und hier mal ein längeres zitat aus dieser besprechung, die als ganze hier zu finden ist
(
Lit.:
GA 32, S. 152)
In diesem Gesang steht Hamerling mit der überlegenenObjektivität eines Weisen sowohl den Juden wie den Anti-semiten gegenüber. Man hat hier freilich am ehesten Ge-legenheit, diese Objektivität zu verkennen. Die größteKurzsichtigkeit besteht jedoch darinnen, wenn, wie so viel-fach geschehen ist, von überempfindlichen Juden die un-befangene Beurteilung der Verhältnisse schon als ein Feh-ler angesehen wird. Man hat aber kein Recht, jenen, dernicht ausdrücklich seine Parteinahme für die Juden be-tont, sogleich der Stellungnahme gegen sie zu beschul-Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 32 Seite: 148digen. Homunkulus, der schmählich Verlassene, wird mitHilfe Ahasvers gerettet und erscheint wieder in Europa,um die theoretischen Ansichten des Pessimismus zur Tatwerden zu lassen. Es wird ein Kongreß einberufen, derden Zweck hat, alle Wesen zu bewegen, an einem Tagdurch einmütigen Entschluß dem Dasein ein Ende zumachen. Die Einigung wird erzielt, und das höchste Idealder Pessimisten scheint durch Munkels Genialität seinerVerwirklichung nahe. Der 1. April soll der Tag des Endessein, alles geht gut. Da hört man im entscheidendenAugenblicke den Kuß eines Liebespaares, und alles istwieder vereitelt. Da sieht denn Homunkulus endlich ein,daß mit diesem verderbten Geschlechte nichts mehr anzu-fangen ist, er baut ein Luftschiff und fährt hinaus in denunendlichen Weltenraum. Ein Blitz schlägt in das Fahr-zeug, und so schwebt denn Homunkulus, an den Restendesselben hängend, mit Lurlei, die er, nachdem sie ihmwiederholt durchgegangen, stets wiedergefunden, im un-endlichen Weltenraum, ein Spiel der kosmischen Kräfte,bald von diesem, bald von. jenem Weltkörper angezogenund abgestoßen. Er kann nicht sterben, er wird ein Spielder Elemente, aus denen er maschinenartig zusammen-gesetzt ist. Der seelenlose Mensch kann nicht glücklichwerden. Nur aus dem eigenen Selbst kommt unser Glück.Ein tiefes, gehaltvolles Inneres allein vermag Befriedigungzu geben. Wer ein solches nicht hat, ist im höherenmenschlichen Sinne nicht wahrhaft entstanden. Wo dieserUrquell fehlt, erscheint das Leben als eine Irrfahrt ohneZiel und Zweck. Was einen Anfang in jenem charakteri-sierten höheren Sinn genommen hat, kann ruhig wiederabtreten, wenn seine Aufgabe erfüllt ist. HomunkulusCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 32 Seite: 149aber kann nicht sterben, er ist ja nie wahrhaft geboren.Ein bloßer Mechanismus kennt nicht Geburt noch Tod.Deshalb wird er ewig im Weltenraume schweben.Man sieht, Hamerlmgs Tiefsinn ist es in herrlicher Weisegelungen, der Zeit ihre Verirrungen vorzuhalten. Wiedie Grundidee groß und bedeutend, so ist auch das ein-zelne lebensvoll. Hamerling ist auch hier der idealistischeDichter geblieben. Dieser hat ja die Aufgabe, die Konse-quenzen der Wirklichkeit zu ziehen, über das Zufälligehinweg auf das Tiefere zu schauen. So wie das wahrhaftGroße und Würdige im Ideal nur noch gesteigerter,würdevoller erscheint, so wird das Schlechte, Verkehrtebeim idealistischen Dichter zur Karikatur. Viele werdensich an diesen Zerrbildern stoßen; sie sollten die Schuldnur nicht beim Dichter, sondern bei der Welt, aus derer geschöpft hat, suchen. Unsere Kritik freilich ist amweitesten von dieser objektiven Beurteilung des Werkesentfernt, sie hat es in den Streit der Parteien hinab-gezerrt und in der unglaublichsten Weise dem Publikumgegenüber das Bild desselben zu entstellen gesucht.Wir wollen in einem weiteren Artikel von diesem Ver-halten der Kritik zum «Homunkulus» sprechen.An dem Verhalten unserer Kritik dem «Homunkulus»gegenüber hat sich wieder einmal so recht gezeigt, daßsie alles Strebens nach Objektivität bar ist. Ob sie denKernpunkt eines Werkes findet, ob sie die Sache in dasrechte Licht setzt, das ist ihr gleichgültig; ihr kommt esnur darauf an, eine Reihe von «geistreichen» Phrasen zuCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 3 2 Seite: 150drechseln, um ihr Publikum zu «amüsieren». Das letzterefragt dann zumeist auch nicht, ob der Kritiker treffendgeurteilt hat oder nicht, ob er imstande ist, sich selbstlosin ein Werk zu vertiefen; es fragt nur nach jener witzeln-den Geistreichtuerei, die der Feind aller positiven Kritikist. Diese Kritik bedenkt nie, daß sie völlig unfruchtbarist, wenn sie sich nicht die ernste Aufgabe stellt, demPublikum in dem Verständnisse der Zeit und ihrer Er-scheinungen voranzugehen. Der Kritiker will nur die pro-duktive geistige Arbeit des wahren Schriftstellers oderKünstlers zum Fußschemel benützen, um seine eigene un-fruchtbare Persönlichkeit weithin bemerkbar zu machen.Überall ist es der mangelnde Ernst in der Auffassung ihresBerufes, den man der zeitgenössischen Kritik entschiedenzum Vorwurfe machen muß. Musterhafte Kritik habenzum Beispiel die beiden Schlegel geübt, bei denen immergroße Kunstprinzipien, eine bedeutende Weltanschauungim Hintergrunde standen, wenn sie urteilten. Jetzt über-läßt man sich aber ganz der subjektiven Willkür. Nur die-sem Umstände ist es zuzuschreiben, daß ein Kritiker heuteDinge vorbringt, die mit dem vor wenigen Monaten vonihm Behaupteten im krassen Widerspruche stehen. Wo eineernste Kunst- und Weltauffassung die Einzelurteile trägt,da ist solches Schwanken nicht denkbar. Von einer Verant-wortung vor dem Forum der Weltgeschichte hat die zeit-genössische Kritik zumeist nicht das geringste Bewußt-sein. Hamerling hat in dem Gesänge «Literarische Wal-purgisnacht» die unerquicklichen Zustände unserer heuti-gen Literatur treffend dargestellt, freilich immer der Auf-gabe des Dichters getreu bleibend, dessen Darstellung un-beeinflußt bleiben muß von den Tendenzen und Schlag-copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 3 2 Seite: 151Worten der Parteien. Was aber hat die Kritik aus diesem«Homunkulus» gemacht? Sie hat ihn herabgezerrt in denStreit der Parteien, und zwar in die widerlichste Formdesselben, in den Rassenkampf.
Es ist gewiß nicht zuleugnen, daß heute das Judentum noch immer als ge-schlossenes Ganzes auftritt und als solches in die Ent-wickelung unserer gegenwärtigen Zustände vielfach ein-gegriffen hat, und das in einer Weise, die den abend-ländischen Kulturideen nichts weniger als günstig war.Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt,hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völker-lebens, und daß es sich dennoch erhalten hat, ist einFehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleibenkonnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdi-schen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geistdes Judentums, die jüdische Denkweise. Der Unbefangenehätte nun glauben sollen, daß die besten Beurteiler jenerdichterischen Gestalt, die Hamerling der eben berührtenTatsache gegeben hat, Juden seien. Juden, die sich inden abendländischen Kulturprozeß eingelebt haben, soll-ten doch am besten die Fehler einsehen, die ein aus demgrauen Altertum in die Neuzeit hereinverpflanztes und hierganz unbrauchbares sittliches Ideal hat. Den Juden selbstmuß ja zuallererst die Erkenntnis aufleuchten, daß alle ihreSonderbestrebungen aufgesogen werden müssen durchden Geist der modernen Zeit. Statt dessen hat man Ha-merüngs Werk einfach so hingestellt, als wenn es dasGlaubensbekenntnis eines Parteigängers des Antisemitis-mus wäre.Man hat dem Dichter einen Standpunkt unterschoben,den er vermöge der geistigen Höhe, auf der er steht,Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 32 Seite: 152nicht einnehmen kann. Wir begreifen es nun ganz gut,daß jemand, dessen Name im «Homunkulus» in wenigschmeichelhaftem Zusammenhange genannt erscheint, zueiner objektiven Würdigung des Buches nicht kommenkann. Wenn aber ein großes Blatt wie die «Neue FreiePresse» über den «Homunkulus» nicht mehr zu sagenhat als die in fade Spaße gekleideten Wutausbrüche einesnotwendig Befangenen, dann weiß man wirklich nicht, obman sich über solche Leichtfertigkeit ärgern oder überdie Unverfrorenheit lachen soll. Muß denn da nicht ein-fach die Absicht bestehen, in der objektiven Darlegungdes Geistes des Judentums schon Antisemitismus zu wit-tern? Für die Form des Antisemitismus, die, wenn mandas entbehrliche Wort schon gebrauchen will, Hamerlingeignet, gibt es eine ganz bestimmte Formel: Er nimmt -wie jeder unbefangene, von Parteifanatismus freie Mensch-dem Judentum gegenüber den Standpunkt ein, den jedervon den Vorurteilen seines Stammes und einer Konfes-sion unabhängige Jude teilen kann. Man verlange nurnicht mehr von einem Geiste, der so ganz mit denabendländischen Idealen verwachsen ist wie Hamerling.Ist das Gebaren der «Neuen Freien Presse» und ähnlicherBlätter dem «Homunkulus» gegenüber im höchsten Gradeverwerflich, so ist es nicht minder unverzeihlich, wennantisemitische Zeitungen Hamerling als einen Gesinnungs-genossen jener Partei hinstellen, die neben der Eignungzum Toben und Lärmen nichts Charakteristisches hat alsden gänzlichen Mangel jedes Gedankens. Die Anhängerdieser Partei haben in ihren Blättern einfach Abschnitteaus dem Zusammenhange gerissen, um sie in ihrem Sinneumzudeuten, was ja bekanntlich das Hauptkunststück desCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 32 Seite: 153Journalismus ist.