Ich vermute, die Fragestellung nach "gesundem oder krankem Egoismus" zielt darauf ab: zu erfahren, ob es etwas Gutes und/oder Schlechtes gibt am "Egoismus".
Was ist gesund und krank und was ist Ego und Egoismus, überlegte ich.
Gesundheit ist nach meinem Verständnis, dass alles im Gleichgewicht ist und nützlich und förderlich für den Menschen und seine Mitmenschen.
Krankheit ist nach meinem Verständnis ein Mangel an etwas und oft gleichzeitig ein Übermaß an etwas anderem, also ein Ungleichgewicht. Heilsam ist dann ein Ausgleich.
Im Kontext von Ego und Egoismus ist meiner Ansicht nach alles "krank" bzw. "krankend", wenn es an Selbstliebe und damit gleichzeitig an Liebe für andere (eins geht nicht ohne das andere) fehlt und ein "Ersatz" dafür gefunden wird, indem etwas übersteigert wird.
Das kann sein, dass sich jemand mangels Selbstliebe zu einem Opfer stilisiert und in seinem gewaltsamen Unterdrücken der eigenen Selbstliebe und scheinbarem "Gutsein" anderen gegenüber (vielleicht insgeheim uneingestanden) eine Erhabenheit erreichen will, die ihn oder sie über andre stellt.
Das kann sein, dass jemand andre zwanghaft zu Opfern machen muss, um sich zu erhöhen um ein Mindestmaß an scheinbarem Wert zu erfahren, was er oder sie nicht aus sich heraus erschaffen kann. Beide kranken an Selbstliebe und werfen oft dem jeweils anderen vor, im falschen Sinn egoistisch zu sein.
Es gibt Situationen, in denen eine Fokussierung auf die eigenen Belange für eine Zeit lang erforderlich ist.
Wenn jemand schwer erkrankt, muss er oder sie sich um sich selbst kümmern und kann eine Weile nicht in dem Maß für sich und andere schaffen wie in gesunden Zeiten. Daher ist der Satz "Du musst mal an Dich denken und Dich auskurieren" bestimmt keine Aufforderung dazu, sich zu einem Egomanen zu entwickeln, sondern Selbstliebe und Achtsamkeit zu üben.
"Ego" heißt ja nur "ich".
Jeder Mensch ist im Grunde ein Mensch wie alle anderen und jeder Mensch besitzt einen Namen und eine Identität in der Welt. Wer sagt, "ich heiße XY ...", drückt aus, dass er einen Namen hat, den man ja auch benötigt um durch die Welt zu gehen.
Daran, dass jeder Mensch mit einem Namen herumläuft, damit man sich ansprechen kann, ist nichts Destruktives erkennbar, finde ich.
Doch kein Mensch
ist der Name oder das, was er oder sie in der Welt "hat".
Da liegt meiner Ansicht nach der Hund begraben.
Wenn jemand nämlich sagt "ich bin XY" und sich nur mit dem Bild oberflächlicher materieller Erscheinungen identifiziert, ignorierend, dass dies nicht das ist, was den Menschen in Wahrheit ausmacht, der übersteigert oder verzerrt das "Gewand für die Seele, mit dem ein Mensch durch die Welt geht" (meine Umschreibung für das Ich bzw. Ego).
"Egoismus" ist eine Übersteigerung von Ego-Konzepts, wie alles, was mit "ismus" ausgedrückt wird. Das kann erforderlich und nützlich sein (Genesung von einer Krankheit oder "mal an sich denken" nach Aufopferungen für andere - oder aber destruktiv, indem man sich oder andere niedermacht, z. B.).
Den Unterschied zwischen nützlich und destruktiv zu erkennen ist eigentlich gar nicht so schwer, denn wir Menschen sind (größtenteils) mit Empathie ausgestattet, die uns anzeigt, ob wir selbst oder andere gerade in einer destruktiven Übersteigerung des Ich-Bilds sind oder nicht. Nur darauf hört man nicht unbedingt, wenn man gerade nicht achtsam ist und man "rationalisiert" sich im Nachhinein verzerrte Bilder von sich und der Welt mit scheinbar "logischen" Argumenten.
Die allenthalben als allergrößte Egoisten in der Welt erkannten Menschen kranken oder krankten an Selbstliebe und einer fehlenden Perspektive, dass es mehr gibt in diesem Universum als nur materielle Erscheinungsformen, was ursächlich war/ist für deren destruktives Handeln.
Noch ein Gedanke dazu: Ein Mensch erkennt sich in frühem Kindesalter noch nicht getrennt (als Ego) von anderen. Dies kommt erst mit der Entwicklung (Trotzphase) und danach müsste eigentlich die Reifung der Impulskontrolle und der emotionalen Intelligenz und der Sozialfähigkeit folgen. Diese Entwicklung ist bei manchen Menschen gestört und sie sind noch nicht "erwachsen" geworden sondern in der "Trotzphase" steckengeblieben.
Da ist, wenn man so will, das Ego-Bild nicht krank, aber zumindest entwicklungsgestört und der Mensch bemüht sich zwanghaft wie ein kleines Kind, sich und aller Welt sein "Ich" zu präsentieren.
Einen entspannten Sonntag wünsch ich Euch

allen
lg
eva