Hallo
@east of the sun
Ich bin gerade über deinen Beitrag gestolpert, der ja doch schon ne Ecke älter ist, mir bisher aber nie ins Auge gestochen ist. Ich weiß nicht, ob dir meine Erfahrung etwas bringt oder nicht. aber gerne teile ich sie mit Dir, vielleicht ist für dich ja was nützliches dabei.
Ich selbst nahm 2008 bis 2010 Anderhalb Jahre lang anfangs 40mg dann 20mg am Tag wegen schweren Depressionen. Parallel war ich 2 1/2 Jahre in Psychotherapie, um die Ursachen meiner Depressionen anzugehen.
Auch später ging ich nochmal in eine Therapie, weigerte mich jedoch, Tabletten zu nehmen, da sie letztlich einfach nur „überbrücken“ aber nicht heilen können.
Für mich war es im Nachhinein das schlimmste Gift, das ich geschluckt habe. Auch wenn es im akuten Zustand mit absoluter Gefühllosigkeit und Todessehnsucht natürlich sinnvoll war, um überhaupt auf ein Level zu kommen, auf dem man wieder einigermaßen normale Gedanken fassen kann und nicht nur noch schwarz sieht.
„Gift“ für mich aber deshalb, denn -auch wenn mir immer versichert wurde, Citalopram mache (körperlich) nicht abhängig - es macht psychisch abhängig. Und bescherte mir in der Zeit einige Nebenwirkungen, teilweise mit Langzeitschäden.
Und leider kenne ich zusätzlich einige Personen in meinem Bekanntenkreis, die seit Jahren bzw. Jahrzehnten Citalopram nehmen... und davon nicht loskommen. die mehrfach versuchten, abzusetzen und dann wieder dazu griffen und es bis heute tun. Manche mussten im Laufe der Zeit sogar (wieder) erhöhen...
Citalopram wirkt „stimmungsaufhellend“ und zwar ausgehend von der grundsätzlichen Verfassung.
Als Beispiel: Wenn es mir heute ohne Tabletten „mittelmäßig“ geht, geht es mir mit „gut“. Geht es mir ohne Citalopram schon „gut“, geht es mir mit „sehr gut“. Geht es mir ohne „sehr schlecht“, geht es mir mit „schlecht“ (- dauerhaft würde man dann wohl die Dosis erhöhen, um zumindest auf „mittelmäßig“ zu kommen).
Das ist jetzt ein sehr banales Beispiel, mit dem ich sagen will, dass im Umkehrschluss aufs Absetzen IMMER ein spürbarer Stimmungs-Rutsch erfolgt. Diesen als Rückschlag zu interpretieren - was viele machen - hält einen dauerhaft im Teufelskreis gefangen.
Bei depressionen aufgrund organischer / körperlicher Ursache ist eine Langzeiteinnahme erforderlich, keine Frage.
Ansonsten ist das Ziel aber ja, die Ursache anzugehen, um in Problemsituationen wieder handlungsfähig zu sein und nicht in ein Loch zu fallen. Dabei spielt citalopram nur die Unterstützer Rolle, um einen stabilen psychischen Zustand zu erreichen, in dem man seinen Alltag bewältigen kann und in der Lage ist, klare Gedanken zu fassen, um die Gedankenmuster mithilfe Therapie o. ä. konstruktiv ändern zu können.
Mit diesem Wissen, setzte ich die Medikamente nach anderthalb Jahren selbst ab, weil mir mein Arzt gern weiterhin Rezept um Rezept ausgestellt hätte und mir beim absetzen nicht helfen wollte. Ich schlich die Einnahme über mehrere Wochen durch immer-wieder-halbieren-der-Dosis langsam aus. Und ich schaffte es aufs erste mal, da ich von Anfang an wusste, dass mit fehlender Einnahme auch die Stimmung wieder spürbar absinken würde und das kein Anzeichen für einen Rückschlag sei.
Auch mir ging es erstmal spürbar schlechter. Ich weinte wieder öfter und merkte auch, dass alles wieder ein bisschen grauer erschien und ich mich mehr anstrengen musste, mich zu motivieren und anzutreiben. Der Unterschied zu vor der Einnahme aber war: ich hatte wieder Antrieb und spürte Lebenswillen. Und das war für mich der entscheidende Punkt, zu erkennen, dass ich nicht mehr depressiv war und ohne Tabletten leben konnte.
Ich habe oft mit bekannten gesprochen, die sich mir gegenüber niedergeschlagen äußerten, ohne citalopram nicht mehr leben zu können. Auf vorsichtiges nachfragen, ob es sich nach dem absetzen wie ein „Schwarzes loch“ angefühlt habe oder nur einfach wieder etwas schwieriger als mit Tabletten, kam häufig (nicht bei allen) ans Tageslicht: mit Tabletten war es halt eine Spur einfacher und die Tabletten gaben ein Gefühl von Sicherheit. Nicht mehr und nicht weniger...
bei einem anderen stellte sich heraus, dass er gegen die eigentliche psychische Ursache nie etwas getan hatte und seine so gesehene Krankheit mit antidepressiva nur besser erdulden konnte, was im Nachhinein immer wieder zu Dosiserhöhungen oder Medikamentenwechsel führte.
Ich möchte mir hier nicht anmaßen, dir einen Tipp oder Rat zu geben geschweige denn zu unterstellen, was dich an Citalopram festhalten lässt - schon allein, weil ich deine persönliche Situation, (Ausgangs-)Diagnose usw. nicht kenne. Aber vielleicht hilft dir der eine oder andere Gedankenanstoss ja und du kannst damit für dich was anfangen.
Ich wünsche dir jedenfalls von Herzen, dass du einen guten Weg für dich findest - im bestfall ohne Medis.
Alles Liebe
