Du sagst, die Mönche und Nonnen arbeiten ausschließlich mit dem Lichtkörper. Kannst du mir bitte einmal ganz genau erklären, wie die Arbeit mit dem Lichtkörper aussieht?
Wenn die Mönche und Nonnen mit dem Lichtkörper arbeiten, dann darf ich wohl davon ausgehen, dass die Laien mit dem Rupakaya (Formkörper) arbeiten. Wie sieht diese Praxis aus?
Ich kann mich dazu nur auf Lama Yeshe und seine Aussagen beziehen, weil das die höchste Tantra-Stufe ist, in eine solche habe ich keine Einweihung. (Das ist für Leute, die wirklich seit Jahren intensiv dran arbeiten, und seriöse Lehrer geben keine Einweihungen in solche Tantra-Übungen ohne entsprechende Vorbereitung...) Von daher kann ich dir nur die entsprechenden Stellen aus "Vajrasattva - Heilung und Transformation im Tibetischen Tantra" liefern, aber selbstverständlich keine eigenen Erfahrungen. Also ausnahmsweise muß jetzt einmal ich seitenweise zitieren
Die entsprechenden Passagen finden sich bei Lama Yeshe im ersten Teil des Buches, in der Erklärung der Yoga-Methode des Vajrasattva.
Im Verlauf der Sadhana von Heruka Vajrasattva ... kommt ein Teil, in dem ihr euch selbst als Vajrasattva in Vereinigung mit der Gefährtin visualisieren müsst. Da Mönche und Nonnen aber Gelübde abgelegt haben, keine sexuellen Kontakte zu pflegen, könnte man glauben, dass sie diese Art der Praxis nicht üben sollten. Da die Gefährtin jedoch keine physische Frau, sondern eine Samadhi-Frau ist, können auch Mönche und Nonnen diese Meditationen üben. Frauen können sich entweder als Vajrasattva visualisieren, der die Gefährtin umarmt, oder als die Gefährtin Dorje Nyima Kharmo selbst, die vollständig eins ist mit Heruka Vajrasattva und seine transzendenten Weisheit.
Hier geht es also um die visualisierte Vereinigung mit der entsprechenden Form der Meditationsgottheit bis zur völligen Verschmelzung mit deren Weisheitsaspekt.
Lama Yeshe erläutert weiter
Der Sinn und Zweck der Praxis mit einem Gefährten oder einer Gefährtin ist die Entwicklung der glückseligen, transzendenten Weisheit von Shunyata. Das macht sie zum genauen Gegenteil der gewöhnlichen Umarmung von Mann und Frau.Will man mit dem glückseligen transzendenten Gewahrsein umarmen, muss man den Geist des glückseligen transzendenten Gewahrseins allmählich entwickeln. Aus diesem Grund stellen Yogis und Yoginis ( und damit sind nun nicht ordinierte Praktizierende angesprochen, Anm. von mir...)zuerst jeden körperlichen Kontakt ein und praktizieren ... mit einer Samadhi-Gefährtin oder einem Samadhi-Gefährten (damit ist nun eben dieser visualisierte Lichtkörper gemeint, Anm.), bis sie höhere Realisationen erlangt haben. Erst auf einer viel höheren Ebene der Entwicklung können sie auch körperliche Umarmung üben, aber das hat mit den gewöhnlichen, samsarischen Lüsten nicht mehr das Geringste zu tun. Wir haben noch einen langen Weg vor uns,bis wir an diesem Punkt angelangt sind, und es mag nicht einmal nötig sein, diese Praktiken überhaupt zu üben.
Aus den Formulierungen Lama Yeshes läßt sich, hoffe ich, halbwegs entnehmen, worum es geht. Es ist dieses Verschmelzen allerdings auch etwas grundsätzlich Anderes als die übliche Praxis in den unteren Tantra-Klassen, wo man die Meditationsgottheit in den eigenen Körper sinken läßt und auflöst. Im Fall der Vereinigung erlebt sich der Meditierende selbst als ein Pol der Gottheit, der mit seinem anderen Pol verschmilzt. Da gehts um Energieaustausch auf höchster Ebene.
Teil zwei deiner Frage ist damit an sich glaub ich auch behandelt. "Laien", das heißt nicht Ordinierte, KÖNNEN, wenn sie entsprechend lang gearbeitet haben und sichergestellt ist, daß absolut kein gewöhnlicher Sex mehr dabei entsteht. Vorausgesetzt sie haben dann überhaupt noch den Wunsch danach. Was in diesem Fall genau zu tun ist, darauf geht Lama Yeshe folgerichtig gar nicht erst ein, er war da sehr pragmatisch. Macht zuerst eure Hausaufgaben, sagt er andernorts, ihr könnt nicht immer gleich durchs Dach einsteigen. Das kann ich dir also aus meinem Kenntnisstand beim besten Willen nicht beantworten.
Dieser Text ist der ausführlichste, den ich über solche Praktiken bis jetzt von für mich persönlich unantastbaren Lehrern gefunden habe. Mehr kann ich also nicht dazu beisteuern - ich hoffe, es war ausführlich genug.
Kinny