Der Autor des Buches sagt dann in etwa, dass Nagarjuna nur die Idee einer substantiellen Existenz zurückweist, aber nicht die Idee eines Daseins in seiner einfachen Tatsächlichkeit. Anders ausgedrückt: Es wäre wie das „Todlose Element“ oder die „Soheit“ – also das, was schon immer da ist – oder der Tathāgata, der von Anfang an existierte. In diese Richtung geht es auch im Herz-Sūtra, wenn ich das richtig verstanden habe.
Oder noch ein Gedanke: Was ermöglicht eigentlich der Prozess des Werdens, also bhava? Dieser ontologische Hintergrund ist immer präsent; er ist wie die Schnittstelle zwischen Zeit und Zeitlosigkeit. Ich verstehe, was du meinst. Nagarjuna ist wirklich eine sehr harte Nuss, leider.
„Philosophisch gesprochen, ist der Sinn von »Wirklichkeit« und damit der Gegensatz
zum »Schein« selbst fraglich geworden. Heidegger hat in seiner Frage nach dem »Sinn
von Sein«26 das Wirklichsein des Wirklichen zur Frage erhoben. Die nachhaltige Erschütterung,
die diese Frage in Philosophie und Theologie hervorgerufen hat, kann als
Echo auf die offenkundige Zweifelhaftigkeit der unverbrüchlichen Einheit der Wirklichkeit
selbst verstanden werden. Heideggers positive Antwort auf die offen gewordene
Frage nach dem Sinn der Wirklichkeit, des Seins deutet in eine Richtung, die geradezu
nach einem Dialog mit den asiatischen Denktraditionen ruft. Heidegger interpretiert die
»Wirklichkeit« der griechischen Tradition als beständige Anwesenheit, als das Bleibende
im Vergänglichen. Damit aber das Anwesende überhaupt an-wesen kann, bedarf es
vorgängig einer Offenheit, eines »Raums«, in den hinein das Anwesende anwest, erscheint.
Diese »Offenheit«, diese - wie Heidegger sagt - »Lichtung des Seins« ist das
Kernthema seiner Ontologie.“
So ist es, denke ich.
VIRTUELLE REALITÄT –
WIRKLICHKEIT ALS SCHEIN
EIN BEITRAG ZUM DIALOG
ZWISCHEN EUROPA UND ASIEN
Karl-Heinz Brodbeck