Lieber S.
Du fehlst mir sehr. Ich hoffe, es geht dir gut. Sicher, du spielst jetzt weiter den braven Ehemann. Doch ich bezweifle, dass das gesund ist. Ich mag nicht daran denken, was für ein Theater du spielst. Sicher: Jeder hat seine Rückzugsmöglichkeit. In Amerika hast du einen Retreat gemacht. Doch was hat es dir gebracht? Du kommst zurück in dein Sandwich und hast keine Möglichkeit, so zu leben, wie du es vielleicht gerne tun würdest. Sicher: Du kannst dich auf deinen Beruf konzentrieren und dort deine Erfüllung finden. Das habe ich auch gemacht. Aber das ist auf Dauer nicht befriedigend. Man merkt immer, dass etwas nicht stimmt. Doch man ignoriert es. Man trennt den Teil, der nicht funktioniert. Und wartet untätig auf das Ende. Während dieser Zeit arbeitet aber der Teil, der nicht funktioniert. Und er meldet sich eines Tages. Meistens in Form von Krankheit. Und dann hat man endlich einen Grund, sich selbst zu bemitleiden. Zu weinen. Umarmt zu werden. So macht es ein grosser Teil unserer wunderbaren industrialisierten Gesellschaft. Krankheiten wie Aids oder Krebs wuchern. Gibt es diese Krankheiten wirklich? Können Ärzte wirklich helfen?
Ich habe an diesem Wochenende ein Reiki-Seminar gemacht. Dort wurde die Schulmedizin komplett auseinandergenommen. Und die Kursleiter erzählten von Heilungen mit Reiki, die an Wunder grenzen. Letztendlich kann man alles auch erklären. Ich möchte aber jetzt keinen Vortrag halten. Ich war schon immer skeptisch gegenüber der Schulmedizin. Meine Grossmutter war 13 Jahre bettlägerig. Schlaganfall. Mein Grossvater starb an Krebs. Der andere Grossvater starb in Würde auf der Toilette beim having a shit. Die andere Grossmutter war ebenfalls gelähmt wegen eines Schlaganfalls. Dann noch meine Cousine, die nie geraucht hat, aber mit 37 Jahren an Lungenkrebs erkrankte, dann ganz schnell eine tolle Chemotherapie bekam und ein Jahr später mit einem Lächeln im Gesicht starb und zwei Kinder hinterließ. Das sind alles Geschichten, die mich nachdenklich gemacht haben, da ich auch die Geschichten der Betroffenen ansatzweise kenne. Meine Cousine hatte eine grosse Liebe. Die beiden wollten heiraten. Doch die Mutter des Mannes war dagegen, weil meine Cousine (eine wunderschöne Frau) zu arm war. Stattdessen heiratete sie einige Jahre später einen Mann, der ziemlich brutal war. Ich fand ihn jedenfalls immer sehr unangenehm. Sie gingen als Gastarbeiter nach Österreich und bekamen zwei Kinder. Lebten in einer Zweizimmerwohnung. Ich war einige Male in meiner Kindheit mit meiner Familie dort. Und sah immer eine schöne Frau, die irgendwie kaputtgemacht worden war. Sie arbeiteten beide in irgendeiner Fabrik. Die Kinder waren lieb. Man hatte sich organisiert, sich abgefunden, dass das Leben nun mal so ist. Und sie wollten irgendwann ein Haus kaufen in der Türkei. Nun. Onkel Aydin hat jetzt ein Haus in der Türkei.
Ist das Wort Liebe in diesem Zusammenhang schon gefallen? Liebe ist das, was krank macht. Und das, was heilt. Ich glaube, ich habe den Faden verloren. Was will ich sagen? Ich muss mal kurz eine Zigarette rauchen. Weil es gesund ist. Dann schreibe ich weiter...
Ich liebe diese Familiengeschichten. Und diese Krankheiten, die man, wenn man will, ganz genau begründen kann. Meine Grossmutter, die bettlägerig war, hat mir den Auftrag gegeben, dass ich Ärztin werde und sie eines Tages heile. Das, was dahinter steckt, nämlich meine eigene Heilung, ist in vollem Gang. Und nun wurde mein Kronenchakra geöffnet und hat Zugang zur universellen Energie. Ich werde dies weitergeben. Momentan muss ich aber erst einmal selbst damit arbeiten. Ich gebe mir jeden Tag Reiki. Meine Vermieterin, die süsse Frau P., hat sich auch schon zur Verfügung gestellt. Ach, und dann ist da noch mein Lieblingskollege. Er hat Probleme mit den Knien (Meniskus). Ihn werde ich auch behandeln.
Am 29. Dezember fliege ich nach Istanbul zu meiner Tante. Ich werde meine Eltern nicht besuchen. Meine Mutter unterstützt dies sogar. Sie hat mir ein Messer in den Rücken gebohrt. Sie war schon immer eifersüchtig auf mich. Mittlerweile ist mir bewusst, dass sie nicht ganz gesund ist. Die Ehe meiner Eltern ist eine traurige Geschichte. Jetzt jammern sie, dass sie nicht mehr lange leben werden. Und haben ständig körperliche Beschwerden. Es sind Kleinigkeiten. Der Ruf nach Liebe. Falsche Liebe. Selbstmitleid.
In diesen zwei Wochen Istanbul werde ich neue Energie tanken. Ich habe Istanbul 15 Jahre nicht gesehen. Hoffentlich kann ich auch wieder zurück in die Schweiz. Sie werden alles tun, damit ich dort bleibe. Vielleicht schreibe ich dir eine Postkarte. Auf jeden Fall bist du bei mir. Es ist schwer. Aber ich stehe dazu, dass ich dich liebe.
Deine Hände fehlen. Uns gebe ich zwei Jahre Zeit. Meine Tür ist immer offen. Das weißt du.
In Liebe
S.