Politik der Eurozone, die nie ein besonders demokratisches Projekt war. Die meisten Regierungen der Mitgliedsstaaten fragten ihre Bevölkerungen nicht nach ihrer Zustimmung zur Überantwortung ihrer geldpolitischen Souveränität an die EZB. Als die schwedische Regierung es tat, sagten die Schweden nein.

Sie verstanden, dass die Arbeitslosigkeit steigen würde, wenn die Geldpolitik des Landes durch eine Zentralbank festgelegt würde, die sich kompromisslos auf die Inflation konzentrierte (und auch, dass damit der Finanzstabilität keine hinreichende Aufmerksamkeit geschenkt werden würde). Die Volkswirtschaft würde leiden, weil das der Eurozone zugrunde liegende Wirtschaftsmodell auf Machtbeziehungen beruhte, die die Arbeitnehmer benachteiligten.

Ein «Ja» hätte eine endlose Depression zur Folge
Und tatsächlich ist, was wir heute erleben – 16 Jahre, nachdem die Eurozone diese Beziehungen institutionalisierte –, das Gegenteil von Demokratie: Viele führende europäische Politiker wünschen sich das Ende der linksgerichteten Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Schliesslich ist es extrem unbequem, in Griechenland eine Regierung sitzen zu haben, die sich der Art von Politik, die so viel zur Steigerung der Ungleichheit in so vielen hochentwickelten Ländern beigetragen hat, derart widersetzt, und die sich dafür engagiert, der ungezügelten Macht der Reichen Grenzen zu setzen. Sie scheinen zu glauben, dass sie letztlich den Sturz der griechischen Regierung herbeiführen können, indem sie sie durch Druck dazu bewegen, eine Übereinkunft zu akzeptieren, die ihrem Wählerauftrag widerspricht.

Es ist schwer, den Griechen einen Rat zu geben, wie sie am 5. Juli wählen sollten. Keine der beiden Alternativen – Annahme oder Ablehnung der Bedingungen der Troika – wird einfach, und beide sind mit enormen Risiken behaftet. Ein «Ja» hätte eine praktisch endlose Depression zur Folge.

Ich weiss, wie ich abstimmen würde
Vielleicht könnte ein ausgelaugtes Griechenland – das all seine Vermögenswerte verramscht hat und dessen intelligente junge Leute ausgewandert sind – irgendwann seine Schulden erlassen bekommen; vielleicht würde Griechenland, nachdem es zu einem Land mittleren Einkommens geschrumpft ist, irgendwann Unterstützung von der Weltbank erhalten. All das könnte eventuell im kommenden Jahrzehnt passieren, oder vielleicht in dem Jahrzehnt danach.

Dagegen liesse ein «Nein» zumindest die Möglichkeit offen, dass Griechenland mit seiner starken demokratischen Tradition sein Schicksal in eigene Hände nehmen könnte. Die Griechen könnten damit die Chance erwirken, eine Zukunft zu gestalten, die vielleicht nicht so wohlhabend wäre wie in der Vergangenheit, aber deutlich hoffnungsvoller als die unzumutbare Folter der Gegenwart.

Ich weiss, wie ich abstimmen würde.

http://www.handelszeitung.ch/konjun...so-wuerde-ich-beim-referendum-votieren-805405
(y)(y)(y)(y)(y)(y)(y)(y):)(y)
 
"Interessen der Bevölkerung" ist ein gutes Stichwort.
Wo bleiben denn die Interessen der europäischen Restbevölkerung?
Kannst dus nicht verstehen oder willst dus nicht verstehen, Shimon. Hier prallen zwei komplett gegensätzlich Interessenslagen aufeinander, wie das nun mal so ist bei Gläubiger und Schuldner...


ich habe nicht anderes beschrieben, dass ich die EU in seiner jetzigen form als eine "fehlkonstruktion" halte... und du antwortest auf ganz etwas anderes..

shimon.

p. s. eine interssanta frage ist, warum haben die griechen (vor allem die jetzige "linke" regierung?) nicht verhindert, das mehrere hundert milliardwen in den letzten monaten von griechischen banken abgehoben werden und "versickern" oder auf auslänische konten verschwieden???
 
Shim1938 schrieb:
p. s. eine interssanta frage ist, warum haben die griechen (vor allem die jetzige "linke" regierung?) nicht verhindert, das mehrere hundert milliardwen in den letzten monaten von griechischen banken abgehoben werden und "versickern" oder auf auslänische konten verschwieden???

Ja, das ist für mich auch ein großer Kritikpunkt. Die "Gegner" würden jetzt behaupten, damit sie das eigene Geld und das ihrer Verwandten und Freunde in Sicherheit bringen können. Wenn man das für reine Spekulation bzw. Unterstellung hält (im Zweifel für den Angeklagten ;) ), kann die Antwort lauten: Es wurde bis zum letzten Moment versucht, eine positive Einigung zu erzielen. Den genauen Grund werden wir hier wohl nicht eruieren.
 
Die Regierung in Griechenland muss weg. Diese zutiefst undemokratische Haltung verbreiten nicht nur Journalisten in ihren als Berichte verkleideten Hetz-Kommentaren, es ist auch das Ziel der Bundesregierung und der übrigen Gläubiger. Die weisen das zwar weit und zum Teil auch empört von sich, doch ist die Sachlage längst klar.

Eben. Das war zum Zeitpunkt der Bekanntgabe des Wahlergebnisses schon sonnenklar - betretenes Schweigen und Betonmauer seitens der Eurokraten. Ich glaube Schulz war so ziemlich der erste, der dann irgendwann mal sagte (sinngemäss) "nun sind sie mal an der Regierung, und wir müssen...."
 
Ja, das ist für mich auch ein großer Kritikpunkt. Die "Gegner" würden jetzt behaupten, damit sie das eigene Geld und das ihrer Verwandten und Freunde in Sicherheit bringen können. Wenn man das für reine Spekulation bzw. Unterstellung hält (im Zweifel für den Angeklagten ;) ), kann die Antwort lauten: Es wurde bis zum letzten Moment versucht, eine positive Einigung zu erzielen. Den genauen Grund werden wir hier wohl nicht eruieren.



es ist eine der größten problem im augenblick, dass zu vile geld ins ausland transferiert wurde - und obernrein ist es eine sauerei, ezb mußte täglich an banken geld nachschießen und da sgeht nicht...

shimon
 
Die EZB schiesst eh nix mehr nach. Angeblich reicht das Geld nur noch bis Dienstag. (War eine Meldung im Focus, und der hat seit einiger Zeit eine etwas sehr eigentümliche Berichterstattung.)
 
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