Um sich mit dieser Meinung auseinander zu setzen, muss aber auch klar sein, was der Meinungs-Äußerer genau unter einem "Wirtsachaftsflüchtling" versteht - d.h. u.a. wo dieser "Humanitäts-Cut" gelegt ist, wer Schutz erhalten soll und wer nicht. Ohne das zu wissen ist es KEINE klare Meinungsäußerung, sondern sehr schwammige Stammtischparolen.
Ich weiß momentan nicht, worauf Du "ist
es KEINE..." beziehst, ob auf irgendwas worum es ging bevor ich meinen ersten Post schrieb oder auf die Beispiele die Du brachtest. Und bei letzterem stimme ich Dir ja durchaus zu. Worum es mir geht sind im Grunde zwei Dinge:
1. Ein Begriff, wie etwa Wirtschaftsflüchtling, beinhaltet nicht zwingend eine Wertung. Es mag Menschen geben die den wertend benutzen und es gibt auch Menschen, die aus der Benutzung eines solchen Wortes eine solche Wertung ableiten, womit sie dann selbst werten... Es muss aber möglich sein, so einen Begriff noch wertfrei zu benutzen. Anders gesagt: Diese Begriffs-Hysterie, die teilweise durch die Gesellschaft schwappt und von einigen Medien offenbar auch noch als "vernünftig" transportiert wird, ist in meinen Augen totaler Irrsinn. Es gibt ganz handfeste Probleme. Verbale Akrobatik hilft da nicht. Kategorisieren von Menschen auch nicht, egal ob Ausländer oder Inländer.
2. Es muss möglich sein, dass man die eigene Meinung einfach nur aufrichtig ausdrückt, ohne darauf achten zu müssen ob sie eher bei links oder rechts gut ankommt. Wenn Du anderen den Rat gibst auf eine Art zu formulieren, dass möglichst kein Beifall von rechts kommt, dann geht das m.A.n. ein bisschen zu weit. Denn das impliziert eine Verantwortung die niemand hat und auch nicht wahrnehmen kann.
Ich stimme zu, dass jemand, der so einen Satz sagt, deswegen nicht automatisch zum rechten oder gar zum Neonazi wird. Aber ich gebe nunmal zu Bedenken, dass Rechte und Rechtsextreme diese gleiche Formulierung benutzen. Und bei Leuuten, die ich nicht einschätzen kann, werde ich dann... sehr vorsichtig.
Vorsichtig warum? Ich kann Dir nur sagen wie ich solche Dinge sehe: Ich interessiere mich zuerst mal gar nicht für die politische Einstellung, ob links oder rechts, sondern einfach nur für das was eine Person sagt und wie ich dazu stehe. Wenn jetzt z.B. jemand sagt
"Ich will keine Wirtschaftsflüchtlinge durchfüttern" dann ist das eine individuelle Äußerung. Das ist Fakt.. denn die Person hat sie gemacht. Und die kann ich hinterfragen.
Und nur nebenbei: Es funktioniert deutlich besser, jemanden der oberflächlich argumentiert, auch argumentativ ans Limit zu bringen, wenn man nicht mit irgendwelchen Kontext-Kategorien kommt die letztlich selbst oberflächlich sind. Denn es ist ja alles andere als präzise über etwas zu spekulieren was da nicht steht und nur angenommen werden kann. Und mit Präzision, in dem Sinne das man genau das hinterfragt was da auch definitiv gesagt wird, lässt sich Unaufrichtigkeit und Oberflächlichkeit und fehlerhafte Argumentation sehr schnell outen.
Für mich gibts ne simple Formel: Aufrichtigkeit ist sehr unangreifbar. Unaufrichtigkeit sehr angreifbar. Und wenn man seine eigene Ansicht auf Kosten der eigenen Aufrichtigkeit äußern soll, um ja nicht Applaus aus der falschen Ecke zu bekommen... dann ist das für meine Logik vollkommen verkehrte Welt und führt zu nichts Gutem - für niemanden.
Und auch das ist eher schwammig. Du vergisst, dass auch Menschen emigrieren, die hier kein Asyl beantragen, sondern hier sofort arbeiten etc. - auch aus nicht-EU-Staaten und auch aus Staaten, aus denen wir Flüchtlinge und Asylbeewerber aufnehmen. Sind das auch "Wirtschaftsflüchtlinge"?
Es ist ja ein Unterschied, ob jemand als Motivation hat "ich will in Deutschland gerne mehr verdienen als ich in meinem Land kann", was auch auf nen Bankier oder Konzerntypen zutreffen kann, oder ob jemand sagt "meine ökonomische Situation ist so unerträglich das ich davor fliehe". Das wird individuell sein, aber letztlich schaffen es gerade jene, deren Situation ökonomisch ziemlich mies ist, nicht so einfach hier per Flugzeug einzureisen, sich nen Hotelzimmer zu mieten bis sie ne Wohnung haben und mal eben nen Job zu finden. Insofern: Der Begriff "Wirtschaftsflüchtling" ist logischerweise eher auf jene bezogen die Asyl suchen, aber eben wegen wirtschaftlicher Probleme, nicht wegen z.B. Verfolgung.
Es ist schön, wenn Du den Begriff wertneutral verwendest. Im Sprachgebrauch ist er allerdings nunmal eher negativ besetzt - so im Sinne von: "Das sind Leute, die ohne echte Not unsere soziale Hängematte ausnutzen wollen."
Ich persönlich beuge mich aber nicht unbedingt gerne den Triggerpunkten anderer. Warum sollte ich jenen, deren Ansichten ich überwiegend nicht teile, soviel Macht darüber geben wie ich Sprache gebrauche? Und abgesehen davon kommt es auf den Kontext an. Ich persönlich kriege es in der Regel hin nicht zu lange missverstanden zu werden. Umgekehrt warte ich immer den Kontext ab, bevor ich andere irgendwie kategorisiere. Da reicht es nicht zu sagen "Im Sprachgebrauch ist der Begriff eher negativ besetzt". Und laufend irgendwelche Begriffe streichen und ersetzen zu wollen führt nun wirklich ins komplette Chaos. Dann brauchts Websiten, auf denen man sich wöchentlich informiert was noch politisch korrekt ist und was nicht plus Alternativen. Dann wird aus Flüchtling Refugee... oder "Geflüchteter". Und aus Wirtschaftsflüchtling wird vielleicht... Business-Refugee oder so.
Ehrlich, das nicht nur wir hier über solche Nebenschauplätze diskutieren, sondern das auch in den Medien ne Rolle spielt ist ziemlich verrückt. Und m.A.n. ist das wirklich eine Entwicklung die ziemlich bedenklich ist. Und sie ist ja auch nicht neu. Das führt dann übrigens genau zu dem, was dann wieder als Zeichen rechter Gesinnung gesehen wird: Das Menschen Wendungen benutzen wie "Man muss aber noch sagen dürfen...." oder "Ich bin ja nicht rechts, aber...". Der Witz ist ja: Solche Formulierungen brauchts dann sehr schnell tatsächlich um Missverständnissen vorzubeugen. Das Resultat ist aber, das das Gebrauchen solcher Formulierungen wieder in ne Schublade führt. Man muss sprachlich dann schon einigermaßen talentiert sein um dem zu entgehen. Und das ist eben auch ausgrenzend und auch das trifft zum Teil die Falschen. Dabei wäre es sehr simpel jeden einfach nur beim Wort zu nehmen und nur daran zu messen was er sagt und was nicht und bei Bedarf eben nachzufragen.