Genauso wie eine Flamme, die sich sehr schnell um sich selbst dreht, die Illusion eines Feuerkreises ergibt, ergeben sich aus den dynamischen Prozessen der körperlichen und geistigen Energie die Illusion des Ich, des Selbst, des Ego, der Seele. Sie werden Aggregate des Ergreifens genannt, weil wir an ihnen leidenschaftlich hängen und sie als "Ich" und "Mein" auffassen. Genauso wie ein mit einem Band an einen festen Pfosten gebundenes Tier um den Pfosten rennt, in seiner Nähe steht, sitzt und sich niederlegt, so kann auch die Person, welche die fünf Aggregate, die fünf Skandhas (Körper, Gefühle, Wahrnehmung, Geistestätigkeit, Bewusstsein), als sein Selbst ansieht, den Aggregaten und dem Leiden, der Verzweiflung und Furcht, die sie unvermeidlich begleiten, nicht entkommen.
Die fünf Aggregate sind für den Menschen ein privates Gefängnis. Sie leiden, weil sie an diesem Gefängnis hängen und auch auf Grund der Erwartungen, die sie von dem Gefängnis haben. Die Wahrnehmungen der äußeren Welt und die Beziehungen zu den Mitmenschen werden von der Natur dieses Gefängnisses geformt und deswegen werden die mitmenschlichen Beziehungen und die Kommunikation extrem komplex, heikel und problematisch. In dem Maße, in dem wir uns mit diesem privaten Gefängnis identifizieren, werden die Probleme komplizierter und komplizierter.
Auf diese Weise wird sehr klar, dass wir an unserem Körper hängen, als wäre er unser eigenes Selbst. Diese Identifikation ist so vollständig, dass sie sich auch in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen hat. In diesem sich dauernd verändernden Körper gibt es absolut nichts, das als ein Selbst, als "Ich", als dauerhafte Seele verstanden werden kann. Von daher ist die Identifikation des Menschen mit dem Körper als Selbst eine große Täuschung.
Während seines Lebens macht der Körper die Stadien des Säuglingsalters, der Kindheit, der Pubertät, der Jugend, des mittleren Alters und des Greisenalters durch. Innerhalb dieses Prozesses gibt es für jedes spezielle Alter eine spezielle Art des Leidens. Im Säuglingsalter sind dies z.B. das Zahnen, das Laufen-Lernen, das Lernen der Kommunikation mit den dieses begleitenden Enttäuschungen. Auch die Kindheit ist gezeichnet von vielerlei Leid. Die Pubertät, in der das Individuum ist besonders leidvoll. In der Jugend wird der Körper zu einem Problem, da die sexuelle Energie einen Höhepunkt erreicht. Wird sie nicht mit Weisheit kanalisiert, auf akzeptable Weise ausgeübt, mit Zurückhaltung behandelt und sublimiert, kann die Jugend in großes Elend führen. Im mittleren Alter ist der Körper zu Krankheiten geneigt, die von Stress induziert sind, und für viele ist dies eine Periode von Angst. Das Leiden im Greisenalter ist mannigfach.
Obwohl wir den Körper mit allen Arten sinnlicher Vergnügungen verhätscheln, ist er niemals dankbar. Er benimmt sich nie so, wie wir es von ihm möchten. So oft wir ihn auch waschen, immer wird er schmutzig. Sooft wir ihn füttern, immer wird er hungrig und müde. Er wird krank, er wird alt, er verliert seine Schönheit und Stärke. Er bleibt nie in unserer Kontrolle. Darum ist er es nicht wert, dass wir uns zu viel mit ihm beschäftigen und ihn "Ich" und "Mein" nennen.
Prof. Lilly de Silva:
Das selbstgemachte Gefängnis