Erklärendes zu Wilbers 4 Quadranten
Was hält Leib und Seele zusammen?
Von Michael Habecker
Zentrale Bedeutung für den Ansatz Ken Wilbers kommt dem Instrument der "Vier Quadranten" zu, mit dessen Hilfe sich die umfassende, ganzheitliche Wirklichkeit eines jeden Phänomens erschließen lässt. Der folgende Beitrag demonstriert diesen neuen Ansatz im Blick auf ein altes Problem - das Rätsel des Leib-Seele-Geist-Verhältnisses im Menschen.
Das Leib-Seele-Problem stellt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen körperlichen (Leib) und geistigen Vorgängen (Denken, Seele, Bewusstsein). Die Grundfragen sind dabei etwa: Wie kommt die Welt in unseren Kopf? Wie wird ein Gedanke zur Tat? Existiert unser Geist (oder unsere Seele) auch unabhängig von unserem Gehirn? Gibt es eine eigenständige mentale Substanz (= Geist?) Ist Geist nur die Information, die in unserem Gehirn aufgenommen, gespeichert, verarbeitet und ausgegeben wird?
Im Laufe der Debatte haben sich drei Grundpositionen herausgebildet, die vereinfacht folgendermaßen lauten:
- Der Idealismus meint, die physikalische Welt um uns herum sei nur eine geistige Vorstellung und existiere nur in unseren Köpfen.
- Der Dualismus meint, Geist und Materie seien zwei verschiedene Substanzen, die an bestimmten Stellen miteinander kommunizieren können.
- Der Materialismus (oder auch Physikalismus, Monismus) meint, es gebe nur Materie und Energie. Geist sei keine eigenständige Substanz, sondern nur eine Eigenschaft von Materie und Energie.
Um es vorweg zu sagen: Alle diese Ansätze (Idealismus, Dualismus, Materialismus...) haben Recht - aber nur teilweise. Sie alle tragen ein wichtiges Teil zum Gesamtbild bei, ihre Verabsolutierung jedoch führt zu keiner Lösung.
Wenn ich - in Wilbers Modell der Quadranten - nur die linke Seite betrachte und deren Perspektive einnehme, also nach innen schaue, dann ist dort nur Innerliches und Geist - und die Materie wird leicht zu einem Nebenprodukt, zu etwas Untergeordnetem, über welches sich der Geist "meta"-physisch erhebt. Schaue ich hingegen nur auf die rechte Seite, also nach außen, dann sehe ich ausschließlich materielle Objekte in Zeit und Raum, und das Bewusstsein verschwindet. Der Dualismus erkennt beides an - doch die spannende Frage bleibt: Wie hängen Geist und Materie zusammen?
Die Probleme - und deren Lösung - beginnen schon bei unserer Sprache: Was meinen wir mit "Körper" und "Geist"? Dazu Wilber:
"Der Körper kann den biologischen Organismus als ein Ganzes bezeichnen, einschließlich des Gehirns, (dem Neokortex, dem limbischen System, dem Hirnstamm usw.) - mit anderen Worten, Körper' kann die Bedeutung des oberen rechten Quadranten haben, was ich als den Organismus' bezeichnen werde. Der Begriff Körper' kann jedoch auch, und das ist für den Normalbürger der Fall - die Bedeutung subjektiver Gefühle und Körperempfindungen haben. So sagt jemand beispielsweise: Mein Geist/Verstand kämpft gegen meinen Körper', und er meint damit, dass sein Wille gegen seine körperlichen Neigungen kämpft (wie z.B. Sex- oder Nahrungsgelüste). In dieser allgemein gebräuchlichen Bedeutung bezieht sich Körper' auf die unteren Ebenen der eigenen Innerlichkeit."
Wir blicken also von zwei unterschiedlichen Perspektiven auf etwas, was wir mit "Körper" bezeichnen. Zum einen sehen wir dabei - wenn wir uns von außen her betrachten - unsere eigene Anatomie, d.h. unseren physischen Körper, und zum anderen können wir - wenn wir uns betrachtend nach innen wenden - unsere Körperlichkeit empfindend von innen her erfahren. Ersteres entspräche dem rechten oberen Quadranten, Letzteres dem linken oberen Quadranten, und zwar dort der Ebene des Körperempfindens - und beides ist nicht das Gleiche.
Ähnliches gilt für den Begriff "Geist":
"Wechselt man nun vom Körper zum Geist", so Ken Wilber, "dann setzen viele wissenschaftliche Forscher Geist' einfach nur mit "Gehirn" gleich, und sie sprechen dann nur noch von Gehirnzuständen, Neurotransmittern, kognitiver Wissenschaft usw... Andererseits meint jedoch ein Mensch mit der Aussage: Mein Geist/Verstand kämpft gegen meinen Körper' nicht, dass sein Neokortex sein limbisches System bekämpft. Mit Geist' meint er hier die oberen Ebenen seiner eigenen Innerlichkeit, die oberen Ebenen des oberen linken Quadranten (wenngleich er nicht genau diese Worte verwenden würde) - mit anderen Worten, sein rationaler Wille kämpft gegen seine Gefühle oder sein Verlangen. Der Geist wird in einer phänomenologischen Darstellung der ersten Person unter Verwendung der Ich-Sprache beschrieben, wohingegen das Gehirn aus der Perspektive der dritten Person heraus objektiv in Es-Sprache beschrieben wird."
Und hier liegt - so Wilber - das Problem: der Körper (als gefühltes Empfinden) ist im Geist (d.h. im eigenen Bewusstsein), aber das Gehirn ist ein Teil des äußeren Körpers. Das Auseinanderhalten dieser verschiedenen Perspektiven ist ein erster Schritt zur Entwirrung des Knotens.
Praktisch alle spirituellen Traditionen sind sich einig darin, dass es neben dem - wichtigen - relativen Wissen auch ein absolutes Wissen gibt, eine "Erfahrung" des Seinsgrundes3, des Unmanifesten, Ungeborenen und Unaussprechlichen - und dass die nicht-duale Erkenntnis in der Vereinigung des Unmanifesten und des Manifesten liegt, in der Vereinigung von Form und Leere.
"Die Antwort liegt nicht im Mehr-Reden; die Antwort ist satori, oder wie immer auch wir ein authentisches kontemplatives Bewusstsein benennen wollen. Auch diese Antwort kann natürlich in Worte gefasst werden - Zen Meister sprechen unablässig darüber - und dennoch ergibt sich für jemanden, der sich dieser Praxis nicht unterzogen hat, daraus kein Sinn, ebenso wenig wie mathematische Symbole für jemanden, der sich mit Mathematik nicht beschäftigt hat, einen Sinn ergeben.
Öffnet man jedoch das Auge der Kontemplation, dann ist die Antwort ganz offensichtlich, so vollständig und unmissverständlich wie die Reflektionen des Sonnenlichtes über einem kristallklaren Teich. Kannst du es sehen? Das war die Antwort."
http://www.info3.de/ycms/printartikel_1484.shtml
love Karuna
