Und all das ist ein Teil von mir

Babyyy

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7. Februar 2025
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Wenn man über 20 Jahre mit meiner Krankheit lebt, gehört sie zu einem wie der rechte Arm. Und wenn sie wieder anklopft, denkt man sich nur "Leck Arsch nicht du schon wieder :rolleyes:"

Ich hab eine bipolare Störung und eine schizoide Persönlichkeitsakzentuierung.

Lange hab ich damit gehadert aber mittlerweile sehe ich das als einen Teil von mir. Es gehört zu mir und ich kenne den Verlauf vom Hoch zum Tief und die Phase dazwischen. Ich merke wann sie kommen, wie sie wechseln und weiß schon Tage vorher, wenn es passieren wird. Derzeit bin ich in der Zwischenphase und werde wohl gegen Sonntag in das Tief kommen.

Ich bin seit über 2 Jahren in Therapie. Seit 4 Monaten hab ich einen neuen Therapeuten. Einer der Sätze, die er mir gesagt hat, geht mir nicht mehr aus dem Kopf und begleitet mich seitdem.

"Bevor Sie versuchen, das was Ihnen fehlt im Außen zu suchen, suchen Sie es in sich selbst. Sie werden es da draußen nicht finden, wenn Sie nicht wissen, was es ist."

Ich werde hier einiges teilen. Auch aus der Therapie. Einfach weil ich der Meinung bin, psychische Erkrankungen gehören aus der Tabuzone raus. Niemand schämt sich für eine Schilddrüsenerkrankung. Wieso sollte man sich dann für eine Stoffwechselerkrankung im Gehirn schämen?
 
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Finde es stark, wie du damit umgehst! Der Satz deines Therapeuten trifft echt ins Mark – klingt nach jemandem, der versteht, worum’s geht. Und ja, psychische Erkrankungen sollten genauso normal sein wie jede andere. Bin gespannt, was du noch teilen magst!
 
Finde es stark, wie du damit umgehst! Der Satz deines Therapeuten trifft echt ins Mark – klingt nach jemandem, der versteht, worum’s geht. Und ja, psychische Erkrankungen sollten genauso normal sein wie jede andere. Bin gespannt, was du noch teilen magst!
Er ist wirklich jemand, der alle 2 Wochen mit dem Brecheisen auf meine Mauern losgeht und mein Hirn in Brand steckt. Er weiß was er tut und was er mir zumuten kann was auch ohne Zweifel der Grund ist, warum ich Fortschritte mache.

Willst du noch etwas von ihm hören?

"Versuchen Sie, Gutes in dem zu finden, was Ihr Vater Ihnen mitgegeben hat. Durch seine Geringschätzung den Frauen gegenüber hat er Sie zur Feministin gemacht und damit eine Generation erschaffen, die mit Überzeugung für Gleichstellung und Gerechtigkeit kämpft."

Er ändert einfach die Blickwinkel und die Sicht auf die Dinge. Es sind solche Kleinigkeiten, weswegen ich ihn sehr schätze.
 
Das schöne an den Medis, die die Polarität stabilisieren ist, dass auch wenn man ein Tief hat, man nicht ganz in die Tiefe fällt. Irgendwann landet man auf einer Art Glasfläche. Man fällt nicht tiefer, sieht aber runter und denkt sich nur, dass man jetzt auch dort unten sein könnte, in dieser alles verzehrenden, schwarzen Tiefe. Aber man ist hier. Zwar auch im Abgrund auf dünnem Glas aber man kann das Licht sehen, wenn man den Kopf hebt. Etwas, was da unten nicht möglich ist. Und der Weg züruck ist bei nicht so weit und beschwerlich.

Also sitzt man da und wartet, in der Dunkelheit, die gar nicht mehr so dunkel ist, wie sie mal war.
 
Das gemeine an einer schizoiden Persönlichkeitsakzentuierung (nicht Störung) ist, dass man innerlich zerrissen ist. Auf der einen Seite will man dazu gehören, auf der anderen Seite fühlt man sich mitten drinnen nicht wohl. Zu viel Gefühl und Emotion können überfordern weil man selbst nur oberflächlig fühlt - als wären die Gefühlt durch Milchglas geschützt.

Auch ist es so, dass einen alles, was als Ablehnung interpretiert werden kann, zutiefst verunsichert. Eine gewisse Tonlage, ein Blick und schon ist man sich nicht mehr sicher, ob man nicht das Objekt von Spott ist. Man zweifelt an der Aufrichtigkeit einem gegenüber und man fühlt sich allein.
Dadurch bin ich auf freundlich - oft zu freundlich - weil ich nicht einschätzen kann, wann ich die Gefühle eines anderen verletze und welche Konsequenzen das für mich bedeutet.

Es ist vielschichtig und vielseitig, schwer in Worte zu fassen. Es fühlt sich an wie ein ständiger innerer Kampf, der durch absolute Selbstkontrolle verborgen wird.

Wenn dieses Ausbrechen-Wollen und dazugehören mit der Manie zusammen fällt, bin ich ein absolut freier, glücklicher losgelassener Mensch. In der Manie habe ich keine Selbstkontrolle. Da lebe ich. Die Krux bei der Sache: sollte wieder - aus welchem Grund auch immer - das Gefühl aufkommen, etwas falsch gemacht zu haben, zu viel zu sein oder abgelehnt zu werden, wirft mich das nicht nur in die Selbstkontrolle zurück sondern - je nach Stärke des Gefühls - auch wieder in die depressive Phase.

Ich lebe seit über 20 Jahren mit der Bipolarität. Ich kenne die Phasen und kann sie gut einschätzen. Ich sehe sie kommen. Ich weiß, was mich erwartet.
Gebe ich die Selbstkontrolle auf und werde unverhofft in die depressive Phase geworfen, ist das jedesmal ein Schlag ins Gesicht. Es ist schwerer als wenn sie "normal" kommt. Schwerer zu ertragen, schwerer durchzustehen - auch wenn sie nicht so lange dauert.
Gebe ich die Selbstkontrolle nicht auf, habe ich nicht das Gefühl, wirklich zu leben, denn alles was ich tue und fühle wird vom Kopf diktiert. Dadurch fehlt die Freiheit und die Leichtigkeit.

So oder so ähnlich geht es mir an Tagen wie heute. An Tagen im Phasenwechsel von der Depression in die Manie. Was werde ich tun? Werde ich mich kontrollieren? Kommt es sowieso wieder anders als geplant?
 
Das klingt nach einem unglaublich komplexen inneren Balanceakt, den du da täglich bewältigst. Gerade dieser Punkt mit der Selbstkontrolle vs. Freiheit – kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, was das bedeutet. Gibt es immerhin auch Momente, in denen sich das für dich weniger wie ein Entweder-oder anfühlt?
 
Das klingt nach einem unglaublich komplexen inneren Balanceakt, den du da täglich bewältigst. Gerade dieser Punkt mit der Selbstkontrolle vs. Freiheit – kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, was das bedeutet. Gibt es immerhin auch Momente, in denen sich das für dich weniger wie ein Entweder-oder anfühlt?
Es ist kräftezehrend aber schon so sehr ein Teil von mir, dass es mir meistens gar nicht auffällt. Wenn ich nicht gerade im Phasenwechsel bin, hab ich dieses Entweder-Oder-Gefühl nicht weil ich mir mitten in Manie oder Depression keine Gedanken darüber mache. Das Grübeln ist nur in der Zwischenphase, im Wechsel. Ich bin gerade wieder im Wechsel, deswegen hab ich auch gerade diese Gedanken.
 
Verstehe, also ist das Grübeln mehr ein Zeichen dafür, dass du dich im Wechsel befindest. Macht Sinn, dass es in den extremen Phasen selbst gar nicht so präsent ist. Gibt es Momente, in denen du diese Übergänge als weniger belastend empfindest?
 
Der Übergang von der Depression in die Manie ist leichter.
Manie in Depression ist sehr schwer
 
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Der Übergang von der Depression in die Manie ist leichter.
Manie in Depression ist sehr schwer
Das ist klar! Wenn es mir schlecht geht, manifestiere ich die Leere und werde eins mit ihr. Denn von Schlecht in Gut überzugehen ist schwieriger als von Schlecht in die Neutralität zu gehen und dann von der Neutralität aus in das Gute. Also nutze ich die Neutralität als einen Zwischenschritt um von dem Schlechten ins Gute zu gehen.
 
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