Ich wohne mitten in der Stadt, in einer touristisch gut erschlossenen Gegend. Die Straße ist recht schmal, es fahren Busse und LKW durch, es wird gerne in zweiter Reihe geparkt zum Be- und Entladen, zum Telefonieren oder weil in der Nähe grad kein Parkplatz frei ist. Das macht die Straße regelmäßig zur Einbahnstraße mit temporären Hindernissen.
In dieser Straße gerate ich vermutlich eher unter die Räder eines Radlers. Zum einen unter die derjenigen, für die der Weg zwischen Büro und Daheim eine Rennstrecke ist und die rote Ampeln nicht als Signal zum Anhalten, sondern als Dekoartikel zu verstehen scheinen, das sich gut ignorieren läßt. Die Autofahrer sind überwiegend umsichtig unterwegs. Das Tempolimit 30 ist eher freiwillig. Da gibt es diese solarstrombetriebenen Aufsteller die in rot "Langsam!" mahnen und in grün "Danke" sagen. Wie effektiv dieses Lichtspiel ist, kann ich nicht sagen.
Zum anderen gibt es diese Leihräder für Touristen. Leute, die seit Jahren nicht mehr mit dem Rad unterwegs waren, bewegen sich hier gerne umweltbewußt durch die Stadt. Es ist nicht der ganze Reisebus, dessen Besatzung sich dann im gemütlichen Tempo durch diese Straße bewegt. Sie fahren versetzt, zu zweit oder zu dritt nebeneinander her, machen sich auf Restaurants und Geschäfte aufmerksam und parken ihre Räder gerne da, wo sie die Touri App hingeführt hat. Die Räder müssen nicht abgeschlossen werden, sie können einfach irgendwo stehen. Und weil die Leute mit Leihrädern selten allein on tour sind, stehen da gleich mehrere Räder nebeneinander auf dem Gehsteig.
Von den Fahrradkurieren, die aus den Restaurants die Essensbestellungen abholen, kann man nicht erwarten, daß sie ihre Räder irgendwo hinstellen. Sie dürfen unmittelbar vor dem Eingang stehen. Bei populären Restaurants parken da öfters mal 2 oder 3 nebeneinander.
Die Gehsteige rechts und links sind recht breit. Müssen sie auch sein, denn die Cafés und Restaurants haben Außentische und -bänke. Touristen wollen sich gerne das "bunte Treiben" begucken und das begucken macht draußen mehr Spaß. Die Cafés stellen die Stühle daher nicht einander gegenüber auf, sondern nebeneinander, damit der Gast den Blick zur Straße hat.
Den verbleibenden Rest des Gehwegs kann man zum Flanieren in Dreier- oder Vierreihen benutzen. Oder zum unvermittelt Stehenbleiben, weil die Landschaft so schön ist oder das Menüangebot auf den Aufstellern neben den Außentischen betrachtet sein will.
Am Tag ist es draußen lärmig. Die Restaurants haben z.T. Musik im Programm, die aus den an der Wand montierten Lautsprechern schallt. Sie alle haben Gäste, die sich nett unterhalten. Mit steigendem Alkoholpegel wird der Drang, sich mitzuteilen, verstärkt und wenn sich die ganze Gruppe ordentlich betankt, steigen entsprechend die Stimmlagen.
Ab 23°° stellen die meisten Restaurants ihren Außenbetrieb so langsam ein, aber bei gutem Wetter verweilen die Gäste gerne noch ein Weilchen. Doch das muß nicht das Ende des Abends sein. Es gibt noch gemütliche Bänke zum Sitzen und dank Tankstelle oder Spätkauf sitzen die Leute auch nicht auf dem Trockenen.
Weil es viele Ferienwohnungen mit Balkon und Terrasse gibt, können es sich die Leute auch gemütlicher machen. Gerne mit Musik, dann haben die Leute im Hinterhof auch was davon. Am Freitag war's z.B. italienische Oper, aber es wurde nicht mitgesungen.
Gegen 3°° wird's meistens wirklich ruhig. Aber ab 4°° kommt die Straßenreinigung und die Putzfrauen machen die Cafés und Restaurants wieder frühlingsfrisch und die gusseisernen Stühle und Tische werden dabei hin- und hergeschoben.
Ich fühle mich ohnmächtig, denn ich habe keine Ohrenlider, die ich zuklappen kann.
Ich sitze hier mit Kopfhörern und lausche Regentropfen und Gewittern in Dauerschleife, denn das Kind über mir zahnt und das andere fährt mit dem Bobbycar durch die Küche. Das Restaurant im Haus bereitet sich allmählich auf die Öffnung vor und die Mitarbeiter telefonieren mit ihren Lieben auf der Bank vor meinem Küchenfenster.
Die Baustelle im Nachbarhaus kommt seit Jahren nicht voran und die Kita nebenan hat ihren Abenteuerspielplatz so schön ausgebaut, daß die Kinder aus dem Nachbarhaus nach Feierabend der Kita dort spielen gehen. Irgendeiner spielt immer Feuerwehr/Rettungswagen/Polizei, "tatütata" ist auch dieses Jahr im Trend.
Ich stelle mich nicht auf den Balkon, der den Wohnwert und die Miete erhöht und brülle die Kinder nicht an, weil ich mich noch zu gut erinnere, wie ich angebrüllt wurde und wie sehr mich das verstört hat.
Ich brülle auch die Touris nicht an, oder die Autofahrer oder die Radler. Ich bin Teil von diesem Wahnsinn. Deswegen nehme ich meine Wut und meinen Zorn gar nicht so ernst, denn sie flammen auf und erlöschen.
Ich fahr zwar nicht über rote Ampeln und schleife auch keine Dielen ab, aber auf irgendeine Weise errege auch ich den Zorn oder die Wut meiner Mitmenschen.
Irgendein Verhalten von mir ist genau so ignorant, daß es jemanden zur Weißglut treibt, ohne mein Wissen und ohne Absicht.