Es gibt immer wieder Dinge, die wir von uns wegschieben, die wir uns weigern, anzuerkennen oder zuzulassen. Wenn uns jemand ärgert oder verletzt, wenn wir uns langweilen oder uns schlecht fühlen, schauen wir uns die wunderbaren Blumen oder den Himmel an, lesen ein Buch, schalten den Fernseher an oder tun sonst irgendwas. Wir sind nie voll bewußt gelangweilt oder ärgerlich. Wir nehmen unsere Enttäuschung oder Verzweiflung nie wirklich zur Kenntnis, weil wir uns immer in etwas anderes flüchten können. Wir können immer zum Kühlschrank gehen, Süßigkeiten futtern oder die Stereoanlage aufdrehen. Es ist so leicht, sich in Musik zu verlieren, raus aus der Langeweile und Verzweiflung in etwas Interessantes, Aufregendes, Schönes oder Beruhigendes. Sie brauchen sich nur einmal anzuschauen, wie abhängig wir vom Fernsehen oder vom Lesen sind. Es gibt jetzt so viele Bücher, die eigentlich verbrannt gehören, nutzlose Bücher überall. Alle schreiben über alles Mögliche, ohne wirklich etwas zu sagen zu haben. Filmstars schreiben ihre Memoiren und verdienen eine Menge Geld damit. Dann gibt es diese Klatschspalten, von Menschen gelesen, die vor der Eintönigkeit ihres eigenen Daseins flüchten und dem Überdruß und der Unzufriedenheit ihres eigenen Lebens entkommen, indem sie sich dafür interessieren, was Filmstars und bekannte Persönlichkeiten so treiben.
Wir haben den Zustand der Langeweile und Wut nie wirklich voll bewußt akzeptiert. Sobald sie aufkommt, fangen wir an, nach etwas Interessantem oder Angenehmem zu suchen. Während des Meditierens aber erlauben wir der Langeweile und der Wut, da zu sein. Wir lassen uns völlig bewußt darauf ein, gelangweilt, deprimiert, frustriert, eifersüchtig, verärgert oder angeekelt zu sein. All die ganzen hinderlichen und unangenehmen Erfahrungen des Lebens, die wir niemals akzeptiert oder wirklich betrachtet haben, lassen wir nun voll bewußt werden und zwar nicht mehr als persönliche Probleme, sondern einfach aus Mitgefühl. Aus Weisheit und Güte erlauben wir den Dingen, ihrem natürlichen Verlauf zu folgen, bis sie ihr Ende finden, anstatt sie in den ewig gleichen alten Kreisläufen der Gewohnheit weiterlaufen zu lassen. Wenn wir nicht fähig sind, die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen zu lassen, sind wir immer daran, Kontrolle zu bewahren, und damit immer auch in einer entsprechend öden Gewohnheit des Geistes gefangen. Wenn wir trübsinnig und deprimiert durchs Leben gehen, werden wir niemals die Schönheit der Dinge schätzen, weil wir nicht zu erkennen vermögen, wie sie in Wahrheit sind.
Ich erinnere mich an eine Erfahrung im ersten Jahr meiner Meditationspraxis in Thailand. Die meiste Zeit jenes Jahres verbrachte ich allein in einer kleinen Hütte, und die ersten Monate waren wirklich fürchterlich. Alles mögliche kam damals ins Bewußtsein hoch - Ängste, Zwangsvorstellungen, Furcht und Haß. Niemals zuvor habe ich so viel Haß verspürt. Ich habe mich nie für jemanden gehalten, der Menschen haßt, aber damals schien ich alles und jeden zu hassen. Ich konnte an niemandem etwas Gutes finden, so stark war die Abneigung, die bei mir hochkam. Eines Nachmittags hatte ich dann diese seltsame Vision - und eigentlich dachte ich, ich wäre nun verrückt geworden. Ich sah, wie Menschen aus meinem Gehirn hinausspazierten. Ich sah meine Mutter einfach aus meinem Gehirn ins Freie gehen und dann im leeren Raum verschwinden. Dann folgten mein Vater und meine Schwester. Ich sah diese Visionen tatsächlich aus meinem Kopf herauskommen und dachte mir: "Ich bin verrückt geworden, ich bin übergeschnappt!" Doch es war keine unangenehme Erfahrung.
Als ich am nächsten Morgen vom Schlaf erwachte und mich umsah, empfand ich alles um mich als schön. Alles, sogar die gewöhnlichsten Einzelheiten, schien mir schön. Ich war in einem Zustand der Ehrfurcht. Die Hütte selbst war eine einfache Konstruktion, niemand würde sie für besonders schön halten, doch für mich glich sie einem Palast. Die krummen Bäume draußen gaben den wunderschönsten Wald ab, das Sonnenlicht fiel auf eine Plastikschüssel, und selbst sie war schön! Dieses Gefühl von Schönheit hielt ungefähr eine Woche lang an, und als ich es näher betrachtete, wurde mir plötzlich klar, daß die Dinge tatsächlich so sind, wenn der Geist klar ist. Bis dahin hatte ich durch ein schmutziges Fenster geschaut, und über die Jahre hindurch wurde ich den Staub und Schmutz so gewohnt, daß ich ihn nicht mehr wahrnahm und tatsächlich zu glauben begann, daß alles eben so sei!
Wenn wir gewohnt sind, durch ein schmutziges Fenstzer zu schauen, erscheint alles grau, trübe und häßlich. Meditation ist eine Methode, das Fenster zu putzen, den Geist zu reinigen, um den Dingen zu erlauben, ins Bewußtsein hochzukommen, damit wir sie schließlich loslassen können. Dann betrachen wir mit Weisheit, der Weisheit des Buddha, wie die Dinge wirklich sind. Das bedeutet nicht einfach, an Schönheit oder Geistesklarheit anzuhaften, sondern es bedeutet ein tatsächliches Verstehen. Es ist ein kluges Reflektieren, das uns die Arbeitsweise der Natur erschließt, so daß wir nicht länger von ihr verblendet werden und uns aus Unwissenheit weitere Lebensgewohnheiten bilden.
Ajahn Sumedho:
Glücklichsein, Unglücklichsein, Nibbana