Teil 1 - Individuum & Konstruktion
Worte und Konzepte
Was haben ein Baum, ein Zahn und ein komplexes Problem gemeinsam?
Auf den ersten Blick gar nichts. Doch das Gehirn ist ein Meister der Konstruktion. Sobald „wir“ das „Konzept“ Wurzeleinführen, entstehen plötzlich, und scheinbar wie durch Zauberei, Gemeinsamkeiten. Was vorher getrennt war, gehört nun einer Kategorie an.
Dieses kleine Wortspiel weist aber auch auf etwas hin, das in vielen aktuellen neurowissenschaftlichen Modellen beschrieben wird. Viele unserer Wahrnehmungen sind keine exakten Abbilder der Außenwelt, sondern entstehen durch aktive Verarbeitungsprozesse unseres Gehirns.
Es fühlt sich für uns so an, als würden wir die Außenwelt da draußen einfach nur objektiv wahrnehmen und auf sie reagieren. Doch viele Ansätze der aktuellen Hirnforschung geben Anlass, diese intuitive Sichtweise zu hinterfragen.
Dieser Beitrag widmet sich der Sichtweise der „Theorie der konstruierten Emotionen“ von L. Feldman Barrett. Ihre Arbeit gilt als wissenschaftlich gut belegt und einflussreich, auch wenn sie, wie jede Theorie, weiterhin diskutiert und geprüft wird.
Innerhalb dieser Theorie wird das Gehirn nicht als „passiver Empfänger“ der Außenwelt verstanden, sondern als ein System, das fortlaufend Vorhersagen generiert und Bedeutung konstruiert.
Dieser Gedanke ist aber nicht neu. Die andere Perspektive ist die buddhistische Sicht auf die Dinge. Im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. beschrieb der Philosoph Nagarjuna, dass die vermeintlichen Essenzen und Wesenskerne von Dingen nicht unabhängig existieren, sondern in Abhängigkeit von Benennung und Kontext entstehen.
Was damit gemeint ist, lässt sich recht einfach veranschaulichen.
Lese ich von links nach rechts, ist der Kontext „Buchstabe“ und Benennung „B“.
Lese ich aber von oben nach unten ist der Kontext „Zahl“ und Benennung „13“.
Wenn man nun zwischen den Kontexten hin und her wechselt, erkennt man, wie flexibel der Geist zwischen unterschiedlichen Konzepten hin und her springen kann.
Das Symbol selbst ist weder „B“ noch „13“. Es besitzt keine festgelegte „B“oder „13“ Natur. Die Bedeutung entsteht durch den Kontext, in dem es interpretiert wird.
Nach dem Modell lässt sich sagen, dass das Gehirn auf vorhandene Konzepte, frühere Erfahrungen, zurückgreift, um Sinn zu erzeugen. Es „entscheidet“ nicht bewusst, sondern nutzt erlernte Muster, um aus verschiedenen Informationen eine stimmige Wirklichkeit zu formen.
Im Herz-Sutra heißt es: „Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.“ Vereinfacht gesagt könnten „B“ und „13“ hier als Form verstanden werden, während die „Leerheit“ darauf verweist, dass diese Bedeutungen nicht fest im Objekt selbst liegen, sondern im Geist entstehen.
Konzepte sind dabei nicht das Problem, im Gegenteil sie machen die Welt zugänglich. Sie sind die Grundlage dafür, dass wir überhaupt sinnvoll wahrnehmen können. Ohne sie würde das Gehirn keine stabile Welt erzeugen können, sondern wäre mit einem ungeordneten Schwall aus Sinneseindrücken konfrontiert.
Doch dieselben Konzepte können auch zu einer starken Verengung führen. Deutungen werden oft für die Wirklichkeit selbst gehalten und erscheinen schnell als selbstverständlich und unumgänglich.
Konzepte sind praktisch. Aber zu verstehen, wie sehr sie unsere Wahrnehmung beeinflussen, eröffnet eine große Flexibilität. Es kann auch erheblich dabei helfen, sich weniger stark mit bestimmten Deutungen zu identifizieren und sich dadurch weniger in ihnen zu verstricken.
Im Buddhismus heißt es nicht die Konzepte aufzulösen, sondern nicht an ihnen anzuhaften.
Ein ähnliches Bild findet sich auch bei Plato im Höhlengleichnis. Die Gefangenen sehen Schatten an und geben ihnen Namen. In ihrer Situation ist das sinnvoll, doch sie erkennen nicht, dass ihre Wirklichkeit bereits eine Interpretation ist.
Übertragen auf das hier beschriebene Modell bedeutet das, wir erleben nicht einfach „die Welt da Draußen“ , sondern eine Version davon, die unser Gehirn auf Basis von Vorhersagen, Erfahrungen und Konzepten konstruiert.
Als der Gefangene befreit wurde, sieht er zum ersten Mal die Sonne. “Langsam musste er sich an den Anblick des Neuen gewöhnen, wobei er erst Schatten, dann Spiegelbilder im Wasser und schließlich die Menschen und Dinge selbst erkennen konnte“
Interozeption oder„was der Körper aus der Tiefe flüstert“
Neben den klassischen Sinnen nach außen (sehen, hören, riechen) existiert ein kontinuierlicher Strom an Signalen aus dem Körperinneren. Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Sauerstoff, Energiebedarf oder Hormonhaushalt usw.
Dabei ist das Gehirn nicht rein reaktiv, sondern trifft fortlaufend Vorhersagen über den Körperzustand und reguliert diesen. Das heißt, es wartet nicht, bis man fast verdurstet ist, um Durst zu signalisieren.
Allostase/Körperbudget oder „die Bank im Kopf“
Die grundlegende Aufgabe des Gehirns besteht darin,die Ressourcen des Körpers, wie z.B. Glukose, Sauerstoff oder Wasser, so zu regulieren, dass ein stabiler Zustand erhalten bleibt.
Jede Bewegung, jeder Gedanke, kostet Energie. Man kann sich das einfach wie ein Konto vorstellen. Schlaf, Nahrung und Erholung sind Einzahlungen. Belastung und Aktivität sind Ausgaben.
Das Gehirn arbeitet hier vorausschauend. Es wartet nicht, bis das „Konto“ leer ist. Es versucht ununterbrochen abzuschätzen, was als Nächstes gebraucht wird.
Wenn es zum Beispiel „erwartet“, körperlich aktiv zu werden, oder eine anstrengende Situation bevorsteht, stellt es frühzeitig Energie bereit, etwa durch Veränderungen im Herzschlag, in der Atmung oder im Hormonhaushalt.
Wenn das Budget ausgeglichen ist, fühlt sich der Zustand oft stabil oder neutral an.
Gerät es aber aus dem Gleichgewicht, (z.B. durch Schlafmangel, Hunger oder anhaltenden Stress), entsteht ein unangenehmer Grundzustand.
Das Gehirn liefert dabei keine genaue Diagnose. Es sagt uns nicht: „Blutzucker niedrig“. Stattdessen entsteht ein eher unspezifisches Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“.
Affekt oder „das Grundgefühl im Hintergrund“
Aus diesen inneren Signalen erzeugt das Gehirn ein grundlegendes Körpergefühl, den sogenannte Affekt. Er lässt sich grob beschreiben:
Valenz (angenehm –unangenehm / wohl oder unwohl)
Arousal (aktiviert –ruhig / aufgeregt oder entspannt.)
Dieses Grundgefühl ist immer da, auch wenn es mal nicht bewusst ist. Es kann als eine Art„Hintergrundzustand“ verstanden werden, auf dessen Basis Emotionen entstehen.
Ein schneller Herzschlag kann, je nach Situation, unterschiedlich interpretiert werden:
als Vorfreude
als Nervosität
als Angst
Der körperliche Zustand allein legt die Emotion nicht fest. Erst durch die Einordnung mithilfe von Konzepten wird daraus eine konkrete Erfahrung.
Negativer Affekt oder „die Alarmglocke“
Wenn die Sinne aus dem Körperinneren melden, dass Ressourcen fehlen, entsteht häufig ein negativer Affekt. Er kann als Hinweis verstanden werden: „Der Körper steht unter Belastung“
Dabei geht es nicht um eine exakte Diagnose, sondern um einen unspezifischen Zustand.
Das Gehirn versucht jedoch, diesen Zustand einzuordnen. Es greift auf frühere Erfahrungen und Konzepte zurück und konstruiert daraus eine Bedeutung.
Die konkrete Emotion entsteht also nicht nur aus dem Zustand selbst, sondern aus einer Deutung.
Wenn wir nicht bemerken, dass unser aktueller Zustand unsere Wahrnehmung färbt, halten wir unsere Deutung schnell für die Realität.
Das, was wir fühlen, wirkt dann wie eine direkte Eigenschaft der Welt.
Das folgende kann helfen,den Zustand anders zu betrachten.
1. Stopp
Der erste Impuls ist meist zu reagieren, zu bewerten und zu handeln.
Stattdessen einfach kurz innehalten.
Ein paar Sekunden reichen oft schon, um den automatischen Ablauf zu unterbrechen.
2. Aufmerksamkeit nach innen richten und die Wahrnehmung bewusst in den Körper richten.
Herzschlag?
Atmung?
Spannung?
Energie?
Nicht analysieren, nur wahrnehmen.
3. Den Zustand als„Affekt“ erkennen
Sich bewusst machen:
Das ist gerade ein unangenehmer Grundzustand, noch keine klare Emotion.
Eine mögliche innere Formulierung: „Da ist gerade Unruhe“statt „Ich bin wütend.“
Das schafft bereits etwas Abstand.
4. Körperzustand prüfen
Sich einfache Fragen stellen:
genug Schlaf?
genug Nahrung?
Erschöpfung/Stress?
Oft liegt hier bereits ein Teil der „Erklärung“.
5. Die erste Interpretation hinterfragen
Der Geist liefert schnell eine Geschichte:
Diese Deutung nicht sofort für wahr halten und fragen:
Ist das gerade eine Reaktion auf die Situation oder auf meinen Zustand?
6. Alternative Deutungen zulassen.
Statt nur einer festen Interpretation bewusst mehrere Möglichkeiten zulassen:
Das erweitert den Handlungsspielraum.
7. Körper regulieren statt nur „nachdenken“
Da der Ursprung oft körperlich ist, hilft auch körperliche Regulation:
- trinken/essen
Bewegung
Atmung
Nicht alles muss „psychologisch gelöst“ werden.
8. Zeit geben
Affekte sind oft vorübergehend.
Nicht jede Stimmung braucht sofort eine Lösung oder Bedeutung.
Manchmal reicht es, sie kommen und gehen zu lassen.
9. Nicht an der Deutung anhaften
Gedanken und Emotionen müssen nicht bekämpft werden, aber man muss ihnen auch nicht vollständig glauben.
Eine mögliche Haltung wäre:
„Das ist eine Konstruktion meines aktuellen Zustands, nicht die absolute Wirklichkeit.“
10. Mit etwas Abstand neu bewerten
Erst wenn der Zustand ruhiger ist, kann man klarer beurteilen:
Diese Unterscheidung wird mit der Zeit leichter.
Affekte sind Signale, keine eindeutige Wahrheit. Der Körperzustand beeinflusst die Wahrnehmung stärker, als es erscheint.
Die Interpretation ist veränderbar.
Das Erleben wirkt unmittelbar, doch es ist bereits das Ergebnis eines Prozesses.
Wenn Wahrnehmung und Gefühl nicht einfach nur „passieren“, sondern konstruiert werden,
dann eröffnet sich eine neue Perspektive.