Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto (…) größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell mißbraucht werden." (Siehe Lloyd de Mause: History of Childhood, 1974, deutsch 1977). Tatsächlich wurden Kinder seit Menschengedenken immer wieder Misshandlungen wie Aussetzung, Verkauf, Verstümmelung, Züchtigung und Mord ausgesetzt. In früheren Zeiten waren Kinder völlig rechtlos. Ein Begriff von Kindheit als besondere Lebensphase hat sich erst allmählich herausgebildet. Kindermord und insbesondere die Tötung Neugeborener waren auf allen Kontinenten und in allen Epochen verbreitet (vgl. Shulamith Sahar: Kindheit im Mittelalter, Reinbek 1993, S. 150ff.). Bis in die jüngste Zeit ist das Verhältnis Erwachsener zu Kindern ambivalent geblieben. „Aus materieller Not, sozialer Angst, Gefühlskonflikten und magisch-religiösen Vorstellungen der Eltern erwuchsen immer wieder auch den Kindern lebensgefährliche Bedrohungen und grausame Leiden." (Siehe Gisela Zenz: Kindesmißhandlung und Kindesrechte, Frankfurt am Main 1981, S. 55).
Altertum. Mittelalter
Wieviele Säuglinge im Laufe der Jahrhunderte ermordet wurden, wieviele Kinder verwahrlosten oder eines frühen Todes starben, ist nicht präzise festzustellen. Unzählige kamen bei der Geburt oder kurz danach um. Da im Altertum Methoden der Empfängnisverhütung weithin unbekannt blieben, war die Tötung neugeborener Kinder eine Form der (nachträglichen) Geburtenkontrolle, meist motiviert von ökonomisch prekären Lebensverhältnissen und handfester Überlebensnot. Dabei galt Säuglingsmord nicht etwa als Unrecht. Ein Neugeborenes wurde (etwa im Alten Ägypten, in Babylonien, in Griechenland) erst als „Mensch" angesehen, nachdem bestimmte Zeremonien an und mit ihm vollzogen worden waren. Am häufigsten wurden schwache und missgebildete Kinder, und vor allem Mädchen, getötet. Die Spartaner pflegten missgebildete und behinderte Kinder auszusetzen. In Rom war Kindermord legal. Aufgrund der „patria potestas" konnte ein Vater seinen Nachwuchs als Sklaven verkaufen.