Um Ängste relativ preiswert (Voraussetzung, man hat genug pieniadze oder kriegt woanders einen Job) loszuwerden, muß man aus Wien auswandern. Wien ist die Neurotiker- und SelbstmörderStadt. Diesbezügliche Kultur wird ja eifrigst gepflegt. Leidend mit eventueller Prise von mehr oder weniger intellektuellem Sarkasmus ist angesagt im Gegensatz zu Lachen und Fröhlichkeit, die höchst suspekt wirken.
P.S. Ich hab den Begriff Angst nicht gekannt, bis ich nach Wien gekommen bin.
Hallo, liebe paula marx,
das nehme ich Dir gerne ab. Wien ist diesbezüglich ein schwerer Boden.
Ich lebe schon sehr lange in Wien, bin dadurch schon eine richtige Wienerin, bin auch hier geboren, doch auf dem Land aufgewachsen und habe in einer Kleinstadt bis zur Matura in einem Internat verbracht.
Bis dorthin hatte ich nur Angst vor Prüfungen, die ich mit meinen Kameradinnen teilte, doch was ich in Wien an Lügen, Intrigen und anderem Gewürm kennen lernen musste, war schon sehr belastend. Ich habe damals viele Ängste durchstehen und auch überwinden müssen um nicht abzurutschen, denn es gab auch eine Menge Verführer. Aber Gott sei Dank gab und gibt es auch liebe Menschen, die mir beigestanden sind. Nicht alle Ängste konnte ich ihnen anvertrauen. Es war da die große Angst, den Job, die Lebensgrundlage zu verlieren, auch Angst ein Kind zu bekommen, Angst vor Krankheit und Männer kennen zu lernen, die nur eines wollten, ohne gefühlsmäßig beteiligt zu sein.
Diese Angst war bevor ich nach Wien kam, nicht vorhanden. davor war ich ein aufgeschlossener und fröhlicher, leider auch zu offener Mensch. Aber ich war das so gewöhnt und hatte in der Zeit vor Wien nur gute Erfahrungen gemacht. Leider war Wien anders.
Trotzdem hatte ich endlich Glück in der Liebe. Von da an gings bergauf.
Dieser Mann war kein Wiener. Er war so wie ich mir einen liebenden Menschen vorgestellt hatte. Von da an hatte ich keine Angst mehr. Durch ihn fühlte ich mich geliebt und geborgen. Die Krönung dieses Glücks war unsere Tochter.
Später, als ich wieder alleinstehend war, hatte ich nur mehr Angst vor den Intrigen im Berufsleben, aber auch erst, als mir das erste Mal ganz plötzlich ohne irgendwelche Vorzeichen zu erkennen, das Dach auf den Kopf gefallen war. Es war irgendwie schon ein Schock für meine Seele, denn ich konnte nicht glauben, dass jemand so unkollegial und neidisch sein kann, wo wir doch alle die gleichen Gehälter hatten. Andrerseits war es gar nicht so schlimm, war ich doch pragmatisiert. Es lebe die Gewerkschaft!
Richtige Angst vor dem mich selbst zu verlieren oder im Chaos zu versinken hatte ich keine. Allerdings konnte ich neben Familie und Beruf lange keine Hobbys haben. Ich war ausgelastet, jedoch ohne wirkliche Angst.
Auch heute hält sich die Angst in Grenzen. Ein Leben so ganz ohne Angst gibt es ja nicht. Schon Sorgen um die Liebsten haben etwas mit Angst zu tun, doch das ist für mich ganz normal.
Wer liebt, hat automatisch auch Angst. Andrerseits kann einem ein liebender Mensch auch die Angst des Angenommenwerdens so wie man ist nehmen, möglicherweise auch die Existenzangst, denn zu zweit tut man sich leichter.
Angst vor dem Tod habe ich keine, kann ich ihn mir doch nicht wirklich vorstellen. Ein wenig Angst, dass ich, bevor es so weit ist, an einer unheilbaren Krankheit leiden könnte, habe ich doch.
Wieder komme ich zu dem Schluss, dass es ein total angstfreies Leben nicht gibt. Man muss rechtzeitig lernen damit zu leben.
Ich versuche, mich köperlich und geistig fit zu halten und mein Leben so lebenswert wie nur möglich zu gestalten. Alles andere muss ich dem lieben Gott überlassen. Er sei mir gnädig!
Mit herzlichten Grüßen
eva07