Lotusz schrieb:
Tust Du denn etwa nichts? ... Es steckt immer eine spirituelle Praxis dahinter
Ich meditiere, sozusagen täglich. Der Punkt ist aber, dass ich überhaupt nicht sicher bin, ob ein Kausalzusammenhang besteht zwischen dem Eintreten jenes Erlebens und irgendeiner vorangehenden "spirituellen Praxis". Persönlich erlebte ich die ganze Sache eher so, als würde sie sich
trotz meiner spirituellen Suche eingestellt haben.
Der zentrale Punkt ist, dass bei mir dem Erleben dieser Leere zuerst eine ziemlich tiefe Verzweiflung voranging. Ich habe tatsächlich über mehrere Wochen lang dermassen an mir selbst gezweifelt, dass ich irgendwann an einen Punkt kam, an welchem ich zwar schon beinahe wütend auf alles war, was ich tat und dachte, weil es mir so vollkommen sinnlos vorkam, auf der andern Seite aber meine Gedanken mit Schnellzugstempo völlig von alleine weiterrasten. Es hatte sich alles verselbstständigt, es drehte sich ohne mein Zutun und ich konnte nur mehr oder minder hilflos beobachten, wie immer wieder Phasen von tiefster Unlust, Langeweile und "existentiellem Brechreiz" kamen. Ich fragte mich: "Was um Himmels Willen soll denn der Scheiss eigentlich?"
Mir wurde klar, dass ich überhaupt nicht wusste, wonach ich da eigentlich immer gesucht hatte. "Erleuchtung" - was soll das sein? Ich hatte nicht nur keine Ahnung (und zwar von GAR NICHTS), alles Denken entlarvte sich nach und nach als blosse Konstruktion ohne Boden, sondern ich entdeckte auch, die Tatsache, dass das ganze Suchen nach Erleuchtung oder sowas einfach nur oberhammermässiger Quatsch gewesen war.
Gleichzeitig, und das war nun das Absurde, konnte ich einfach nicht aufhören. Ich konnte einfach nicht stoppen, zur Ruhe kommen. Obwohl ich inzwischen genau mit dem Verstand wusste, dass ich einem Haufen Illusionen nachrannte, konnte ich einfach nicht aufhören damit. Immer wieder kamen dieselben Gedanken, dieselben Überlegungen, dieselben Hoffnungen. Immer wieder kam die verd* Hoffnung, dennoch irgendwas zu finden, bei gleichzeitigem Wissen, dass es da nichts zu finden gibt. Wenn du das erlebst, dann glaubst du, verrückt zu werden. Du siehst ziemlich gut, wie dein Verstand und dein ganzes Denken selbstständig irgendwas hinterherrent, was du für unsinnig hältst, kannst aber überhaupt nix dagegen unternehmen. Bisweilen fragte ich mich ernsthaft, ob ich daran wäre, den Verstand zu verlieren (immerhin weiss ich inzwischen, dass sobald man diese Frage sich stellt, es eindeutig ein Zeichen ist, dass man den Verstand NICHT verliert).
Ich wurde so wütend, dass ich mir sagte: "Ok, ich kann einfach nicht aufhören damit. Wenn das so ist, dann mache ich aber erst richtig weiter. Dann höre ich ab sofort nicht mehr damit auf, dann heize ich jetzt aber richtig ein!"
Dann, eines Nachts, erlebte ich, wie ich darüber nachdachte: "Was ist jenseits des Denkens?" Ich widerholte die Frage dauernd, rasend, bis ich irgendwann irgendwie innerlich explodierte. Im gleichen Moment begann ich zu lachen, weil ich einsah, dass das, was ich gesucht hatte, weder existiert, noch jemals existiert hat, noch existieren kann, die purste Illusion. So, als ob ich mein Leben lang damit zubringen würde, pinkrosa Bären in freier Wildbahn zu suchen. Der Punkt ist nun mal, dass es keine pinkrosa Bären gibt, nirgendwo. Ich konnte mich einfach nicht mehr halten, so musste ich lachen. Es war so absurd einfach, und ich war eine unendlich dämliche Nuss gewesen! Alles, war zuvor gewesen war, war völlig für die Katz gewesen, denn hier lag ich in meinem Bett, und überall um mich herum war einfach nur das, was da war: Tisch, Bett, Stuhl, Fenster, ich. Nichts mehr, absolut nichts mehr, einfach nur das. Keinerlei Geheimnis, kein Wissen, keine Erleuchtung.
Wenn du mich also fragst, ob das mit einer spirituellen Praxis zusammenhängt, dann muss ich sagen: Logisch betrachtet, nein. Schaut man sich aber die Lebensläufe von Leuten mit ähnlichen Erlebnissen an, so scheint es durchaus einen Zusammenhang zu geben. Anscheinend ist es für den Menschen sozusagen notwendig, dass er zuerst sucht wie ein Kamel, bevor er endlich die Unsinnigkeit dieser Tätigkeit einsieht. Und dann merkt er auch, wie unsinnig alles zuvor war.
Ich hoffe, ich konnte deine Frage beantworten.