IM GESPRÄCH MIT GERD KLOSTERMANN, INITIATOR DES "ARBEITSKREISES KEN WILBER DEUTSCHLAND"
"Integrales Denken ist im Prinzip dialogisch"
Wie kann man das Verhältnis zwischen Wilber und Europa charakterisieren?
Mir will mit Wilber scheinen, Europa ist heutzutage erschöpft und etwas "weltmüde" (ein Begriff von Kafka). Doch die Renaissance des europäischen Elans ist wichtig und jederzeit möglich. Wilber hat als "Einstein der Bewusstseinsforschung" die spirituelle Dimension in die Wissenschaft eingeführt.
Solange Europa jedoch gerade seine spirituellen Traditionen nicht wertschätzt, kann es seine Wirkung und seine Beiträge zur menschlichen Zivilisation nicht entfalten. Europas zum Teil angeschlagener Ruf wird sich erst durch die Weiterentwicklung eines integralen Blicks zu neuer weltweiter Autorität und Würde wandeln. Und plötzlich vernimmt man dann wieder jenen Glockenklang, der unsere europäische Kultur durchzieht. Das wäre auch sehr wichtig für Amerika und den Islam. Der Zugang zum Schicksal des tatsächlichen Menschen, und nicht des reduzierten Funktionsträgers, muss im 21. Jahrhundert für alle möglich sein. Hier hat Europa wirklich etwas zu sagen. Und der integrale Blick, der sich durch die Philosophie Wilbers manifestiert und durch sie systematisch geschult wird, ist daher gerade in europäischer Perspektive so wichtig.
Gibt es in Deutschland Berührungspunkte eurer Arbeit zur Anthroposophie?
Bisher selten. Ich denke zum Beispiel an die Unternehmensberatung Trigon, deren Berater sich in der Anthroposophie beheimatet fühlen, aber auch an unseren bekannten Kollegen und Mitarbeiter an deiner Reihe "Postmaterialismus" in den USA, Otto Scharmer, der sich als Anthroposoph bei seiner Arbeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Boston den integralen Gedanken Wilbers verbunden fühlt. Nicht zuletzt denke ich auch an dich und an unsere konkrete Zusammenarbeit an deiner 7-bändigen Reihe Postmaterialismus, die ich sehr schätze und die eine erste praktische Plattform zwischen Anthroposophie und integraler Bewegung darstellt. Bei den Mitgliedern in unserem Arbeitskreis gibt es ebenfalls einige, die Steiner sehr schätzen.
Kannst du etwas zum Verhältnis, zum Potential der Begegnung zwischen Rudolf Steiners Anthroposophie, dem traditionsreichsten integralen Sozial- und Geistimpuls Europas, und Ken Wilber mit seinem globalen integralen Impuls sagen?
Steiner wie Wilber stimmen darin überein,
dass es jenseits der Vernunft weitere Potentiale der Wahrnehmung gibt, nämlich trans-personale beziehungsweise trans-rationale Ebenen. Trans-rational heißt nicht anti-rational, sondern bedeutet die Entwicklung von Bewusstsein, Seele und Geist jenseits einer eindimensional positivistischen Rationalität.
Steiner hat ein sehr umfassendes Werk hinterlassen, und vor dem Hintergrund der späteren Befunde aus Psychologie und Bewusstseinsforschung im 20. Jahrhundert kann man über das Ausmaß seiner Philosophie nur staunen. Wilbers Forschungen setzen die Erkenntnisse aus den europäischen Geistestraditionen und der Entwicklungspsychologie zu Geist und Seele nun für das 21. Jahrhundert konsequent fort.
http://www.info3.de/ycms/printartikel_1462.shtml
Liebe Grüsse Karuna
