Swami Omkarananda:
"Wenn wir dem Erkennen unserer selbst näher kommen wollen, wenn wir den Ur-Grund unseres Wesens entdecken wollen, aus dem heraus wir von der namenlosen Macht, die wir Gott nennen, gelebt werden, müssen wir das Tor der inneren Stille durchschreiten, um dadurch erst wirklich das zu sein, was wir unserem wahren Wesen nach sind. Und das Tor zu dieser tiefen Stille öffnet sich nur dann, wenn unser Geist, unser Denken, unser ganzes inneres Wesen zur Ruhe gekommen ist und zu 'hören' beginnt, wenn es nur noch Ruhe und Stille ist, wie ein tiefer Bergsee.
Ein Mensch, der diesen Weg gehen will, braucht nicht unbedingt eine Religion mit diesem oder jenem Dogma, sondern einen Geisteszustand, der ihm die Überzeugung gibt, dass etwas Unvorstellbares und Erhabenes jenseits unserer Gedanken und Vorstellungen der Hintergrund sein muss von dem, was unsere Sinne uns zeigen, Etwas, das die Essenz der Dinge, die Essenz der Lebenskraft ist, und das nur in der Stille unseres inneren Wesens wahrgenommen werden kann."
Ich stimme mit Swami Omkarananda darin überein, dass man zum Erlangen der Seligkeit keiner religiösen Orientierung bedarf. Aber seien wir einmal ganz ehrlich. Jeder ernsthafte spirituelle Sucher ist in seinem Herzen doch zutiefst religiös, wenn auch nicht im Sinne der Religionen. Ich selber orientiere mich auch viel lieber an ethischen, humanistischen und moralischen Idealen, die in einigen Punkten sicherlich vom kirchlichen Selbstverständnis abweichen. Aber sagen beide nicht im Prinzip dasselbe aus? Jede auf seine eigene unbeholfene Weise?
Allerdings denke ich, dass sowohl der religiöse Mensch als auch der Atheist im Prinzip denselben Fehler begehen. Sie meinen beide, die Wahrheit zu kennen. Das ist aber genau betrachtet ein Irrtum. Was bleibt einem also anderes übrig, als Agnostiker zu bleiben, der sagt, ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt oder nicht?
Ein Mensch, der einen spirituellen Weg geht, braucht allerdings keinen Geisteszustand, der ihm die Überzeugung gibt, dass etwas Unvorstellbares und Erhabenes jenseits unserer Gedanken und Vorstellungen existiert. Alles, was er wirklich zu wissen braucht, ist der Weg, der ihn zum gewünschten Ziel führt.
Verlange ich vom Menschen, dass der spirituelle Weg einen bestimmten Geisteszustand erfordert, dann stürze ich ihn in die ganze theoretische Diskussion, auf die eigentlich niemand eine Antwort geben kann.
Die andere Möglichkeit, diese Geisteshaltung als ein religiöses Dogma vorauszusetzen, wie es die Kirchen über Jahrhunderte getan haben, halte ich für einen nach Wahrheit und Erkenntnissen strebenden Menschen, der womöglich noch über eine fundierte Allgemeinbildung oder darüber hinaus sogar mit wissenschaftlichen Denken vertraut ist, nicht für zeitgemäss. Schlichte Gemüter mögen sich mit einem religiösem Dogma zufrieden geben. Ein aufgeklärter Mensch allerdings empfindet sie als einen überholten Ballast.
Aber selbst wenn eine intellektuelle und philosophische Betrachtung der Frage, ob es einen Gott, eine höhere Ordnung, oder wie immer man das auch bezeichnen mag, zu keinem Resultat führt, so gehört natürlich die Auseinandersetzung mit diesen Fragen zum spirituellen Entwicklungsprozess dazu. Diese Auseinandersetzungen bringen einen enormen inneren Reichtum mit sich. Sie machen den Unterschied zwischen einem Menschen aus, der in seiner Langeweile nichts mit sich anzufangen weiß, und einem Menschen, der innerlich mit einem solchen Reichtum angefüllt ist, dass er keine Langeweile mehr kennt.