Natürlich! Man kann/muss Selenskyj in dieser Situation verstehen nur eine Verhandlung rückt so - wie bereits geschrieben - in weite Ferne. Putin wird seine Truppen kaum abziehen lassen, er sitzt derweil am längeren Ast.
Aber das Ziel wäre doch, die beiden Länder an einen Tisch zu bringen, damit der Angriffskrieg ein Ende nehmen kann.. beim kleinen Mann würde man sagen "der Klügere gibt nach" doch ja, bei Politik und insbesondere Krieg greift das nicht.. leider.
Noch wissen wir (Selenskyj) nicht, was das kleinere Übel ist. Bleibt zu hoffen, dass er das Richtige wählt..
Wir können da wirklich froh sein, dass wir da keine unmittelbare Entscheidungsmacht haben. Denn egal, wie man sich entscheidet, es wird auf die eine oder andere Weise übel sein und zu Leid und Tod führen.
Wenn Selenskyj nachgibt, kann dieser Krieg natürlich schnell enden. Die Menschen da brauchen dann keine unmittelbare Angst davor zu haben, von Explosionen oder Projektilen o.ä. getötet zu werden. Aber Putin bekommt dann halt alles was er will, was die Ukraine auch politisch und wirtschaftlich extrem schwächen wird. Und das wird auch die Menschen konkret betreffen. Dass es nicht unbedingt das kleinere Übel ist in einem unfreien und wirtschaftlich schwachen Staat zu leben, zeigt mMn die DDR, in der Menschen sogar wissen ihr Leben riskiert haben, um evtl. doch in den Westen zu fliehen, wo sie freier gewesen wären oder sogar auch freier waren, wenn die Flucht gelang.
Wenn Selenskyj nicht nachgibt, könnte der Krieg noch lange dauern und viel Tod und Leid auf diese Weise verursachen. Absolut eine grauenvolle Vorstellung.
Meine Eltern haben den zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt, und was sie davon berichteten und berichten, ist nur schwer emotional zu fassen, wenn man es eben nur in der Sicherheit des eigenen Wohnzimmers erzählt bekommt... es bekommen aber so einige Menschen schon aufgrund weitaus weniger dramatischer Erlebnisse eine PTBS.
Letztes Jahr ging dieses Video eines ukrainischen Mädchens in einem Bunker bei einem russischen Angriff auf Kiew viral:
Das Kind singt auf Ukrainisch (glaube ich) das Lied "Let it go" aus dem Disney-Film "Frozen". Das Video schnürt mir die Kehle zu, weil dieses Kind meiner Tochter, die in einem ähnlichen Alter ist, auch ziemlich ähnlich sieht. Es ist ein schreckliches Wissen für mich, dass da auch Kinder wie meine Tochter wieder derart in Gefahr sind. Bis vor kurzem war auch ein ukrainisches Flüchtlingskind in der gleichen Kindergartengruppe wie sie, und sie erzählte ab und zu von dem Jungen: "Han pratar bara Ukrainska." Nun ist der Junge nicht mehr da, und ich frage mich, ob die Familie wieder zurück gekehrt ist, oder ob sie woanders hin gezogen sind - woanders hin verteilt wurden...?
Und so schwanke ich dann selbst auch hin und her, was das kleinere Übel sein könnte. Aber dieser Krieg kann dann zwar schnell beendet werden, aber andere Kriege werden dann begünstigt, wenn Aggressoren so gezeigt bekommen, wie leicht sie mit sowas durchkommen...
Wie gesagt: Wir können eigentlich froh sein, dass wir da nicht unmittelbar gefragt werden. Mit der Verantwortung viel Leid zu verursachen, egal, wie ich mich entscheide, und dabei nur zu entscheiden, welche Art von Leid "besser" bzw. "weniger übel" wäre, könnte ich nur schwer leben.
PS: Und man glaube mir bitte, dass es mir nicht leicht fällt die militärische Unterstützung der Ukraine gutzuheißen und zu wünschen. Aber aktuell glaube ich nach wie vor, dass das das kleinere Übel ist.