Liebste Olivia,
was für traumhafte und wahre Worte hast Du wieder gefunden.
Den Weg meines Sohnes können viele nicht nachvollziehen. Suizid ist leider für viele Menschen ein Anlaß mit Schuldzuweisungen nur so um sich zu werfen. Es wird wild herum spekuliert oder die unglaublichsten Dinge erzählt. Doch diejenigen, die meinem Sohn nah standen, die wussten auch um seine Qualen. Es war ein unermüdlicher Kampf gegen Windmühlen. Immer wieder hat er versucht Türen zu öffnen und Mauern einzureissen. Und das fiel ihm mit seinem Krankheitsbild oft so schwer. Denn er kämpfte ja nicht nur gegen die Intoleranz seines Umfeldes, sondern auch gegen seine eigenen Dämonen. Für einen Borderliner bedeutet es eine ungeheuere Kraftanstrengung sich "herauszuwagen" und auf Menschen zuzugehen. Dennoch tat er es, und wurde doch oft nur verletzt. Durch die Diagnose wurde er für viele eine Art "Monster", und nur wenige hörten ihm noch zu.
Es sollte wirklich niemand ausgegrenzt werden, weil er krank ist, eine andere Hautfarbe hat oder sich anders kleidet. Das was mein Kind wollte, war akzeptiert zu werden, so wie er war. Stattdessen wurde er augegrenzt. "Freunde" wandten sich von ihm ab oder verrieten ihn. Niemals habe ich so viel Heuchelei gesehen, wie in der Zeit, nachdem er in die andere Welt ging. Plötzlich standen ihm alle ja soo nah. Und wenn tatsächlich alle Menschen in jener Nacht mit ihm telefoniert hätten, die das behaupten, dann hätte er keinen Grund gehabt, diese Welt zu verlassen.
Ich konnte ihn mit meiner ganzen Liebe nicht halten. So sehr ich ihn auch verstanden und um ihn gekämpft habe, war sein Wunsch nach Erlösung am Ende übermächtig. Doch er hat mir auch eine Aufgabe hinterlassen. Das zeigt er mir durch seine Zeichen ganz deutlich. Er macht mir Mut, meinen Weg weiter zu gehen und nicht zu Schweigen. Es war und ist ihm wichtig, gegen solche Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Und in Erinnerung an ihn, werde ich seinen Kampf fortführen. Solange er hier auf der Erde war, kannte er mich stark und mutig. Egal, was auch passiert ist, er konnte sich immer auf seine Mama verlassen. An diesem Punkt bin ich jetzt noch lange nicht, und so wie früher werde ich auch nie wieder sein. Doch ich werde den Kopf nicht senken und werde mit seiner Hilfe das sagen, was er nicht mehr sagen kann.
Alles Liebe für Dich, Krimhild
Liebe Krimhild,
warum solltest du auch den Kopf senken?
Weisst du,all die dir und ihm plötzlich so nah waren,an dem Tag,
als für dich der Boden unter den Füssen weggerissen wurde
und der Fall in ein tiefes,riesiges Loch nicht mehr aufzuhalten
war,,,sie kamen,um ihre Schuld zu verteilen,,,aus Sensationslust,,
gab es doch wieder etwas Neues,in ihrem so eintönigen Leben,,,
,,ja,sie konnten sich wieder wichtig fühlen,,,egal,wo sie danach
hingingen,,,Bericht erstatten,,,urteilen,richten,denunzieren,alles
im einem,,,dazwischen mal ein,,,ach,die Arme,,,
In der Tat,wären sie alle zu seinen Lebzeiten auf Erden dagewesen,
dein Sohn,hätte sich wohl niemals so ausgestossen gefühlt,niemals
in dieser Einsamkeit sich verloren,nach Hilfe schreiend...doch niemand
hörte diesen Schrei....nur du,alleine mit ihm,gegen den Rest der
Welt...
Als hätte er einen Stempel auf der Stirn getragen..ich bin ein Borderliner...
Weisst du,haben wir ja längst festgestellt,ist es wohl Fügung,haben
wir uns hier in dieser Konstellation getroffen.
Auch ich habe einen Sohn,der so alt ist,wie dein Sohn,ja,auch er ist
ein Borderliner und den Kampf,den du geführt hast,er ist mir bestens
bekannt.
Im Schuldverteilen sind wirklich alle sehr großzügig,oder auch,sie stehen da und sagen...hmm,ich müsste ihm ja auch mal helfen,kurz das Gewissen sich meldet und husch sind sie wieder in ihrer eigenen
Welt verschwunden...oh ja,die Vorwürfe an mich,waren grenzenlos,
sie sahen wirklich dabei zu,wie er ganz langsam auf sein irdisches
Ende zuging...nun,es hat mich meine letzten Kräfte gekostet,doch wir haben es nocheinmal geschafft und weisst du was?
Kaum ging es ihm wieder gut,lebte in einer schöner Wohnung,konnte auch endlich arbeiten gehen,da kamen sie alle wieder,als ob nichts
gewesen wäre,,,,all die,die sagten,,,na,da soll er doch endlich verrecken...sie kamen wieder,seine Verwandten,Freunde usw....
doch,er weiss es,
ist er freundlich zu allen,doch er hat längst hinter ihre Masken geschaut.
Nein,er ist noch nicht gesund,jedesmal,wenn ich den Einen oder
Anderen treffe,kommt direkt die Frage...und,geht er noch arbeiten?
Darauf wartend,um erneut wieder Schuld verteilen zu können,
um ihn wieder erneut verurteilen zu können,ja,auch eben mir
wieder den Stempel Schuld auf die Stirn zu kleben.
Doch,es geschehen wirklich die "merkwürdigsten" Dinge,ihre Söhne
haben plötzlich auch Probleme,ob es auf der Arbeit ist,oder eben
im Privatleben und sie können es nicht fassen,warum,ja warum?
Sie bekommen rote Gesichter,beim Versuch,all das "Versagen" ihrer
Kinder ,vertuschen zu wollen...warum?
Ist das nicht normal,wird ein Mensch krank,ist das nicht normal,verliert
ein Mensch seine Arbeit,schafft die Prüfung nicht,aus Angst,ist das nicht
alles so normal,weil es eben menschlich ist?
Nun schauen sie es sich selber an,gibt es auch bei ihnen nicht nur
diese heile,vorgespielte Welt,Kinder lernen aus Fehlern,lernen doch
auch erst das Leben zu leben,dabei können wir sie helfend,sanft
leitend unterstützen..auf dem Weg sich selbst zu entfalten,erwachsen
zu werden...Krankheiten,Ängste,ein nicht selbstverständliches Klarkommen mit der Welt,werden sie aus dem Nest gestossen,sollen sie
eine Lehre machen etc....all das ist doch so normal...
Wo bitteschön liegt da eine Schuld? Es gibt sie nicht,nur Andere machen
eine Schuld daraus....und wehe es passiert bei ihnen selber sowas,na
dieses Erstaunen,nun,wer ist schon vollkommen?
Sagt mir das wieder,brauchte ich ihnen gar keine Rechenschaft abgeben,
nein,auch mein Sohn nicht,
so auch du und dein Sohn nicht,liebe Krimhild,tragen wir den Kopf
wieder oben,denn es gab und gibt sie,diese ein,zwei Menschen,die
da waren,als der Sturz in dieses,so tiefe Loch stattfand,
ihre Hand zu ergreifen,dankbar man es annehmen konnte,denn man
etwas gespürt....LIEBE...
Liebe,ist auch das Einzigste,was ihnen widerfährt,gehen sie nachhause....krank war die Seele,ein Recht eines jeden Lebens..
nachdenklich bin und dich verstehend umarme

deine Olivia