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Sayalla
Guest
http://www.wirtschaftsblatt.at/home/meinung/gastkommentare/272400/index.do
Mit Gewinn kann ich meine Miete zahlen, mir etwas zu essen kaufen, Kleidung oder Benzin fürs Auto. Hätte ich keinen Gewinn gemacht, könnte ich nicht hier sein. Oder ich wäre nicht angezogen Gewinn ist praktisch. Jeder will ihn haben. Und 6,6 Milliarden Menschen können sich nicht irren. Gewinn kann man verschenken. Fragen Sie jemanden, ob er *Ihren Gewinn haben möchte. War die Antwort schon jemals Nein danke, hab schon? Aber versuchen Sie, jemandem Gewissen anzudrehen.
Subjektivität. Gewinn ist einfach. Vielleicht ist es nicht so einfach, ihn zu machen, aber umso einfacher, ihn zu definieren. Gewinn ist das positive Betriebsergebnis, das sich aus der Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ergibt. Aber Gewissen? Lassen Sie mich Hegel zitieren: Um der abstrakten Beschaffenheit des Guten willen fällt das andere Moment der Idee, die Besonderheit überhaupt, in die Subjektivität, die in ihrer in sich reflektierten Allgemeinheit die absolute Gewissheit ihrer selbst in sich, das Besonderheit Setzende, das Bestimmende und Entscheidende ist das Gewissen. Schwer verständlich? Da ist einem der Unterschied zwischen Aufwand und Ertrag lieber, oder?
Gewinn ist objektiv. Eine Million ist eine Million. Der Income lässt sich nicht hinterfragen. Und am Konto*auszug hat noch niemand *gezweifelt.
Gewinn ist unparteiisch. Die Münze fragt nicht, in wessen Brieftasche sie steckt, der Schein sagt nicht, wo er herkommt.
Gewinn lässt sich bestimmen. Fragen Sie Ihren Steuerberater. Oder das Finanzamt. Das Gegenteil von Gewinn ist Verlust. Was ist das Gegenteil von Gewissen? Ungewissen?
Gewinn macht Freude. Ich habe noch niemanden erlebt, der sich darüber beschwert hätte. Aber ich kann mich nicht erinnern, vor Freude *gesprungen zu sein, weil ich ein gutes Gewissen hatte.
Und: Gewinn ist schön. Gewinnen kommt aus dem Althochdeutschen von giwinnan und ist mit der Wortgruppe Wonne verbunden. Etymologisch. Und logisch.
Gewissen ist furchtbar. Allein die Tatsache, dass man es umsonst kriegt, sollte uns nachdenklich stimmen. Gute Schuhe kosten ein Vermögen. Aber Gewissen kann jeder haben?
Depression. Gewissen ist kompliziert. Das Wort ist ein Adjektivabstraktum zum zweiten Partizip vom Althochdeutschen gewizzan.
Gewissen ist bissig. Gewissen ist ein Hund, der bellt und beisst und wir sind der Briefträger. Und das schon seit über 2000 Jahren. Die Geschichte der Gewissensbisse hat vermutlich mit Cicero angefangen, der den Ausdruck morderi conscientia einführte. Und Gewissensbisse haben seither nichts von ihrer Bissigkeit eingebüsst.
Gewissen redet zuviel. Ständig sagt es Ja oder Nein. Und damit kann man in einer Welt voller Schon, Aber auf der anderen Seite nicht überleben. Es kommt noch schlimmer: Das Gewissen spricht nicht nur, es will auch, dass wir das, was es sagt, befolgen.
Gewissen ist deprimierend. Laut Arthur Schopenhauer vermittelt ein gutes Gewissen eine ruhige und zuversichtliche Heiterkeit. Der Schopenhauer, der zum philosophischen Begründer des Pessimismus wurde.
Gewissen ist unsozial. Zwar ist es eingebettet in den klingenden Kontext von Freiheit und Verantwortung. Aber in Wirklichkeit diktiert es uns brutal die Parameter sittlichen Verhaltens und macht einen normalen gesellschaftlichen Umgang unmöglich. Ein Beispiel: Gefällt Ihnen mein Vortrag? Sagen Sie Ja, müssen Sie das mit Ihrem Gewissen ausmachen. Sagen Sie Nein, müssen Sie es mit mir ausmachen.
Gewissen lässt sich nicht greifen und schon gar nicht begreifen. Es ist keine ethische Norm, kein System objektiver Gebote und Verbote. Sondern Moral, diese innere Stimme, die flüstert, ruft und uns manchmal einfach nur anbrüllt.
Über Gewissen lässt sich streiten. Nach Thomas von Aquin ist das Gewissen der Vollzug eines Urteils über den moralischen Wert einer Handlung. Das leuchtet ein. Nach Sigmund Freud handelt es sich beim Gewissen um die Verinnerlichung der elterlichen und gesellschaftlichen Verhaltensweisen und erzieherischen Ideale, um der unkontrollierten Erfüllung der Triebwünsche zu begegnen. Also das Über-Ich. Aber ist es angeboren? Erworben durch *Erziehung und Umgang? Oder ein Naturgesetz?
Oder ist das Gewissen das Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes, wie Imma*nuel Kant schreibt? Ein innerer Richter, unserem Wesen einverleibt, der uns beobachtet und bedroht und uns wie ein Schatten folgt, wenn wir zu entfliehen suchen? Man beachte die Ausdrucksweise. Dabei war Kant ein Freund des Gewissens.
Das Beste: Gewissen existiert gar nicht. Ich habe im *Lexikon der Betriebswirtschaftslehre nachgesehen. Kein Eintrag unter diesem Stichwort. Ebenso wenig im Lexikon des Politischen Denkens. Gut, da würde man es sowieso nicht vermuten
Gewissen ist inakzeptabel. Der Volksmund sagt: Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Und irrt sich gewaltig. Denn rein ist das Gewissen bekanntlich nur, wenn man es nicht benutzt. Versuchen Sie doch, an der Ikea-Kassa für Ihren Polster mit *Ihrem Gewissen zu zahlen.
Summa summarum. Gewinn ist fantastisch und Gewissen ist furchtbar. Das ist die volle Wahrheit. Also zu 99 Prozent. Wenn wir am Ende des Tages oder am Abend unseres Lebens die Augen schliessen, haben die Banken zu, Kreditkarten keine Gültigkeit und die grosse Wirtschaftsprüfung ist auch schon gelaufen. Aber diese innere Stimme wird *immer noch da sein. Ob sie in diesem Augenblick in Enttäuschung schweigt oder *lobende Worte findet, hängt von uns ab. Ob wir es geschafft haben, zu verstehen, dass unter dem Strich ein gutes Gewissen der grösste Gewinn ist. Wie ich schon sagte: Klingt gut. Ist aber furchtbar.
Zur Erinnerung.
Weisst, Alnei, das Problem ist nicht, dass ich es dir recht machen muss / soll / kann/ darf. Dein Thema ist, dass du dir selber es Recht machen DARFST.
