Also darf niemand toleriert werden, es sei denn, er toleriert alles und jeden. Die militante Toleranz beißt sich somit nicht harmonisch in den eigenen Schwanz, sondern paradox in den eigenen Arsch. Sie meint, natürlich: "Null Toleranz für alle, die nicht denken wie ich!"
Ich habe meine liebe Mühe mit dem sinnvollen Gebrauch von Toleranz und Intoleranz.
Nicht nur mit
@magdalena ´s Satz, der ja, wenn er nicht völlig totalitär oder gänzlich beliebig gemeint ist, voraussetzt, dass es einen unumstößlichen, allgemein gültigen und anerkannten Kanon von nicht tolerierbaren Inhalten gibt bzw. auch definierte Methoden der Intoleranz, und ebenso mit Deiner kritischen Interpretation, die, so wie ich es wahrnehme, eine bittere Persiflage auf die entweder völlige Beliebigkeit, oder den totalitären Anspruch ist.
Dabei verwende ich, aus meiner Sicht, den Begriff Toleranz bzw. tolerant selber immer wieder falsch (meist aus Mangel an Alternativen).
Toleranz hat m.E. immer etwas mit Hierarchie und Machtgefälle zu tun. Das wird vor allem deutlich, wenn es zusammen mit dem Gegensatz, nämlich Intoleranz gesehen wird.
Für mich geht es also um Toleranz vs. Akzeptanz. Also darum etwas zu dulden (was auch die Möglichkeit des Nicht-Duldens beinhalten muss) oder gut zu heißen (zu akzeptieren) bzw. abzulehnen.
Leider gibt es kein sinnvolles Adjektiv für Akzeptanz... ich verhalte mich akzeptierend????
Muss ich eine mir unliebsame Ansicht akzeptieren (also gutheißen)? Aus meiner Sicht, nein!
Ich kann mich von solchen Ansichten distanzieren, Gegenargumente bringen, dagegen wettern, Vorwürfe u./od. Unterstellungen anbringen, unzulässige Verallgemeinerungen, verunglimpfen, beleidigen, mich alterieren, vermeintliche moralische Überlegenheit demonstrieren....
Ist das Intoleranz (also etwas nicht dulden)? Aus meiner Sicht, nein!
Es kann wohl die Grenzen verwischen zwischen dem was ich anprangere und dem eigenen Agieren. Wenn ich dann trotzdem noch aus der eigenen Ansicht moralische Überlegenheit ableite ist das nicht intolerant, sondern dumm.
Selbst strafrechtlich relevante Äußerungen hätten per se nichts mit Intoleranz zu tun.
Muss ich unliebsame Ansichten und, noch wichtiger, die Personen die sie vertreten tolerieren (also dulden)? Aus meiner Sicht ja!
Ich habe (und wie ich hoffe niemand von uns) gottlob nicht die Position, es nicht zu tun. Um mich Personen mit mir unliebsamen Ansichten gegenüber intolerant zu verhalten, müsste ich das faktische Machtgefälle auf meine Seite verschieben – der Admin oder Moderatoren hätten z.B. hier im Forum die hierarchisch determinierte Möglichkeit, sich intolerant zu verhalten.
Und grausige Beispiele, wie tätige Intoleranz im Alltag umgesetzt wird hatten wir in den letzten Monaten auch mehr als genug (hier wurde das Machtgefälle mittels Gewalt erzeugt).
Aus meiner Sicht können sich auch Regierung, Exekutive und Judikative nur tolerant oder intolerant gegenüber Handlungen oder Haltungen zeigen, die nicht explizit gesetzlich geregelt sind oder deren gesetzliche Grundlage bereits völlig obsolet ist und eine Neufassung vor der Tür steht.
Z.B. einen Migranten / Flüchtling wegen Diebstahl nicht abzuschieben, hat nichts mit falscher Toleranz zu tun, es wäre schlichtweg illegal, da die gesetzlichen Grundlagen dies nicht zulassen.
Dass hingegen der Wiener Stadtschulrat den nun verurteilten Misrad O. als Volksschullehrer angenommen hat, obwohl dieser bekannt gab, in einer saudi-arabischen Koranschule ausgebildet worden zu sein, fällt m.E. unter falsche Toleranz. Es gibt zwar kein Gesetz, dass eine Einstellung verbietet, aber hier wünschte ich mir etwas mehr wohlüberlegte Intoleranz.
Ich neige selber etwas dazu, auf meinem „linken Auge“ blind zu sein – auch was die Bewertung von Kommentaren betrifft – und es kostet mich immer wieder einiges an Mühe meine Haltung zu hinterfragen – also zu überlegen, was ich akzeptieren kann und was nicht. Die Diskussionen hier sind ein guter Prüfstein dafür.
So gesehen, ein Lob auf @Walters Toleranz!