Ich habe mit "Die Darstellung in den Medien ist genau richtig." gestimmt, weil mich das nach wie vor interessiert. Eine äusserst lehrreiche Zeit, über die man sich möglicherweise ja gar nicht genug bilden kann. Denn sie enthält so ziemlich alle menschlichen Abgründe, oder meint Ihr nicht? Warum sollte man ein so hervorragendes "Schauobjekt" wie Nazideutschland aus den Medien entfernen?
Es ist ja nun auch lange nicht so, daß die Sendungen aus Aneinanderreihungen damaliger Propaganda bestehen?? Das kann man doch nun wirklich nicht sagen, nachdem man eine solche Dokumentation mal interessiert geguckt hat. Ich persönlich schaue das ja an, um zu lernen über die Geschichte. Das heißt nicht zuerst sich Wissen über die Geschichte anzueigenen. Das lohnt im Grunde nicht, es ist ja nachlesbar. Sondern was in mir stattfindet, wenn ich die Sendungen sehe, ist beinahe jedes Mal noch ein kleines neues Verstehen. Es ist ja auch bei meinen Lieblingsfilmen so: jedes Mal entdecke ich etwas Neues. Und in der Geschichte ist es ebenso. Und dann verstehe ich es eben teilweise nochmal neu, analysiere es, setze es zusammen mit anderem Wissen, beurteile daheraus dann, was es mit mir heute zu tun hat. Und siehe da: es ist Geschichte. Ein wesentliches Wissen für die Identität des Menschen.
Es leben ja nun auch noch viele Leute, die in der Zeit des Nationalsozialismus jung waren, Kinder meinetwegen. Wer nun beispielsweise in der Hitlerjugend sozialisiert ist und in einer nationalsozialistischen Familie, der ist ein Einstellungen und Werten nachhaltig durch diese Zeit geprägt gewesen. Er wird die in dieser Zeit gelegenen Vorstellungen von Einheit und Familie nur teilweise reflektiert haben und teilweise unbewusst nationalsozialistische Männer- und Frauenbilder und sonstige Einstellungen in der eigenen Familie vermittelt haben. Die eigenen Kinder sind eigentlich aufgeschmissen im Bemühen, nationalsozialistisches Gedankengut in der eigenen Familie aufzuspüren, wenn sie sich über die Bedingungen der Kindheit der Eltern nicht immer wieder informieren können. Mit 70 versteht man die Auswirkungen der elterlichen Kindheit auf das eigene Leben anders als mit 50 oder mit 90, daher können diese Sendungen schon mal nur allein wegen der Kinder der vom Nationalsozialismus betroffenen jungen Menschen nicht so rasch von der Bildoberfläche verschwinden.
Aber ich will mich nicht scheuen, tiefer zu blicken: nehmen wir mal die Kindeskinder. Ich bin kaum bereit anzunehmen, daß sich Ende der Sechziger wirklich revolutionär die Gesellschaft in Deutschland verändert hat, sondern ich halte das eher für eine Randkultur. Die meisten Kinder haben das Verhalten ihrer Eltern und Großeltern in der NS-Zeit nicht kritisiert, nicht in Frage gestellt, und sind niemals in sich auf die Suche gegangen nach falschen Vorstellungen von Mann sein, Frau sein, Spirituell sein, Gemeinschaft, Ordnung, Sinn und Frieden. Es gibt viele weitere Werte, die viele Menschen niemals in Frage gestellt haben und die mehr oder minder unverändert so noch immer in heutigen Familien mit kleinen Kindern existieren.
Die Reife entsteht nun mal nicht allein durch Zeit, sondern durch die in ihr gelegene Möglichkeit zur Distanzierung von Vergangenem und zur Reflektion des Erlebten. Von daher: wenn ich mir das Verhalten oder Strömungen in der Gesellschaft so anschaue, dann meine ich: lass die Sendungen laufen.
Und zu meinen, man habe da heute nichts mehr mit zu tun, ist wohl vor allem dann möglich, wenn man die Auswirkungen von Geschichte auf die Folgezeit nicht in Erwägung zieht. Nur mal zum Vergleich: wir haben 2015, der Krieg war vor etwa 75 Jahren. Schauen wir mal, was 75 Jahre vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges durch Deutschland war und prüfen wir mal, ob das, was etwa 1870 geschah noch eine Bedeutung für die Menschen hatte, die 1940 lebten und den Krieg in voller Überzeugung für die nationalsozialistische deutsche Idee begonnen hatten:
1871 fällt uns da allen ein, die Gründung des deutschen Kaiserreiches.
Wer nun in Frage stellt oder wissen will, ob die Art und Weise, die jahrzehntelange Vorgeschichte und auch die Geschichte des deutschen Kaiserreiches für die Gedanken, Gefühle, Entscheidungen und Probleme der Menschen von 1945 noch eine Bedeutung hatten, dem empfehle ich zunächst ein gutes Geschichtsbuch. Es wäre ganz einfach nur logisch anzunehmen, daß auch wir in unseren Gedanken, Gefühlen, Entscheidungen und Problemen im heutigen Deutschland genauso maßgeblich von dieser ideologischen Massenverinnerung von 1933-45 beeinflusst sind, wie die damaligen Menschen ihr Leben auf der Grundlage des Kaiserreiches führten.
lg