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Condemn
Guest
Nehmen wir uns den Wiki-Artikel mal vor.
"Die systematische Judenvernichtung mittels industrieller Methoden blieb den meisten Reichsdeutschen verborgen und war auch für diejenigen, die über Auslandssender oder Erfahrungsberichte von Soldaten davon gehört hatten, meist unvorstellbar. Ein damaliges Gesamtwissen über Ausmaß und Durchführung des Holocaust nehmen Historiker daher nicht an."
Die Betonung liegt hier auf "Gesamtwissen über Ausmaß und Durchführung des Holocaust". Daraus ist keineswegs abzuleiten, die Bevölkerung sei ahnungslos gewesen und habe von der Judenvernichtung nichts gewusst. Das wäre fehlerhafte Logik. Einfach den Wiki-Artikel weiter bis zum Ende lesen, dann löst sich das Missverständnis auf:
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Bereits 1995 veröffentlichte der israelische Historiker David Bankier seine systematische Auswertung von Verhören der US-Armee. Er bezeichnete ihr eindeutiges Ergebnis als „Geheimnis, das keines geblieben ist“: Fast jeder Deutsche habe gegen Kriegsende irgendeine Kenntnis von den NS-Verbrechen gehabt. Auch die Methode der Erbrechung sei in „weiten Kreisen“ Gesprächsthema gewesen. Viele Befragte hätten sich erleichtert gezeigt, erstmals frei darüber sprechen zu können. Die Vernehmer beobachteten, dass „ein merkwürdiges Schuldgefühl bezüglich der Juden im Vordergrund gestanden“ habe, „eine unbehagliche Stimmung und häufig ein offenes Eingeständnis“ von einem „großen Unrecht“.[48] Bankiers Urteil folgten 2006 mit Peter Longerich, Frank Bajohr und Dieter Pohlauch einige deutsche Historiker.
https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgenössische_Kenntnis_vom_Holocaust#Konfrontation_der_Bevölkerung_durch_Alliierte
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Das stimmt mit den Analysen und Forschungen von Gellately und den Aussagen meiner Mutter überein.
Es stimmt ja auch mit dem überein was meine Oma erzählt hat, was ich ja in einem der vorherigen Beiträge ebenfalls beschrieb. Dennoch ist der erste zusammenfassende Aussage dass die systematische Judenvernichtung mittels industrieller Methoden den meisten Deutschen verborgen blieb eben auch im Einklang mit dem was Überlebende berichteten. Es wäre m.A.n. auch kaum vorstellbar, dass eine Mehrheit der Deutschen davon wusste, eine Mehrheit der Juden sich gleichzeitig weitgehend widerstandslos deportieren ließ weil sie darauf hofften "nur" deportiert zu werden.
Und hier ist m.A.n. die Psychologie sehr wichtig. Es gab bestimmt unglaublich viele Gerüchte, auch über Gaskammern, aber das muss doch gerade für die Menschen damals unvorstellbar gewesen sein. Es war doch offenbar selbst für Holocaust-Überlebende unvorstellbar die mit Sicherheit schon vorher viel Terror erleiden mussten:
Holocaustüberlebende berichteten in der Nachkriegszeit, dass die unmittelbar betroffenen Opfer ihr bevorstehendes Schicksal nicht ahnten oder den Gerüchten über industrialisierte Vernichtungsfabriken keinen Glauben schenken wollten:
„Der mit bürokratischer Gründlichkeit geplante, fabrikmäßig betriebene millionenfache Mord – diese nie erlebte Dimension des Verbrechens überforderte die Vorstellungskraft selbst derer, die den Nazis alle nur möglichen Schandtaten zutrauten. Das Undenkbare zu denken, Auschwitz für wirklich zu halten – dagegen sträubte sich ein psychischer Selbstschutzreflex. Das galt auch für die designierten Opfer, vor allem für die Juden Westeuropas. Bis zuletzt hielten sie die Deutschen eines solchen Verbrechens nicht für fähig…“
Und die Diskussion dreht sich ja auch nicht nur darum. Ursprünglich entspann sie sich aus meiner These, dass ein solches Terror-Regime Völkermord umsetzen kann, obwohl eine Mehrheit das nicht unterstützen würde, einfach "nur" weil diese Mehrheit nichts dagegen tut und auch nichts dagegen tun kann weil die Menschen ebenfalls durch Terror, Propaganda, Angst, in einem Zustand psychologischer Isolation gehalten werden. Meines Wissens nach gibt es keinen Völkermord der jemals mit dem Wissen und der Zustimmung einer Mehrheit umgesetzt wurde. Das ging immer von einem Terror-Regime aus das sich eben nicht nur gegen die Opfer richtete sondern auch die eigene Bevölkerung. Damit will ich gar nicht sagen die Deutschen seien komplett schuldlos und das Judenhass nicht weit verbreitet war. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Judenhass und dem Wunsch Juden sollten aus Deutschland verschwinden und dem Mord an Millionen von Menschen.
Plus: Hitler hat ja nicht mal 50% der Stimmen bekommen, was ebenfalls darauf schließen lässt, dass schon die Nazis selbst nicht ganz Deutschland auf ihrer Seite hatten und ich bin sehr sicher, dass die Nazis keine 5% bekommen hätten wenn sie den Deutschen erklärt hätten das sie Millionen von Juden ermorden wollen. Ein ganz bedeutender Aspekt ist Desinformation und Terror gegen das eigene Volk. Du selbst hast ja Zitate gebracht wie viele Menschen denunziert wurden und das muss ja zu einer Wahnsinns Angst unter allen geführt haben die gegen die Naziherrschaft waren und gegen den Terror gegen die Juden.
Und die Reaktionen eines großen Teils der Deutschen auf die Progrome zeigt ebenfalls, dass die Unterstützung einer Mehrheit derart gegen die Juden vorzugehen nicht da war. Und gegen Ende zeigt es sich wieder, denn als schon mehr Wissen da war, reagierten laut Nazi-eigener Quellen die Menschen so:
Seit der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad Anfang 1943 und den alliierten Luftangriffen auf deutsche Städte trat die offene antisemitische Propaganda etwas zurück, da diese nun vermehrt auf Unverständnis und Unmut in Teilen der Bevölkerung stieß, den die Gestapo registrierte. Besonders der Versuch, das Massaker von Katyn als Vernichtungsabsicht der Sowjetunion gegenüber allen Deutschen auszugeben, scheiterte: Den Meldungen aus dem Reich zufolge, in denen der Sicherheitsdienst der SS (SD) die Überwachungs- und Stimmungsberichte zusammenfasste, bezeichnete „ein großer Teil der Bevölkerung“ die Aufregung um Katyn als „heuchlerisch, weil deutscherseits in viel größerem Umfang Polen und Juden beseitigt worden“ seien.
https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgenössische_Kenntnis_vom_Holocaust
Das ist zwar nicht gleichbedeutend mit "Mehrheit", aber die Nazis sahen sich gezwungen die eigene Propaganda zurückzufahren weil die Menschen eben nicht so reagierten wie sie es sich erhofften.
All das spricht dafür, dass die Massenvernichtung an den Juden keine breite Zustimmung in der Bevölkerung gefunden hätte wenn davon gewusst worden wäre. Dennoch bin ich davon überzeugt dass es kaum zu verhindern gewesen wäre weil dieses Regime derart rücksichtslos und gleichzeitig unglaublich organisiert war, dass jene die dagegen waren oder gewesen wären, wenn sie es gewusst hätten, eben keine Chance hatten weil sie sich individuell eben doch "alleine" fühlten.
Und dieser Aspekt deckt sich mit anderen Völkermorden.
