Der Maiwurm ...
Kleines schwarzblaues kriechendes Etwas, wie fühlst Du Dich so abgehoben von der Erde? Gerade bist Du noch eilig über den trockenen Boden gekrochen, deinen aufgeblähten Hinterkörper hinter Dir herschleppend ... und jetzt schwebst Du in Dir unbegreiflichen Höhen, fühlst vielleicht den seltsam warmen weichen Untergrund und fragst Dich, was das ist?
Du beißt in dieses nachgiebige Unbekannte - wehrst Du Dich etwa? Oder folgst Du nur dem Freßinstinkt und beißt in alles was weich ist, um es vielleicht hineinzuschlingen?
Ich weiß, Du bist giftig, aber ich kenne Dich und weiß, wie und wann Du das Gift einsetzt. Ich weiß auch, Du suchst die Nähe vom summenden Volk, das wir Menschen Bienen nennen. Du führst nichts Gutes mit ihenen im Schilde, aber was bedeutet schon Gut in der Natur? Zehntausende Eier wirst Du legen, aber nur wenige Deiner Larven werden sich an weichen Bienenpelzchen festklammern und sich in den Bau tragen lassen können. Sie aber werden dann in eine Honigzelle einbrechen, das Ei plündernd fressen und auf den übriggebliebenen Schalen im Honig schwimmen wie in einem kleinen Schiffchen. Und sie werden den Honig, der jetzt ihnen allein gehört, einsaugen bis fast zum Platzen und sich anschließend irgendwo in der Erde verstecken. Dort trotzen wieder nur wenige der Winterkälte und verwandeln sich ungesehen in eine Puppe, welche die zukünftige Form schon erahnen ließe ... aber nur wenige Menschen haben dies jemals gesehen.
Und dann ruft irgendwo ein neuer warmer Mai einen neuen blauschwarzen Maiwurm ans Licht ... wer weiß, wem dieser dann begegnet? Wer weiß, was dann gedacht wird? Wer weiß .... ?
