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Kinder der Nacht

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von Serenade, 20. November 2008.

  1. Serenade

    Serenade Mitglied

    Registriert seit:
    18. März 2007
    Beiträge:
    211
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    KINDER DER NACHT

    Wir sind die Kinder der Nacht. Wir fürchten das Tageslicht nicht, dennoch meiden wir es und schlafen untertags. Das mag der Grund für unsere extrem bleiche Haut sein. Wir sind angetan vom Kontrast unserer weißen Haut und unserer durchwegs schwarzen Kleidung, die entweder aus langen Kleidern oder langen Hosen und Pullis besteht. Auch unser Haar ist schwarz und lang. Die Augen schminken wir mit schwarzen, breiten Lidstrichen, - auch die Jungs unter uns.
    Ich bin ein Mädchen, - ein Mädchen mit weißer Haut, einem langen schwarzen Kleid, mit Fledermausärmeln, und langen schwarzen Haaren. Und ich möchte euch erzählen, wie ich zu den Kindern der Nacht gekommen bin.

    Dieser Schritt war für mich eine Trennung von der menschlichen Gesellschaft. Wir Kinder der Nacht sind sozusagen von der Bildfläche der Menschen verschwunden, obwohl wir dennoch unter ihnen leben. Aber für die Menschen da draußen ist es, als würden wir gar nicht existieren.

    Ich war etwa zwölf Jahre alt. Es war, genau genommen, der Sommer, bevor ich zwölf wurde und mir bewusst wurde, dass ich in einer Welt lebe, die mir überhaupt nicht gefällt. Ich hasste es, zur Schule zu gehen und für einen möglichen Beruf zu lernen. Ebenso hasste ich die Vorstellung, einmal zu heiraten und Kinder zu bekommen, - die Kinder heranwachsen zu sehen, Oma zu werden und dann zu sterben.
    Von den Jungs, die ich kannte, gefiel mir keiner, wo ich mir vorstellen hätte können, mit ihm alt zu werden. In meiner Verzweiflung über dieses Leben, welches mir bevorstand, schuf ich mir in meiner Phantasie einen „Traumboy“. Er war all das, was ich an den Jungs, die ich kannte, nicht fand. Er war wunderschön, hatte eine enorm erotische Ausstrahlung und war von unheimlich sanftem Wesen. Er hatte langes, schwarzes Haar und schocktürkisfarbene Augen. Er sah zwar menschlich aus, aber er war ganz anders als die Menschen in meiner Phantasiewelt. Die anderen Menschen in meiner Phantasiewelt waren genauso wie die Menschen in meiner alltäglichen Welt. Sie waren nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht. Er jedoch, mein Traumboy, war liebevoll, gutmütig und ohne jegliche Rachegedanken. Er hätte durchaus Rachegedanken haben können, denn er wurde nie gut behandelt.
    Er wuchs bei Zieheltern auf, die ihn misshandelten und missbrauchten. Als er später von Zuhause, mit seinem einzigen Freund, wegging und in einer Art Herberge wohnte, begann sein Martyrium abermals. Es lag an seiner Ausstrahlung, die die Menschen nicht nur sexuell anregte, sondern sie auch dazu zwang, ihn zu quälen. Er selbst wusste nichts von seiner Ausstrahlung, die ihn nicht nur einsam, sondern auch tieftraurig machte.

    In seiner schieren Verzweiflung sprach er eines Nachts im Traum zu mir. Er erzählte mir von seiner Kindheit, die so qualvoll war, dass er seine Qual nur mit Heroin dämpfen konnte. Er erzählte mir von den Kindern der Nacht, als er auch eines von ihnen war. Diese Kinder der Nacht verkauften ihre Körper, um mit dem Geld Stoff zu besorgen.
    Sie waren nicht wie wir, auch wenn sie sich ebenfalls Kinder der Nacht nannten.
    Während der Erzählung kam er drauf, dass er ganz anders war als die anderen Menschen. An vielen Misshandlungen hätte er eigentlich sterben müssen, so schwer waren die Verletzungen. Aber nicht nur, dass er nicht daran starb, - es war auch ein Phänomen, dass seine Wunden unheimlich schnell heilten, dass kaum eine Narbe zurückblieb.
    Ich sagte ihm dann, er sei so etwas wie ein zukünftiger Mensch, den man Leuchtendes Wesen nennt. Ich verriet ihm auch, dass ihm sehr viel möglich ist, was gewöhnliche Menschen Zauberei nennen würden.

    Als ich aus dem Traum erwachte, hatte sich das Verhältnis zwischen meinem Traumboy und mir sehr verändert. Es war, als hätte er plötzlich ein Eigenleben und sei nicht mehr abhängig von meiner Phantasie. Er erkannte seine Fähigkeiten, in andere Welten zu gehen, von denen er selbst ein Teil war. Er entwickelte sich nicht zu einem multidimensionalen Wesen, - er WAR eines!

    So kam es, dass er bald darauf wieder in einem Traum zu mir sprach und mir vom menschlichen Bewusstsein erzählte. Er sagte, das menschliche Bewusstsein habe so viele Möglichkeiten, auch anders zu leben.
    Er hatte also meine Verzweiflung erkannt und bot mir seine Hilfe an. Aber ich müsste etwas tun, denn eine Fee, mit Zauberstab, gibt es nicht.
    Ich sagte, ich wäre zu allem bereit, wenn ich nur aus diesem trostlosen Leben fliehen könnte. Zur Sicherheit fragte er noch einmal nach: „Wirklich alles?“ Ich bejahte. Dann sagte er, ich müsse mich selbst aufgeben. „Wie soll das gehen?“ fragte ich ihn. „Reduziere dein Ich und löse dich von allem Bekannten los“, sagte er.
    Mir war auf dieser Welt nichts wirklich bekannt. Es erschreckte mich nur und ich war mir sicher, jedes andere Leben sei besser als dieses, das mich erwartete.

    Noch in diesem Traum brachte er mich zu den Kindern der Nacht. Nicht zu jenen, die er kannte, jene, die ihre Körper verkaufen, um sich Heroin zu spritzen, sondern zu den wirklichen „Kindern der Nacht“.
    Sie leben in einem alten Schloss, das zum Großteil eher einer Ruine gleicht. Das Schloss steht auf einer Anhöhe, inmitten eines Waldes, in dem ich die Wölfe heulen hörte. Es war gerade Nacht, die Zeit, in der die Kinder der Nacht auf Streifzug waren.
    Mein Traumboy und ich gingen durch das Schloss und sahen uns um. Es war nicht gerade das, was man Komfort nennen kann, aber das war mir egal. Ich wollte ohnehin alles zurücklassen, was mich an mein altes Leben erinnerte.
    Plötzlich fragte mich mein Traumboy, ob ich gleich hier bleiben will.
    „Ja! Natürlich!“ schrie ich heraus und löste dadurch ein unheimliches Echo im Gebäude aus.
    „Es gibt kein Zurück, wenn du erst mal hier bist“, warnte mich mein Traumboy.
    Für einen Moment dachte ich an meine Eltern, die mich sicher vermissen werden.
    „Keine Sorge! Deine Eltern werden dich nicht vermissen“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen.
    Ich sah ihn fragend an.
    „Der Teil deines Selbst wird in der alten Welt weiterleben. Aber er wird dir jetzt nicht mehr bewusst sein. Dein Bewusstsein wird hier sein, bei den Kindern der Nacht, die sich für immer von der Alltagswelt der Menschen verabschiedet haben.“
    Ich überhörte das „für immer“ nicht. Ich war sogar glücklich darüber und auch glücklich für meine Eltern, weil sie mich nicht vermissen werden.
    Mein Traumboy sah mich prüfend an, als wollte er mein Innerstes erforschen. Dann nickte er zufrieden und sagte: „Ich sehe, du meinst es wirklich ernst. Und ebenso erkenne ich deine ehrliche Bereitschaft, alles loszulassen.“
    Nach diesen Worten verschwand er. Er löste sich in Luft auf und ich war alleine im Schloss der Kinder der Nacht.

    In aller Ruhe blickte ich mich im Schloss um. An den meist verfallenen Wänden hingen brennende Fackeln, die es mir ermöglichten, in der Schwärze der Nacht zu sehen. Es standen auch uralte Kästen an den Wänden, von denen ich einen öffnete. Darin befand sich Kleidung, - alles in schwarz. Lange schwarze Kleider hingen auf Kleiderbügel, wovon ich eines herausholte. Es sah wunderschön aus, - hatte eine weiten, runden Ausschnitt, mit schwarzen Spitzen besetzt, und es hatte enorm weite Fledermausärmeln, wo am Saum abermals Spitzen angenäht waren. Um die Taille war es eng geschnitten. Ab den Hüften schwang es weit aus und hatte hinten eine etwas längeren Schlepp, - ebenso mit breiten Spitzen gesäumt. Der Stoff war weich und glänzte sanft. Ich dachte, so ein Kleid dürfte in der Alltagswelt ziemlich teuer sein. Ich begutachtete es noch einmal. Es hatte sogar meine Größe, also zog ich meine Alltagsweltkleidung aus und probierte das wertvolle Stück. Es passte, als wäre es für mich gemacht worden! Und ich fühlte mich richtig wohl darin. Lachend drehte ich mich Kreis und streckte meine Hände zur Seite, um den Effekt der weiten Ärmel zu beobachten.
    Ich suchte nach einem Spiegel, um mich darin zu bewundern, aber ich fand keinen im ganzen Schloss. Auch im oberen Geschoss, das ich nur zaghaft wegen der Baufälligkeit betrat, befand sich nichts, was einem Spiegel glich. Die noch vorhandenen Fensterscheiben waren blind, dass ich mich nicht einmal in ihnen sehen hätte können.
    Etwas enttäuscht ging ich die Treppen herunter und ging vor das Schloss. In den Wald wagte ich mich nicht, da noch immer die Wölfe heulten. Ich setzte mich vor die Stufen des riesigen Portals und wartete auf die Kinder der Nacht.

    Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn plötzlich spürte ich Hände, die mich packten und hörte Stimmen. Erschrocken sprang ich auf. Zuerst kannte ich mich überhaupt nicht aus. Träumte ich noch immer?
    Aber dann erinnerte ich mich und wurde mir bewusst, dass es kein Traum war. Obwohl ich im Traum hier her gekommen bin, war dies kein Traum mehr, sondern mein neues Leben, meine neue Wirklichkeit.
    Und um mich herum standen die Kinder der Nacht. Es waren wundervoll anzusehende Geschöpfe. Ihre weiße Haut leuchtete und hob sich fast gespenstisch von ihrer schwarzen Kleidung ab. Die Mädchen hatte alle ähnliche Kleider an wie ich, und die Jungs trugen lange Hosen und Pullis oder Hemden, mit Rüschen und Fledermausärmeln. Und alle hatten langes, schwarzes Haar.
    In diesem Moment wurde mir bewusst, dass auch mein Haar länger geworden war und ebenso schwarz wie das der Kinder der Nacht. Ich hielt eine meiner Haarsträhnen vor meinen Augen und staunte. Mein Haar war zwar von Natur aus dunkel, aber sicher nicht so vollkommen schwarz. Dann sah ich auch meine Hand. Ich schob den langen Ärmel hoch und stellte fest, dass meine Haut genauso weiß war, wie die der Mädchen und Jungs, die um mich standen. Ja, ich war wirklich eine von ihnen!
    Und genauso begrüßten sie mich. Nach und nach umarmte mich jeder und jede einzelne von ihnen und hieß mich herzlich willkommen in ihrer Gemeinschaft.

    Zusammen gingen wir ins Schloss, wo mir gleich mein eigener Schlafplatz zugewiesen wurde. Ich hatte bei der Besichtigung eine der vielen Türen im Parterre übersehen, die nach unten führte. Die Kästen mit der Kleidung waren zwar im Parterre, aber die eigentliche Wohnstätte der Kinder der Nacht war im Untergeschoss, - im so genannten Keller. Dort befanden sich unzählige Abteilungen, wo jeder einzelne und jede einzelne eine eigene hatte. Die Abteilungen waren nicht groß, aber auch nicht klein und herrlich eingerichtete Räume, mit uralten Möbeln und Himmelbetten, umrahmt mit schwarzem Baldachin. Auch in diesen Räumen hingen brennende Fackeln an den Wänden.

    Ich hatte viele Fragen, aber die Kinder der Nacht waren noch nicht gewillt, mit mir Gespräche zu führen. Sie schienen müde zu sein und legten sich schlafen.
    Erst, als die Dämmerung der Nacht einsetzte, erhoben sie sich aus ihren Betten und gingen nach oben ins Parterre. Obwohl ich schon auf der Treppe vor dem Portal eingeschlafen war, war der Schlaf in dem Himmelbett ein Genuss. Ich streckte mich und stand langsam auf, um auch nach oben zu gehen. Vielleicht erwartete mich oben ein ausgiebiges Frühstück.

    Die Kinder der Nacht saßen auf dem Boden und unterhielten sich. Von Frühstück keine Spur! Aber mir knurrte der Magen und ich hatte echt einen Kohldampf. Als ich zu ihnen trat, erhoben sie ihre Köpfe und lächelten mir zu. Sie alle waren kaum älter als ich, manche sogar jünger. Ich glaube, der oder die Älteste war höchstens vierzehn Jahre alt.
    Ich setzte mich lächelnd zu ihnen und sagte „Hallo“. Auch sie sagten, wie im Chor „Hallo“.
    „Wollt ihr gar nicht wissen, wie ich hergekommen bin?“ fragte ich nach einer Weile, weil niemand etwas sagte und sie mich irgendwie erwartungsvoll ansahen.
    Der Junge neben mir, mit fast schwarzen Augen, neigte sich näher zu mir.
    „Wir wollen vergessen was war“, sagte er flüsternd.
    „Das will ich auch. Ich habe mein altes Leben zurückgelassen. Das heißt also, ich bin willkommen bei euch. Oder?“ fragte ich zaghaft.
    Die Kinder der Nacht lachten. Dann flüsterte der Junge neben mir: „Natürlich bist du bei uns willkommen. Das haben wir dir ja schon vor dem Portal kundgetan.“
    „Gibt es bei euch nichts zu Essen?“ fragte ich nach einer weiteren Weile des Schweigens.
    Rechts von mir saß ein Mädchen, das mich mit großen blauen Augen anstarrte.
    „Geduld“, sagte sie – ebenso flüsternd wie der Junge zu meiner Linken. „Wir gehen bald auf Nahrungssuche.“
    „Gehen wir einbrechen?“ fragte ich und alle sahen mich erstaunt an.
    „Weißt du nicht, wie wir essen?“ fragte der Junge links neben mir.
    Ich schüttelte stumm meinen Kopf.
    „Du wirst es bald wissen“, meinte er lakonisch und lächelte. Aber sein Lächeln war kein echtes Lächeln. Es wirkte auf mich irgendwie teuflisch, - fast gemein.

    Und so ging ich in jener Nacht zum ersten Mal mit den Kindern der Nacht auf „Streifzug“.
    Ich hatte keine Ahnung, wohin wir gingen. Es war, als würde eigentlich keiner von ihnen eine Richtung bestimmen, denn die ganze Gruppe ging vom Portal aus gesehen gerade aus, wo durch den Wald ein kleiner Weg war. Wir gingen etwa eine halbe Stunde durch den Wald, bis wir an eine Lichtung kamen, von der aus wir auf eine Stadt hinunter blicken konnten.
     
  2. Serenade

    Serenade Mitglied

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    Die Kinder der Nacht nickten sich zu und marschierten auf die Stadt zu. Ich folgte ihnen mit kleinem Abstand. Mir gingen ständig die Worte des Jungen durch den Kopf, dass ich bald wissen werde, wie sie essen. Vor allem machte mich das teuflische, gemeine Grinsen bange.

    In der Stadt angekommen, - es war eine mittelgroße Stadt, - löste sich die Gruppe auf. Der Junge, mit dem teuflischen Grinsen, blieb bei mir.
    „Die Menschen sehen uns nicht. Wenn du also etwas berührst oder wegtragen willst, sei vorsichtig, dass du dabei nicht beobachtet wirst. Du kannst ungefährdet in Häuser eindringen und dort alles entwenden, was du haben willst. Aber, wie gesagt, lass dich dabei nicht beobachten. Und falls dich jemand beobachtet, und du merkst es, dann hast du gleich Nahrung“, sagte er.
    „Ich verstehe nicht, was du meinst“, sagte ich verwirrt.
    „Was verstehst du nicht? Dass wir nicht gesehen werden?“
    „Das auch, - aber viel mehr meinte ich das mit der Nahrung“, sagte ich und spürte, wie es mir eiskalt den Rücken runter lief.
    Der Junge nahm meine Hand und führte mich in eine dunkle Seitengasse. Dort blieb er stehen und lehnte sich mit mir an die Mauer.
    „Wir alle haben der Welt der Menschen abgeschworen, weil wir das Leben der Menschen nicht wollen. Das ist die einzige Erklärung, die ich dir geben kann und will. Wie wir alle zu Kindern der Nacht geworden sind, das muss das Geheimnis jedes einzelnen von uns bleiben. Dieses Geheimnis muss bewahrt bleiben. Hörst du?“
    Ich nickte stumm.
    „Und da wir der Welt der Menschen abgeschworen haben, können sie uns nicht wahrnehmen. Wie das funktioniert, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass es so ist.
    Und nun zur Nahrung!“
    Bevor er weiter sprach, atmete er tief durch und blickte mich durchdringend an.
    „Wir Kinder der Nacht leben von den Seelen der Menschen. Wenn wir einen Menschen berühren, geht die Seele auf uns über. Das bedeutet den Tod für diesen Menschen, - aber für uns bedeutet es Nahrung und ewiges Leben.“
    Mir blieb vor Schreck der Mund offen.
    „Es funktioniert nicht anders“, sprach der Junge weiter. „Und glaube mir, ich war anfangs ebenso schockiert wie du. Ich weigerte mich, so etwas zu tun. Aber dann fühlte ich, wie ich immer schwächer wurde und mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Die anderen trugen mich dann in die Stadt und legten mich vor einem jungen Mann auf den Boden. Ich konnte nicht anders. Ich musste ihn berühren. Und schon spürte ich seine Kraft auf mich übergehen. Im nächsten Moment stand ich und er lag vor mir auf dem Boden. Er war tot.“
    Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Ich konnte nicht glauben, was der Junge mir eben gesagt hatte. Und noch weniger konnte ich glauben, dass mich mein Traumboy, der doch immer so sanft und gutmütig war, in so eine Welt gebracht hat, - in eine Welt, wo Mord Nahrung ist.
    Aber dann erinnerte ich mich an eine Begebenheit in meinem alten Leben, als ich im Garten meiner Eltern auf der Schaukel saß und während dem Schaukeln mit meinem Traumboy sprach. Damals wusste er bereits von seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten. Und wir sprachen über gut und böse, als er sagte, dass es nichts Gutes und nichts Böses wirklich gibt. Ich fragte ihn, ob ein Mörder für ihn nicht böse ist. Und er verneinte und sagte, dass der Tod immer im rechten Moment kommt, und es sei egal, wie er getarnt ist, - ob als Mord, Unfall oder Krankheit. Außerdem sei der Tod nichts Endgültiges, sondern für jedes Lebewesen nichts anderes als ein Schritt in eine andere Welt.
    Was aber, wenn einem Menschen die Seele geraubt wird? Immerhin ist die Seele das, was den Schritt in eine andere Welt tut. Der Körper, der so genannte Tempel der Seele, vergeht in der materiellen Welt. Aber die Seele wandert weiter.
    „Was passiert mit der Seele des Menschen, wenn ich ihn berühre?“ fragte ich den Jungen.
    „Sie vereint sich mit dir und gibt dir Kraft zum Weiterleben.“
    Ich erzählte dem Jungen von dem Gespräch mit meinem Traumboy, - aber nicht, dass ich mit einer von mir erfundenen Phantasiefigur gesprochen habe. Ich sagte nur, dass ich mit einer Freundin einmal über gut und böse gesprochen habe und wir zusammen auf diese Theorie gekommen sind.
    „Wer weiß, wie es wirklich ist“, sagte der Junge. „Ich denke, das weiß niemand.“
    „Hast du dich verändert, seit du diese – Nahrung - zu dir nimmst?“ fragte ich und der Junge lachte.
    „Sicher nicht! Wenn du glaubst, dann du dich in den Menschen verwandelst, dessen Kraft du genommen hast, liegst du falsch. Ich kann dir garantieren, dass du hundertprozentig du selbst bleibst.“
    Der Junge sagte mir noch, dass sie alle zusammen an der Stelle warten, von wo wir die Stadt erblickten und zusammen zum Schloss zurückgehen bevor der Morgen graut. Dann ließ er mich alleine und wünschte mir Glück bei der „Nahrungssuche“. Er grinste auch wieder auf dieselbe Art wie im Schloss und mir lief es abermals eiskalt den Rücken herab.

    Ich ließ mich an der Mauer auf den Boden herab und kauerte mich zusammen. Nein, diese Welt wollte ich nicht, - nicht auf diese Art. Aber was hätte ich tun sollen? Es gab kein Zurück. Zumindest sagte mein Traumboy das, und ich glaubte ihm. Und wenn ich keine „Nahrung“ zu mir nehme, würde ich sterben. Ich kam mir vor wie ein wildes Tier. Auch für Wildtiere gibt es keine andere Alternative, - entweder töten oder selbst sterben.
    In diesem Moment hörte ich, wie zwei Menschen die Gasse herunter kamen, - direkt auf mich zu. Es war ein Pärchen, - ein junger Mann und eine junge Frau, die eng umschlungen gingen und ziemlich verliebt taten. Immer wieder blieben sie stehen und küssten sich leidenschaftlich. Ich hatte so etwas in meinem jungen Leben noch nie gesehen, - außer im Fernsehen, aber da lief es immer etwas geziemter ab. Der junge Mann schob seiner Freundin die Bluse hoch und fasste an ihren Busen. Sie waren kaum mehr zehn Schritte von mir entfernt, dass ich es ganz deutlich sehen konnte. Er drückte sie an die Wand und küsste sie abermals ziemlich heftig. Nun schob er ihren Rock hoch und fasste in ihren Slip. Die junge Frau stöhnte laut auf. Irgendwie klang es nach Schmerz und ich bekam Angst. Ich dachte, er will ihr etwas antun und sprang auf. In diesem Moment stöhnte die Frau noch lauter, - sie schrie fast. Ich dachte, ich werde sie vor dem Mann retten und somit etwas Gutes tun, wenn ich ihn berühre. Auch wenn er dadurch sterben wird, - aber sie wird am Leben bleiben.
    Die beiden sahen mich wirklich nicht, denn nun stand ich direkt neben ihnen. Die Frau hatte ihre Augen fest geschlossen und stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht. Zumindest sah es für mich so aus. Aber der Mann hatte seine Augen offen, und sein Gesichtsausdruck sah schrecklich aus. Sein Mund war offen und seine Augen starrten gierig auf den nackten Busen der Frau, während seine Hand noch immer in ihrem Slip wilde Bewegungen machte. Es ekelte mich. Langsam hob ich meine Hand und berührte ihn leicht am Arm. Im selben Moment zuckte er zusammen und brach leblos zusammen. Auch die Frau erstarrte und blickte erschreckt auf ihn herab. Sie flüsterte seinen Namen und beugte sich zu ihm.
    Ich konnte sie nicht mehr weiter beobachten, weil ich etwas in mir fühlte, das unbeschreiblich war. Der Junge hatte recht, - es war wirklich reine Kraft, die sich urplötzlich in mir breit machte. Eine Kraft, wo ich dachte, ich könnte jetzt riesige Bäume ausreißen, oder gar fliegen!
    Ich konnte die Frau wie aus weiter Entfernung schreien hören, - wie sie nach Hilfe rief, - ein Arzt solle kommen. Aber ich war wie betäubt von dieser Kraft und eilte davon – in die Richtung, wo wir uns alle treffen wollten.

    Oben auf der Anhöhe, von wo ich die Stadt überblicken konnte, setzte ich mich in die Wiese. Ich war noch alleine. Die anderen waren wohl noch immer auf „Streifzug“. Ich fragte mich, wie viele Menschen in dieser Nacht wohl sterben werden. Ebenso fragte ich mich, ob ein Menschenleben in der Nacht genügt, um weiterleben zu können. Noch fühlte ich mich ziemlich stark und erinnerte mich mit Genuss an das Glücksgefühl, als die Kraft des jungen Mannes in mich strömte. Ich könnte dieses Gefühl nicht mit Worten beschreiben. Es war wirklich wundervoll und mit nichts Schönerem, was ich bisher kannte, zu vergleichen.

    Ich hockte wohl einige Stunden in der Wiese, bis die ersten kamen. Mir lag es auf der Zunge, sie zu fragen, wie viele Menschen sie getötet haben, aber ich verkniff es mir.
    Erst als der Junge kam, wagte ich ihn zu fragen, ob es genügt, wenn man nur einen Menschen tötet. Er meinte, für den Anfang sei es genug.
    „Was soll das bedeuten? Etwa, dass ich ständig mehr brauche?“ fragte ich ihn, als wir auf den Weg zum Schloss waren.
    „Ja, das bedeutet es. Ich, z.B. habe heute Nacht sicher zehn Menschen das Leben ausgesaugt. Immerhin bin ich schon sehr lange bei den Kindern der Nacht. Eigentlich erinnere ich mich gar nicht, wie lange schon.“

    Das war es also! Nun wisst ihr, wie ich zu den Kindern der Nacht gekommen bin und ebenso wisst ihr, was unser schreckliches Schicksal ist. Wir sind wie wilde Tiere, die töten müssen, um zu überleben. Und niemals wird ein Mensch wissen, dass wir es sind, die ihn berühren, - und nicht ein Herzanfall oder ein Gehirnschlag, wie Ärzte diagnostizieren und den Tod feststellen. Wir sind es, die Kinder der Nacht!

    Der Junge und ich wurden, wenn man das unter uns Kindern der Nacht überhaupt sagen kann, gute Freunde. Einmal setzte wir beide uns auf den Rücksitz eines Autos, welches der Besitzer nicht abgesperrt hatte und warteten, bis er mit seiner Freundin aus einer Bar kam. Und während er das Auto steuerte, berührte der Junge den Fahrer und ich seine Freundin. Der Wagen rollte ungebremst in eine Hausmauer. Dem Jungen und mir passierte überhaupt nichts, während die beiden vor aus schrecklich verstümmelt aussahen. Wir konnten sogar ungehindert aus dem Blechhaufen aussteigen und liefen lachend davon. Wir waren noch im Glücksrausch der gestohlenen Kraft und dachten nicht an das Leid, welches wir hinterließen.
    Daran durfte ich nie mehr denken, denn das war und ist nicht mehr meine Welt. Ich habe die Welt der Menschen zurück gelassen, und deshalb auch ihre Gefühle.
    Menschen werden älter und sterben, aber die Kinder der Nacht bleiben für immer Kinder. Sie werden nicht älter und sie sterben nicht, solange es Menschen gibt, deren Seelen ihnen als Nahrung dienen.

    Ich bin ein Kind der Nacht, das den Namen „Wölfin“ trägt. Diesen Namen haben mir die anderen Kinder der Nacht gegeben, als sie mich einmal fragten, welches Geräusch ich zuerst gehört habe, als ich zum Schloss gekommen bin. Ich sagte, ich habe Wölfe im Wald heulen gehört.
    Aber seit ich bei den Kindern der Nacht lebe, habe ich noch nie einen Wolf gesehen, obwohl ich mich nun öfters in den Wald wage. Ich höre sie heulen und folge dem Geräusch. Und wenn ich dem Geräusch ganz nahe bin, dann weiß ich, dass ich mich nur selbst höre. Es ist mein Herz, das heult und das sich nach der Welt der Menschen sehnt…
     
  3. Serenade

    Serenade Mitglied

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    KINDER DER NACHT
    (Teil 2)

    Im ersten Teil habe ich euch erzählt, wie ich zu den Kindern der Nacht gekommen bin und auch über das Schicksal der Kinder der Nacht.
    Wenn ich genauer über das Schicksal nachdenke, ist es kaum anders als jenes der Kinder der Nacht, mit denen mein Traumboy einst zusammen war. Sie waren süchtig nach Heroin und wir sind süchtig nach Menschenseelen. Vielleicht brachte mich mein Traumboy deshalb zu den Kindern der Nacht, die nach Menschenseelen süchtig sind, weil er sich bei den Kindern der Nacht, die nach Heroin süchtig waren, am wohlsten fühlte. Er erzählte mir ja, dass er sich bei ihnen das erste Mal in seinem Leben wie zu Hause fühlte, weil er sich von diesen Menschen nicht bedroht fühlte. Und sie wollten, wie er damals, dieses Leben, das die Gesellschaft vorschrieb, auch nicht annehmen.

    Blitz, der Junge, der so etwas wie ein guter Freund für mich wurde, sagte mir, dass ich niemandem verraten darf, wie ich zu ihnen, zu den Kindern der Nacht gekommen bin. Es sei ein Geheimnis, das streng gehütet werden müsse.
    Übrigens, bekam er den Namen „Blitz“, weil er, als er das erste Mal das verfallene Schloss sah, in dem die Kinder der Nacht wohnen, unzählige Blitze am Himmel über dem Schloss sah. Er hörte keine Geräusche, keine Donner, wie es bei Blitzen üblich ist.
    Bei mir war es umgekehrt, - ich hörte Wölfe heulen, sah sie aber nicht.
    Lange Zeit dachte ich nicht an dieses Geheimnis, bis es mir, nach einem nächtlichen Streifzug wieder einfiel, als wir, die Kinder der Nacht, zum Schloss zurückkehrten.
    „Sag mir nur einen Grund, warum das Geheimnis, wie wir hier her gekommen sind, nicht verraten werden darf?“ fragte ich.
    Blitz sah mich überrascht an, aber er schwieg.
    „Darfst du nicht darüber reden?“ bohrte ich weiter.
    „Wer sollte es mir verbieten?“ stellte er die Gegenfrage.
    „Das weiß ich nicht. Wir sind untereinander alle gleich. Es gibt keinen Anführer, keine Anführerin und ich habe bis jetzt auch nicht erfahren, dass es irgendwelche Gesetze unter uns gibt, - außer die Notwendigkeit, Seelen zu fressen, damit wir überleben.“
    Blitz schwieg abermals.
    „Du könntest mir wenigstens sagen, woher du weißt, dass man das Geheimnis nicht verraten darf“, sagte ich.
    „Ich weiß es nicht. Aber frag die anderen. Wahrscheinlich sagen sie dir dasselbe wie ich.“
    Ich lief nach vor und fragte Feder, das jüngste Mädchen unter uns. Sie erhielt diesen Namen, weil, als sie das erste Mal am Schloss ankam, eine Rabenfeder vor ihre Füße vom Himmel fiel.
    Feder sah mich mit ihren schwarzen Augen überrascht an.
    „Seltsam, - diese Frage wollte ich auch schon jemanden von euch stellen“, sagte sie.
    „Hat dir jemand gesagt, dass du es niemals verraten darfst?“ fragte ich.
    „Nein“, antwortete sie.
    „Woher weißt du es dann?“
    „Ich weiß es einfach. Es ist in mir, als hätte es mir jemand gesagt. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern.“
    „Vielleicht sollte es jemand von uns versuchen?“ meinte ich beiläufig.
    „Bist du verrückt?“ fuhr Feder auf und blieb vor Schreck sogar stehen. „Niemand weiß, was das auslösen könnte.“
    „Eben! Niemand weiß, was passieren wird.“
    „Die Menschen wissen auch nicht wirklich, was nach ihrem Tod passieren wird. Dennoch versucht kaum einer von ihnen, sich das Leben zu nehmen, um es zu erfahren.“
    „Den Menschen ist der Tod gewiss, und sie werden ihn einmal erfahren. Das ist der Unterschied. Aber was ist uns gewiss?“ fragte ich.
    Feder zuckte mit den Achseln und ging weiter.

    An diesem Tag, als ich zu Bett ging, hatte ich das erste Mal Sehnsucht nach meinem Traumboy. Ich wollte wissen, was aus ihm geworden ist und hoffte, ihn im Traum zu treffen.
    Dazu muss ich sagen, dass ich bis jetzt noch nie etwas geträumt hatte, - zumindest war es mir nicht bewusst, dass ich träumte. Anscheinend war der Schlaf der Kinder der Nacht traumlos und eine Art Todeszustand.
    Nun ja, meine Sehnsucht wurde in diesem Todesschlaf nicht gestillt.
    Es war auch seltsam, dass ich nie wirklich müde war. Wahrscheinlich hätte ich gar nie zu Bett gehen müssen. Aber sobald ich mich in mein schwarzes Himmelbett legte, war ich gewissermaßen weg. Und sobald abends die Dämmerung einsetzte, wachten wir alle im selben Moment auf und gingen nach oben ins Parterre des Schlosses.

    „Blitz, warum machen wir nicht tagsüber unsere Streifzüge?“ fragte ich, als wir uns wieder auf den Weg in die Stadt machten.
    „Untertags sind zu viele Menschen auf den Straßen unterwegs und wir würden auf dem Weg zu viele berühren. Außerdem sterben die Menschen auch ohne uns. Wir sind also nicht schuld, dass es den Tod für die Menschen gibt.“

    In dieser Nacht hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis. Bis jetzt hatte ich in der Stadt noch nie Tiere gesehen. Aber diesmal lief mir ein streunender Hund über den Weg, als ich eben in eine Gasse gehen wollte, wo ein Betrunkener heim torkelte. Es war ein Schäfermischling, - ein wunderschönes, langhaariges Tier. Der Betrunkene lallte ihm etwas zu, und der Hund knurrte aus tiefer Kehle. Aber er lief an ihm vorbei und kam mir näher. Ich dachte nicht daran, dass er mich wahrnehmen könnte, weil ich der Meinung war, dass uns kein Lebewesen, außer wir uns gegenseitig, wahrnehmen kann.
    Dennoch sah mich der Hund an. Er stellte seine Haare auf, legte die Ohren zurück und knurrte abermals. Nur war es diesmal anders. Ich hatte das Gefühl, dass er vor dem Betrunkenen keine Angst hatte. Er warnte ihn nur und deutete durch sein Knurren nur an, dass er in Ruhe gelassen werden will. Aber als er mich wahrnahm, spürte ich Angst von ihm ausgehen.
    Ich erinnerte mich, dass ich Tiere liebte, - sehr viel mehr als Menschen. Auch ihre Lebensweise sprach mich sehr viel mehr an, als die der Menschen. Tiere sind ehrlich und zeigen immer, was sie gerade fühlen. Bei Menschen ist man sich nie sicher, was sich hinter ihren Masken verbirgt. Sie können freundlich lächeln und gleichzeitig stoßen sie dir ein Messer ins Herz.
    Ich hätte nie gedacht, dass ich Menschen einst so verachten könnte. Aber je mehr Zeit ich bei den Kindern der Nacht verbrachte, umso weniger rührte sich mein Gewissen, wenn ich Menschenseelen als Nahrung zu mir nehme. Nicht einmal mehr um die Hinterbliebenen machte ich mir Gedanken.
    Woher kam diese Verachtung? Ich hatte es doch nicht schlecht bei meinen Eltern und auch sonst hatte ich keine üblen Erlebnisse mit anderen Menschen. Mir fiel nur ihre Selbstsucht auf und dass sie alles nur deshalb tun, weil sie sich einen Vorteil erwarten. Auch bei meinen Eltern hatte ich das Gefühl, dass sie in mir das sahen, was sie selbst nicht erreicht haben, weil die Zeit damals, als sie in meinem Alter waren, eine andere war. Sie setzten ihre eigenen unerfüllten Wünsche in mich, aber sie fragten mich nie, ob ich das auch so möchte.
    Was kann eine Zwölfjährige schon über das Leben wissen? Sie muss das tun, was ihnen die klugen Erwachsenen sagen, denn die wissen, was gut für sie ist. Sie muss…
    Ich hasste das Wort „muss“.
    Ich schweife nicht ab, denn all das kam mir in den Sinn, als sich der Schäfermischling vor mir aufbaute und drohend knurrte. Er zeigte mir seine blanken Zähne und die Zunge in seinem Maul zuckte nervös.
    „Wölfin, pass auf!“ hörte ich hinter mir eine Stimme. Es war Blitz.
    „Was soll ich tun?“ fragte ich hilflos.
    „Es ist eine Hündin. Sie sieht dich als Rivalin“, sagte Blitz, und schon war er neben mir.
    Die Hündin nahm ihn auch wahr. Sofort änderte sich ihre drohende Körperhaltung. Sie legte sich zu Boden und winselte.
    „Warum sieht sie mich als Rivalin? Ich bin doch kein Hund“, sagte ich nun etwas beruhigter.
    „Aber du bist eine Wölfin“, sagte Blitz und grinste.
    „Das ist nur mein Name“, sagte ich und zeigte ihm meine menschlichen Hände.
    „Der Name hat für uns Kinder der Nacht mehr Bedeutung als die Namen der Menschen oder anderen Lebewesen. Unsere Namen prägen uns und wiesen auf unser Innerstes.“
    Ich dachte, Blitz könnte recht haben. Warum sonst dachte ich, dass wir wie wilde Tiere auf Beutezug gehen? Fressen oder gefressen werden, - eine andere Alternative hatte ich nie.
    „Du meinst, die Hündin nimmt mich als Wolf wahr?“
    Blitz nickte und nahm meine Hand. Ganz langsam gingen wir Schritt für Schritt zurück, während die Hündin noch immer winselnd am Boden lag und sich ab und zu die Vorderpfoten leckte.
    „Vielleicht hätte ich mit ihr kämpfen sollen?“ sagte ich aus Spaß, als wir aus der „Gefahrenzone“ waren und die Straßen entlang liefen.
    „Du musst jedem Tier aus dem Weg gehen, Wölfin“, sagte Blitz sehr ernst. „Sie spüren, was du wirklich bist.“
    Nun war ich vollkommen verwirrt.
    „Ich verstehe nicht, was du meinst.“
    „Ich sagte dir schon, - du bist eine Wölfin. Du bist wirklich eine Wölfin, auch wenn wir und du dich selbst als Mensch wahrnehmen. Aber wir sind keine gewöhnlichen Menschen mehr. Du musst zugeben, dass wir uns alle unheimlich ähnlich sehen. Wir alle haben schneeweiße Haut und pechschwarzes Haar. Was uns vielleicht noch unterscheidet, sind unsere Augenfarben. Aber selbst unsere Gesichtszüge, ob Mädchen oder Junge, sind uns allen verdammt ähnlich. Wir sind nicht mehr die, die wir einst waren, Wölfin.
    Der erste Eindruck vor dem Schloss hat uns alle verändert, - wirklich verändert. Er hat uns nicht nur die Namen gegeben, - er hat uns zu dem Namen gemacht.“
    Ich verstand noch immer nicht.
    „Wenn ich einen Menschen berühre, brennt er. Es ist, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Wenn Feder einen Mensch berührt, ist es, als hätten ihn tausende von Raben den Tod gebracht. Und wenn du einen Menschen berührst, ist es, als wäre er von einem Wolf zerfleischt worden.
    Hast du deine Opfer noch nie angesehen, nachdem du sie berührt hast, Wölfin?“
    Ich blieb stehen und schloss meine Augen. Ich erkannte, dass mir noch nie bewusst wurde, wie die Menschen aussahen, nachdem ich sie berührt hatte. Ich dachte an mein erstes Opfer. Ich habe gesehen, wie es zu Boden ging und dass sich seine Freundin über ihn beugte und schockiert nach einem Arzt rief. Ihr Schock musste wohl groß gewesen sein, falls er zerfleischt vor ihr gelegen ist.
    „Nein, ich habe meine Opfer noch nie bewusst angesehen. Sobald ich die Kraft in mir fühle, laufe ich weg.“
    Wir gingen langsam weiter.
    „Was passiert, wenn ich Tiere berühre? Sterben sie auch?“ fragte ich.
    „Nein, denn sie sind uns ähnlicher als die Menschen.“

    Wir trennten uns. Blitz bog in eine Seitengasse ein und ich ging die Hauptstraße entlang, um nach weiteren „Opfern“ Ausschau zu halten. Bevor ich auf die Hündin traf, starben bereits vier Menschen durch meine Berührung. Ich brauchte noch einen, um meine Lebenskraft für diesmal aufzufüllen.
    Vor einem Nachtlokal standen ein paar junge Leute. Sie lachten laut und alberten herum. Die Tür zum Lokal war offen. Von drinnen dröhnte laute, hämmernde Musik heraus. Ich näherte mich der Gruppe langsam und wählte mein Opfer aus. Es war eine junge Frau, - jene, die am lautesten lachte. Ich fühlte auch, dass sie sich besonders toll vorkam. Sie war eitel und immer darauf bedacht, im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Aufmachung alleine deutete schon darauf hin, um jeden Preis aufzufallen. Manche Menschen würden sie vielleicht für eine Nutte halten. Aber ich wusste, sie war keine.
    Ich sah sie mir wirklich sehr genau an. Nein, ich sah sie nicht nur an, - ich sah in sie hinein. Ich „sah“ ihr Leben, ihre sehr oberflächliche Art zu sein. Ja, doch, - sie war eine Nutte! Sie war so sehr von sich selbst eingenommen, dass sie dachte, jeden Mann haben zu können. Darunter natürlich auch verheiratete Männer. Und diese waren ihre liebsten „Opfer“. Sie lachte über deren Frauen, weil sie nicht so hübsch waren wie sie.
    Ich schlich um sie herum, ohne die anderen zu berühren. In diesem Moment spürte ich mein Wolfsein. Ja, ich bin eine Wölfin, - durch und durch. Ich roch bereits das Blut meines Opfers, - und dann schlug ich zu, - im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Wolfspranke landete klatschend auf ihrem knackigen Po, der nur dürftig mit einem superkurzen, engen Mini bedeckt war. Niemand hörte das Geräusch, - nur ich.
    Das Glücksgefühl war wieder enorm. Meine Kraft war vollkommen. Ich war satt und hatte Zeit. Und dann blickte ich auf mein Opfer hinab, wie es am Boden lag. Es hatte tiefe Fleischwunden, nicht nur am Po, wo meine Pranke am tiefsten gerissen hat. Am schlimmsten sah der Hals der jungen, hübschen Frau aus. Er war fast durchgebissen. Das Blut spritzte förmlich heraus.
    Langsam kam ich ganz zu mir und hörte die Schreie der Anderen nicht mehr wie von weit weg. Eine andere Frau sackte ohnmächtig vor Schreck zusammen. Zwei, ein Mann und eine Frau, liefen schreiend davon.
    Ich aber ging langsam und glückselig die Straße weiter entlang, bis zu unserem Treffpunkt.
     
  4. Serenade

    Serenade Mitglied

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    Es waren schon einige Kinder der Nacht da und hockten in der Wiese, um auf die anderen zu warten. Auch Feder war unter ihnen. Ich setzte mich zu ihr und fragte sie, ob sie ihre Opfer schon einmal genau beobachtet hat.
    „Ja!“ sagte sie mit leuchtenden Augen. „Sie sehen aus, als hätten tausende Vögel ihren Körper löchrig gepickt.“
    „Macht es dir etwas aus?“ fragte ich.
    „Ich kann es nicht ändern, und ich weiß, dass ich ihre Seelen zum Überleben brauche. Wozu also sollte ich mir darüber Gedanken machen. Die Menschen sterben ohnehin. Die einen früher, die anderen später.“
    Ich mochte dieses Rabenmädchen. Sie drückte alles immer so klar aus, - und sie sah auch alles so klar, - ohne Kompromisse. Ich beneidete sie darum, dass sie vollkommen und bedingungslos zu sich selbst und zu dem, was sie tat, stand.

    In meinen Ohren klangen noch immer die Entsetzensschreie der Menschen, - und vor meinen Augen lag noch immer die junge, hübsche Frau – total verstümmelt und nicht mehr so hübsch.
    Auch wenn ich das Glücksgefühl im Moment, wenn die Kraft in mich strömt, fühle, - so sind doch noch immer Gewissensbisse in mir, ob ich das, was ich tue, wirklich das Richtige ist.
    Ich prangere die Menschen an, weil sie selbstgefällig sind und stets nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht sind. Aber was tue ich? Ist es nicht ebenso selbstgefällig und auf eigene Vorteile bedacht, wenn ich nachts durch die Straßen der Stadt ziehe und Menschenseele als Nahrung zu mir nehme? Es ist doch mein Vorteil, da ich nur dadurch überlebe. Was würde geschehen, wenn ich nicht mehr mit den Kindern der Nacht auf Streifzug gehe?
    Blitz hat es mir bereits gesagt. Er wollte sich einst auch weigern und wäre deswegen fast gestorben. Und als ihn die anderen in die Stadt trugen und vor einen jungen Mann legten, konnte er gar nicht anders, als den Mann zu berühren. Nur so kam er wieder zu Kräften und überlebte.
    Menschen essen auch, und die Nahrung, die sie zu sich nehmen, lebt ebenso. Sie züchten Lebewesen als Nahrung, - sperren sie in enge Ställe, pressen sie in Lastwagen, die sie zu Schlachthöfen fahren. Menschen denken oft gar nicht daran, was sie diesen Lebewesen antun. Und ihnen schmeckt das gequälte Fleisch.
    Wir Kinder der Nacht züchten keine Menschen. Wir sperren sie auch nicht in enge Räume, um sie dann in Lastwagen zu pressen, wo einer auf dem anderen liegt, bis hoch hinauf zur Plane. Wir fahren mit ihnen nicht hunderte von Kilometer, ohne ihnen Wasser zu geben, oder die bereits toten Menschen, die erdrückt wurden, aus dem Lastwagen zu nehmen. Und wir bringen sie nicht in Schlachthöfe, wo sie zusehen und mit anhören müssen, wie ihre Artgenossen sterben.
    Wir ziehen nur durch die Straßen der Stadt und berühren sie ohne Vorwarnung. Viele von ihnen lachten noch kurz vor ihrem Tod, - oder küssten sich glücklich in einer dunklen Seitengasse.
    Dennoch nagt das Gewissen an mir. Mein Glück ist nur, dass ich traumlos schlafen kann. Ich würde sicher nicht von meinem Traumboy träumen. Viel wahrscheinlicher wären blutige Albträume, in denen mich die verstümmelten Opfer schreiend verfolgen…
     
  5. Serenade

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    KINDER DER NACHT
    [Teil 3)

    Wir waren bereits eine Gruppe von 55 Kindern, die gerade noch genug Platz im verfallenen Schloss hatten. Ein paar von uns schliefen zu zweit in den riesigen Himmelbetten, was sie nicht aus Platzmangel, sondern freiwillig machten, weil sie so was wie gute Freunde oder gute Freundinnen waren.
    Obwohl Blitz und ich uns bestens verstanden und auch gerne hatten, schliefen wir beide noch alleine in einem Raum.

    Seit ich bei den Kindern der Nacht bin, sind mehr als zehn weitere Kinder hinzugekommen. Die meisten warteten auf uns vor dem Portal, wie ich es tat. Zwei von ihnen, die gleichzeitig angekommen sind, saßen am Boden im Parterre des Schlosses.
    Ein kleines Mädchen, knapp acht Jahre alt, wo somit Feder nicht mehr unsere Jüngste ist, da sie ein Jahr älter war, als sie zu den Kindern der Nacht kam, wandte sich sofort an mich, als wir von unserem Streifzug ins Schloss zurück kamen. Sie sagte, dass sie großen Hunger habe, weil sie den ganzen Tag nichts zu essen bekam. Ihre Eltern haben ihr Zimmerarrest gegeben, weil sie etwas Schlimmes getan hat.
    Dann sagte sie: „Und plötzlich wünschte ich mir…“
    Ich ließ sie nicht weiter sprechen und hielt ihr rasch meine Hand vor den Mund.
    „Du darfst nicht sagen, wie du hier her gekommen bist“, sagte ich schnell. „Das ist unser aller Geheimnis, das niemals verraten werden darf.“
    Das Mädchen sah mich erstaunt an, aber dann nickte sie und klagte noch mal über Hunger.
    Ich fragte Blitz, ob ich mit dem Mädchen in die Stadt gehen soll. Er aber verneinte und meinte, es sei zu gefährlich, weil bereits die Dämmerung einsetzt. Es könnten schon zu viele Menschen in den Straßen sein und eine Übersättigung von Menschenseelen, würde uns nicht gut tun.
    „Was könnte passieren?“ fragte ich, während uns das Mädchen erstaunt zuhörte und wahrscheinlich noch gar nicht wusste, worum es geht.
    „Es wäre wie eine Überdosis. Zuviel von etwas ist nie gut“, sagte Blitz und wandte sich ab, um zu seinen Schlafraum hinunter zu gehen.
    Wie ich vermutet hatte, verstand das Mädchen nichts von dem, was wir eben gesprochen haben. Also klärte ich sie über unsere Nahrung auf. Als ich zu Ende gesprochen hatte, rollten Tränen über ihre Wangen.
    „Ich werde verhungern“, sagte sie und schluckte.
    „Das wirst du nicht“, versprach ich ihr. „Du wirst morgen an meiner Seite bleiben und ich werde dir helfen.“

    Nur widerwillig ging das kleine Mädchen in der nächsten Nacht mit uns in Richtung Stadt. Auf dem Weg dorthin fragte ich Blitz, warum wir immer in dieselbe Stadt gehen und ob es keine andere in der Nähe gibt. Ich dachte auch daran, dass es den Menschen auffallen müsste, wenn jede Nacht so viele sterben und noch dazu auf so eine seltsame Art. Und ich selbst hatte mich auch noch nie Gedanken darüber gemacht, ob es immer dieselbe Stadt ist. Für mich sahen Städte alle gleich aus, - große, hohe Häuser, eine breite Hauptstraße und viele Nebenstraßen, wie auch viele Nebengassen.
    Aber ich glaubte mich zu erinnern, dass ich einige Male in ein und derselben Stadt war, da mir mehrmals ein Nachtlokal aufgefallen war, aus dem laute, hämmernde Musik kam. Es war dasselbe Lokal, vor dem mir zum ersten Mal bewusst wurde, was mit meinen Opfern passiert, denen ich die Seele nehme.
    „Manchmal ist es dieselbe Stadt, - aber nicht oft“, sagte Blitz.
    „Weißt du, ich habe mich schon oft gefragt, warum uns die Menschen nicht sehen können. Woran liegt das?“
    Blitz zuckte nur stumm mit den Achseln.
    Nicht nur er und das kleine Mädchen gingen neben mir, - auch Feder gesellte sich beim Weg in die Stadt zu uns dreien.
    „Warum denkst du eigentlich so viel über alles nach?“ fragte sie mich in ihrer typisch nüchternen Art.
    Jetzt war ich es, die mit den Achseln zuckte.
    „Ist doch wahr!“ stieß Feder hervor und lachte sogar. „Du willst immer wissen, wie alles ist. Es funktioniert! Reicht dir das denn nicht?“
    „Es kommt mir nun mal seltsam vor. Auch habe ich in der Gegend des Schlosses noch nie Menschen gesehen oder gehört. Kommen sie nie in diese Gegend? Und forschen sie nicht nach, wer diese Menschen getötet hat, die uns zur Nahrung dienen?“ fragte ich.
    „Wahrscheinlich möchtest du auch wissen, wer der oder die erste von uns war. Oder etwa nicht?“ fragte Feder mit ironischem Grinsen.
    „Das würde mich auch interessieren. Und auch, ob wir die einzigen Kinder der Nacht in der Welt sind.“
    „Wir sind nicht die einzigen“, sagte Kobra, der hinter uns ging.
    Ich wandte mich zu ihm um.
    „Woher weißt du das?“ fragte ich.
    „Ich weiß es eben“, sagte er und ging schneller weiter, indem er uns überholte.
    „Wir sind doch Kinder!“ schimpfte ich. „Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen alles wissen.“
    Das kleine Mädchen pflichtete mir bei.
    „Ja, ich möchte auch wissen, warum ich hier bin und warum ihr hier seid.“
    Blitz sah mich mit einem seltsamen Funkeln in seinen Augen an.
    „Wir sind keine Kinder, auch wenn wir uns so nennen. Wir sind schon lange keine Kinder mehr“, sagte er bitter und folgte Kobra.

    Er hatte recht. Ich fühlte mich auch nicht mehr wie ein Kind. Eigentlich fühlte ich mich, seit ich bei den Kindern der Nacht bin, nicht mehr wie ein Kind.
    Ich könnte auch nicht mehr sagen, wie lange ich schon hier bin. Es könnten bloß ein paar Monate sein, aber auch viele Jahre. Zeit hatte plötzlich eine ganz andere Dimension angenommen.
    Ich könnte die Zeit an den Menschen erkennen, - an ihrer Kleidung, an ihren Bauten und dem gesamten Umfeld. Hatte sich etwas verändert, seit ich den Wunsch äußerte, mein früheres Leben aufzugeben?
    Aber ist das wichtig für mich? Wäre es nicht wichtiger, festzustellen, ob ich mich verändert habe? Wie fühlte ich mich damals in der Welt der Menschen? Ich weiß es noch sehr gut. Ich war sehr unzufrieden und wollte dieses Leben nicht, das von der Gesellschaft vorprogrammiert wurde. Ich wollte frei sein, tun und lassen, was ich will. Aber das war mir nicht möglich, weil zu viele Menschen über mich bestimmten. Ich musste zu einer bestimmten Uhrzeit aufstehen, in die Schule gehen, - zu einer bestimmten Uhrzeit nach Hause essen gehen. Dann musste ich Hausaufgaben machen und lernen, wo meine Mutter die Aufsicht übernahm und stets alles kontrollierte. Wenn schönes Wetter war, durfte ich in den Garten zum Spielen. Später, wieder zu einer bestimmten Uhrzeit gab es Abendmahl für die Familie und ab ging es ins Bett, weil ich ja am Morgen früh auf und in der Schule ausgeschlafen sein musste.
    Ich wusste, dass sich an diesem Leben auch später nicht viel ändern wird. Das sah ich bei meinem Vater, der ebenso um dieselbe Uhrzeit aufstand, um zur Arbeit zu gehen. Ich ging zur Schule und mein Vater zur Arbeit.
    Mag sein, dass ich schon als Zwölfjährige viel zu nachdenklich war und vieles erkannte, woran Gleichaltrige nicht einmal dachten. Aber sie alle hatten Freunde und Freundinnen, mit denen sie zusammen spielten. Ich war meistens alleine, weil ich alleine zu niemand gehen durfte. Meine Mutter hatte Angst, dass mir etwas passieren könnte. Und im Garten war ich sicher aufgehoben. Also hatte ich auch Zeit nachzudenken, wenn ich alleine spielte. Das war wohl auch der Grund, warum ich mir schon immer unsichtbare Spielkameraden erschaffen hatte, mit denen ich Selbstgespräche führte.
    Und schließlich erschuf ich meinen Traumboy, weil mich die Jungs, die ich kannte nervten. Na ja, es gab da schon einen, der mir gut gefiel, aber er war vier Jahre älter und hatte bereits eine Freundin in seinem Alter. Diese Freundin sah auch schon fraulich aus, hatte einen Busen, während ich vorne und hinten noch immer gleich flach war.

    Als ich auf dem Weg in die Stadt, an meiner linken Hand das kleine Mädchen, so über mich nachdachte, fand ich, dass ich schon eine Außenseiterin war. Ich hatte nicht wirklich Freundinnen, so wie wohl die meisten, wenn nicht alle, in meiner Klasse. Alle wussten, dass ich nirgendwohin gehen darf, also luden sie mich auch nie ein. In den Pausen stand ich meistens abseits alleine und nagte an meinem Jausenbrot. Im letzten Schuljahr beobachtete ich den älteren Jungen, der mir gefiel, wie er mit seiner Freundin im Schulhof Händchen hielt. Oft wünschte ich mir, sie zu sein, oder wenigstens ein bisschen wie sie auszusehen. Ich war ja dürr wie eine Bohnenstange und noch dazu hatte ich vorstehende Zähne, darüber eine Zahnregulierungsspange.
    Und dann passierte etwas, wo ich mir schwor, nie, wirklich nie zu heiraten, weil alle Jungs blöd und gemein sind. Ich beobachtete den Jungen in der Pause wieder mit seiner Freundin. Plötzlich sah er zu mir her. Ich lächelte und entblößte dadurch meine vorstehenden Hasenzähne. Und was machte er? Er äffte mich nach! Ich wurde knallrot im Gesicht und lief ins Schulgebäude, in die Klasse und heulte alleine auf meinem Platz.
    Damals hatte ich schon meinen Traumboy, aber in diesem Moment war er kein Trost für mich. Er existierte ja nur in meiner Phantasie und war nicht wirklich da, um seinen Arm um mich zu legen und mir zu sagen, dass ich ja doch sehr hübsch bin und ihm gefalle.
    Als ich so heulte, dachte ich sogar, nicht einmal meinem Traumboy, würde es ihn wirklich geben, würde ich gefallen.
    Nein, ich wünschte ich mich nicht wirklich zurück in dieses Leben, aber ich erkannte auch immer mehr, dass das Leben bei den Kindern der Nacht auch nicht gerade das ist, was ich will.

    Wir hatten die Stadt erreicht und trennten uns, bis auf das kleine Mädchen und ich. Wir blieben zusammen, denn ich wollte ihr zu ihrem ersten „Mahl“ verhelfen.
    Ich achtete nicht darauf, ob es ein und dieselbe Stadt ist, oder eine Stadt, in der wir schon mal waren. Es war ja auch egal, denn das war nicht die einzige Frage, die mir nicht beantwortet werden konnte.
    Wir bogen in eine Seitengasse ein, wo ich Stimmen hörte. Zwei Männer, mittleren Alters, kamen uns entgegen.
    „Du berührst den linken und ich den rechten Mann“, sagte ich zu dem Mädchen.
    Das Mädchen sagte kein Wort. Es nickte nicht einmal, sondern starrte den beiden Männern ängstlich entgegen.
    Ich hatte keine Scheu mehr, den einen Mann zu berühren, der mit einem lauten Schrei zu Boden ging. Das kleine Mädchen hingegen schon. Es stand da und starrte auf den verstümmelten Toten, der keinen Mucks mehr machte. Aber der andere schrie desto wilder, was das Mädchen dazu brachte, sich die Ohren fest zu zuhalten.
    „Berühre ihn!“ rief ich ihr zu. „Du musst es tun, sonst verhungerst du!“
    Ich wollte zu dem Mädchen gehen, um ihre Hand zu nehmen und damit den schreienden Mann zu berühren. Gerade als ich sie packen wollte, lief sie laut weinend davon.

    So ähnlich spielten sie zwei weitere Nächte ab. In der dritten Nacht nahm Blitz das Mädchen, dem wir den Namen „Dorne“ gaben, mit. Aber auch er hatte keinen Erfolg, ihr zu helfen.
    Sie hieß deshalb „Dorne“, weil sie, als auf das Schloss zuging, sich einen Rosendorn in den Fuß getreten hatte, den sie aber selbst herauszog, während sie auf uns wartete. Ich wäre auch neugierig gewesen, wie ihre Opfer ausgesehen hätten. Wahrscheinlich vollkommen zerstochen, als wären sie in einen Rosenbusch gefallen.
    Aber ich hatte nicht die Gelegenheit, dies zu beobachten, denn Dorne weigerte sich, Menschen zu berühren, um ihnen den Tod zu bringen. Auch, als Blitz sie in der fünften Nacht, als sie nicht mehr selbst gehen konnte, in die Stadt trug und vor eine ältere Frau legte, verschränkte sie mit letzter Kraft ihre kleinen, zarten Arme.
    Es blieb uns nichts anderes übrig, als Dorne zur Anhöhe zu tragen, wo sie auf uns warten musste, bis wir alle unseren Hunger gestillt hatten.
    Als wir zurückkamen, lag Dorne leblos auf dem Wiesenboden. Ihre weiße Gesichtshaut wies bereits rosa Flecken auf, als würde ihr ihre Menschlichkeit wieder zurückgegeben.
    Wir alle standen um sie herum und beobachteten ihr Sterben, wie sich bald ihre gesamte Haut in ein bleiches Rosa verfärbte und schließlich grau wurde und alles zu Asche zerfiel. Auf der Wiese lag nur mehr das schwarze Kleidchen, welches sie sich aus dem Schrank genommen hatte, - ein schwarzes Kleid in Asche.
    Ein Mädchen hob das Kleid auf, schüttelte es aus, faltete es zusammen und machte sich auf den Weg zum Schloss. Die anderen folgten ihr ebenso emotionslos. Blitz wandte sich zu mir um und deutete mir mit einem Kopfnicken an, ihnen zu folgen. Ich verneinte mit einem Kopfschütteln. Blitz zuckte mit den Achseln und ging mit den anderen weiter.
    Ich kniete mich auf den Boden und strich mit beiden Händen über die Wiese, auf der noch Asche lag. Seit langer Zeit spürte ich wieder einmal mein Herz schlagen. Ich spürte es sogar am Hals, wie es pochte, als möchte er aus meinem Körper springen, - als möchte es mit mir nichts mehr zu tun haben.
    Das Bild, wie Dorne mich schockiert beobachtete, als ich den Mann berührte und gleich darauf glückselig lächelte, baute sich plötzlich vor mir auf. Ich sah mich selbst mit Dornes Augen. Es wäre zu wenig, wenn ich sagen würde, dass ich mich schäme. Es ist sehr viel mehr als nur schämen. In mir befand sich eine Last, von der ich wusste, dass ich sie nie wieder loswerden kann.
    Blitz hatte wirklich recht. Wir sind keine Kinder mehr. Wir sind Bestien!
     
  6. Serenade

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    KINDER DER NACHT
    (Teil 4)

    So hockte ich nun, tieftraurig über den Tod des kleinen Mädchens, das wir „Dorne“ nannten, in der Wiese und blickte auf die Stadt hinab, in der vorhin zwölf Menschen meinetwegen sterben mussten. Mir war bewusst, dass ich nicht konsequent war.
    Das kleine Mädchen war es, und Feder ist es auch. Das kleine Mädchen wollte nicht töten. Lieber verlor es sein eigenes Leben, als das anderer zu nehmen. Und Feder tun die Menschen nicht leid. Sie hat keine Gewissensbisse, - auch nicht wegen der Hinterbliebenen. Ob das gut oder böse ist, kann wohl niemand beurteilen, als derjenige selbst. Ich wusste von Feder, dass sie den Menschen gegenüber sehr misstrauisch war, und das bereits in ihren jungen Kinderjahren. Sie war ja erst 9 Jahre alt, als sie zu den Kindern der Nacht kam. Warum sie so misstrauisch wollte sie mir nicht sagen, und auch wenn, würde ich es hier nicht verraten. Auf jeden Fall steht sie zu ihrem Leben jetzt und ist mir mit ihrer Konsequenz weit voraus. Ja, ich wünschte mir, ich wäre so wie sie, - könnte so wie sie empfinden.
    Aber das kann ich nicht. Ich leide mit meinen Opfern und wenn ich den Hinterbliebenen gegenübertreten müsste, würden mich noch mehr Schuldgefühle überkommen, als ich ohnehin schon habe. Dennoch töte ich, weil ich zu feig bin, es so zu machen, wie Dorne.

    Welchen Ausweg hatte ich? In diesem Fall keinen, da es kein Entweder-oder für mich gibt. Ich kann weder zu meinen Taten stehen, noch sie aufgeben.
    In manchen Nächten geht es mir gut. Vor allem knapp danach, wenn ich die Kraft in mich strömen fühle. Manchmal denke ich an gar nichts, wenn wir dann wieder zum Schloss zurückgehen. Aber sobald ich darüber nachdenke, was ich tue, bricht alles über mir zusammen und begräbt mich in einem Haufen von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen.
    Ich fühlte mich auch betrogen, da ich über dieses Leben vorher absolut nichts wusste. Es gab für mich nur den einen Wunsch: weg vom alten Leben, von all diesen Vorschriften und dem ewigen „du musst“. Okay, ja, ich sagte, dass alles besser wäre, als dieses Leben und mir alles recht ist. Aber ich wusste ja nicht, dass es noch etwas viel Schlimmeres gibt. Woher auch?

    Ich dachte in diesem Moment meiner Trauer, dass es gar nicht so gut ist, sich etwas zu wünschen, von dem man nichts weiß. Es ist wahrscheinlich nie gut, sich etwas zu wünschen, - vor allem etwas anderes, was man nicht hat. Man sollte mit dem, was man hat, zufrieden sein, - auch wenn es manchmal schwer ist.

    Noch mal gingen mir die weisen Worte von Blitz durch den Kopf, dass wir schon lange keine Kinder mehr sind, obwohl wir uns so nennen. Nicht nur, dass wir zu Bestien geworden sind, - an uns war nichts, außer vielleicht das Aussehen, was Ähnlichkeit mit Kindern hatte. Unser Leben bestand nicht aus Spielen und Lernen. Es gab nicht einmal Spielzeug im Schloss. Wir tollten nicht auf der Wiese, oder im Wald herum, wie es Kinder normal tun. Es gab keine Bücher, aus denen wir etwas lernen könnten. Die meisten von uns waren emotionslose Roboter.
    Genau das fiel mir auf, als sich alle von der Asche Dornes abwandten und zum Schloss zurückkehrten. Vor allem das Mädchen, welches Dornes Kleid mit maskenhaft starrem Gesicht aufhob, die restliche Asche abschüttelte, es zusammenfaltete und einfach ging. Ich konnte nicht verstehen, dass nicht einmal ein Funken Trauer in ihrem Gesicht zu erkennen war. Und ich war mir sicher, dass sie die Trauer nicht in ihrem Inneren versteckte, denn das hätte ich gefühlt.

    Das war mir auch unheimlich, denn je länger ich bei den Kindern der Nacht war, um so mehr wurde mir bewusst, dass ich in alle Menschen hineinschauen kann, als würden sie ihre Seele für mich offen halten. Von den Menschen gingen viele Gefühle aus, die mir noch immer bekannt waren. Aber von den Kindern der Nacht fühlte ich, zumindest von den meisten, eisige Kälte und innere Leere ausgehen.
    Obwohl Feder sehr konsequent ist, fühle ich bei ihr keine Kälte und auch keine Leere. Selbst wenn sie sich nicht schuldig fühlt und einfach tut, was sie tun MUSS, um am Leben zu bleiben, stecken in ihr noch immer tiefe Gefühle. Ebenso bei Blitz. Aber all die anderen haben sich in emotionslose Roboter verwandelt, deren Leben nur daraus bestand, in der Nacht zu töten und sich am Tag einem todesähnlichen Schlaf hinzugeben. Sonst gab es nichts in diesem Leben, das ich nicht einmal mehr Leben nennen kann.
    Und das sollte für immer sein? Für immer und ewig, außer ich entschließe mich dazu, nie wieder auf Streifzug zu gehen. Ich fragte mich, ob unsere Seelen für immer verloren sind, - ob es für sie keinen weiteren Weg gibt, so wie für die Menschen, wenn sie sterben.
    Was ist mit den Seelen jener Menschen, die uns als Nahrung dienen? Sind sie auch verloren? Kann jemals etwas für immer verschwinden?
    Oh, Gott, ich hatte so viele Fragen, die mir niemand beantworten konnte!

    Gott? Wenn es dich gibt, dann weiß ich sicher, dass ich für immer verloren bin. Durch diese Taten habe ich mich vollkommen von dir abgewandt. Ich bin zur dunklen Seite übergetreten, und mein neuer Gott nennt sich wahrscheinlich Satan. Er heißt es sicher gut, was ich tue. Aber was erwartet mich bei ihm in der Hölle?
    Ein maskenhaftes Grinsen bildete sich in meinem Gesicht, als ich daran dachte, dass es in der Hölle sicher nicht schlimmer sein kann als hier bei den Kindern der Nacht.
    Wie sich die Gedanken ändern können! Früher dachte ich, alles ist besser als das Leben bei den Menschen und nun war ich so weit, dass ich denke, schlimmer als hier kann es nirgendwo sein.

    Ich hatte keine Lust, zum Schloss zurück zu gehen, - hinab in die stickigen Kellerräume, - in „meinen“ Raum, wo das bedrückende, schwarze Himmelbett steht, - einem Sarg ähnlich, in dem ich einige Stunden tot sein darf, um dann abermals Menschen zu töten.

    Fühlen sich Wölfe so, wenn sie andere Tiere gerissen haben? Blitz sagte doch, ich sei eine Wölfin. Nein, Wölfe fühlen sich sicher nicht so, wie ich mich nun fühle. Auch wenn sie töten, um zu überleben, so ist das doch etwas anderes.
    Aber warum ist es etwas anderes? Was ist daran anders, wenn Tiere andere Tiere töten, um zu überleben und ich als Mensch andere Menschen töte, um zu überleben? Ist es, weil ich nicht mehr wirklich zu den Menschen gehöre? Müsste ich mich vielleicht vollkommen in eine Wölfin verwandeln, um aus diesem schrecklichen Zwiespalt heraus zu kommen?
    Aber wirkliche Wölfe würden sich nie in die Welt der Menschen wagen, oder gar Menschen fressen. Für die meisten Tiere ist Menschenfleisch ungenießbar. Vielleicht würden sie es in den äußersten Notfällen fressen, wenn sie knapp vor dem Verhungern sind.

    Meine ganze Denkerei half mir nicht weiter. Fakt ist, dass wir Menschenseelen brauchen. Wir können nicht essen, so wie wir es einst getan haben. Das wäre doch ein Leichtes, denn wir könnten uns von den Beeren im Wald und den Kräutern der Wiesen ernähren. Auch Wasser ließe sich finden. Die Umgebung hier ist einfach herrlich, und ich habe, seit ich hier bin, nie eine Klimaveränderung bemerkt. Es gab keine Winter, wo alles schneebedeckt wäre und wir keine Nahrung hätten finden können. Menschliche Nahrung gab es zu Genüge, - aber das war keine Lösung für uns.
    Nicht, dass ich einmal versucht hätte! Einmal, auf dem Weg zum Schloss zurück, als die Morgendämmerung langsam einsetzte, sah ich wilde Erdbeeren am Wegesrand. Ich pflückte eine und wollte sie essen. Es ging nicht! Ich fand einfach nicht zu meinem Mund, so als wäre da gar kein Mund.
    Ich konnte zwar andere Dinge berühren, aber nie mich selbst. Ich sah meine Arme, meine Hände und ich sah mich, wenn ich an mir hinab blickte. Aber ich konnte das, was ich an mir sah, nicht berühren.
    Dasselbe war, als ich das kleine Mädchen Dorne an der Hand führte. Ich hielt nicht ihre Hand in meiner. Ich hielt nichts in meiner Hand. Dorne fühlte es auch, aber sie sagte nichts dazu. Der Gedanke alleine, dass da jemand war, der ihre Hand halten wollte, genügte ihr anscheinend.
    Die Kinder der Nacht konnte niemand berühren, nicht einmal sie sich selbst. Die Menschen konnten sie nicht einmal sehen, - sie überhaupt nicht wahrnehmen.

    Wenn ich mich in der Welt der Menschen einsam fühlte, legte ich meine Arme um mich selbst. So konnte ich mich wenigstens selbst umarmen, wenn niemand da war, der mich tröstete. Aber jetzt? Jetzt war auch dieses Gefühl nicht mehr vorhanden.
    Wir Kinder der Nacht sind nichts als Erscheinungen, - nichts als geisterhafte Wesen, deren Berührungen für Menschen tödlich sind, obwohl sie sie nicht wahrnehmen können.

    Langsam setzte die Morgendämmerung ein. Ich sah, wie die Sonne im Osten langsam aufging. Wie lange ist es her, seit ich die Sonne das letzte Mal sah? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern. Sie gehört noch zur Welt und hat gut lachen. Ihre Strahlen sind wohltuend für alle Lebewesen. Sonne und Regen stehen für das Leben selbst.
    Aber ich fühlte weder die ersten Sonnenstrahlen an diesem Morgen, noch das taunasse Gras, auf dem ich saß. Ich fühlte nichts. Ich hatte nur meine Erinnerungen daran, wie es damals war.

    Als ich durch die Sonnenstrahlen auf die Stadt hinunter blickte, durchfuhr mich ein Schrecken. Die Stadt löste sich auf! Es war, als würden die Sonnenstrahlen sie verschwinden machen. Nach wenigen Minuten war da nichts mehr, - nur eine weitere Wiese, und statt den Hochhäusern standen riesige Bäume da. Die breite Hauptstrasse wurde zu einem Fluss, der sich bis zum Horizont durch die Landschaft schlängelte. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah!
    Tagsüber gibt es die Stadt gar nicht! Ist das der wahre Grund, warum wir nur nachts unsere Streifzüge machen? Und nicht, wie Blitz sagte, dass es zu gefährlich wäre, weil sich zu viele Menschen in den Straßen aufhalten?

    Ich eilte zum Schloss so schnell ich konnte. Dort versuchte ich Blitz aufzuwecken. Aber wie sollte ich ihn aufwecken können, wenn ich ihn nicht berühren kann, - wenn meine Hände ins Leer fassen? Und auf mein Rufen reagierte er nicht.
    Ich versuchte es bei Feder. Es war dasselbe Resultat. Meine Hände fassten ins Leere und meine Rufe wurden nicht gehört.
    Also gab ich es auf und setzte mich auf mein Bett. Ich überlegte. Wenn diese Stadt auf so wundersame Weise am Tag verschwindet, dann kann sie gar nicht wirklich existieren. Und wenn wir Kinder der Nacht uns nicht berühren können, können auch wir nicht wirklich existieren.
    Dieses Leben hier existiert nicht wirklich! Alles ist nur Illusion, Traum! Wenn das wirklich so ist, muss ich mir ja keine Vorwürfe machen, denn dann sind auch meine Opfer nichts als Illusion.

    Am nächsten Abend, als wir alle die Treppe zum Parterre hochgingen, erzählte ich Blitz, was ich herausgefunden hatte. Zu meiner Verwunderung war er nicht überrascht und sagte auch nichts dazu.
    „Was ist los mit dir? Erschüttert dich das nicht?“ fragte ich ihn und zweifelte über meine Wahrnehmung, derer ich mir vor kurzem noch so sicher war, dass sich ja doch noch Gefühle in Blitz befinden.
    „Warum sollte mich das erschüttern? Es ändert nichts an unserem Leben.“
    Damit hatte er allerdings recht! Ja, es ändert nichts an unserem Leben. Ob Illusion oder Realität, es ist nun mal unser Leben, unser Schicksal und wir können das, womit wir nicht klar kommen, nur ändern, indem wir nicht mehr auf Streifzug gehen.

    Noch lebe ich dieses Leben, sonst könnte ich es euch nicht erzählen. Aber ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalten werde, denn auch diese Eintönigkeit macht mir zu schaffen.
    Bis jetzt habe ich nur Dorne sterben sehen. Alle anderen, die vor mir da waren und die wenigen, die neu hinzukamen, nahmen dieses Leben klaglos auf sich.

    Ich hatte aber noch einen Trost, falls ich mich noch dazu entscheide, nie wieder auf Streifzug zu gehen und mich weigere, jemals wieder einen Menschen zu berühren. Dieser Trost sind die Worte meines Traumboys, der mir sagte, dass sich mein Bewusstsein jetzt nur auf das Leben bei den Kindern der Nacht beschränkt, aber auch andere Aspekte meines Selbst existieren.
    Das zwölfjährige Mädchen, das einst der Welt der Menschen entfliehen wollte, gab es noch immer. Es löste sich nicht in Nichts auf. Und wahrscheinlich ist es jetzt schon sehr groß geworden und hat die Schule hinter sich. Vielleicht ist es bereits verheiratet, hat Kinder und ist doch glücklich geworden.
    Ich weiß es nicht, denn mein Bewusstsein bezieht sich nur mehr auf das Leben bei den Kindern der Nacht, von denen ich selbst eines bin.

    Warum ich euch das alles erzählt habe? Da gibt es nur einen Grund: Seid zufrieden mit dem, was ihr seid und habt und verlangt nicht nach mehr oder gar nach einem anderen Leben.

    ENDE
     

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