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Maracanã

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von Seal144, 4. Juli 2019.

  1. Seal144

    Seal144 Sehr aktives Mitglied

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    Was sind das für Menschen, diese jungen brasilianischen Fuβballprofis, die überall in Europa in den besten Clubs spielen? Wie leben sie und wie denken sie, wo kommen sie her?

    Diese Frage wollte ich ein wenig mit meinem Roman beantworten.


    „Fußball, das Ballett der Götter, die mit einem Ball spielen... Das ist Religion, das ist Magie!“

    So wird Fuβball in Brasilien gesehen. Dort wo die Gene bereits in Vierjährigen Jungens zu tanzen beginnen, wie beim Protagonisten Diogo.

    Fuβball ist Religion und zugleich Spiel. Spielerisch wird in Brasilien das Leben angegangen. Ein Volk, welches die Leichtigkeit des Seins wie kein anderes Volk besser beherrscht… in Brasilien tanzen die Gene der Menschen im Blut.



    Maracanã



    Der alte Mann zog das Bein ein wenig nach, als er mit Diogo an der Hand die Stufen hinabschritt. Es war still und ihre Schritte hallten unnatürlich laut. Das Maracanã Stadion war menschenleer. Unten angelangt, blieb er stehen, deutete zum Rasen.

    „Das ist das Allerheiligste unseres großartigsten Tempels, mein Junge.“

    Diogo nickte. Staunend blickte er auf das Grün vor ihm. Leuchtend und schier unendlich in seiner Ausdehnung.

    „Hier haben alle unsere Götter gespielt.“

    Der Alte betrat mit dem kleinen Diogo das Spielfeld.

    „Diesen Rasen, mein Junge, pflege ich seit dreißig Jahren.“ Er bückte sich und strich liebevoll über die Gräser.

    „Tio?“

    Langsam wandte sich der Onkel zu ihm.

    „Ja, mein Junge?“

    „Tio, hier spielt auch Zico, nicht wahr?“

    Sein Onkel lächelte. „Auch Zico. Komm, setzt dich zu mir“, forderte er ihn auf. „Ich habe dir etwas Wichtiges zu erzählen.“

    „Wegen dem Geheimnis, nicht wahr, Tio?“

    „Ja! Wegen dem Geheimnis!“ Er nickte.

    Diogo setzte sich und blickte ihn erwartungsvoll an. Er schaute in das sorgenzerfurchte Gesicht des Mulatten. Seine ergrauten Haare verliehen ihm das Aussehen eines weisen Mannes.

    „Es hat sich vor genau vierzig Jahren zugetragen“, begann sein Onkel. „Hier, auf diesem Rasen, fand 1950 die Fußballweltmeisterschaft statt. Damals befanden sich zweihunderttausend Menschen im Maracanã und ich spielte in unserer Nationalmannschaft als Mittelstürmer.“ Er machte eine Pause und lächelte. „Es war ein großes Fest und die Menschen jubelten uns zu. Wir überrollten alle Gegner. Drei Wochen war Karneval. Die Trommler waren im Maracanã und es gab Samba in Rio, und im ganzen Land. - Dann das Endspiel gegen Uruguay.“ Seine Stimme wurde heiser. „Wir führten mit einem Tor und Uruguay erzielte auch ein Tor. Doch dann kam die Schmach, als Uruguay das zweite Tor schoss!“

    Betroffen hörte der kleine Diogo ihm zu.

    „Es wurde plötzlich totenstill im Maracanã! – So still, dass man das Schluchzen einer Frau hörte“, fuhr sein Onkel fort. „Das Fest war zu Ende. Schweigend gingen die Menschen nach Hause. - Manche haben sich sogar das Leben genommen.“ Er lächelte traurig und nahm die Hand seines Neffen. „Ich habe damals einen Schwur abgelegt, mein Junge. Vor unseren afrikanischen Göttern. Einen Schwur, dass einer aus unserer Familie die Ehre zurückholen wird. Und das bist du, Diogo!“ Sein Onkel drückte seine Hand.

    „Ich, Tio?“

    „Ja!“ - Er nickte. „Du bist sieben Jahre alt und spielst jetzt schon herausragenden Fußball. Das ist ein Geschenk der Götter. Ein Geschenk von Xangô! Du wirst siegen. Hier auf diesem

    Rasen und in der Welt. Xangô wird dich führen. Glaube immer daran.“ Sein Onkel schwieg und atmete schwer. „Das ist das Geheimnis, mein Junge!“

    „Dass ich ein Sieger bin, Tio?“

    „Ja! Du bist bereits zum Sieger geboren worden und stehst unter Xangôs Schutz! - Willst du versprechen, für den Ruhm Brasiliens zu kämpfen und zu siegen?“

    „Ich verspreche es, Tio!“

    „Glaube fest daran, immer. Und behalte dieses Geheimnis für dich.“

    1. Buch


    Angela saβ am Vidigal-Strand und blickte traurig hinaus über das Wasser. Sie nahm die Schönheit um sich herum nicht wirklich wahr, weder die kleinen Inseln, noch die üppige Vegetation an den Hängen der Steilküste, ihr Blick war starr nach vorne gerichtet, verlor sich irgendwo in weite Ferne.

    Die Kulisse der Traumstadt Rio de Janeiro mit den verspiegelten Hochhäusern von Ipanema, sanft umspielt vom aufsteigenden Nachmittagsdunst des Ozeans, war nur noch belanglos wie ein Traum, so flüchtig und vergänglich wie das Leben. Seit Torstens Tod saβ Angela oft hier, ganz versunken in ihren Erinnerungen:


    Sein plötzlicher Tod zwang mich in einen dunklen Tunnel, aus dem ich nicht mehr herauskomme, ich sehe die Bilder vor mir, als war es gestern.

    Der Krankenwagen kam nach zehn Minuten. Mit heulender Sirene fuhren wir los, die Fahrt ging zu einem der besten Herznotfallkrankenhäuser.

    „Du schaffst es“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Du schaffst es, Torsten. Nervös blickte ich immer wieder auf die Uhr.

    Wir kamen schnell durch. Die Straβen waren Gott sei Dank leer. Dann aber sah ich nur noch zu Torsten. Ich fühlte, dass es mit ihm zu Ende ging.

    Ich sehe immer noch seine Augen, wie das Leben langsam darin erlosch. Sie brachen und erstarrten. Er war auf einmal nicht mehr vorhanden. Wohin ging er? Welchen unsichtbaren Weg nahm er, auf dem ich ihm nicht folgen konnte?

    Nur eine leblose Hülle blieb zurück, ich begleitete seinen toten Körper nach Deutschland und stand an seinem Grab. Neben mir fremde Menschen, und ich war mir selbst fremd. In mir war alles wie tot. Ich beobachtete, wie der Pfarrer predigte und auf das Jenseits hinwies mit seinen Versprechen. Erde fiel auf den Sarg, erst eine Hand voll und dann mehr und mehr, bis Torsten unter dem Erdboden verschwand. Ich nahm damals alles um mich herum besonders intensiv wahr, nur war es so, als ob es mich nicht betreffe. Ich konnte nicht einmal weinen. Aber ich roch den Duft der vielen Blumen. Die frische Erde. Ich hörte das Rascheln verdorrter Blätter, die der Wind wahllos herum blies. Sind wir nicht wie Blätter im Wind? Getrieben durch das Leben, sinnlos und ohne Ziel?

    Ich weiβ, die Zeit wird die Wunde heilen, das Traurige daran ist, Torsten, dass du dich mir immer mehr entfernst. Jeden Tag wirst du ein wenig mehr hinüber gehen über dieses Meer und in der Unendlichkeit verschwinden. Du bist ja nicht mehr wirklich da… nur noch in meinen Erinnerungen, die eines Tages verblassen werden, Erinnerungen, die wie Sand durch meine Finger rieseln…




    Alô. Ist alles in Ordnung mit dir?“ Vor Angela stand ein kräftiger junger Mann, er war Mulatte und trug ein rotes T-Shirt und schwarze Shorts. Wie selbstverständlich hockte er sich neben sie in den Sand und sah sie aufmerksam an.

    „Geht es dir gut?“

    Sie nickte nur.

    Er bemerkte ihre verweinten Augen, es waren blaue Augen. Sie ist eine Schönheit, dachte er, sogar mit geschwollenen Augen ist sie schön.

    „Warum bist du traurig, kann ich dir helfen?“

    Angela wendete sich dem jungen Mann zu.

    „Mach dir keine Sorgen, mir geht’s gut.“

    „Du sprichst Portugiesisch?“, fragte er neugierig.

    „Ich habe es gelernt.“ Sie lächelte schwach. „Ich bin nicht im Urlaub, sondern arbeite oben im Hotel“, deutete sie hinauf zum Sheraton.


    Eigentlich sollte ich nicht mit ihm reden, schoss es durch ihren Kopf. Man hat uns zur Genüge gewarnt. Rio gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt, wo Überfälle Tag und Nacht passieren…

    „Ich weiβ ganz genau, was du denkst.“ Er lachte hell auf. „Nicht alle Menschen in unserem Land sind gefährlich. Meine Freunde und ich, wir spielen hier am Strand Fuβball und haben unseren Spaβ, mehr nicht.“

    „Gut, ich glaube dir. Ich habe sowieso keine Wertsachen dabei.“


    Die anderen Jungs riefen zu Diogo herüber, er winkte ab und bedeutete ihnen, dass sie ohne ihn gehen sollten.

    „Woher kommst du?“, wollte er wissen.

    „Aus Deutschland.“

    „Deutschland? Oh, die spielen gut Fuβball!“

    „Du denkst vor allem an Fuβball, oder? Was machst du sonst noch auβer Fuβball spielen?“

    „Jetzt helfe ich ein wenig bei uns im Club aus. Mein Traum ist in den Flamengo Club aufgenommen zu werden. Zico ist mein groβes Vorbild.“

    „Zico?“ Da kann ich doch nur drüber lächeln, sagte sich Angela. Wie selbstsicher er das von sich gibt. „Und du meinst, du hättest Chancen? Gibt es in Brasilien nicht noch einige Millionen, die den gleichen Traum haben wie du?“

    Er nickte. „Ja, das stimmt. Ich bin aber ein guter Fuβballspieler. Morgen werde ich beim Flamengo vorspielen dürfen.“

    „Na denn.“ Angela erhob sich. „Ich wünsch dir viel Glück.“ Sie sah ihn an. „Es wird schon dunkel, ich muss gehen.“

    Tchau“, rief er ihr noch zu. „Wir sehen uns bestimmt wieder. Ich komme öfters her.“









     
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  2. LalDed

    LalDed Sehr aktives Mitglied

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    Vor langer Zeit las ich einmal in einem Buch einen interessanten Gedanken.
    Die Orgien, die ganz früher während bestimmter Jahreskreifeste statt gefunden hätten, hätten die politische Funktion gehabt, Aggressionen abzubauen, so dass während des restlichen Teil des Jahres Frieden zwischen den Bewohnern einer Gegend herrschte.
    Ich finde das einen klugen Gedanken.
    Seit dem denke ich, dass in unserer Zeit Fußball eine ähnliche Bedeutung haben könnte ..... ritualisierter Stressabbau. Könnte auch die (fast schon) religiöse Bedeutung dieses Sportes erklären...
     
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  3. Seal144

    Seal144 Sehr aktives Mitglied

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    Ja das kann sein, es ist unglaublich diese Elektrische Ladung in so einem Stadium zu spueren. Du wirst unweigerlich mitgerissen von einer Welle, die dich erfasst und einmal rum rast durch die Menschen durch. Wow!!!!

    Ich habe das selbst erlebt im Maracana Stadium bei einem Spiel. Als Reiseleiterin war ich aber auch oft morgends mit Touristen dort und wir durften den Rasen betreten...:blume:
     
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  4. Seal144

    Seal144 Sehr aktives Mitglied

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    II


    Als Maysa im Plataforma eintraf, herrschte die übliche Stimmung kurz vor der Probe. Sie öffnete die Tür zur Garderobe, wo ihr ein Schwall von aufgeregtem Durcheinanderreden und Lachen der Tänzerinnen entgegen drang. Im Hintergrund spielte Sambamusik, dazu die wild gestikulierenden Untermalungen der halbnackten Tänzerinnen, die sich ihre neusten Liebesabenteuer erzählten: „Ich wollte nur ein bisschen mit ihm in seinem Auto spazieren fahren, aber dann fiel er über mich her, como todos os diabos!“

    „Wir haben so ein bisschen rumgemacht, aber richtiges programa mache ich nicht!, verstehst du?“

    „Der war bestimmt verheiratet, so wie der ran ging! Cafageste!“

    Alle sprachen durcheinander und standen vor einer langen Reihe Spiegel. um Mascara und Rouge aufzulegen oder sich den Mund mit Lippenstift nachzuziehen.

    Alô, Maysa. Beeil dich, wir fangen gleich an.“

    Oi Maysa!“

    Iracema kam auf Maysa zu.

    „Hast du den Koks dabei?“, fragte sie leise. Maysa nickte.

    „Es ist teurer geworden“, sagte Maysa auf dem Weg zur Toilette. „Ich konnte heute nicht mehr bringen, die Militärpolizei war schon wieder bei uns im Viertel. Bruno sagte, das war ein Einführungspreis.“ Sie reichte ihr das Päckchen.

    Malditos bandidos!“, schnaubte Iracema. „Morgen bringe ich dir das Geld.“

    Maysa verteilte ein wenig von dem Pulver auf der Marmorplatte vor dem Spiegel. Sie schnupften und gingen dann auf die Bühne, um ihre Nummer durchzuproben.


    Maysa dachte an heute Nachmittag, wie sie vergeblich auf Diogo wartete, während sie mit den anderen Tänzerinnen die Choreografie Schritt für Schritt durchnahmen.

    Sie lächelte, während sie mit gewohnter Leichtigkeit probte, und dachte daran, dass Bruno gehalten hatte, was er versprach.



    Die Aufführung begann. Maysa liebte diesen elektrisierenden Moment, wenn sie zusammen mit fünfzehn Tänzerinnen auf hochhackigen Schuhen und ihrem Glitzerperlenkostüm die Bühne betrat, angestrahlt von blendenden Scheinwerfern. Sie war es gewohnt Mittelpunkt zu sein und sie genoss das. Sie genoss den Samba, sie genoss die Blicke der Männer. Selbstsicher, mit verführerisch gleichgültigem Blick, lieβ sie die Hüften im sich steigernden Rhythmus der Trommeln kreisen. Sie genoss die Kraft, die sie jedes Mal neu ergriff, ein Stromschub, der sie erfasste, in ihr wirkte und sie schlieβlich alles rings um sich vergessen ließ. Da war nur noch Musik und die Trommeln, die jede Faser ihres Körpers vibrieren lieβ. Sie war Rhythmus. Schwerelos wirbelten ihre Beine über die Bühne. Der Beifall holte sie wieder zurück; glücklich verbeugte sie sich.


    „Da sitzt ein wichtiger Herr im Publikum und will mit dir sprechen.“ Der Chefkoreograph stand mit Maysa hinter der Bühne. „Ich wittere eine Chance für dich.“
     
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  5. Seal144

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    III


    Ich muss dieses Mädchen unbedingt wiedersehen, dachte Diogo, während er ganz in Gedanken an sein Erlebnis mit der schönen Unbekannten den schmalen Pfad neben der Hotelmauer hinaufkletterte. Sie arbeitet in dem Hotel dort. Sein Blick streifte abwesend hinauf zu dem dreiβig Stockwerke hohen Bau an der Steilküste.

    Als er die Avenida Oscar Niemayer überquerte, sah er über die Schulter hinüber zu der eleganten Einfahrt vom Hotel. Ich war noch nie da drinnen. Es ist für mich eine Welt, die ich nicht betreten darf. Ob ich es eines Tages soweit bringe, dort ein und aus zu gehen? Ich bin ein Mensch, der nach vorne schaut und nie zurück in die Vergangenheit. Plötzlich hupten die Autos. Er lachte winkend und wandte sich der Straße zu, die nach Vidigal führte. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit eilte er heute die vielen Treppen nach Vidigal hinauf.

    Vidigal war eines der privilegierten Armenviertel von Rio de Janeiro. An den steilen Berghängen klebten tausende von Wellblechhütten. Doch die Idylle war trügerisch, seit Jahren fanden hier erbitterte Kriege zwischen Drogenbanden statt.


    Oben vor dem Häuschen von Diogos Tante tollte wie immer ein Haufen Kinder herum. Kaum entdeckten sie Diogo, riefen sie: „Didi, Maysa hat auf dich gewartet, wo warst du so lange?

    Er winkte ihnen zu. „Ich habe etwas länger Fußball gespielt.“

    „Stimmt doch gar nicht.“ Mario lachte. „ Paulinho, Marco und Chico sind längst zurück.“

    Und schon kam der Ball zu Didi angeflogen. „Didi! Zeig es uns noch mal, bitte!“

    Didi jonglierte den Ball ein paar Mal von den Füssen zum Kopf hin und her und betrat dann unter Beifallsgeklatsche das Häuschen seiner Tante.


    „Es ist spät, Maysa hat auf dich gewartet und ging dann. Du wirst Hunger haben“, begrüβte ihn seine Tante. Sie war eine dicke Mulattin mit fülligen Hüften und einem gutmütigen Gesicht, die viel in ihrem Leben gearbeitet hatte. Für sie war einmal Heiraten und eine Familie mit Kinderkriegen das Wichtigste im Leben. Solange, bis ihr Mann sie von einem Tag auf den anderen einfach sitzen lieβ.


    „Bruno ist auch da, er hat mit dem Abendessen auf dich gewartet“, sagte sie. Bruno saβ am Küchentisch und las Science-Fiction-Comics. Seine Tante stellte jedem von ihnen einen Teller mit schwarzen Bohnen und Reis auf den Tisch „Na, Tante, was macht die novela?“, wollte Diogo wissen. In der kleinen Wohnküche lief der Fernseher den ganzen Tag. Zusammen mit über hundert Millionen Brasilianern wartete Maria Luisa voller Spannung auf das nächste Kapitel der Telenovela, die jeden Abend um acht Uhr ausgestrahlt wurde.

    „Heute kommt der groβe Augenblick!“, rief Dona Maria Luisa. „Endlich werden sie einander ihre Liebe bekennen!“

    Bruno musste an heute Nachmittag denken, wie Maysa vergeblich auf Didi wartete:


    Bruno begleitete Maysa die paar Schritte nach Hause, er folgte ihr die Treppenstufen zu ihrem Häuschen nach oben. Seine Augen hefteten sich auf ihr Hinterteil, es machte ihn verrückt, sie in dem kurzen Rock zu sehen. Keine hier im Viertel hat so ein Hinterteil wie sie, dachte er. Es existiert keine Frau in meinem Leben, die mich so verrückt macht wie Maysa, und sie weiβ es!

    Wir kennen uns schon lange, haben als Kinder zusammen gespielt. Ich war der Ältere und habe auf sie aufgepasst, als wir zur Schule gingen. An sie kam keiner so leicht ran. Er lächelte, sah Maysa von damals vor sich, wie ein großer Bruder tröstete er sie, wenn ihr Vater betrunken nach Hause kam und um sich prügelte. Wir sind gebrannte Kinder, aber wir haben gelernt. Die Jahre vergingen und vieles änderte sich, merda, alles änderte sich und auch wir sind nicht mehr unschuldig, wann waren wir es jemals?

    Maysa verliebte sich in Diogo und ich blieb nur noch der gute Freund. Uma puta ist sie, die mich provoziert mit ihrem Körper, sie weiß es und glaubt, sie kann mit mir spielen.

    „Wo ist der Stoff?“, fragte Maysa, als sie bei ihrem Haus ankamen.

    „Es ist teuerer geworden, fünfzig Reais mehr für jedes Päckchen.“

    „Teurer?“, fragte sie ärgerlich. "Und warum hast du nicht mehr dabei?“

    „Armando hat Schwierigkeiten mit Bubu. Und außerdem war es ein Einführungspreis.“

    Er holte zwei Päckchen aus seiner Tasche und reichte sie ihr.“ Er zuckte mit den Schultern, blieb unschlüssig stehen.

    „Und? Was ist noch?“

    „Nichts, morgen besorge ich mehr“, antwortete er grinsend. „Wollen wir es nicht mal zusammen machen? Du bekommst den Stoff heute dafür umsonst.“

    Maysa sah ihn an. Er war ein kräftiger Mulatte, aber mit seiner platten Nase weit davon entfernt, gut auszusehen. Sie schüttelte den Kopf. „Du weißt doch, dass ich mit Didi gehe.“

    „Didi!“ Er spuckte verächtlich aus. „Mein Cousin interessiert sich mehr für Fußball als für Frauen. Mit mir hast du bestimmt mehr Spaß.“


    Alô, Cousin, wie geht es denn so?“, fragte Bruno. Didi, dachte Bruno, wie zum Teufel hast du es geschafft, mir Maysa wegzunehmen? Didi, du warst mir immer im Weg, aber ich werde mit dir abrechnen. Meinen Koks willst du nicht und mein Geld verschmähst du, dann nahmst du mir Maysa weg. Der brave Didi. Aber du kommst noch dran, das schwöre ich dir…


    Von der Nachbarshütte drangen Schreie herüber, aber niemand achtete darauf.


    „Mir geht es bestens“, sagte Diogo. Er strahlte Bruno an setzte sich zu ihm, dann stürzten sich beide hungrig auf das Essen.

    Die Schreie von nebenan wurden immer eindringlicher.

    „Dona Isabel hat schon wieder Streit mit Armando“, beklagte sich Maria Luisa. „Letzte Woche erst hat er sie so verprügelt, dass die Ärmste ins Krankenhaus musste."

    „Ich habe mich mit einem deutschen Mädchen unten am Strand unterhalten“, erzählte Diogo ungerührt. „Sie ist sehr hübsch.“

    Bruno nickte und zwinkerte seinem Cousin zu. „Weiber sind dazu da, um vernascht zu werden. Putas!“ Bruno lachte höhnisch auf.

    „Bruno! Wie redest du“, warf ihm seine Mutter vor. „Du solltest besser daran denken, eine Familie zu gründen. Und du, Didi, du weißt genau, dass dieses Mädchen nicht deine Welt ist.“ Sie schüttelte unwillig den Kopf. „Warum sprichst du mit einer Ausländerin? Mach dir bloβ keine Hoffnungen, verstehst du, Didi? – Das hat keine Zukunft!“

    „Sie war traurig, Tante, und sie weinte.“

    „Didi mag nicht immer nur Fuβball spielen.“ Bruno gluckste. „Didi mag auch mit hübschen gringas spielen!“

    „Sie arbeitet im Hotel und spricht Portugiesisch“, versuchte Diogo geduldig zu erklären.


    Draußen nahmen die Schreie noch mehr zu. „Isabel hat wieder Krach mit ihrem Mann!“ Maria Luisa stürzte zur Tür hinaus.


    Armandos Frau, Dona Isabel war aus ihrem Haus geflüchtet. Mit tränenüberströmten Gesicht stand sie da, umringt von den Nachbarn, die alle aufgeregt durcheinander riefen.

    Filho da puta!“, kreischte Dona Isabel hysterisch. „Komm doch her, du Feigling, und zeig, wie stark du bist. – Oder hast du dich wieder durch den Hinterausgang davongemacht?“

    Maria Luisa legte den Arm um sie. „Männer sind alle die reinste Pest, glaube mir, Isabel. Einen Haufen Kinder machen sie uns und dann rennen sie zu einer Anderen. - Ich bin froh, dass ich meinen Alten los bin. - Als er mich verlassen hat, da begann ich aufzuleben.“ Beifallsrufe waren zu hören. „Mir wird kein Mann mehr befehlen und mich ausnutzen! Dem schneide ich sonst die Eier ab!“ Die Frauen lachten. „Brauchst du noch etwas, Nachbarin?“, fragte Maria Luisa, anteilnehmend.

    „Nein, nein.” Isabel lächelte zaghaft. „Ich lass mich von dem bunda suja nicht unterdrücken.“

    Maria Luisa brachte Isabel ins Haus, wo sich vier kleine Kinder verängstigt an ihre Mutter drängten.

    „Aber du liebst ihn noch immer, nicht wahr, Isabel?“

    Sie nickte.

    „Dann pass auf dich auf. Nicht, dass er dich noch tot prügelt.“ Sie streichelte ihren Arm. „Armando wird sich bessern. Er hat es mir versprochen. Er darf nur nichts trinken. Sonntags trinkt er unten in der Bar immer einige Gläser, und dann wird er gewalttätig.“

    „Ach, das ist doch leeres Geschwätz mit den Versprechungen, Nachbarin!“ Maria Luisa seufzte. “Ich kenn das alles! Nichts als Worte.“ Sie lachte auf und sah Isabel aufmerksam an. „Meu amor! Brauchst du wirklich nichts?“

    „Nein, nein. Geh ruhig wieder, mir geht es gut."



    Diogo hatte gerade seinen Teller geleert, als seine Tante noch immer ganz aufgeregt zurückkehrte.

    „Wo ist Bruno?“, fragte sie.

    „Er sagte, dass er noch zu tun habe.“

    „Wieder irgendwelche krummen Sachen mit Armando“, sie sah Diogo unglücklich an. „Bruno macht, was er will. Das Geld von den Drogen ist eine verdammte Versuchung.“

    Diogo sagte nichts dazu. Er kannte ihre Klagen über Bruno.

    „Habe ich dir schon erzählt, dass letzte Woche die Militärpolizei wieder da war? Man hat einen Taxifahrer unten auf der Strasse tot aufgefunden.“ Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. „Die Banditen wollen von den Taxifahrern Schutzgelder kassieren. Dieser hatte sich geweigert zu zahlen. Peng, und tot!“

    „Der Krieg hier in Vidigal geht weiter, Tante, und solange Armando und Bubu sich streiten, gibt es keinen Frieden im Viertel.

    „Vor allem, der Krieg mit der Favela da Rocinha. Wenn das erst losgeht. Dass Gott uns helfe! Geld regiert unsere Welt. Nicht einmal die Militärpolizei kann etwas dagegen ausrichten. Die Banditen verstecken sich einfach oben im Urwald.“ Sie kicherte und zeigte dabei ihre Zahnlücken. „Nach dort oben trauen sich ja nicht einmal die BOB Spezialeinheiten hin.“

    „Ja, Tante, ist ja gut.“ Er lächelte nachsichtig. „Heute schmeckt es einmal wieder gut.“

    „Ja, aber nur weil ich immer Essen von meinem Restaurant mitbekomme. Ich bin eine gute Köchin und darf immer was mitnehmen, aber heute ist Sonntag.“ Sie seufzte. „Mein einziger freier Tag und sogar am Sonntag werde ich manchmal gerufen, aber ich will nicht an meine Arbeit denken.“

    „Wirklich Tante, deine Bohnen schmecken. Jetzt möchte ich dir aber von meiner Begegnung

    mit dem blonden Mädchen am Strand erzählen.“

    Während Diogo seine Bohnen verspeiste, erzählte er. Seine Tante hörte neugierig zu und unterbrach ihn nicht. Dann reichte er ihr wortlos den leeren Teller.

    „Lass trotzdem die Finger von den Ausländerinnen“, sagte sie schließlich. „Du hast Maysa, ihr kennt euch schon viele Jahre. “ Maria Luisa stellte ihm einen weiteren Teller mit Reis und Bohnen auf den Tisch. „Maysa hat heute lange auf dich gewartet, dann musste sie zur Arbeit.“


    Diogo wischte mit einem Stück Weiβbrot seinen Teller sauber. „Morgen werde ich mit Maysa sprechen, Tante.“

    Maria Luisa nickte.

    „Ich glaube, ich gehe bald schlafen.“ Er gähnte. „Morgen ist mein wichtiger Tag.“

    „Ja, Didi, morgen ist dein Tag im Flamengo und da sollst du gut ausgeruht sein.“

    „Wenn ich morgen vorspiele, muss ich es schaffen.“

    „Ja, du wirst es schaffen, mein Junge.“ Sie streichelte ihm zärtlich über die Wange. „Und ich werde jetzt meine novela ansehen.“

    „Alles nur Illusion, Tante!“

    „Lass mir meine Illusion! Ich bin arm und will wenigstens im Fernsehen sehen, wie die Reichen leben. Viel mehr bleibt mir nicht.“ Sie seufzte. „Und mein Glaube an Jesus und die Orixás! – Gute Nacht, mein Junge, und den Segen von Xangô.“


    Diogos Gedanken waren abwechselnd bei dem unbekannten Mädchen und beim Fuβball, als er im Bett lag. Sie hat einen göttlichen Körper, und ihre Haut ist so hell wie die Sonne am Morgen, dachte er. Ihre Augen sind blau wie das Meer, und wenn sie lächelt, dann tanzt mein Herz. Ob sie mir morgen beim Vorspielen im Flamengo Glück bringen wird? Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schlief er endlich ein.
     
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  6. Seal144

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    V


    Angela hatte nach einiger Überredungskunst von Claudia endlich die Einladung, nach Jaguanum mitzukommen, angenommen und saβ in der hintersten Reihe des Pullman Busses.

    „Du musst hier raus“, sagte Claudia am vorigen Abend zu ihr. „Morgen kommst du mit.“

    Angela beobachtete Claudia, die vorne im Bus stand und zu den Touristen sprach. Die Fahrt führte auf der Küstenstraβe nach Süden, vorbei an Palmenhainen und sanften Berghängen mit tropischer Vegetation zu dem achtzig Kilometer entfernten Fischerdorf Itacuruca.

    „Hier finden Sie noch viele Inseln und einsame Strände…“, klang Claudias Stimme fröhlich aus dem Mikrofon, aber Angelas Gedanken kehrten zurück zu Torsten:


    Es begann wie in einem Traum. Ein halbes Jahr ist es her, da lernte ich ihn kennen. Wir flogen gemeinsam von Frankfurt nach Rio.

    „Ja, dann wollen wir einmal sehen, was uns in Rio erwartet“, zwinkerte Torsten mir im Flugzeug zu und hob sein Glas. „Auf gute Zusammenarbeit, Angela.

    Die Maschine flog über einer dichten Wolkendecke, befand sich bereits über den Alpen, und würde Kurs nach Lyon nehmen, weiter über Spanien und Portugal, um dann ihren acht Stundenflug über den Atlantik, mit Zielflughafen Rio de Janeiro, zu nehmen.

    „Auf gute Zusammenarbeit, Herr Neumann“, prostete ich ihm zu.

    „Sagen Sie Torsten zu mir.“ Er lachte, aber seine hellen Augen musterten mich sehr genau.

    „Auβerdem sind wir nicht im Dienst, und haben ein gutes Recht auf ein paar Gläser Champagner.“ Seine Augen hatten mich bereits ein wenig durcheinander gebracht.

    Und so begann alles, da oben über den Wolken. Wir unterhielten uns, und wir kamen uns erschreckend schnell nah.

    „Ich habe bisher eine feste Beziehung gemieden“, sagte er und lachte auf. „Aber mit dir würde ich es riskieren.“

    „Riskieren? - Liebe ist immer ein Risiko, aber gerade das macht es ja so spannend.“

    „Also gut, abgemacht“, sagte Torsten.

    „Was abgemacht?“

    „Dass wir es riskieren. Sollen sich die Anderen über uns den Mund zerreiβen.“ Er atmete einmal tief ein. „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt, Angela.“


    Es erklang die Durchsage der Stewardess, das Flugzeug setzte zur Landung an. Und während ich aus dem Fenster sah und meinen Blick gespannt auf die vielen Buchten, Meeresarme und Inseln von Rio de Janeiro richtete, jagten die Gedanken fieberhaft durch meinen Kopf. Er spricht von Liebe, er will es riskieren…

    Unten tauchten die Hochhäuser der Millionenstadt auf, Torsten nahm meine Hand und drückte sie.

    „In wenigen Minuten werden wir auf dem Flughafen Galeão in Rio de Janeiro landen“, erklang die Stimme der Stewardess.


    „So schnell kann man nicht jemanden lieben“, widersprach ich.

    „Oh doch, ich kann. Es liegt an dir, was du damit anfängst.“

    Im Gleitflug schwebte das Flugzeug über die Elendsviertel. Ich blickte hinab auf nicht enden wollende Dächer von Wellblechbaracken, dann setzte die Maschine hart auf die Rollbahn auf und bremste, während Torsten laut in mein Ohr sagte: „Ich kann lieben, wann ich will und wie ich will. Ich möchte keine Zeit verlieren.“

    „Wir haben doch alle Zeit dieser Welt?“ Ich sah ihn fragend an. „Oder etwa nicht?“

    Die Maschine rollte aus und Torsten zuckte mit den Schultern.

    Der Pilot stellte die Triebwerke aus, die Maschine stand.

    Und so begann unsere Liebe, leider war sie nur so kurz wie ein Hauch.


    Torsten kannte Rio gut, wenn wir nicht gerade irgendwo unterwegs waren, dann liebten wir uns. Wir liebten uns wie zwei Wahnsinnige. Jede Minute kosteten wir aus, und erst heute verstehe ich warum. Er muss seinen nahenden Tod geahnt haben.

    Auβer mich zu lieben, war Tauchen seine Leidenschaft. Wir machten Ausflüge nach Angra dos Reis, Cabo Frio und nach Búzios. Wir schnorchelten zwischen kleinen Buchten und den vielen Inseln im kristallklaren Wasser, wo ich das erste Mal in meinem Leben inmitten bunter tropischer Fischschwärme schwamm. Es war wie im Paradies, ich war genauso fasziniert von der Unterwasserwelt wie er. Danach liebten wir uns an einsamen Stränden, wir liebten uns im Boot, wir liebten uns nachts im Sand, unter dem Sternenhimmel, badeten danach ausgelassen im lauen Wasser des Meeres.

    Beim Tauchen muss es passiert sein. Torsten beklagte sich einmal über Schmerzen in der linken Brust, die bald darauf wieder vergingen.

    Zwei Wochen später geschah es. Wir saβen im Hotel, da bekam er plötzlich wieder Schmerzen. Er gab erst nichts drauf. Es war weit nach Mitternacht, wir warteten ab. Es wurde nicht besser, im Gegenteil, die Schmerzen nahmen zu und wurden unerträglich. Dann endlich rief ich den Arzt vom Hotel an.

    „Herzinfarkt“, war seine Diagnose. Er spritzte ihm sofort Morphium und ein Mittel für das Herz.


    Die Stimme von Claudia rief sie zurück in das Hier und Jetzt: „Liebe Fahrgäste. Der Bus hält in wenigen Minuten in Itacuruca, wo wir gemeinsam an Bord des Segelschoners gehen.“


    Das Meer war ruhig, als sie los segelten. Noch immer hingen Angelas Gedanken in der Vergangenheit, ihre Augen schweiften über das Wasser der Sepetiba Bucht. Kaleidoskopartig vermischten sich die jetzigen Eindrücke mit den Bildern der damaligen Taucherausflüge.

    Es war eine ähnliche Landschaft, die Berge mit der nahen Küste, alles hier erinnerte sie daran.

    Mit rasselnder Kette lieβ der Schoner den Anker herunter.

    „Komm endlich schwimmen“, rief Claudia.

    Der Schoner hatte mitten in der Bucht Halt gemacht, und so sprang Angela, zusammen mit den Touristen und Claudia, ins Wasser.



    Später segelte der Schoner gemächlich zur Insel Jaguanum weiter. Ein üppiges Buffet war am Strand aufgebaut, ganz nah am Wasser, unter Schatten spendenden Palmen, mit churrasco. Fleisch an groβen Spießen hing über Holzkohle und duftete verlockend. Es war einfach ein gutes Gefühl, barfuß, in Shorts und T-Shirt, vor einem Buffet mit unendlich verschiedenen Salatplatten zu stehen und sich den Teller voll zu packen. Auβerdem gab es italienische Salami und hauchdünne Scheiben Parmaschinken, getrocknete Tomaten, palmito groβe Kapern und Antipasto. Noch einmal ein so groβes Buffet mit den warmen Gerichten: Reis und couve mit Speckwürfeln, kleine choriços und panierte, gebratene Bananen, frittierte Zwiebelringe, schwarze Bohnen und farofa. Und es standen unzählige Saucen und Mayonnaisen für das Fleisch bereit.



    „Habe ich dir von dem Fußballspieler erzählt, den ich letzte Woche am Strand vom Sheraton kennen lernte?“, fragte Angela, als sie später mit Claudia einen Spaziergang unternahm. Sie schlenderten einen Pfad der zu einer Anhöhe führte hinauf.

    „Nein, das klingt ja richtig spannend.“

    Angela sog die Luft tief in sich ein. Es war warm und roch nach den vielen Pflanzen des Urwalds und nach Jasmin, es war einfach herrlich hier auf dieser Insel voller Bäume mit Blüten und der intensiv grünen Vegetation. Oben angelangt, setzten sie sich auf einen Stein und genossen die Einsamkeit, sie genossen den lauen Wind, der ab und zu das Lachen der Touristen heraufbrachte. Es war still hier oben, bis auf das Zirpen der Grillen und Zikaden. Angela blickte hinüber zum Festland, welches im Dunst der Ferne verschwand, und dachte daran, dass es das erste Mal nach langer Zeit war, dass sie sich glücklich fühlte.

    „Erzähl mir von dem Fuβballspieler“, bat Claudia endlich.

    „Lass mich mal überlegen, hm…ja. Er ist Mulatte, so um die zwanzig und spielt am liebsten Fußball. Er glaubt daran, berühmt zu werden und im Flamengo Club spielen zu dürfen.“

    „Ach, wirklich?“ Claudia lachte. „Und du hast ihn am Strand kennen gelernt? Einfach so?“

    Angela nickte. „Sein groβes Vorbild ist Zico.“

    „Er ist die Nummer Zehn von der Gávea...“, summte Claudia vor sich hin und kicherte. „Zico ist heute Nationaltrainer in Japan. Er war einer der besten Spieler vom Flamengo mit dem Trikot Nummer zehn, und 1981 als weltbester Spieler des Jahres gekrönt. Und Flamengo ist mit der beste Club von ganz Brasilien.- Da hat sich deine neue Bekanntschaft aber viel vorgenommen.“

    „Ich weiß, er ist sehr von sich überzeugt. Entweder er ist ein Spinner, oder es steckt wirklich etwas in ihm - und…“ Sie zögerte.

    „Komm schon, was noch?“

    „Er sieht gut aus. – Ich mochte ihn auf Anhieb, sein Lachen ist ansteckend.“

    „Ja?“ Claudia summte das Lied über Zico weiter. „Wie sieht er denn aus?“, wollte sie dann doch wissen.

    „Er ist mindestens ein Meter fünfundachtzig groβ und muskulös…“

    “ Was hat das mit dem guten Aussehen zu tun?“

    „Na viel!“ Sie überlegte kurz. „Er hat kurzes Wuschelhaar, vor allem hat er hat er ein sagenhaftes Lächeln drauf.“

    „Genug!“ Claudia begann erneut zu kichern. „Wenn es soweit ist, werde ich ihn schon zu Gesicht bekommen. - Allein, dass er es geschafft hat, dich aufzumuntern, war es wert.“

    „Nach Torstens Tod wollte ich sofort nach Deutschland zurück.“ Sie zuckte unschlüssig mit den Schultern. „Aber jetzt habe ich mich entschlossen, die sechs Monate meines Vertrages noch zu erfüllen.“

    „Das ist vernünftig von dir.“

    „Der Junge war irgendwie lieb, und er lenkte mich von meinem Kummer ab.“ Angela stockte. „Er glaubt an seinen Erfolg...“

    „Er glaubt an sich, Angela. Du solltest auch wieder an dich glauben.“

    „Ich weiβ.“

    „Wollen wir gehen?“ Claudia sah auf die Uhr. „In einer halben Stunde startet der Schoner.“

    Sie machten sich auf den Rückweg. Claudia summte das Lied von Zico vor sich hin. „Er ist die Nummer zehn von der Gávea…“

     
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  7. Seal144

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    VI


    Maysa wurde von ihrem Choreographen nach der Sambashow an einen Tisch geleitet und dem geheimnisvollen Fremden vorgestellt.

    „Du kannst mich Fábio nennen“, begrüßte er sie. „Was möchtest du trinken?“

    „Oh, bitte nur ein Wasser.“

    Sie musterte Fábio so uninteressiert wie möglich. Er war ein Mann Mitte Vierzig mit dunklen Haaren, die sich bereits ein wenig lichteten und gepflegtem Vollbart. Aber es waren seine Augen, kalt und hart, mit diesem abschätzenden Blick, den sie so gut kannte.

    „Heute ist Grund zum Feiern, Maysa!“ Fábio winkte dem Kellner und bestellte eine Flasche Champagner. Er lächelte und bot ihr eine Zigarette an. „Ich werde dich mit meiner Truppe nach Europa nehmen.“ Über Maysas Gesicht breitete sich ein glückliches Lächeln aus.

    „Das ist ein Wunder“, entfuhr es ihr.

    Der Champagner wurde serviert und sie stießen an.

    „Auf Europa und deine Karriere.“

    „Ich weiß gar nicht, wie ich ihnen danken soll, Fábio.“

    „In zwei Wochen fliegen wir. Ich habe die Papiere für dich schon beantragt. Fábio schenkte Champagner nach.

    Sie nickte stumm. Der Choreograph kam kurz an den Tisch.

    „Siehst du, ich hatte dir nicht zu viel versprochen“, sagte er leise zu Maysa. „Beiß dich fest, meine Liebe, und lasse dir diese Chance von nichts und niemandem nehmen.“


    Fábio erhob sich. „Gehen wir?“

    Draußen wurde ein schwarzer Porsche vorgefahren, und sie stiegen ein.

    „Ich bin begeistert von deinem Talent.“ Er fuhr los und lenkte den Wagen in Richtung Ipanema. Maysa nahm den Duft seines Eau de Cologne wahr. Es riecht gut und teuer, dachte sie, während er den Wagen in schneller Fahrt über die Avenida Viera Souto lenkte. Das Auto ist teuer, alles hier riecht nach Geld! Viel Geld…

    „Bevor wir in zwei Wochen nach Rom fliegen, möchte ich, dass du dein künstlerisches Können ganz privat heute Nacht meinen Freunden zeigst. Sie treffen die Entscheidungen mit und sind schon gespannt auf dich. Du bist doch sicher einverstanden?“

    Maysa schaute nachdenklich hinaus auf die Luxusapartmenthäuser, und rechts der endlose Sandstrand von Ipanema mit dem Ozean. Der Ozean, den ich bald mit einem Flugzeug überqueren werde, nach Europa, dachte sie entschlossen. - Man bekommt nichts geschenkt. Ich muss da durch. Sie atmete einmal tief ein. „Sicher, Fábio.“

    VII


    Endlich kam für Diogo der heiß ersehnte Augenblick. Voller Erwartungen und ein wenig aufgeregt war er an diesem Montagmorgen in den Flamengo Club gekommen, um dem berühmten Trainer vorzuspielen.

    „Wo ist Marco César?“, fragte er einen der Jungs neben sich.

    „Du meinst Paquetá? Dort drüben.“ Der Junge zeigte an den Rand des Spielfeldes.

    Das ist schon seltsam, dachte Diogo. Paquetá steht mit dem Rücken zu uns, unterhält sich lachend mit drei anderen Funktionären und beachtet uns nicht einmal.

    Wir warten hier auf dem Spielfeld, und die bobocas da drüben erzählen sich Witze, anstatt sich uns Jungs zu widmen. Ihr Lachen dringt bis hierher. Ich habe mich monatelang auf diesen Augenblick vorbereitet und jetzt nimmt keiner von mir Kenntnis.

    Endlich kam ein junger Mann mit einem Packen roter und schwarzer Trikots an.

    „Ich bin der Übungsleiter, ihr könnt mich Carlos nennen“, rief er und verteilte die Hemden. Diogo war bei der Gruppe mit den roten Trikots.

    „Ihr macht jetzt ein einfaches Spiel, ohne System und ganz locker“, forderte Carlos sie auf.

    Diogo schielte nochmals zu Paquetá herüber. Doch der Trainer schien keinerlei Interesse an ihm und den anderen Jungs zu haben.

    Carlos pfiff an. Diogo konzentrierte sich auf das Spiel. Seine Aufregung war verschwunden, auch seine Enttäuschung. Es macht mir Spaß, fand er und lachte in sich hinein. Wie leicht ich durch die Verteidigung stoße. Dreimal gelang es mir, den Ball ins Tor zu schieβen. Es ist heute wieder drückend heiβ und der Schweiβ rinnt mir über das Gesicht, aber ich bin glücklich, endlich hier spielen zu können.

    Nach einer halben Stunde kam der Abpfiff, es war Pause. Diogo blickte zu Paquetá. Der nimmt weiterhin keinerlei Notiz von mir, aber ich lasse mich davon nicht mehr entmutigen, beschloss er.

    Im Geiste zählte er einmal wieder alle die Pokale und Preise auf, die er erhalten würde. Die blitzenden Kameras, die Reporter und das menschenüberfüllte Maracanã-Stadium mit den wehenden Fahnen des Flamengo. Ich werde sie schlagen, ich werde sie alle schlagen! In der Nationalelf werde ich spielen und Uruguay besiegen, ich habe es versprochen…

    Carlos schriller Pfiff holte ihn auf den Boden der Realität zurück, die zweite Spielhälfte begann. Diogo hatte inzwischen regelrechtes Vergnügen an dem Spiel gewonnen, die anderen Jungs immer wieder auszutricksen.

    Mit welcher Leichtigkeit ich den Ball ins Tor bringe, wunderte er sich. Wir führen bereits mit vier Toren. Meine Gegner versuchen mit aller Macht das Spiel zu drehen, aber ich lege sie immer wieder herein. Dann kam der Abpfiff.

    „Danke. Ihr könnt duschen gehen“, rief Carlos ihnen zu.

    Das war ein seltsames Vorspielen, fand Diogo. Ich weiß noch immer nichts und niemand sagt uns etwas. Er folgte den anderen zu den Duschen.

    Im Umkleideraum erwartete sie Carlos und deutete auf Diogo und einen anderen Jungen.

    „Ihr beiden kommt morgen um neun zu ärztlichen Untersuchungen. Die anderen können gehen.“
     
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  8. Seal144

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    VIII


    „Rio de Janeiro ist die Stadt, wo alles im Überfluss vorhanden ist. Das Blau des Himmels und des Meeres ist fast zu intensiv. Berge, Buchten und Strände mit sanften Kurven, so wie die Rundungen einer Frau. Unsere Strände aus hellem Sand sind in unwirklich grelles Sonnenlicht getaucht. Die Natur in einem überschwänglich satten Grün und die Blumen und Vögel in groβer Vielfalt und allen Farben des Regenbogens.

    Rio ist eine pulsierende Neunmillionenstadt, die nie schläft. Sie ist Wohnsitz der Mega-Reichen und hat zugleich krasseste Armenviertel. Rio die Stadt des Sambas. Samba, der im Blute eines Jeden wallt, und wir haben den Karneval, die groβe Illusion für ein paar Tage, die das Elend in den Slums vergessen lässt. Und…“ Claudia machte eine bedeutungsvolle Pause. „Wir haben den Fußball, das Ballett der Götter, die mit einem Ball spielen... Das ist Religion und Magie. Das ist Rio de Janeiro“


    Claudia zeigte und erklärte, während der Bus an einem strahlenden Mittwochmorgen an der Botafogo Bucht entlang fuhr.

    „Wir werden in wenigen Minuten an der Seilbahnstation zum Zuckerhut halten.“

    Angela beobachtete Claudia. Claudia mit ihrem blonden Lockenkopf und den Sommersprossen und den hellblauen Augen. Claudia mit dem kleinen Grübchen im Kinn, wodurch sie auf Anhieb allen sympathisch ist…


    Claudia ist eine der besten Reiseleiterin in unserer Agentur. Aber jetzt hat sie Probleme mit ihrem Mann. Sie lässt sich nichts anmerken, aber ich kenne sie inzwischen so gut, dass ich es merke. Ihre Stimme ist anders, da schwingt nicht die übliche Lebendigkeit mit. Der Gedanke an Claudia stöβt eine Tür in meine eigene Vergangenheit wieder auf. Gedanken an meine Mutter werden wach, wochenlang lief meine Mutter weinend herum. „Mama, was hast du nur?“, fragte ich sie, aber vergeblich. Es war nichts aus ihr herauszubekommen. Ich war damals sieben Jahre alt und bekam alles voll mit. Mein Vater machte einen verschlossenen Eindruck und schwieg beharrlich. Dann nach einigen Wochen sprachen sie über die Scheidung. Meine heile Welt stürzte von einem Tag auf den anderen über mir zusammen. Ich sah meinen Vater nur noch selten. Meine Mutter zog mit mir nach Köln, alles war fremd, ich hatte Angst und keine Freunde, ich hatte keinen Vater mehr, mein Vater hat mich verraten. Damals musste ich lernen, wie man sich durchbeiβt, und das schaffte ich auch, aber es war eine harte Zeit. Zwei Jahre später heiratete meine Mutter erneut, es schien die groβe Liebe zu sein, der neue Mann war freundlich zu mir, aber ich fühlte mich im Stich gelassen und ich fühlte mich einsam. Irgendwie haben mich meine Eltern verraten, sie dachten nur an ihr eigenes Glück und fragten nie, was ich wollte.


    In der groβen Plexiglasgondel ging die Fahrt hinauf zum Urca Berg und von dort weiter auf den Zuckerhut. Oben bedeutete Claudia Angela, mit ihr zu kommen, und setzte sich mit ihr abseits von den anderen auf eine Bank im Schatten.

    Angela blickte auf das Panorama von Rio weit unten im bläulichen Dunst und in der Ferne die Bergkulisse mit dem Corcovado und der Christusstatue. Das Rauschen der Stadt drang bis hier oben herauf.

    Da zündete Claudia sich eine Zigarette an.

    „Du rauchst? Das ist neu!“

    „Ja, das ist neu!“

    „Claudia, was ist los?“

    „Andreas betrügt mich. Er kam zweimal sehr spät nach Hause“, sagte sie in ausdruckslosem Ton und rauchte hastig.

    „Das klingt nicht gut. Vielleicht irrst du dich?“

    „Ja, ich weiß. Ich muss Gewissheit haben, das bringt mich sonst um.“

    „Jetzt beruhige dich.“

    „Ich werde einen Detektiv beauftragen.“

    „Das kostet eine Menge.“

    „Nächsten Montag, wenn wir Transfer haben, stelle ihm eine Falle.“

    Angela sagte nichts. Warum bringt die Liebe so viele Probleme? , fragte sie sich bestürzt. Ich blicke hinunter auf diese ewig faszinierende Stadt. Traurigkeit überkommt mich. Claudia mit ihrem Verdacht und der Ungewissheit. Warum müssen diese Sachen geschehen?



     
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  9. Seal144

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    X


    Maysa war bereits seit einer Woche mit ihrer Truppe „Viva Samba“, unterwegs. „Viva Samba“, das waren vierzig Tänzerinnen und zehn Tänzer, dazu kam noch das Orquester mit den Musikern und Trommlern. Fábio war der Chef und hatte die Truppe in einer Pension am Stadtrand von Rom untergebracht. Maysa saβ in ihrem Zimmer, das sie zusammen mit Odette bewohnte, und starrte lustlos vor sich hin. Da klopfte es an die Tür. Draußen stand Nelson mit einer Flasche Brandy.

    „Komm rein.“ Ihr Blick erhellte sich ein wenig. „Ich freue mich, dass du kommst.“

    Nelson gab ihr einen Kuss auf die Wange und kam herein. „Wo ist Odette?“

    „Sie ist in die Stadt gefahren. Setz dich zu mir.“ Nelson ist der einzige Mensch, mit dem ich mich angefreundet habe. Über Maysas Gesicht huschte ein Lächeln. Wie die meisten Tänzer ist er schwul und will wenigstens nichts von mir.

    „Du siehst nicht gut aus.“ Nelson blickte ihr besorgt ins Gesicht.

    „Ich bin heute in einer melancholischen Stimmung.“ Nelson bot ihr eine Zigarette an. Sie schaute hinaus über ein endloses Meer grauer Dächer und blies den Rauch in die Richtung zum Fenster. „In den letzten Wochen habe ich einiges mitgemacht, bevor ich den Platz in der Gruppe „Viva Samba“ bekam.“

    Er legte seine Hand auf ihre Schulter. „Ich kann es mir denken, Maysa.“

    „Ich weiß nicht, ob ich darüber sprechen kann.“ Sie begann zu zittern. Nelson schenkte ihr ein Glas Branntwein ein.

    „Hier, trink das! - Das wird dir helfen.“

    „Du bist mein einziger Freund, Nelson.“ Maysa trank einen Schluck von dem Brandy und sah ihn an. Er war ein schlanker Mulatte mit kahl geschorenen Kopf und sanften Augen, denen sie vertraute.

    „Was hast du auf dem Herzen, Maysa? Rede mit mir, das hilft immer, ich habe da Erfahrung.“ Leider, dachte er bitter.

    „Es geht auch um Fábio!“

    „Ich weiβ!“ Nelson legte seinen Arm um Maysas Schulter und versuchte beruhigend auf sie einzuwirken. Er bot ihr noch eine Zigarette an und gab ihr Feuer. Maysa lächelte schwach begann zögernd über diesen Abend in Rio zu erzählen.


    XI

    Es war spätnachmittags und noch immer zu warm, da beschloss Angela, hinunter zum Strand zu gehen, um sich im Meer zu erfrischen. Mit kräftigen Zügen schwamm sie und genoss es, in das unendliche Blau des Meeres hinaus zu schwimmen. Ich muss dich endlich loslassen, Torsten, dachte sie. Einmal, wir waren in Búzios, sagtest du im Spaß zu mir: „Wenn ich vor dir sterben sollte, dann bleibe nicht alleine. Das will ich nicht, verstehst du?“ Ich werde in meinem Leben wieder nach vorne schauen, dachte sie entschlossen. Es nützt alles nichts, das Leben geht weiter, es geht einfach weiter und fragt dich nicht.


    Als Angela zurückschwamm, bemerkte sie ihn von weitem, den Fuβballspieler, der als einziger dort am Strand stand und auf sie wartete.

    „Es scheint dir besser zu gehen!“ Er lachte.

    „Hallo, was macht der Fußball?“, begrüßte sie ihn und trocknete sich ab.

    „Deswegen wollte ich mit dir sprechen.“ Diogo zögerte. „Ich habe eine Überraschung.“

    „Für mich?“

    „Ja und ich bin stolz, es dir erzählen zu können: Ich wurde beim Flamengo angenommen und spiele dort.“

    „Herzlichen Glückwunsch!“

    Diogo fasste sich an die Nasenspitze und sah zu Boden. „ Ich wollte dich auf eine Pizza einladen.“

    „Oh, das ist wirklich eine Überraschung. Wie heiβt du?“

    „Diogo“, antwortete er. „Und du?“

    „Angela.“

    „Hm… Erst einmal, dass du angenommen wurdest und dann, dass du mich einlädst.“ Sie sah ihn unschlüssig an. Da stand er plötzlich vor ihr, der einfache junge Mann, und wollte mit ihr Pizza essen gehen. Prüfend blickte sie ihm ins Gesicht. Ich habe fast den Eindruck, dass er ein wenig schüchtern ist, irgendwie rührend seine Einladung, überlegte sie kurz.

    „Na gut, einverstanden und wann soll das sein?“

    „Ich dachte an heute Abend. Um acht Uhr?“

    „Acht Uhr? Ja und wo?“

    „Draußen vor dem Hotel, bei den Taxis?“

    „Gut, ich werde pünktlich sein.“

     
  10. Seal144

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    XII

    „Da bist du ja“, begrüßte Diogo Angela vor dem Hoteleingang und führte sie zu den Taxis. Als er hinter ihr in den Wagen stieg, lieβ er es sich nicht nehmen, seinen Blick kurz über ihre Beine schweifen zu lassen, denn das Kleid, welches sie trug, war kurz und eng geschnitten, so kurz, dass es gerade noch das Höschen verdeckte. Er saβ neben ihr im Fond und er war aufgeregt. „Zum La Mole bitte“, rief Diogo dem Fahrer zu. Die Nähe zu Angela verwirrte seine Sinne, aber er war entschlossen, sich dies nicht anmerken zu lassen.

    „Kennst du das La Mole?“, fragte Diogo. Sie schüttelte den Kopf.

    „Es ist ein italienisches Restaurant. - Ich war dort mit den Spielern vom Flamengo.“

    Während das Taxi auf der kurvenreichen Avenida Niemayer in Richtung Leblon hinunter fuhr, berührten sich ihre Körper in jeder Straβenkurve, und Diogo dachte daran, dass er sich zusammenreiβen muss und dass sie verdammt gut riecht. Ihr Duft regte ihn auf, wühlte sich in seinen Körper hinein und wollte ihm den Verstand rauben. Er wischte sich den Schweiβ von der Stirn und atmete mehrere Male tief ein und aus.

    „Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Angela.

    „Klar!“ Er nickte. „Es ist heute mal wieder ein heiβer Tag.“

    Diogo war erleichtert, als das Taxi endlich vor dem La Mole anhielt. Das La Mole war ein lautes, fröhliches Lokal mit schnell herumflitzenden Kellnern und rot karierten Tischdecken mit Kerzenleuchtern.

    Sie setzten sie sich an einen Tisch auf die Terrasse und studierten eingehend die Speisekarten.

    Angela ertappte sich dabei, wie sie immer wieder zu ihm über den Rand der Karte herüber sah. „Ich glaube, ich werde die Pizza Napolitana essen“, meinte sie schlieβlich.

    „Ja, die werde ich auch nehmen und eine Guaraná dazu trinken.“

    „Guaraná?”

    Er nickte. „Und du?“

    „Oh.“ Sie überlegte ein wenig. „Ein kaltes Bier passt gut dazu.“

    „In Deutschland trinkt man viel Bier, oder?“

    „Im Süden Deutschlands trinkt man viel Bier.“

    „In München?“ Sie nickte.

    Als er bestellte, merkte man ihm an, dass er wenig Erfahrung darin hatte, aber er machte seine Sache gut.

    „Saúde! Auf den Fußball, Diogo.“ Prostete sie ihm zu.

    „Ich habe es dir gesagt, dass ich meinen Traum verwirklichen werde.“

    „Erzähl mir ein bisschen über dich“, bat sie. „Du willst so einiges für deinen Traum tun?“

    Die brutzelnde Pizza wurde auf den Tisch gestellt und verströmte das Aroma von Mozzarella, Tomaten, Oregano und frisch gebackenem Teig. Beide begannen zu essen und Diogo erzählte:

    „Ja, Angela. Man braucht Disziplin, um ein guter Fuβballprofi zu werden. Ich komme aus Nilópolis, das liegt draußen in der Baixada Fluminense, dort wo die Armen leben, Millionen von ihnen. Vielleicht bin ich darum noch entschlossener, alles zu tun für meinen Traum.“

    „Du wohnst drauβen in der Nordzone?“ Er nickte.

    „Nilópolis ist einer der vielen Vororte von Rio.“

    Während sie ihre Pizzas verspeisten, erzählte Diogo über sein Leben. Sein Mund lächelt immer, dachte sie. Egal was er erzählt, sogar von seiner Mutter, die für die Reichen putzen gehen muss, er lächelt.

    „Meine Familie ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe ihnen alles zu verdanken.- Und der Fuβball. Ich konnte noch gar nicht richtig gehen, da begann ich schon Fußball zu spielen.“

    „Das sind doch Klischees, Diogo!“

    „Klischees?“ Er sah sie ratlos an. „Was ist das?“

    Da musste sie lachen. „Ein Klischee ist ein Abklatsch, eine Fälschung.“

    „Nein, nein, das war wirklich so. – Mit vier Jahren begann ich Fuβball zu spielen.“

    „So stellen sich die Menschen die Kindheit eines brasilianischen Fußballstars vor. Diogo, bitte, schwindel mich nicht an.“

    „Es war aber nun einmal so.“ Er hob entschuldigend die Schultern und errötete leicht. „Glaub mir, Angela, ich bin ein einfacher Junge aus dem Volk, so wie viele andere auch. Ich gehöre niemand, aber alle mögen mich, ich weiβ, wie man den Ball schieβt, und trainiere jeden Tag. Ich habe keine Geduld vor dem Fernseher zu hocken und will nichts anderes, als meinen Traum verwirklichen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Du kannst Didi zu mir sagen. So nennen mich meine Freunde.“

    „Didi?“

    „Ja.“ Er nickte.

    Gibt es eine Magie? , fragte sich Diogo. Von Worten, Zahlen, Musik? Oh ja, es gibt sie. Die Magie der Seelen... unserer Seelen.
    Wenn ich in ihre Augen blicke, habe ich das Gefühl, tief darinnen zu versinken. Das hier ist anders als mit Maysa, die ich so lange kenne. Maysa ist abgereist, nach Europa, und ich trauere ihr nicht einmal nach. Heute Abend sitzt eine Göttin vor mir, und ich will diese helle Haut berühren und den Duft dieses Körpers in mich aufnehmen. Aber ich muss mich vorsichtig an sie herantasten.


    „Und du, Angela? -Was hast du zu erzählen?

    Er lauschte gespannt ihren Schilderungen von ihrer Kindheit, von hohen Bergen und Schnee.

    „Und da ist es bestimmt kalt?“ Sie nickte.

    „Alles ist weiß, nicht wahr? Das muss wunderschön sein.“

    „Ja, Didi, die Berge sind schön. Aber leider zog ich mit meiner Mutter später nach Köln, dort sind keine Berge.“ Angela erklärte ihm, Köln befinde sich in der Mitte von Deutschland.

    „Ah, Köln? Da ist Bayer Leverkusen!“

    „Genau. Du kennst dich gut aus.“

    „Vor einem Jahr rannte meine Mutter noch ständig mit den Lehrbüchern hinter mir her“, sagte er scherzend. „Wegen ihr habe ich bis letztes Jahr die Schule besucht und mein Abitur so gerade geschafft. Aber mich interessiert nur Fuβball, und Bayer Leverkusen ist ein wichtiger Fußballclub.“

    „Ja, stimmt.“ Sie trank einen Schluck Bier, fuhr dann fort. „Ich beendete in Köln die Schule und ließ mich dann zur Reiseleiterin ausbilden. - Später wurde ich nach Portugal geschickt, ich war ein Jahr dort und habe Portugiesisch gelernt.“

    „Deutschland ist so klein“, meinte er lachend. „Ganz Europa passt in unser groβes Brasilien hinein.“

    „Es geht nicht um die Größe, Didi.“ Ihre Augen blitzten.

    „Um was geht es dann?“, fragte er ernsthaft.

    „Es geht darum, wie intelligent die Menschen sind, die in dem Land wohnen.“

    Er sah sie groß an und schüttelte den Kopf „Nein! Ich glaube, es geht darum, glücklich zu sein.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Wir Brasilianer sind lebenslustige Menschen. Ich bin nicht besonders intelligent, doch ich arbeite an mir. Sechs Tage in der Woche Training, denn Fuβball ist etwas, was mich glücklich macht.“

    „Du hast Recht. Viele Menschen arbeiten ohne Freude und sind unglücklich.“

    „Es gibt einige bei uns, die unzufrieden sind, obwohl sie im Vergleich zu den meisten von euch in Reichtum und Überfluss leben.“

    „Genau das meinte ich. Die meisten Menschen sind bei uns arm und leben in der Favela, aber sie sind trotzdem glücklich.“

    „Anscheinend bist du kein Schlitzohr.“

    „Schlitzohren sind wir Brasilianer alle mehr oder weniger“, sagte er zwinkernd.

    Einmal im Jahr ist Karneval und da tanzen wir. Ich tanze in der Schule.“

    „Was machst du, Didi?“ Sie hob verständnislos die Brauen.

    „Ich tanze Samba auf der Strasse und in der Schule.“

    Das Restaurant war inzwischen bis auf den letzten Platz besetzt und die Kellner flitzten noch etwas schneller umher. Im Hintergrund spielte das Lied „A felicidade.“

    „Traurigkeit geht nie zu Ende“, summte Diogo mit.

    „Glück ja... das Glück der Armen, die große Illusion des Karnevals.“ Er trommelte den Rhythmus mit den Fingern auf die Tischplatte.

    „Wir arbeiten ein ganzes Jahr
    für einen Augenblick in einem Traum.
    Verkleiden uns als König, Pirat oder Gärtnerin...
    Und alles findet sein Ende an einem Mittwoch.“

    Sie beobachtete, wie er mit der größten Natürlichkeit das Lied mitsang. Seine Stimme war melodiös und dazu kam noch die Melancholie, die in der Musik mitschwang. Er besitzt etwas, was mich berührt, dachte sie. Auch während er über Traurigkeit singt, lacht sein Mund, ein seltsamer Bursche, dieser Didi, er bringt mein Herz wirklich zum Lachen.

    Ihre Blicke begegneten sich für einen kurzen Moment, es war, als sahen sie auf einmal in des Anderen Seele hinein. Angela erschrak, sie brach den Bann und befasste sich ausgiebig mit dem Rest der Pizza auf ihrem Teller.

    Als das Lied zu Ende war, fragte sie ihn: „Ich habe noch immer nicht verstanden, was du eben meintest. Samba auf der Strasse und in der Schule?“

    „Ach so. Samba ist mir auch wichtig. Ich trainiere einmal die Woche in der Karnevalschule Beija Flor in Nilópolis.“

    „Dort, wo du wohnst?“

    „Ja, genau.“

    Sie bestellten Kaffee. Diogo wandte sich ihr erneut zu. „Und zum Karneval nehme ich am Umzug teil.“

    „Das ist ja cool.“

    „Cool?“ Er runzelte die Stirn. Man sah, dass er nichts verstanden hatte.

    „Das ist englisch und heißt kühl. - Wenn etwas cool ist, dann ist es etwas ganz Besonderes.“

    „Karneval ist aber nicht gerade etwas Cooles. Das ist eher etwas Heißes, und man kommt ganz schön ins Schwitzen.“

    Sie mussten beide lachen.

    „Kann da jeder mitmachen?“

    Diogo zwinkerte ihr zu. „Ja, vor allem hübsche Frauen.“

    „Nein, jetzt aber mal im Ernst, könnte ich da mitmachen?“

    „Ja.“ Er zögerte. „Das ist aber weit draußen. Erst mit dem Bus zur Central Brasil...“

    Central Brasil? - Was ist das jetzt wieder?“

    „Ach so, Central Brasil ist der Hauptbahnhof. Von dort mit dem Zug nach Nilópolis. Wir üben jeden Samstag um elf.“

    „Elf Uhr morgens?“

    „Nein.“ Diogo lachte. „Elf Uhr abends.“

    „So spät?“

    Er nickte.

    „Da hätte ich aber Zeit“, sie überlegte. „Montagabend muss ich arbeiten, da habe ich Transfers.“

    „Was ist das?“

    „Oh, entschuldige, Didi. Ich habe laut gedacht. Transfers sind“, sie überlegte. „Also, da bringe ich die Touristen zum Flughafen und neu Ankommende zum Hotel. Und check sie ein.“ Sie lachte. „Einchecken bedeutet, die Touristen im Hotel anzumelden und ihnen behilflich zu sein. Manchmal haben sie Fragen und so. Verstehst du?“

    „Ja“, antwortete er, aber es war alles ein bisschen verwirrend für ihn. Seine Kindheit lag so klar vor ihm, Fuβball spielend und glücklich, zuerst auf lehmigen Straβen, dann später im Club Olympia von Nilópolis. Zu hungern brauchten wir nicht, dachte er. Meine Familie war glücklich zusammen, aber wir lebten in Armut. Angela dagegen kommt aus einer reichen, geordneten, kalten Welt. Ich glaube, wir sind so verschieden wie das Wasser und das Feuer. Diogo sah sie an und räusperte sich.

    „Ich wollte heute Abend noch zu meiner mãe de santo fahren.“ Er sah auf die Uhr und dann zu Angela. „Kommst du mit? - Ich muss mich bei ihr bedanken, dass ich es geschafft habe, mit dem Flamengo.“

    Mãe de santo? Ist das nicht macumba?”

    Er fasste sich kurz an die Nasenspitze und lächelte ein wenig verlegen.

    „Die zaubern da auch, nicht wahr?“ Angela sah ihn misstrauisch an.

    „Ja, die zaubern. Aber nicht heute. Richtig gezaubert wird am Freitag.“ Man sah ihm an, dass er keinen Spaß zu machen schien. „Willst du dir die Búzios Muscheln werfen lassen?“ Er sah sie bittend an. „Keine Bange, heute wird nicht gezaubert und es werden auch keine bösen Geister gerufen.“

    „Oh, wie beruhigend, Didi! Und was genau passiert da?“

    „Du erfährst etwas von deiner Zukunft.“

    In einem Bruchteil von einer Sekunde fragte sie sich einmal wieder, ob sie ihm überhaupt vertrauen könne, er hatte dieses entwaffnende Lächeln. „Und wo findet das statt?“ Inzwischen war die Neugierde in ihr erwacht, die stärker war als Vorsicht oder Misstrauen. Und sollte sie ihm misstrauen? Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie Diogo vertrauen könne.

    „Draußen in Jacarepaguá“, antwortete er.

    Angela überlegte kurz, Diogo ist voller Überraschungen. Jetzt will er mich auch noch zu diesem afro-brasilianischem Kultus mitnehmen...

    „Also gut.“ Sie nickte. „Ich komme mit!“


     

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