Ken Wilber und die integrale Bewegung im Dialog mit der Anthroposophie
Der neue Weltgeist für das 21. Jahrhundert?
Von Roland Benedikter
Erkenntnisse erscheinen für Wilber immer in Kontexten. Diese Kontexte zeigen sowohl evolutive wie systematische Unterschiede. Es gibt vor allem vier Kontext-Arten, die vier Arten des Wissens entsprechen:
- die spirituelle Erkenntnis-Ebene, die sich im Kontext des Geistes bewegt und letztlich stets auf der "heiligen", sowohl schöpferischen wie empfangenden Ich-Ebene stattfindet (auch dann, wenn dieses Ich von Gruppen-Aktivitäten oder vom "umgekehrten Kultus" angeregt wird); Wilber nennt diese Ebene den Erfahrungsbereich des "individuellen Ich"; hier bewegen wir uns in Kunst, Ästhetik, Psychologie, Spiritualität, innerer Gottes-Erfahrung; sie sind der Hauptausdruck und Gegenstand der großen geistigen Traditionen in Ost und West wie auch der neueren psychologischen Forschungen seit dem 20. Jahrhundert im Westen, wobei die östlichen Traditionen der religiösen Praxis-Erkenntnis eher auf das Überbewusste, die westlichen der psychologischen Praxis-Erkenntnis eher auf das Unterbewusste hinzielen;
- die kulturelle Erkenntnis-Ebene, die sich im Kontext der uns umgebenden, von der Zeit und ihrer Evolution abhängigen Kultur bewegt. Sie findet letztlich auf einer durch Werte geprägten kollektiven Ebene statt, die die äußere Summe von zahllosen individuellen inneren Prozessen ist. Wilber nennt sie daher die Ebene des "kollektiven Ich". Hier bewegen wir uns im Bereich jener unausgesprochenen Haltungen, kulturellen Gesetze und Werte, die von unserer Zeit-Kultur meist unbewusst auf unser Bewusstsein und seine Erfahrungsmöglichkeiten einwirken; sie sind der Hauptgegenstand der Untersuchungen von Postmoderne und Konstruktivismus;
- die soziale und soziologische Ebene, die sich im Kontext von Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialbedingungen im engeren Sinn bewegt. Sie findet letztlich auf einer durch im weitesten Sinn materielle Prozesse geprägten kollektiven Ebene statt. Diese Ebene entspricht etwa Marx "Unterbau"; Wilber nennt sie das "kollektive Wir", weil hier alles an Erfahrungs-Erkenntnis auf realem Austausch und gemeinsamer Produktion beruht; diese Ebene ist der Hauptgegenstand der Untersuchungen von Ökonomie, Soziologie und kollektiver Psychologie;
- die physisch-(neuro)biologische Ebene, die sich im Kontext von Gehirnprozessen und physischen Erkenntnisvoraussetzungen bewegt. Sie findet letztlich auf einer durch im weitesten Sinn materielle Prozesse geprägten individuellen Ebene statt, die dem heutigen Ausgangspunkt der neuronalen Bewusstseinsforschung entspricht; Wilber nennt diese Ebene das "individuelle Wir", weil sie je nach Mensch verschieden ist, aber gattungshafte Züge trägt.
Entscheidend ist nun für Wilber zweierlei: Erstens, dass die vier Ebenen stets im Kontext einer universalen Evolution des Bewusstseins gelesen werden, die den letzten feststellbaren Zweck der Erde und des Kosmos im Sinn einer integralen Erkenntnishypothese darstellen.
Zweitens, dass jedes Erkenntnis-Phänomen nie nur einem dieser vier "Quadranten" zuzuordnen ist, sondern nur jeweils in einem von ihnen erscheint; seine Wirklichkeit aber ist stets die Summe aller vier Quadranten, und diese Wirklichkeit ereignet sich bei genauerem Hinsehen stets im Kreuzungspunkt (Motiv des Kreuzes!) der vier Ebenen. So scheint zum Beispiel ein Gedanke, den ich jetzt denke, nur in meinem Ich zu erscheinen (erste Ebene); aber bei genauerem Hinsehen hat seine Wirklichkeit Anteile und Entsprechungen auf allen vier Ebenen: der Gedanke ist Teil meiner spirituell-schöpferischen und zugleich empfangenden geistigen Ich-Tätigkeit (erste Ebene), ist in zahlreichen mitschwingenden Grundannahmen, Vorstellungen und Erinnerungsbildern von der mich umgebenden Kultur geprägt, was ihn dazu prädestiniert, manches leichter zu erkennen, anderes schwerer (zweite Ebene), bewegt sich in dem konkreten sozialen und wirtschaftlichen Kontext, in dem ich stehe (neoliberaler Kapitalismus, Arbeitslosigkeit, es macht einen Unterschied in der Färbung meines Gedankens, ob ich ein physischer Arbeiter oder ein geistiger Arbeiter bin) (dritte Ebene), und er ist schließlich von der Funktionsfähigkeit meines Gehirns abhängig (elektrische Ströme, biochemische Prozesse).
Wenn ich also einen Gedanken denke, dann hat er umgekehrt auch stets vier verschiedene Auswirkungen: er wirkt auf mich und mein Ich ein, er trägt zur umgebenden Kultur bei, er verändert die sozialen und gesellschaftlichen Prozesse, deren Ausdruck er zugleich bis zu einem gewissen Grad ist, und er manifestiert sich als naturwissenschaftlich messbares Phänomen im Gehirn. Der Gedanke findet auf vier verschiedenen Ebenen statt, die allesamt je für sich untersucht werden können, aber in Wirklichkeit auf der Ebene der Realität eine untrennbare Einheit bilden. Daher ist dieser Gedanke dann zwar nicht ohne biophysiologische Gehirnprozesse zu denken; aber genauso sind diese nicht die einzige Dimension, die er als Wirklichkeit ausmacht, sondern sie sind nur eine Seite seiner spirituellen Ich-Dimension, seiner kulturellen und sozialen Dimensionen.
Entscheidend ist nun für Wilber, dass alle vier Ebenen gleichberechtigt und nicht reduktionistisch in jede wissenschaftliche Untersuchung einbezogen werden. Es kann nicht sein, wenn heute die Erkenntnis-Ströme auf den vier verschiedenen Gebieten: Spiritualität, Kulturwissenschaft, Sozialwissenschaft und neuronale Naturwissenschaft jede für sich davon ausgehen, dass ihre Wahrheit des Phänomens die ganze oder zumindest die wesentliche Wahrheit ist, von der die anderen drei Ebenen bestenfalls Epiphänomene darstellen. Wenn heute zum Beispiel die neuronale Gehirnwissenschaft (vierte Ebene) behauptet, den Schlüssel des Bewusstseins in Form von elektro-chemischen Prozessen in der Hand zu halten, und die spirituellen Erfahrungen (zum Beispiel die Erfahrung des Höheren Ich, des Engels, mystische Zustände oder Nahtodeserfahrungen) seien nur Epiphänomen - also kausal abhängige Folge - davon, das heißt: wenn sie Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen den vier Ebenen oder Dimensionen herstellt, die stets reduktionistisch sein müssen, weil sie ein erstes Phänomen voraussetzen, das dann in der Zeit verschoben ein zweites, drittes und viertes Phänomen nach sich zieht, dann verabsolutiert sie unzulässigerweise, was nur als untrennbare, wesenhafte Einheit immer schon unausweichlich auf allen vier Ebenen zugleich stattfindet. Wilbers Generalhypothese ist es deshalb, dass alles, was Gegenstand der Erkenntnis sein kann, immer auf allen vier Ebenen Entsprechungen hat und daher auch auf allen vier Ebenen gefunden werden kann - sei es nun, dass es sich um intimste innere Erfahrungen handelt wie auch um konkrete Taten in der äußeren sozialen und ökonomischen Welt. Beide manifestieren sich nur an diesen Orten in einem bestimmten Kontext, stehen aber immer schon im "Geviert der Welt" (Heidegger), das heißt in den oben geschilderten vier Seins- und Bewusstseinsdimensionen zugleich, die daher auch allesamt in Übereinstimmungen, evolutiven und systematischen Gesetzmäßigkeiten, Unterschieden und Parallelen untersucht und neu zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen.
Wilber entwickelt für die Art und Weise dieser Inbeziehungsetzung wiederum zwei Ebenen: erstens die synchrone und zweitens die historisch-evolutive. Für die Erstere versucht er, verschiedenste Ansätze der Erklärung und Erkenntnis ein und desselben Phänomens - in unserem Beispiel ein Gedanke - heranzuziehen, auch wenn sie ganz unterschiedliche Gesichtspunkte und zum Teil widersprechende Deutungen liefern. Dann ordnet er sie ihrem Ausgangspunkt und Kontext einer der vier Ebenen oder Bereiche zu; und schließlich versucht er innerhalb der einzelnen Bereiche große Gemeinsamkeiten, "Orientierungs-Verallgemeinerungen" zu finden, innerhalb derer sich die Einzelerkenntnisse in eine große Gemeinsamkeit zusammenschauen lassen. Der darauf aufbauende Schritt ist dann, diese Suche nach "Orientierungs-Verallgemeinerungen" auch auf den Bereich zwischen den vier Ebenen, Dimensionen oder - wie Wilber sie nennt - "Quadranten" - zu erweitern. Letztes Ziel dieses Verfahrens ist es, die spirituell-physisch-kulturell-soziale Einheit jedes Phänomens in der Welt zu sehen: zu erkennen, dass es nichts gibt, was nicht multidimensional Anteil an allen vier Ebenen hat - woraus, in komplexer Interaktion zwischen ihnen, gerade sein wahres, "inkarniertes" Leben entsteht!
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Karuna
