Bemerkenswert an Alexej Nawalnys Vergiftung ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Nachricht aufgenommen wird. Wenn der wichtigsten Figur der Opposition in Russland mutmaßlich Gift verabreicht wird, dann sollte das Empörungsbeben die Mauern des Kreml erreichen. Tut es aber nicht. Erschütternd ist lediglich die Routine, mit der die Häufung dieser Vorkommnisse in Russland akzeptiert wird.
Lang ist die Liste der Kreml-Kritiker, die auf mysteriöse Weise verletzt oder gar ermordet wurden - vergiftet, verstrahlt, von Kugeln durchsiebt oder aus Fenstern gestürzt. Die prominentesten darunter waren Alexander Litwinenko und Sergej Skripal, beide in Großbritannien vergiftet. Die Taten wurden nach rechtsstaatlich belastbaren Kriterien aufgeklärt. Der Journalist Pawel Chlebnikow, die Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa und der Oppositionsführer Boris Nemzow wurden sozusagen vor den Augen der Öffentlichkeit ermordet. Nemzow verkörperte wie kein Zweiter die Hoffnung der Oppositionsbewegung, ehe er in Sichtweite des Kreml seinen Mörder fand.