Was ist das Problem mit einer Illusion? Inwiefern ist eine illusionäre Wahrnehmung weniger wert als eine nicht illusionäre Wahrnehmung? Und sagst Du mir noch, was für Dich der Unterschied zwischen den beiden ist?
Ich gehe davon aus, dass es eine Realität außerhalb von mir gibt. Meine Sinne etc. sind mit der Realität in Wechselwirkung und liefern mir so eine Beschreibung dieser Wirklichkeit. Eine Illusion ist, wenn meine Sinne und meine Gedanken mir Dinge vorspiegeln, die die Realität nicht gut beschreiben. Und es ist wirklich erstaunlich, wie viel unserer Wahrnehmungen Illusion ist.
Vielleicht mal ein praktisches Beispiel: Dein Großvater taucht in der Nacht seines Todes bei Dir zuhause, der Du 500 km entfernt wohnst, auf, lächelt Dich an und verabschiedet sich bei Dir. Diese Begegnung fühlt sich für Dich sehr echt an, berührt Dich zutiefst und am nächsten Morgen erfährst du von seinem Ableben in den Nachtstunden. Illusion oder Realität? Mit der Beweisbarkeit wird`s schwierig, oder? Und nun: verliert dieses Erleben für Dich in irgendeiner Weise an Wert, weil es nicht "nach wissenschaftlichen Kriterien beweisbar" ist?
An dem morgen, als mein Vater gestorben ist (Montag den 20. Dezember 2004 zwischen 8:30 und 9:00) bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt. Ich bin im Normalfall ein Spätschläfer, der ohne Wecker selten vor 10 Uhr aufsteht. Ich schaute auf die Uhr, sah, dass es 9:00 Uhr war und dachte, dass ich noch ein Weilchen schlafen kann, konnte aber nicht mehr einschlafen, weil ich an meinen Vater denken musste, den ich noch am Tag zuvor imKrankenhaus besucht habe, und uns hat man da schon gesagt, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Im Nachhinein ist es ein schönes Erlebnis. Auch von anderen Erlebnissen, die ich hatte (vor allem den Tod einer Freundin betreffend) könnte ich berichten.
Aus diesen Erlebnissen kann ich jetzt für mich den Glauben entwickeln: Es gibt ein Weiterleben nach dem Tod. Spiegelt das die Realität wieder? Keine Ahnung. Durch ausgewählte Wahrnehmung und dadurch, dass ich geradezu nach Zeichen gegiert habe, kann ich sie natürlich gesehen haben, wo keine sind. Wie oft bin ich schon morgens früher aufgewacht, und niemand mir nahe stehendes ist gestorben? Wie oft denke ich an andere Menschen, die gerade krank sind?
Diese Erlebnisse und andere Zeichen, die ich wahrgenommen habe, verlieren insofern Wert für mich, weil ich weiß, wie meine Wahrnehmungen (und die anderer Menschen) zustande kommen könnten, ohne, dass sich da eine Seele von mir verabschiedet. Indizien für ein Jenseits gibt es viele; wie Sand am Meer. Aber alle kann man noch zerreden, was mit guter wissenschaftlicher Methodik nicht mehr so einfach ist. Die bekannten Fake-Effekte werden da so weit es möglich ist ausgeschlossen.
Die Naturwissenschaften dienen dazu, die Realität zu beschreiben. Mögliche Illusionen haben da nichts zu suchen. Solche Berichte sind für die Naturwissenschaften also nicht sonderlich wertvoll, weil sich aus ihnen nicht unbedingt der Schluss auf ein Jenseits ziehen lässt (so sehr ich auch drauf hoffe).
Mein Problem mit Illusionen fängt da an, wenn sich ein daraus große Folgen für die Handlungen ergeben. Stell Dir einen Scharlatan vor, der Behauptet diverse Krankheiten heilen zu können. Er kann da aufgrund diverser Fake-Effekte auch wirklich von überzeugt sein. Es wird immer Menschen geben, die auf ihn reinfallen... sehr schade.
Ins Extrem getrieben kann das Folgen von Illusionen zu dem Satz "Gott will, dass ich Ungläugige töte." führen.
Bevor jetzt alle aufschreien: Damit will ich definitiv NICHT alle, die wissenschaftlich unbewiesenen Glaubenssätzen vertrauen in eine Schublade mit Gotteskriegern stecken. Jeder vertraut mehr oder weniger unbewiesenen Thesen. Niemand hat eine absolut objektive Sicht auf die Realität. Aber wie gesagt: Der Thread heißt: "Hat jemand einen Beweis?"
Was ist denn nach "höchst mögliche Maß an Objektivität", wenn "totale Objektivität" nicht möglich ist?
Gute Frage; ich weiß es nicht. Die wissenschftlichen Verfahren sind so aufgebaut, dass alle bekannten Effekte, die ein Ergebnis faken könnten, ausgeschlossen sind (die Ehrlichkeit und Intelligenz der Versuchsleiter vorrausgesetzt). Was ist mit möglichen unbekannten Effekten? Vielleicht gibt es da mehr, als wir kennen. Und Studien, die sich untereinander Widersprechen gibt es auch zu Hauf. Warum widersprechen sie sich? Die einfachste Antwort: Weil bei mindestens einer dieser Studien geschlammt wurde. Bei welcher? Jeder hat da so seine (ev. subjektiven) Präferenzen, welcher Studie er a priori Glauben schenkt... objektiv entscheiden kann man das nur, wenn man beide Studien sehr genau durchleuchtet, deren (u.U sehr subtilen) Unterschiede im Verfahren aufzeigt und schaut, welcher dieser Unterschiede u.U. schlechte Methodik ist. Dazu fehlt aber oft die Zeit und das Geld... So bleibt auch ein subjektives Element erhalten.
Das ist mir jetzt zu wischiwaschi und zu schnell. Nochmals die Frage: was bedeutet für Dich Heilung (um die es Dir ja bei Deinem Bemühen um das Finden der waschfesten, nach wissenschaftlichen Kriterien beweisbaren Behandlungsmethode geht)? Bedeutet Heilung für dich Symptomfreiheit von einem speziellen Krankheitsbild auf körperlicher Ebene? Inwiefern spielt dabei das Gemüt für dich eine Rolle? Und welchen Zeitraum hast Du vor Augen, innerhalb dessen die Heilung "anhalten" soll, um für Dich als "Heilung" durchzugehen?
Da gibt es viele mögliche Kriterien, was man als Erfolg oder Misserfolg wertet. Nur um mal ein paar aufzuzählen:
- Der Patient ist schneller symptom- und beschwerdefrei als ohne bzw. mit anderen Behandlungen
- Die Folgeschäden sind geringer als ohne bzw. mit anderen Behandlungen
- Der Patient überlebt im Schnitt länger als ohne bzw. mit anderen Behandlungen
- Der Anteil der Patienten, die einen bestimmten Zeitraum überleben ist größer
Nach welchem dieser Kriterien man sich dabei richtet hängt dann davon ab, was der Patient überhaupt will, und es ist Aufgabe des Arztes bzw. von Studien, dem Patienten darüber aufzuklären, wie groß die Chancen sind mit welcher Behandlung welches Ziel zu erreichen. Und bei der Unterscheidung von Erfolg und Misserfolg ist es meine Meinung nach auch wichtig zu wissen, woran der Erfolg genau liegt. Und das Doppelblind-Verfahren (richtig durchgeführt) ist meiner Meinung nach das einzige Verfahren, bei dem ein Erfolg definitiv der untersuchten Behandlung zugeschrieben werden kann.
Diese Kriterien sind nicht so einfach, wie sie vielleicht klingen mögen, und man kann wunderbar damit schummeln (bekannt, aber leider selten beachtet). So wurden schon Patienten, die 3 Jahre nach der Bahndlung an einer anderen Krankheit verstorben sind heimlich unter "hat 5 Jahre überlebt" gezählt. Durch solche und viele andere Mogelleien kann ich gut verstehen, wenn Ärzten schlecht wird, wenn sie das Wort "Studie" hören. Das sollte aber nicht Grund dafür sein die wissenschaftliche Methodik zu verdammen und zu verlassen, sondern Ansporn, gegen solche Machenschaften anzukämpfen und es besser (sauberer nach wissenschaftlicher Methodik) zu machen.
Also z.B. jemand hat Darmkrebs, bekommt die volle schulmedizinische Dröhnung, Darmkrebs verschwindet, 1 Jahr später taucht der Leberkrebs auf, wieder volle schulmedizinische Dröhnung, Leberkrebs verschwindet mit 3/4 der weggeschnittenen Leber, Patient erholt sich. 1 Jahr später sog. Metastasen in der Lunge. Nun: infauste Prognose, keinerlei Behandlung mehr möglich! Wo und wie und wie lange siehst Du hier jeweils "Heilung? Spielt das subjektive Befinden des Patienten dabei für Dich eine Rolle? Wenn ja, welche?
Das klingt wieder so, als wenn dieser Verlauf bei Darmkrebs mit schulmedizinischer Behandlung vorprogrammiert waere. Er ist möglich (definitiv unbestritten). In meinem Bekanntenkreis kenne ich einige Fälle von Krebs. Einige, bei denen die BEhandlung scheinbar gar nichts gebracht hat. Einige, bei denen zumindest eine kurze Lebensverlängerung da war. Einige, bei denen es so ähnlich lief, wie Du beschrieben hast, aber auch einige, wo die Patienten jetzt noch Jahre später ein gesundes und glückliches Leben führen (und alle mit schulmedizinischer Behandlung).
Das subjektive Befinden des Patienten spielt natürlich eine große Rolle; es kommt darauf an, was will der Patient erreichen. Und es ist die Aufgabe des Arztes, darüber aufzuklären, was die Chancen und was die Gefahren sind, wonach der Patient dann entscheiden kann.
Konkret zu Deinem Beispielverlauf. Ich stelle mir vor, ich wäre dieser Patient am Anfang, und bei mir würde Darmkrebst festgestellt werden. Meine Idealvorstellung von Arzt klärt mich nun auf: "Bei der Behandlung, die meiner Meinung nach am besten für sie ist, besteht die 50% Chance, dass sie in 5 Jahren noch leben und neben dieser und jener Folgeschäden beschwerdefrei sind; ohne Behandlung werden sie höchstwahrscheinlich innerhalb der nächsten 12 Monate sterben. Wenn sie auf der falschen Seite der Statistik sind, so besteht die Gefahr von Folgekrebs-Erkrankungen, die wir nicht mehr so leicht in den Griff bekommen können." Nun kann ich abwägen, was ich will, wobei mir alle objektiven Informationen, die möglich und nötig sind, zur Verfügung stehen. Ich kann mir dabei durchaus Fälle vorstellen, bei denen ich eine Behandlung ablehnen würde. Objektive Entscheidungskriterien gibt es dabei dann nicht mehr unbedingt, und da kommt dann, wenn man so will, die Intuition ins Spiel (sowohl beim Arzt als auch beim Patienten). Eine Scheinsicherheit gibt es nicht... wenn mir 80% Erfolgsaussicht gegeben wird, so kann ich immernoch auf der falschen Seite der Statistik sein. Aber immerhin kann 80% der Patienten, die sich für diese Behandlung entscheiden, geholfen werden. Und das ist sowohl eine wichtige als auch interessante Information.
Viele Grüße
Joey