Wie soll das funktionieren?
Der Physiker, Heisenberg-Schüler,
Friedensnobelpreisträger und Träger des Alternativnobelpreises,
Hans-Peter Dürr, beginnt seine Vorträge oft mit einem "Paukenschlag":
Ich habe 50 Jahre mein ganzes Forscherleben damit verbracht, zu
fragen, was hinter der Materie steckt. Das Endergebnis ist ganz einfach:
Es gibt keine Materie! Das hat vor allem weitreichende Konsequenzen
für unser Welt- und Menschenbild.
Es sind naturwissenschaftliche
Überlegungen, dass nicht die Materie das Fundament unserer Wirklichkeit
ist, sondern etwas, das sich nicht be-greifen lässt.
Überholtes Denken
Wir
versuchen heute, die Probleme des 21. Jahrhunderts mit dem Denken des
19. Jahrhunderts zu lösen, und das kann nur in den Graben gehen.
Wir
leiden unter dem Verlust der geistigen Dimension. Viele glauben nur an
das, was greifbar, was rational ist, was sich beweisen lässt und
denken, das wäre Naturwissenschaft. Dem hält der Physiker entgegen: Man
kann gar nicht so leben, dieser Eindruck täuscht. Wer das denkt, hat
gar nichts verstanden. Trotzdem lebt er weiter, weil im Hintergrund doch
etwas ist, auch wenn er es negiert. Das Herz schlägt weiter, auch wenn
man nicht daran glaubt, dass es schlägt.
Im Hintergrund ist eine
Beziehungsstruktur, die alles in Gang hält.
Unsere Denkweise ist
die des 19. Jahrhunderts: die Welt als Maschine, materiell und
mechanistisch.
Die Entwicklung der modernen Physik im 20. Jahrhundert
hat diese Vorstellung ad absurdum geführt, aber das haben wir noch nicht
in unser Weltbild integriert. Die heutige Technik basiert jedoch auf
dieser neuen Physik. Mit dem bisherigen Denken können wir nicht einmal
erklären, was passiert, wenn wir einen Computer einschalten. Das lässt
sich in der alten Sprache nicht mehr benennen.
Elemente eines neuen Denkens
1. Es gibt keine Realität
Nach
der alten Vorstellung ist die Welt da draußen das, was wir wahrnehmen,
hauptsächlich Materie. Das nennen wir Realität (von lat. res), die
dingliche Welt, etwas, das wir be-greifen und besitzen können. Für die
Anordnung der Materie in der Zeit gelten strenge Naturgesetze, daher
können wir prophezeien, was kommen wird und sagen, was war. Daher der
Eindruck, wir könnten die Welt prinzipiell in den Griff bekommen.
Aber
die moderne Physik hat gezeigt, dass es im Hintergrund völlig anders
ist. Die Naturwissenschaft ist an einem Punkt angelangt, wo sie die
Annahme, dass sie einmal alles genau wissen wird, aufgeben muss, dass
auch sie eine Sprache verwenden muss, die uns mit unserem bisherigen
Denken nicht zugänglich ist.
2. Materie ist nicht Materie
Im Grunde ist Materie nicht Materie.
Es gibt keine kleinsten Teilchen der Materie, die man noch Ende des 19.
Jahrhunderts zu finden glaubte. Es gibt nur eine Beziehungsstruktur.
Die Frage, was ist und was existiert, kann nicht mehr gestellt werden.
Es bleibt nur die Frage, was passiert und was bindet und nicht was
Teile verbindet. Was für uns völlig ungewohnt ist.
Die Welt ist nicht immateriell, sondern a-materiell.
Die Frage nach der Materie
ist sinnlos geworden. Wie die Frage: Welche Farbe hat ein Kreis? Der
gemalte Kreis hat eine Farbe, aber diese ist nicht Eigenschaft des
Kreises.
Wer mit dem Handy mit Paris telefoniert, so Dürr, macht etwas
völlig A-Materielles. Die Schwingungen sind da es keinen Äther gibt
nur Dellen im Nichts, die aber auch in Paris wahrgenommen werden. Es
geht nicht um Schwingungen, sondern
um eine reine Gestaltstruktur, die
keinen Ort hat. Die Frage, wo diese Gestaltstruktur ist, ergibt keinen
Sinn, sie ist quasi über das ganze Weltall ausgebreitet.
Die
Wirklichkeit ist nicht Realität, sondern Potenzialität, die sich
energetisch und materiell manifestieren kann. Wirklichkeit ist nicht
räumlich lokalisiert. Es gibt nur das Ganz-Eine, Teile gibt es gar
nicht.
Das hat Konsequenzen sogar im täglichen Leben, so Dürr:
Wir alle, die wir in diesem Raum sitzen, sind wohl unterschiedlich,
aber nicht getrennt.
Wir sind alle in einer Gemeinsamkeit, und das ist
eine wesentliche Voraussetzung, dass wir überhaupt miteinander
kommunizieren können.
3. Offenheit der Zukunft
Die
Zukunft ist nicht eindeutig determiniert, allerdings auch nicht
beliebig, sondern unendlich offen.
Die Tendenz ist irgendwie doch
festgelegt auf eine Weise, die vom Vorhergehenden beeinflusst ist.
Wieder
stellt der Physiker unsere Vorstellungen auf den Kopf:
Im Urgrund ist
etwas, das dem Lebendigen viel näher kommt als der Materie. Es gibt
echte Kreativität. Unsere Sprache suggeriert jedoch eine
Kreativität-feindliche Welt. Das höchste der Gefühle ist Entfaltung und
Entwicklung, Begriffe, die jedoch nicht mehr passen. Entfaltet wird
etwas, das schon da ist, in Wirklichkeit kommt aber etwas neu dazu.
Die
Wissenschaft büßt in diesem neuen Denken ihre Vorrangstellung ein, sie
kann nicht mehr sagen, was ist und was nicht. Sie hat die Materie in
immer kleinere Teile zerlegt bis zu dem Punkt, an dem die Wirklichkeit
den Naturgesetzen widerspricht. Es gibt die Materie nicht mehr.
Was bleibt, ist eine Art Schwingung oder Schwingungsfigur nicht materiell im eigentlichen Sinne.