Die Sache ist aber eben komplizierter, wenn man wirklich ins Detail geht.
Wollen wir das hier oder im anderen Thread weiter Diskutieren? Wir können darüber von mir aus auch gerne einen Thread in "Wissenschaft und Spiritualität" aufmachen; das wäre mir sogar am liebsten. Dann würde ich mich auch weiter an meine Aussage halten, nicht so viel in diesem Unterforum zu schreiben.
Mein Kommentar: Der Begriff "Richtigkeit" ist nicht wirklich präzise definiert in diesem Zusammenhang. Astrologie kann man durchaus als hermeneutische Praxis der Deutung von Symbolen sehen - das hat herzlich wenig mit Physik zu tun. Aus dieser Sicht wäre "Richtigkeit" weniger eine Frage der Empirie, sondern der dialogischen Deutungspraxis. Ohne also sich klar zu sein, was Astrologie überhaupt ist, ist selbst die Frage der Richtigkeit nicht vernünftig zu beantworten.
Schön und gut, es wird gedeutet. Es wird aber auch behauptet, dass diese Deutung irgendetwas über die Realität - z.B. Zeitqualität, Charaktereigenschaften des Menschen uvm. - aussagt. Und um DAS zu überprüfen, kommt man an Empirie nicht vorbei. Die Deutung mag noch so hermeneutisch nachvollziehbar sein, wenn damit nichts rauskommt, was über zufällige Stimmigkeit hinaus geht.
Ich könnte auch ein hermeneutisches System entwickeln, in dem ich Zeichen dahingehend deute, wie morgen das Wetter wird. Ohne Emperie - ohne statistischen Abgleich mit dem realen Wetter - bleibt das nur eine bloße Behauptung. Und es ist dann nicht die Verantwortung der Wissenschaft, doch gefälligst ihr Paradigma zu ändern, sondern entweder die Aufgabe der Deuter, ihre Behauptungen zu belegen, oder ein System aufzustellen, was sowohl sich der empirischen Überprüfung vollkommen entzieht als auch dennoch einen Mehrwert darstellt.
Das sollte nicht unmöglich sein, wenn man z.B. betrachtet, dass auch Kunst einen großen Mehrwert darstellt, ohne dass sich die Qualität von Kunst empirisch untersuchen ließe.
Mein Kommentar: Das ist einmal mehr ein allzu voreiliger Fehlschluss. Wissenschaftstheoretisch genügt eine einzige Studie, die eben aufzeigt, dass Astrologie funktioniert, mehr ist da nicht nötig. In der Praxis ist es aber durchaus so, dass man einer einzigen Studie, die zu einem gewissen Resultat kommt, wohl eher noch nicht so sehr trauen sollte. Die Chance, dass es sich um ein Artefakt handelt, ist zu hoch. Eine Nachvollziehbarkeit bzw. Überprüfbarkeit sollte schon da sein. Insofern bräuchte es einige solche Studien, die alle zum gleichen Resultat kommen.
Nein. Auch wissenschaftstheoretisch ist eine einzige Studie kein Beweis, aus verschiedenen Gründen.
Streng-wissenschaftstheoretisch betrachtet können wir empirisch fast gar nichts beweisen, aber wir können widerlegen (siehe Carl Popper). Wir können Experimente ersinnen und durchführen, die bei einer Anzahl an anfänglich gegebenen Hypothesen welche ausschließt. Damit wäre aber z.B. die Hypothese, die übrig bleibt, nicht automatisch sofort bewiesen, sondern "nur" bestätigt. Und das gilt erst Recht für die dahinter liegende Theorie. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie (ART) ist damit tatsächlich immernoch nicht vollends bewiesen, aber es gibt mittlerweile eine sehr große Anzahl an Experimenten, die alle bis dahin von der ART abgeleiteten Hypothesen und damit auch die Theorie bestätigt und die Gegenhypothesen zu einem sehr großen Grad ausgeschlossen hat. (Und in dem Fall ist das sogar eher etwas ärgerlich, weil wir wissen, dass diese Theorie nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann).
Auch, wenn die Versuche methodisch wasserdicht ablaufen, gibt es bei statistischen Experimenten immer die Möglichkeit eines positiven Ergebnisses aufgrund
statistischer Fluktuationen. Aufgrund der 5%-Grenze, die für den p-Wert in Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaften festgesetzt ist, um ein Ergebnis
statistisch signifikant zu machen, ist diese Wahrscheinlichkeit eines falsch-positiven Ergebnisses bei einer einzelnen Studie sogar noch ziemlich groß. Erst durch erfolgreiche Reproduktion sinkt diese Wahrscheinlichkeit nach und nach, und der Beleg kristallisiert sich dann in der Gesamtschau über mehrere Studien heraus.
Und zu guter letzt gibt es eben auch methodische Mängel. Und das massenhaft - nicht nur in den "Grenzbereichen" der Wissenschaft, sondern im ganzen Wissenschaftsbetrieb. Das ist keine Dummheit oder Schande, sondern beruht beispielsweise darauf, dass man sich zuerst an Hypothesen "ranschnuppert". Da sind dann diverse Vortests o.ä. um zu irruieren, ob eine Behauptung überhaupt interessant genug sein könnte, sie genauer - methodisch hochwertiger - anzugucken. Solche Studien mit methodischen Mängeln haben dann aber auch nur eine entsprechend geringere Aussagekraft. Dessen muss man sich bewusst sein und bleiben. Manchmal ist es praktisch nicht möglich, bessere Methodik anzuwenden, und manchmal sprechen auch ethische Gründe gegen das volle Methodik-Paket (z.B. in der medizinischen Forschung).
Wie sehr das systematisch in der Vergangenheit gemacht wurde oder nicht, das vermag ich nicht zu beurteilen. Es gibt jedenfalls mehr als bloss eine Studie, wenn auch nicht zwingend methodisch vergleichbar, die zum Schluss kommen, dass die Astrologie funktioniere.
Und sehr sehr viele Studien (inklusive Reproduktionsversuche etc.) die dieses Ergebnis nicht teilen.
Ebenfalls wichtig hingegen ist anzumerken, dass die 800 wissenschaftlichen Studien nicht zwingend aussagekräftig sind. Solange nicht klar ist, auf welcher methodischen Basis sie stehen, ist es durchaus denkbar, dass sie halt eben alle schlichtwegs schlecht gemacht wurden, von falschen Annahmen ausgingen, und so weiter. Das gerade deshalb, weil die Astrologie eben bisher zu wenig erforscht wurde. Quasi: Da sind zwar womöglich Signale in den Daten, aber die Mehrheit der Wissenschafter wissen halt nicht, wie man sie findet.
Edgar Wunder hat selbst eine solche Studie ersonnen und durchgeführt, die in die dritte Kategorie, die in dem hier schon besprochenen Paper beschrieben wird, passt. Ich denke, er wird durchaus wissen, wie eine gute Studie aussieht. Und man designt die Studien nicht danach, was diew Wissenschaftler glauben, wie Astrologie aussieht, sondern daran, was Astrologen konkret behaupten. Die Behauptungen der Astrologen, sofern empirisch-falsifizierbar formuliert, stellen die Hypothessen der Studien, und danach wird das Design ausgerichtet. Wenn diese Studien also allesamt schlecht gemacht wurden und an der Astrologie vorbei testeten, dann, weil die betreffend teilnehmenden Astrologen die Astrologie selbst nicht richtig verstandne haben.
Würden alle Studien zum Resultat kommen, dass Astrologie nicht funktioniert, okay, dann wäre anzunehmen, dass sie wirklich nicht funktioniert. Genau das ist aber nicht der Fall. Es gibt eben einige Studien, die zum Resultat kamen, dass sie funktioniert.
Es ist unmöglich, dass ALLE Studien zu einem Nicht-Effekt zu ein negativen Resultat kommen, weil die Definition für statistische Signifikanz das nicht hergibt. Von 20 Studien zu einem Nicht-Effekt wird es im Schnitt eine geben, die dennoch ein falsch-positives Ergebnis liefert, indem der p-Wert alleine zufällig irgendwie unter die festgesetzten 5% rutscht. Ich habe das hier schon erklärt.
Wenn Du Lust hast, könnten wir z.B. einige Studien zur Frage durchführen und durchrechnen, ob man Spielwürfel durch Anschreien beeinflussen kann. Alleine durch den Zufall wird eben ungefähr eine von zwanzig dieser Einzelstudien die Hypothese scheinbar bestätigen... was sich aber durch die im Schnitt 19 anderen Studien nicht reproduzieren lässt.
Gemäss Occams Razor ist es derzeit wahrscheinlicher anzunehmen, dass Astrologie nicht funktioniert, aber durchaus nicht gesichert.
Auch Occams Razor kann da weder absichern noch retten. Es ist eine Regel, die hilft, die Plausibilität einer Hypothese einzuschätzen, was man z.B. auch benutzen könnte, um die a-priori-Wahrscheinlichkeit einer Hypothese einzugrenzen (ich schrieb da neulich schon von). Aber zur endgültigen Entscheidung taugt es nicht.
Wir haben es also mit einer Patt-Situation zu tun. Die Zahl "800 wissenschaftliche Studien" soll offenbar irgendwie imponieren, aber eigentlich besagt sie nicht so viel - vor allem nicht, ohne zu wissen, wieviele Studien es umgekehrt gibt, die behaupten, einen Zusammenhang herstellen zu können.
Streng genommen hätten wir solch eine "Patt-Situation" auch für alle wirklich falschen Theorien/Lehren. Wie gesagt: Wenn man nur oft genug probiert werden auch bei methodisch wasserdichten Studien vereinzelt welche dabei sein, die falsch-positiv ausgehen. Und z.B. solche Effekte wie der
Publication Bias - die Tendenz in den Wissenschaften, dass positive Ergebnisse eher veröffentlicht werden, während negative Resultate eher unveröffentlicht in den Schubladen versauern - bewirken, dass wir auch nicht so einfach die Lage abschätzen können, wenn wir einfach die Zahlen der positiven und negativen Studien gegenüberstellen.
Nein, um eine Lehre/Theorie/Hypothese gut zu belegen, muss sie reproduzierbar gut mehrheitlich methodisch hochwertige Studien bestehen. Ansonsten ist entweder die Hypothese schlicht falsch oder mindestens schlecht formuliert. Damit wäre es jetzt immernoch an den Astrologen, die Hypothesen mal richtig zu formulieren.
Mein Kommentar: Da sind die Astrologen wirklich etwas naiv unterwegs, sowas zu behaupten. Ich habe weiter oben schon gesagt, dass man Astrologie durchaus als eine hermeneutische Deutungspraxis sehen könnte. Deutungspraxis bedeutet aber zwingend, dass es verschiedene mögliche Deutungsausprägungen gibt. Unter diesem Weltbild gibt es wenig Gründe anzunehmen, dass Astrologie immer bloss eine einzige realweltliche Ausprägung einer Sache zeitigt. Aus mir unerfindlichen Gründen wir darüber so gut wie kaum gesprochen, weder unter Astrologen noch unter Wissenschaftlern. Dabei ist das fundamental für die astrologische Deutungspraxis. Bevor wir also über statistische und naturwissenschaftliche Methoden sprechen, müssten wir uns darüber unterhalten, wie genau denn die Bedeutung eines Satzes wie "Planet X ist im Zeichen Y" auf eine realweltliche Ausprägung umgemünzt werden soll, wenn es doch eine ganze Menge verschiedener Deutungsausprägungen gibt?
Und dann auch: Warum begreift eigentlich offenbar so gut wie niemand dieses Argument?
Ich weiß es nicht, warum es nicht diskutiert oder begriffen wird, aber dann ist es die Aufgabe der Astrologen ihre Hypothesen bzw. Behauptungen entsprechend zu formulieren.