Ja, das kann man so sagen. Die positive Bewertung ist aus kreatürlicher Perspektive allerdings etwas schwierig, denn das physische Leben ist ein Erstarrungsprozess. Wir wandeln uns vom Kind, das hellwach seine Umgebung erforscht und dessen Welt voller Wunder und Horizonte ist, zum Greis, der fast nur noch eingeübte Reaktionen abspult und dessen Gesundheit davon abhängt, dass jeder Tag genau gleich verläuft. Unsere Kollektivwesen - Familien, Staaten, Völker, Spezies etc. - entwickeln sich in dieselbe Richtung. Set ist das zerstörende und reinigende Gewitter, das dafür sorgt, dass aus den Trümmern des Alten Neues erwachsen kann. Wir aber sind unweigerlich das Alte und wann immer sich die Spielregeln ändern, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir rausfliegen, weil wir nicht mehr können.So richtet sich das zerstörende Element (zerstört, was ist) bei Seth nicht auf "Alles" wie bei Apophis, sondern nur auf das, was sich im Kosmos (der göttlichen Ordnung) als nicht mehr lebensfördernd, sondern lebensvernichtend auswirkt, so verstehe ich es: dieses Ausgleichende und das Leben wahrende ist also etwas, was dem Leben dient und es unterstützt
- Ist es ungefähr das, was Du gemeint hast, als Du schriebst, "Erstarrung die den Tod bedeutet"?
Das zweite. Mystisch betrachtet sind wir als Menschen vom Göttlichen so weit entfernt, dass wir uns als davon getrennt wahrnehmen, als Ich-Wesen innerhalb eines Kosmos, der nicht zu uns gehört. Die meisten spirituellen Schulen zielen auf die Wiedervereinigung mit dem Göttlichen. Setianer wiederum suchen die vollständige Trennung. Das Individualbewusstsein soll selbst Gottstatus erlangen, indem es Ich und Selbst fusioniert und wird wie Set, das ultimative Individuum, das nach Belieben mit der Wirklichkeit spielt und dessen Existenz von nichts anderem mehr abhängt als dem eigenen Willen. Vor ein paar Jahren hätte ich mir diese Perspektive noch angeeignet. Mittlerweile halte ich sie für ziemlich albern. Das mag an meiner zunehmenden Erstarrung liegen, aber vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass meine Angst vor dem Schlaf langsam, aber sicher nachlässt. (Gut, streng genommen ist beides dasselbe.)Dass Seth für Bewusstsein steht bzw. Wachheit und Bewusstheit transportiert und innehat, das deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Du schreibst das Adjektiv "individuell" dazu. Das würde ich gern besser verstehen, was Du damit meinst, eher menschlich-begrenzt oder als Prinzip:
- Ist es ein "individuell" in dem Sinn, wie wir es als ein menschliches Individuum und aus der menschlich begrenzten Perspektive sehen?
- Oder ist das "individuell" eher als ein Fokuspunkt und Prinzip gemeint, der jedoch über ein begrenzt menschliches Verständnis einer Individualität weit hinausgeht?
Ich meine die spirituelle Wiedervereinigung mit dem Göttlichen und drücke es wieder lebensnah aus: Das Kind, dessen Ziel es ist, in den Uterus zurückzukehren und eins mit der Mutter zu werden, negiert seine Geburt. Ich kann es nicht abschließend beurteilen, aber es würde mich sehr wundern, wenn dies der Sinn der Schöpfung wäre.
- Meinst Du hier die Auflösung als Komfortzone ohne echte Veränderung?
- Meinst Du die Auflösung des Individuellen im gesamten Bewusstsein?
So viele Gedanken habe ich mir über die Metapher nicht gemacht, aber es passt trotzdem.Meinst Du hier das Salz in der Funktion des Wachmachers und Aufrüttlers aus dem tödlichen Schlaf der Hypnose?
Hierin zeigt sich wieder die spezielle Tragik der materiellen Existenz: Set ist der Einzige, der im Angesicht der Vernichtung wach bleibt, und gleichzeitig inkompatibel mit jeder Form von Organisation.Es war im Mythos Seth der oder das Einzige, was der Hypnose des/der Apophis/Apep standhalten konnte, deutlicher:
Das Dunkle und Erstarrend-Machende durch Hypnose (Apep/Apophis) vermochte alles und jeden zu hypnotisieren, nur nicht Seth.
Seth konnte wohl auch nur aus diesem Grund Apophis überwinden, wofür er/es zunächst verehrt wurde und wofür er eingesetzt wurde - bis es zu einem Deutungswandel kam, heute würde man wohl Framing sagen, sag ich dazu.
Im Traum verstehe ich ihn besser. Man tanzt einfach von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und der Tod ist niemals endgültig. Zwar ist man empfänglich für seinen hypnotischen Einfluss, aber es braucht nicht viel, um diesen abzuschütteln. Die Wachwelt lässt nichts dergleichen zu. Vielleicht ist Materie das, was entsteht, wenn Gedanken erstarren? Damit ließe sich zumindest erklären, warum die Götter des Wandels immer die Bösen sind.
Das ist Zufall. Ich wollte auf die mutagene Wirkung und die Gefahr hinaus, die damit einhergeht.Das Bild mit dem nuklearen Brennstab ist sehr anschaulich. Es stammt aus dem Kontext der Kernkraft-Gewinnung aus der Spaltung eines Kerns. Nun ist die Kernfusion jedoch, die die Sonne (Re) beständig durchführt, noch stärker.
Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Absicht war, dass Du das Bild der Kernspaltung eingebracht hast und wollte nun abschließend nachfragen, ob Du Seth dem teilenden und auseinanderbringenden Prinzip zuordnest, das letztlich dem allumfassenden und vereinigenden Prinzip dient?
Wenn wir es ganz genau nehmen, kann es allerdings nichts geben, was sich nicht in das Ganze einfügt. Auf unpersönlicher Ebene kann nichts, was möglich ist, falsch sein, und die Frage nach Gut und Böse ist immer nur die Frage nach akutem Nutzen und Schaden aus der Perspektive dessen, der sie stellt.