Es ging ja darum, den Mut zu haben, einfach nur ich selbst zu sein. In meine Kraft zu kommen, in die Freude. Das hat gut geklappt. Dann beginnt das Drama ... eine Stunde später halte ich einen Brief von der Schule in den Händen und peu á peu erzählt mir mein Sohn dann, was er alles in der Schule so hat auflaufen lassen und das Kartenhaus (Mama, mir gehts super, ich hab keine Probleme, alles ist bestens) bricht über mir zusammen.
Hm. Weißt Du: Ich kann noch immer nicht verstehen, was das Problem ist. Du erlebst ja etwas völlig Normales mit Deinem Sohn, ne? Warum sollte Dich das in irgendeiner Weise von Dir selber entfernen?
Du selber bist ja nicht Kraft und Freude, Du bist Du. Mit Deinem Sohn und allem Sonstigen, was Teil von Dir ist oder aus Dir kommt. Das Leben wird nicht "schön", wenn man sich bewußt wird über sich selbst. Es verläuft weiter wellenförmig und dat bleibt auf ewig so. Nur hat man dann eine Ebene, auf der man auch allein sein kann. Und man selber wird schön, verstehste? Äußerlich wie innerlich.
Du hast ja Dein Leben hier preisgegeben, Deine Erlebnisse erzählt. Danke dafür. Ich glaube, es ist jetzt wichtig, daß Du so etwas wie eine Meta-Position über diesem ganzen Geschehen einnimmst, das da in Deiner Familie stattgefunden hat und stattfindet. Daß Du dich also zum Teil de-identifizierst mit dem, was Du innendrin warst. Und daß Du quasi wie zu einer neuen Mara wirst, welche die neuen Wege auch wirklich geht, die sie gehen möchte. Mit den Emotionen, die sie dabei haben möchte. Dafür mußt Du dich energetisch entladen von dem, was Du erlebt hast und eine Meta-Position finden. Ich schreibe Dir unten auf, was mir von gestern bis heute dazu eingefallen ist.
Ich hatte übrigens auch den Anlaß in mir, Dir etwas zum Umgehen mit Deinem Sohnemann zu raten, aber da hast Du hier vermutlich die beste Hilfe mit den Erfahrungen derer, die denn auch Kinder haben. Also halte ich mich da geschlossen.
Das Thema Aufmerksamkeit geht mir auch durch den Kopf: wichtig ist, "positive" von "negativer" Aufmerksamkeit zu separieren. Dazu unten aber mehr.
Sobald meine Mutter oder mein Sohn da sind oder irgendwie geartet in Erscheinung treten - meine Mutter weniger, mein Sohn mehr.
Wenn ich allein bin oder mit anderen Menschen Kontakt habe - kein Problem. Alles gut.
Ohnmacht, Hilflosigkeit. Das Gefühl gehasst zu werden, allein zu sein, alles allein machen zu müssen, nie schwach sein zu dürfen, keine Hilfe zu bekommen. Ich bin wütend, hab das Gefühl ich kann machen was ich will, es ist nie genug, immer schmeißt man mir Steine in den Weg.
Eher Situationen. Ich koche Essen - Sohn sagt: "Ich hab keinen Hunger." ich koche kein Essen, Sohn sagt: "Warum ist das Essen nicht fertig. Ich hab Hunger."
Jeden Morgen geht er später zum Bus. Ich habe ihm jetzt 25 mal gesagt, dass ich das morgens nicht vertrage und er bitte pünktlich das Haus verlassen soll, weil ich sonst nicht mehr mitaufstehe ... ab morgen bleib ich liegen... dann schreit er wieder und fährt die "ich bin soooo arm"-Nummer ...
Hausaufgaben machen: Ich will aber nicht jetzt - ich will später. "nein - sorry .. du hattest deine Chance - das hat nicht geklappt (3 Briefe in 2 Monaten) - jetzt übernehme ich das und helfe dir - aber wir machen die Aufgaben jetzt und nicht heute Abend wenn ich und du müden sind." Ich muss aber spielen, ich muss aber erst noch Zeit für mich haben (ich bin ja so ein armer überforderter Junge) - ich könnte platzen !

Ok. Halbe Stunde noch raus. Wer kommt nicht wieder ? Genau ...
Wir wollten doch Hausaufgaben machen. Ja - aber warum kann ich das nicht morgen machen, heute abend machen ... ich weiß nicht was wir aufhaben, ich muss telefonieren. Ich finde das Blatt nicht. *grrrrrrr*
Mama - ich hab schon wieder einen Strich. - Wie kann das sein ? - wir haben doch alles gemacht ? - Der T. ist schuld, der hat mir nicht gesagt, dass wir auch noch die Aufgabe 3 machen sollten. - Zähneknirsch ... wenn du dich nicht um deine hausaufgaben kümmerst, ist es nicht T.s schuld, wenn dir dann was fehlt, sondern deine. Kümmere dich darum und schreib dir auf, was du aufhast. Wenn das jetzt nicht klappt - passiert das und das.
Du bist so gemein. Immer drohst du mir.
*aufgeb*
Man muß ja mal sehen: man ist nur Einer. Auch ich bin nur Einer und es ist irgendwie nicht leicht, das alles zu überblicken und noch schwieriger ist es, es auszudrücken. Du kennst das von mir, mara, und ich weiß daß es Dir nichts ausmacht, wenn ich einfach mal meine Gedanken auf ON stelle und mitschreibe, was mir einfällt. Mal gucken, wann es vorbei ist.

Vielleicht ist was dabei für Dich.
hm. *hinhör*
In dieser Zeit jetzt erleben wir ja die sogenannte Erfüllung von Schicksalen auf einer ganz neuen Ebene. Ich selber habe irgendwann in den Achtzigern mit 15 mein erstes Buch zum Buddhismus gelesen. Dort war von Karma die Rede und all dem Kram, unter dem ich mir nichts vorstellen konnte, weil es eine ganz andere Welt beschrieb.
Mir ist so gut wie nichts aus dem Buch in Erinnerung geblieben, weil ich kein Wort davon verstanden habe. Das Einzige was ich erinnere ist folgende Aussage und die hat mich mein Leben lang bis heute begleitet:
Wir als Kinder des Friedens (damit meine ich, daß wir keine Kriegskinder sind und auch nicht in einer Kriegszeit gelebt haben) haben eine ganz andere Stärke, Kraft, einen ganz anderen Mut als Menschen, die Kriege erlebt haben.
Und es ist unsere Aufgabe jetzt, die Aufgabe unserer Generation, diesen Samen des Friedens in uns selber zu entwickeln- unsere Eltern können das meist nicht wegen dem, was sie erlebt haben.
Wir müssen das unseren Eltern allumfassend verzeihen, gell, daß sie teilweise in einem Schattenreich leben, in dem Angst, Verhaltensindoktrinierung und Kleinhalten und Kleinmachen geschah und geschieht. Diese Dinge geschehen in unseren Eltern, im Bereich ihrer Gedankengefühle, die durch ihr Leben gestaltet wurden. Und diese feinstofflichen Energien geben sie ja an uns weiter. Wir hören ja ohne Frage alle in unseren Gedanken hin und wieder Einrufe von unseren Eltern - so setzt sich das ja dann fort.
Je weiter sich ein Volk (oder eine Failie) vom Krieg und vom Faschismus des letzten Jahrhunderts etc. entfernt, um so geringer wird natürlich die Anzahl der Menschen, die innendrin auch Krieg empfinden und daher auch Unfrieden um sich herum verbreiten. Es gibt dann eine Generation, die damit beginnt, zu separieren: welche Verhaltensweisen in meiner Familie und also auch in mir sind eigentlich kriegerischer Natur? Wo denke/handele/urteile ich widerständlich ("negative Aufmerksamkeit") und wo denke/handele/urteile ich mit positiver Aufmerksamkeit, also annehmend?
Von unseren Eltern, die zur Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen und/oder gearbeitet haben und auch von der Generation der Nachkriegskinder dürfen wir Eines meines Erachtens nur eingeschränkt erwarten: daß sie die gaaaaaanz tief verwurzelten Ideen von Erziehung und Wertigkeit im Leben vollständig ablegen können, durch welche sie traumatisiert worden sind.
Sie werden immer in sich hören - und das müssen wir lassen wie es ist, meine Lieben: "man kann nicht...", "man muß...", "es geht nicht daß ich/Du..." "Du mußt dies und jenes um..." etc.pp. Also: Bemerkungen, welche die Möglichkeiten minimieren, Freiheiten nicht zulassen und Entwicklung nicht etwa fördern (das wäre "positive Aufmerksamkeit"), sondern eher behindern (="negative Aufmerksamkeit, gerichtet auf das, was "muß", "noch nicht richtig ist" und "wo es hingeht" etc. --->kontrollierend-redigierend-dirigierend ).
Wir müssen und dürfen das so lassen wie es ist, was in unseren Eltern ist, es ist das Leben unserer Eltern was sich uns da zeigt.
Es war ein schreckliches Jahrhundert. Die Vater- und die Mutterrolle sind vollkommen pervertiert worden durch den Nationalsozialismus. "Ein Mann" ist
nicht das, was uns allermeist von unseren Vätern vorgelebt wurde. Und eine Frau ist
nicht das, was uns allermeist von unseren Müttern vorgelebt wurde. Und was wir meinen empfinden zu müssen, damit es uns gut geht. (tatsächlich sind wir davon dann "abhängig", daß wir so oder so fühlen wollen und nicht so, wie es sich nunmal ehrlicherweise ohne Herzchengeschnörkel anfühlt. Also geerdet, ne?!)
Sie haben Rollen gelebt, unsere Mütter und Väter und Großeltern und Urgroßeltern, weil sie nicht die Kraft hatten, sich aus ihnen zu befreien. Die das Individuum schwächende Komponente nationalsozialistischer Erziehnung und Lebensweise schieben da dauerhaft einen Riegel vor. (es sei denn man verarbeitet vollständig auf der Ebene des Nationalen Traumas, aber das kann man dieser Generation einfach nicht zumuten. Die Erlebnisse waren zu schrecklich und durch die "Rollen-Indoktrinierung", die ja schon im Kaiserreich ganz deutlich war "T. Mann: Der Untertan..." ist bei vielen Menschen dieser Generation das gesamte Innere starr und das wird dann auch so sterben. Stichwort "Volksgeschichte", je nach Nationalität eine traurige oder eine freudige Geschichte. Sehr entscheidend für das Selbstwertgefühl (gesunder "Stolz").)
Man muß es lassen wie es ist, es führt kein Weg daran vorbei, ich sage es noch einmal. Die Vergangenheit war die Vergangenheit und die Gegenwart und Zukunft kann nicht von ihr getrennt werden. Es wird "den Schnitt" nie geben, auf den man wartet. Aber es ist alles fluide.
So, Mara. Jetzt ist aber doch die Frage: was ist jetzt die Aufgabe unserer eigenen Generation? In dem Buch, das ich mit 15 gelesen habe stand, daß wir diejenigen sind, die zum ersten Mal durch das Erleben einer Friedenszeit die Möglichkeit haben, die Traumata unserer Ahnen in uns selber zu klären. Wir können wie gesagt nicht unsere Ahnen klären, aber bei uns selber gelingt uns das.
Mein Schwager erzählte mir neulich in einer kleinen Geschichte, daß es sieben Generationen seien, über die hinweg sich Verhaltensnormen und z.b. auch chronische Erkrankungen in Familien fortsetzen. Das heißt: es sammelt sich sieben Generation an, und dann gibt es immer irgendeinen, der als schwärzestes aller schwarzen Schafe in der Familie all diese Energien aufarbeiten muß und damit das Karma der Familie heilt.
Dieser Mensch geht durch die Hölle, ne. Wer es erlebt hat oder erlebt weiß, wovon ich rede. Er erlebt alles, was an Problemveranlagung in der eigenen Familie gelegen ist am eigenen Leib und im eigenen Geist. Und dann findet dieses schwarze Schaf aber die Erlösung. (Es sei denn es bringt sich um, was oft der Fall ist. Ja Leute, so ist das, ne. Das ist der grössere Zusammenhang des Erlebens, das man innendrin mit sich führt.)
Das Schwarze Schaf wird dann erst grau und schließlich wird es weiß - im esoterischen Sinne der Farbbedeutung gedacht.
Kann das weiß gewordene schwarze Schaf dann jetzt aber etwas klären in der Familie? Ja, schon. Es kann auf jeden Fall zusammenführend wirken und sich öffnen, indem es über seine Erfahrungen spricht. Aber: viele ältere Menschen halten dann leider die Wahrheiten über sich selber nicht aus. Sie können sich nicht damit auseinandersetzen, was sie falsch gemacht haben, denn das wäre zu schmerzlich. Man hat also die Verantwortung - wenn man denn schon begriffen hat - diese wirklich armen Teufel, die selten ein gesundes Leben führen dürfen, zu begleiten. Die Eltern zu pflegen sozusagen. Und dafür muß man durchaus lernen, gegenüber Vielem, was einen früher an diesen Personen innendrin aufgeregt hat, eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln.
so. Und mit den eigenen Kindern will man ja aber anders verfahren als diese Rollen-Eltern, die ihre Kinder in vorgefräßte Bahnen hineindachten, aus denen diese dann 68 ausstiegen. Und meine Generation ist dann ebenfalls ausgestiegen - via Burnout beim unreflektierten Hereinspringen in diese Gesellschaft. Die 68er-Eltern haben uns leider nicht zeigen können, wie man in diese Gesellschaft hier gesund hereinkommt und ein gesundes Leben führen kann - ohne Drogen und Abhängigkeit vom Konsum - denn sie haben sich der Aufgabe dieser Gesellschaft vielleicht nie wirklich gestellt.
--> Teil 2